IB Online (3/2): Eine kleine Netzschau

Die Netzschau dieser Woche dreht sich um Guerillakrieg und Terrorismus in und um Mali, die Bedeutung und Zukunft von Entwicklung und der Sicherheitspolitik sowie um Fragen von Macht, Identität und Sexualität.

Ein bunter Reigen an Themen also, den ich mir vorgenommen habe (und euch zumuten will). Und das an einem Sonntagabend nach Genuss eines irgendwie schwer verdaulichen Wiener Tatorts über den rechte Umstürzler, Terrorismus, Wien und Sicherheitswahn… Ich gebe mein Bestes.

Beginnen wir (mal wieder) mit den medial ohnehin allgegenwärtigen Konfliktherden dieser Tage. Auf der Suche nach neuen journalistischen Berichten zum internationalisierten, innerstaatlichen bewaffneten Konflikt in Mali (Tipp: die BpB bietet einen Überblick über gängige Kriegsdefinition, verlinkt aber nicht auf UCDP und Kosimo) bin ich auf den Seiten der FAZ auf ein kleinteiliges und detailreiches Protokoll des französischen Feldzugs gestoßen. Es endet mit dem Eintrag zum ersten Selbstmordanschlag in Gao, ergo mit dem Beginn des dreckigen und langwierigen Konflikts um Macht und Werte.

Ein Einbaumboot auf dem Niger in Mali. von Ferdinand Reus from Arnhem, Holland (Joliba) [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons.

Ein Einbaumboot auf dem Niger in Mali. von Ferdinand Reus from Arnhem, Holland (Joliba) [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons.

Auf Foreign Affairs argumentiert Sebastian Elischer, dass die französische Intervention die islamistischen Gruppen in den Niger verdrängt hat und nun dort der Ausbruch neuer Gewalt droht. Von politischer Seite wird der Konflikt in Mali mit dem Frame des „global war on terror“, als Kampf gegen islamistische Terroristen und vor allem al-Qaida bedacht. Tatsächlich hat al-Qaida im Islamischen Maghreb nun zu einem heiligen Krieg gegen die internationalen Truppen und die malische Armee aufgerufen Im phänomenalen Blog Bridges from Bamako widmet sich Bruce Whitehouse der Frage, wie groß die von dieser und anderen islamistischen Gruppen ausgehende Gefahr tatsächlich ist und gibt Literaturempfehlungen. In einem Update zu diesem Beitrag verlinkt er zwei lesenswerte Texte: Die Associated Press hat Ende letzter Woche interne Dokumente al-Qaidas gefunden, die einerseits Aufschluss über Strategiedebatten innerhalb der Bewegung geben und andererseits ein Bild des von ihr anvisierten Malis zeichnen.

Wer über den Fall Mali hinaus am Thema „politische Gewalt“ interessiert ist, dem sei erstens ein neues Blog empfohlen und der sei zweitens auf einen Beitrag samt Kommentaren auf Political Violence at a Glance verwiesen, in dem sich mit der Zeit (und unter Beteiligung des Bretterblogs) eine Liste der Standardwerke in diesem Bereich entwickelt hat. An dieser Stelle nutze ich die Chance und stelle meine dort gestellte Frage auch euch:

Könnt ihr gute Bücher/interessante Fallstudien/Literaturüberblicke zum Thema „Eskalation/De-Eskalation“ bzw. „Eskalationsmechanismen“ nicht-staatlicher Gewalt empfehlen? Erica Chenoweth hat mir bereits Wendy Pearlmans „Violence, Nonviolence, and the Palestinian National Movement“ und ein von ihr co-editiertes Sammelband „Rethinking Violence“ empfohlen. Habt ihr noch mehr Tipps? Auch gerne deutschsprachige Bücher…

Ein anderer, anders gelagerter, alter, aber immer wieder junger, Konflikt ist der um Nordkorea. Andy Kydd erklärt auf Political Violence at a Glance, warum es im Atomkonflikt vorerst keine Fortschritte geben wird. Folgt man seiner Argumentation ist das Kernproblem das fehlende Vertrauen zwischen China und den USA. Nach Elizabeth Economy könnte der Schlüssel zur Lösung des Konflikts in der Mongolei liegen.  Auf Foreign Affairs argumentieren Experten des Dartmouth College und aus Georgetown, dass der jüngste Atomtest Nordkoreas keine Übung im „signalling“ war, sondern schlicht der Fortentwicklung des angestrebten Abschreckungspotentials diente.

