Rezensieren als Prozess und die Acemoglu/Robinson-Sachs Debatte: Neu und gut?

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Die Untiefen der “Bay of Flame” gilt es beim Rezensieren als Prozess zu umschiffen. Karte von xkcd. (Die Größe der Landflächen entspricht den tatsächlichen Userzahlen.)

Auf dem RKB-Blog („RKB“ steht für „rezensieren – kommentieren – bloggen“) war neulich eine kurze, aber heftige Diskussion über „Rezensieren als Prozess“ im Gang. Lilian vom RKB-Blog greift Sascha Lobos These einer sich „selbst prozessualisierenden Gesellschaft“ auf (prozessualisierend ist übrigens mein neues Lieblingswort der deutschen Sprache) und überträgt sie auf die wissenschaftliche Rezension:

Das Web 2.0-Konzept von recensio.net versucht, ergänzend zur klassischen Rezension ein kommentarbasiertes, „lebendiges“ Rezensionsverfahren in die Wissenschaft zu tragen. Das ist nichts anderes als die Prozessualisierung eines bislang statischen Textgenres, dem seine Statik von der Alternativlosigkeit des Papiers in die Wiege gelegt wurde, denn methodisch betrachtet ist wohl kaum ein anderes wissenschaftliches Textgenre so gut geeignet für Fragmentisierung und Prozessualisierung wie die Rezension: Ziel ist Meinungsbildung und  -austausch über Fachliteratur.

Lest den ganzen Post, und auch die Diskussion in den Kommentaren. Es finden sich darin wirklich viele interessante Perspektiven. Aber ist die prozessualisierte Rezension tatsächlich neu? Und ist sie überhaupt wünschenswert? Die Antwort, zumindest meiner Meinung nach: Ja (sie ist neu) jedoch nicht zwingend gut. Das wird am Beispiel der jüngsten Acemoglu/Robinson (A/R) vs. Sachs-Debatte deutlich.

Die hatte Max in unseren jüngsten Netzschau so zusammengefasst:

Im März dieses Jahres ist das Buch „Why Nations Fail“ von Daron Acemoglu und James Robinson erschienen. Die Kernthese des Buches lautet (sehr verkürzt): Nationen scheitern wenn sie keine inklusiven politischen Institutionen schaffen, die als Gegengewicht zu den oftmals exklusiven wirtschaftlichen Institutionen fungieren. [...]  Nicht einverstanden mit der These der beiden Autoren ist Jeffrey Sachs, Autor von „The End of Poverty“, der auf Foreign Affairs eine Replik zu den Argumenten von Acemoglu und Robinson veröffentlicht hat, die Why Nations Fail (wieder etwas verkürzt) einen simplifizierenden Ansatz vorwirft. Nach rund zwei Monaten haben die Autoren eine ausführliche Antwort auf ihrem Blog gepostet. Die einleitenden Worte klingen nach harten Bandagen:

“We said that thoughtful reviews deserve thoughtful answers. What about not-so-thoughtful ones?”

Dieser zweite Austausch (hier eine erste Rezension und Antwort) schlug sich am Vorabend von Thanksgiving in einer hitzigen Twitter-Debatte „Sachs vs. Everyone“ nieder, die A View from the Cave nachgezeichnet hat.

Jeffrey Sachs hat in der Zwischenzeit auf die Replik erneut geantwortet, die Debatte geht also in die nächste Runde. Stay tuned.

Mir geht es jetzt gar nicht darum, ob am Ende A/R oder Sachs richtig liegen (ich fand WNF gut, sehr gut sogar; gleichzeitig würde ich weite Teile von Sachs‘ Kritik bzw. der anderer Rezensenten durchaus unterschreiben). Vielmehr ist es interessant, wie die Buch->FA-Rezension->Blog-Replik->weltweite-Twitter-Debatte(->erneute Replik) Lilians Beobachtung einer Rezension als Prozess illustriert. Und gleichzeitig die berühmten „challenges & opportunities“ einer solchen Rezensionsform verdeutlicht.

Was ist neu am “Rezensieren als Prozess”?

Die Form in der sich die Dynamik um die Rezension entwickelte ist tatsächlich etwas Neues. Wissenschaftliche Rezensionen gab es zwar schon immer, ebenso Repliken auf Rezensionen.

Neu sind hier aber einmal die Verbreitungsart der Replik und die daraus resultierende Öffentlichkeit (Blog). A/R veröffentlichten ihre Antwort nicht als Leserbrief in „Foreign Affairs“ (wo Sachs‘ Rezension erschienen war), sondern auf ihrem Blog, der ohne Zugangsbeschränkung für alle offen ist. Diese Öffentlichkeit hat eine neue Qualität, weil sie die Debatte aus obskuren wissenschaftlichen Fachzeitschriften (ok, Foreign Affairs ist nicht wissenschaftlich, dafür oft genug obskur.) auf eine breitere öffentliche Basis stellt.

