Aus dem Archiv: Wider die Banalisierung der Shoah

Der Historikerstreit löste einst eine heftige Debatte aus.

Der Historikerstreit löste einst eine heftige Debatte aus.

Reaktion auf einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 17. Juli 2011

Es gibt Situationen, in denen sich das Schweigen verbietet. Es sind solche Situationen, in denen man zutiefst empört ist. Empörung löste in mir zuletzt ein Artikel von Egon Flaig in der FAZ aus. In meiner Entgegnung will ich sowohl die Art der Kritik Flaigs an Jürgen Habermas, den aus meiner Sicht eingeschränkten Blickwinkel Flaigs als auch die von ihm gezogenen Schlussfolgerungen thematisieren.

Bereits die Überschrift des Artikels ist bemerkenswert: „Die Habermas-Methode“. Denn als Habermas-Methode brandmarkt er die vermeintliche Diffamierung durch den Sozialphilosophen Jürgen Habermas während des Historikerstreits 1986. Allein die Überschrift Flaigs verrät, dass sein eigener Artikel diesem von ihm selbst verteidigten Kriterium nicht wird standhalten können. Denn bereits die Überschrift muss als eine unverblümte Abwertung gelesen werden. Vielleicht will Flaig suggerieren, es ginge um eine methodische Fragestellung. Und obgleich der Autor tatsächlich mit abfälligen Bemerkungen über den Argumentationsstil beginnt, erscheint mir dieser Einstieg nur als ein Vorwand. Flaig wirft Habermas „Lumpenjournalismus“ vor, schreibt, dieser habe Zitate gefälscht, mehrere, sehr unterschiedliche Historiker über einen Kamm geschert und diesen etwas unterstellt, dass sie nie behauptet hätten: die Leugnung der Singularität von Auschwitz. Damit kommt er – über den Umweg der Methodenkritik – doch zum Kern des Historikerstreits. Das ist eine bemerkenswerte Argumentationsstrategie, weil sich im Rest des Artikels der Eindruck verfestigt, dass es Flaig nicht in erster Linie um methodische Fragen, sondern eben doch um den Inhalt geht. Denn Flaig lässt es nicht bei dieser Feststellung bewenden, sondern stellt die Singularität von Auschwitz seinerseits in Frage, indem er die athenische Demokratie mit der Shoah vergleicht und ihr – wenn auch nur subjektiv – eine größere Bedeutung beimisst. Flaig endet auch nur vorgeblich mit einer Rückkehr zur Methodenkritik. Worum es ihm zu gehen scheint, sind die gesellschaftspolitischen Konsequenzen aus seiner Argumentation, mit der er die „pestartige Virulenz“ von Political Correctness in Bezug auf die Shoah geißelt und in den Raum stellt, dass für einen wahrhaft produktiven und an Erkenntnis orientierten Diskurs es einer „Relativierung“ und „Banalisierung“ der Shoah bedürfe.

Diese Argumentation Flaigs halte ich für ungeheuerlich!

Indem Flaig nicht zwischen einer geschichtswissenschaftlichen und einer politischen Ebene unterscheidet, lässt er zentrale Ergebnisse und Erkenntnisse der Debatte, auf die er sich bezieht, außen vor. Sein eingeschränkter Blickwinkel wird auch dadurch deutlich, dass er die im Historikerstreit unterschiedenen Diskussionsarenen erneut miteinander vermischt. Es scheint mir deshalb lohnend, an einige Kerninhalte des Historikerstreits anzuknüpfen. Flaig wendet sich in seinem Artikel vom 13. Juli entschieden dagegen, dass es in der Debatte um die Einzigartigkeit des Holocaust gegangen sei. Diese sei von den Widersachern Habermas’ nie bestritten worden. Nun war es kein geringerer als Joachim Fest – sicherlich ein Hauptwidersacher von Habermas –, der die Debatte genau auf diese Frage zugespitzt hat. Davon einmal abgesehen wurde in der Tat häufig darüber diskutiert, ob jene Einzigartigkeit bestritten worden sei. Flaig schreibt: „Aber Nolte setzte als selbstverständlich voraus, dass das Einzigartige vergleichbar war, ja, dass der historische Vergleich notwendig war. Jeder intelligente Mensch und jeder Historiker, der die theoretischen Grundlagen seines Handwerks kennt, weiß das.“

Flaig unterschlägt in diesem Zitat zwei Tatsachen: Erstens verkennt er, dass Nolte nicht in einer historischen Fachzeitschrift für ein Fachpublikum, sondern in der FAZ veröffentlichte. Die methodischen Grundlagen der Geschichtswissenschaft konnte er also nicht unerklärt als Wissensbestand seines Lesepublikums voraussetzen. Zweitens aber war wohl die Wahl gerade dieses Mediums kein Zufall. Denn seine Thesen waren in erster Linie politisch und nicht geschichtswissenschaftlich. Entsprechend wurde die Nützlichkeit des historischen Vergleichs als wissenschaftliche Methode im Historikerstreit von allen Seiten explizit anerkannt. So schrieb beispielsweise Habermas am 7. November 1986 in der ZEIT: „Wir führen den Streit um die richtigen Antworten aus der Perspektive der ersten Person. Man soll diese Arena, in der es unter uns Unbeteiligte nicht geben kann, nicht verwechseln mit der Diskussion von Wissenschaftlern, die während ihrer Arbeit die Beobachtungsperspektive einer dritten Person einnehmen müssen. Von der komparativen Arbeit der Historiker und anderer Geisteswissenschaftler wird die politische Kultur der Bundesrepublik gewiß berührt; aber erst durch die Schleusen der Vermittler und der Massenmedien gelangen die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit, mit einer Rückkehr zur Beteiligtenperspektive, in den öffentlichen Fluß der Traditionsaneignung. Erst hier können aus Vergleichen Aufrechnungen werden.“