Weg von Konflikt und Gewalt hin zu Entwicklung. Auf dem Blog Dart-Throwing Chimp skizziert Jay Ulfelder alternative Formen und Bedeutungen des Begriffs „Entwicklung“.  Auf den Seiten Post-2015.org habe ich außerdem die Ergebnisse einer Umfrage zur Gestaltung der post-Millenium Development Goals entdeckt, an der ich selbst teilgenommen habe. Meine Wahl kann ich jetzt nicht exakt memorieren. Für die Mehrheit der Teilnehmer scheint jedoch eine gute Erziehung das wichtigste Entwicklungsziel der Zukunft zu sein.

Wiederum ein ganz anderes, aber sehr spannendes Thema auf das ich just heute im Blog The Disorder of Things gestoßen bin, lässt sich vielleicht mit den Worten Macht, Diskurs, Identität und Sex verschlagworten. Megan Maile gibt einen Einblick in ihre Studien der Verhältnisse reicher, meist männlicher Senioren und jungen Kubanerinnen, die teils abseits der Prostitution und des Sextourismus spannende Diskurspraktiken und gesellschaftlichen Wandel und Kontinuität offenbaren. Der Text ist recht lang, aber lesenswert.

Apropos Texte: Ich vermute ich bin nicht allein mit der Klage über die schlechte Lesbarkeitkeit mancher akademischer Texte. Sollte dem tatsächlich so sein, sind die folgenden Beiträge zur Frage, warum oder warum nicht Akademiker schlechte Schreiberlinge sind, vielleicht von Interesse: Stephen Walt argumentiert, dass Wissenschaftler sich hinter vager und daher unverständlicher und unpräziser Sprache verstecken und nicht verstehen, dass die Publikation leicht verständlich sein sollte. Jay Ulfelder hält dagegen, dass gute Autoren sich eher außerhalb der Wissenschaft verwirklichen und guter Schreibstil im akademischen Betrieb einfach weniger Wert ist als gute Forschung. In dem von ihm verantworteten neuen Blog NPSIA argumentiert Steve Saideman, dass sich gutes Schreiben schlicht nicht lohne und zu viel Zeit koste. Wer dennoch Lust auf das Schreiben hat und eine Dissertation anstrebt, der/dem seien die Tipps von Chris Blattman empfohlen.

So, die Nacht ist angebrochen, der Tatort Geschichte und der Blogpost fast fertig. Drei Links habe ich noch. Es geht um Sicherheit. Martin Schmetz bewertet drüben im Sicherheitspolitik-Blog die europäische Cybersecurity-Strategie und die Executive Orders Obamas zur Cybersicherheit. Gegen das fortwährende Sprießen von Überwachungskameras im öffentlichen Raum hat sich in Berlin eine Bewegung (Stichwort: Camover) gebildet, die in Akten der Sabotage derlei Kameras zerstört und sich nun transnational ausbreitet. Derlei Entwicklungen dürften auch ein Thema für das Sicherheitspolitik-Blog sein. Wer mehr über das Blog und zivile Sicherheitsforschung erfahren möchte: Christopher Daase und Philipp Offermann haben dem Deutschlandradio am Wochenende eine geschlagene Stunde Rede und Antwort gestanden. Das Gespräch gibt’s hier.

Es gibt zu den Themen dieser Netzschau noch andere spannende Links? Wir freuen uns über Ergänzungen und Anmerkungen in den Kommentaren! Alle bisher veröffentlichten Netzschauen findet Ihr hier.

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