Ebenso neuartig ist die Geschwindigkeit, sowohl der Replik, als auch der nachfolgenden Diskussion. Why Nations Fail (WNF) erschien im März 2012, Sachs Rezension in der September/Oktober Ausgabe von Foreign Affairs, A/Rs Replik hatten wir am 21. November 2012 und die darauffolgende Twitterdebatte einen Tag später, an Thanksgiving, dem 22. November. Sachs‘ jüngste Replik auf die Replik gab’s dann am 5. Dezember. Für die sich in Gletschergeschwindigkeit bewegende wissenschaftliche Publikationslandschaft ist das fast schon Rekord. Zugegeben: Es handelt sich sowohl bei WNF als auch FA um keine rein wissenschaftlichen Publikationen; WNF ist ein populärwissenschaftliches Buch, das aber auf sozialwissenschaftlicher Forschung beruht (eine Art der Publikation, die hierzulande—zumindest für die Sozialwissenschaften—fast völlig unbekannt ist). FA ist eine (fast) reine Policy-Zeitschrift. Dennoch, das ging alles schnell, sehr schnell. Vielleicht zu schnell?

Schließlich ist die Globalität der Diskussion neu. Ein Tag nach Veröffentlichung von A/Rs Replik ermöglichte Twitter nicht nur Jeffrey Sachs eine Replik auf die Replik, sondern auch zahlreichen anderen Beobachtern in die Debatte einzusteigen. Jeffrey Sachs ließ sich darauf ein. Und twitterte fröhlich mit Twitter-Usern aus Kanada, Spanien, Deutschland, USA, England über seine Kritik an Why Nations Fail.

Neu und gut? Oder kontraproduktiv?

Aber ist so eine Rezension als Prozess auch gut? Nicht unbedingt.

Zum einen kann die angesprochene hohe Geschwindigkeit zum Problem werden. Nämlich dann, wenn sie Autoren unter Druck setzt so schnell wie möglich zu antworten, weil es das schnelllebige Medium erfordert. Und so kommt womöglich ein nicht gut durchdachter Schnellschuss dabei heraus.

Der kann vor allem gefährlich werden wenn eine öffentlich geführte Auseinandersetzung persönlich wird. Auch bei der A/R-Sachs-Debatte ging es nicht immer nur ums bessere Argument. In seiner Replik auf die Replik wies Jeffrey Sachs beispielsweise zwei kleinere persönliche Angriffe auf ihn und seiner Zeit beim Internationalen Währungsfond zurück. Aber sie ist noch weit davon entfernt zu entgleisen. Die Gefahr ist jedoch da und gerade die Anonymität des Internets kann zu solchen Attacken verleiten. Das führt dann schnell zu den allgemeinen Herausforderungen/Gefahren beim Bloggen in der akademischen Wissenslandschaft, gerade auch für jüngere Wissenschaftler.

Rezensieren als Prozess hat aber auch gute Seiten, nämlich wenn es „truly & only“ um die Diskussion und den Austausch von (Forschungs-)Ideen geht, anstatt um persönliche Angriff unter dem Deckmantel der Anonymität. Denn wie im RKB-Blog ja schon angesprochen: beim Rezensieren geht es um Meinungsbildung und –austausch über Fachliteratur. Schaffen es also die Beteiligten bei diesem Gedankenaustausch um die Untiefen des Zeitdrucks und die Gewässer des Shitstorms herumzuschiffen, kann die Globalität und die Öffentlichkeit Rezensieren als Prozess erheblich verbessern.

Wenn tatsächlich (theoretisch) die ganze Welt erreicht werden kann, erhöhen sich die Chancen auf eine sinnvolle Debatte und um eine Auseinandersetzung über Ideen durchaus. Einfach weil mehr Perspektiven miteinbezogen werden können. Das zeigt nicht nur die weitere Entwicklung der Debatte, sondern auch die zahlreichen anderen Besprechungen des Buches und Reaktionen dazu, die im letzten halben Jahr durch die Blogs gingen (und auf einige davon A/R auch reagierten). Und auch Sachs jüngste Replik blieb—trotz der erwähnten scharfen Antwort auf seine Rezension—sachlich und er untermauerte seine Argumente mit Fakten bzw. Verweis auf Forschungsliteratur.

Rezensieren als Prozess ist also durchaus von neuer Qualität. Ich wäre aber vorsichtig optimistisch hinsichtlich der Chancen und Problemen dieser Art von Literaturdiskussion. Im besten Falle sind sie ein fruchtbarer Ideenaustausch, die ursprüngliche Argumente kritisieren, ergänzen, und in Perspektive stellen, und das idealerweise unter Miteinbezug einer globalen Öffentlichkeit. Im schlimmsten Fall führt sie zu kontraproduktiven ad hominem Attacken und endet im academic Shitstorm.

Rezensieren als Prozess—neu oder eigentlich schon immer da gewesen? Und sinnvoll oder gefährlich? Meinungen?

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Ein Kommentar

  1. Das lebendige Rezensionsverfahren zu Why Nations Fail geht weiter: Nun hat auch Duncan Green auf seinem Oxfam-Blog From Poverty to Power eine Rezension gepostet. Dort finden sich auch Verweise zu 6 weiteren Rezensionen.

    http://www.oxfamblogs.org/fp2p/?p=12752

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