Habermas’ Unterstellung, dass es Nolte um die politische Wirkung seiner Thesen ging, ist nicht unbegründet. Schließlich hatte Michael Stürmer am 25. April 1986 in der FAZ formuliert: „Beides bestimmt die neue Suche nach der alten Geschichte: Orientierungsverlust und Identitätssuche sind Geschwister: Wer aber meint, daß alles dies auf Politik und Zukunft keine Wirkung habe, der ignoriert, daß im geschichtslosen Land die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet.“ Damit ist die politische Dimension, die diese Debatte in meiner rückblickenden Wahrnehmung charakterisierte, benannt.

Gerade für mich, einem heutigen Studenten, ist es zentral, dass ich mir einige Ereignisse ins Gedächtnis rufe, die in der ersten Hälfte der 1980er Jahre die Bundesrepublik erschütterten: Es war die Zeit, in der in einem Frankfurter Gerichtsprozess gegen zwei an den NS-Euthanasiemorden Beteiligten ein Göttinger Psychiater es wagte einem Sachverständigen vorzuhalten, er sei emotional vorbelastet, weil er einen jüdischen Großvater habe. Es war die Zeit, in welcher der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag, Alfred Dregger, öffentlich die Relativierung der NS-Vergangenheit und die Reduzierung der „Vergangenheitsbewältigung“ forderte, weil diese die „Zukunftsfähigkeit“ der Nation gefährde. Es war die Zeit, in der der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl Gorbatschow mit Goebbels verglich. Es war die Zeit, in der eben jener Helmut Kohl bei einem Besuch des US-Präsidenten Ronald Reagan morgens einen Kranz im KZ Bergen-Belsen, nachmittags einen auf dem Soldatenfriedhof von Bitburg niederlegte, auf dem auch Angehörige der Waffen-SS beerdigt sind. Es war auch die Zeit, in der das Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von Rainer Werner Fassbinder die Republik spaltete. Kurzum: Es war eine Zeit, in der konservative Kreise in diesem Land an einer Revision des Geschichtsbildes arbeiteten. Dass Helmut Kohl, als er 1980 die Losung ausgab eine „geistig-moralische Wende“ anzustreben, auch an eine Revision des Geschichtsbildes dachte, würde zumindest nicht verblüffen. Immerhin zählte er Stürmer, dessen Ansicht über den Wert der Geschichte für die politische Zukunft ich bereits zitiert habe, zu seinen Beratern, und forderte direkt nach seinem Amtsantritt in einer Regierungserklärung am 13. Oktober 1982 den Aufbau eines deutschen historischen Gedenkortes. Aus dieser Initiative ging das „Haus der Geschichte“ in Bonn hervor.

Vor diesem zeithistorischen Hintergrund, den Flaig vollkommen ausblendet, davon auszugehen, dass die Thesen, die Nolte, Stürmer und andere konservative Historiker vor allem in der FAZ (und eben gerade nicht in Fachzeitschriften der Geschichtswissenschaft) vortrugen, nicht in erster Linie politisch motiviert waren, ist gewagt. Sein oben zitierter Angriff auf Habermas, jeder intelligente Mensch wisse den Wert von Vergleichen zu schätzen und schon gar jeder Historiker, geht daher fehl.

Aber Flaig unterschlägt noch einen wichtigen Punkt. Denn der Wert von Vergleichen an sich mag unbestritten sein. Doch umgekehrt gilt nicht, dass jeder Vergleich gewinnbringend ist. Um diesen eigentlich banalen Punkt zu verdeutlichen, möchte ich auf den Kern des Historikerstreits zurückkommen: Es ist richtig, dass Ernst Nolte explizit äußerte, der Holocaust sei einzigartig. Wie kam Habermas also dazu, Nolte vorzuwerfen, die Singularität zu bestreiten? Hat Flaig hier recht, dass Habermas unhaltbare Unterstellungen formulierte? Eher übersieht er auch hier zentrale Aspekte der Debatte. Der von Habermas attackierte und von Flaig verteidigte Ernst Nolte selbst schrieb in einem Aufsatz, der mehrfach zum Gegenstand der Zeitungsdebatte wurde: „Doch all das begründet zwar Singularität, ändert aber nichts an der Tatsache, daß die sogenannte Judenvernichtung des Dritten Reiches eine Reaktion oder verzerrte Kopie und nicht ein erster Akt oder das Original war.“ Allein aus der Wortwahl heraus stellt sich die Frage, worin wohl die Einzigartigkeit einer Kopie (denn als nichts anderes kann Nolte den Holocaust wohl ansehen, wenn er diesen nicht als das Original betrachtet), bestehen könnte. Doch Nolte führte am 6. Juni 1986 in der FAZ aus: „Die der „Endlösung“ gewidmete Aufmerksamkeit lenkt von wichtigen Tatbeständen der nationalsozialistischen Zeit ab wie etwa der Tötung „lebensunwerten Lebens“ und der Behandlung der russischen Kriegsgefangenen, vor allem aber von entscheidenden Fragen der Gegenwart – etwa denjenigen des Seinscharakters von „ungeborenem Leben“ oder des Vorliegens von „Völkermord“ gestern in Vietnam und heute in Afghanistan.“

An dieser Stelle wird deutlich, dass es nicht nur Stürmer, sondern auch Nolte selbst war, der seine Thesen politisch motiviert vortrug. Er vergleicht den Holocaust explizit mit aktuellen Völkermorden. Mehr noch: Er behauptet, dass ein angemessener Umgang mit den Völkermorden in Vietnam und Afghanistan politisch nicht mehr möglich sei. Er will in der Gegenwart der 1980er Jahre den langen Schatten der NS-Geschichte entdeckt haben.

Nachdem ich nun darzulegen versucht habe, dass sich auch Nolte bei diesen Vergleichen nicht auf den Wert geschichtswissenschaftlicher Methoden berufen kann, weil er politisch motiviert handelte, stellt sich die Frage, unter welchen Umständen ein wissenschaftlicher Vergleich wertvoll erscheinen müsste. Auch diese Frage ist im Historikerstreit thematisiert worden. Hans Mommsen schrieb in der Oktoberausgabe der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ 1986: „Der von Karl Dietrich Bracher in Bezug auf den Nationalsozialismus hervorgehobene Begriff der „Singularität“ ist für den Historiker zunächst eine Trivialität, da geschichtliche Vorgänge schwerlich identische Strukturen und verursachende Bedingungsrahmen aufweisen. „Unvergleichbarkeit“ in diesem Sinne gibt es methodologisch nicht, vielmehr muß sich jeder Vergleich an seiner erkenntnistheoretischen Fruchtbarkeit legitimieren, während es ein Kriterium, diesen a limine für illegitim zu halten, nicht gibt. Es ist daher ebenso gerechtfertigt, den Nationalsozialismus als spezifische Form des Faschismus zu deuten, als ihn mit kommunistischen Regimen in Beziehung zu setzen. Die Frage ist vielmehr, ob aus einem solchen Vergleich richtige oder irreführende Schlussfolgerungen gezogen werden.“ Dies setzt jedoch voraus, dass der Versuch unternommen wird, aus dem Vergleich einen Erkenntnisgewinn zu ziehen. Ein möglicher Erkenntniszuwachs ist sodann auf seine Bedeutung im Verhältnis mit anderen Erklärungen zu diskutieren. Wo jedoch aus dem nach Erkenntnisgewinn trachtenden Vergleich der Versuch der politischen Relativierung wird, entziehen sich solche Versuche nicht mehr der politischen Kritik. Nichts anderes hat Jürgen Habermas in seinem Artikel in der ZEIT vom 11. Juli 1986 getan, an dem sich Egon Flaig abarbeitet.

Im Historikerstreit ist häufig argumentiert worden, dass es keine Denkverbote geben dürfe, schon gar nicht in der Wissenschaft. Freilich hatte ein solches Denkverbot für die Wissenschaft niemand gefordert. Schließlich war die Debatte politisch. Dabei griffen Historiker wie Nolte jedoch auf eine Argumentationsweise zurück, die der Auseinandersetzung im Sinne des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns nicht zuträglich war und die Eberhard Jäckel in der ZEIT vom 6. September 1986 pointiert kommentiert hat: „Statt Fragen zu stellen und Antworten zu geben, um sie alsdann zu überprüfen, werden Aussagen in Frageform vorgetragen, um anzudeuten, was nicht belegt werden kann oder soll, und wer bei dem Spiel ertappt wird, erwidert mit Empörung und unschuldiger Miene, man werde ja noch fragen dürfen. In Wahrheit aber war die Frage gar keine Frage gewesen, sondern eine verdeckte Aussage, und der scheinbare Fragesteller hatte sich nur der Mühe entzogen, sie zu begründen, und die Überzeugungsarbeit einigen verklausulierten Andeutungen überlassen.“ Flaig selbst bedient sich ebenfalls dieser fragwürdigen Methode, wenn er schreibt: „Und wenn ich behaupte, die athenische Demokratie sei ebenso einzigartig wie die Schoa, dann kann ich dafür einen guten Grund nennen: Sie ist nämlich für mich bedeutsamer als die Schoa. Und wer kann mir verbieten, ihr diese Bedeutsamkeit zu verleihen?“ Niemand, jedoch, hat ihm diese persönliche Ansicht verboten. Im Sinne des Relevanzkriteriums, das Mommsen oben eingeführt hat, bleibt jedoch die Frage, warum Flaig diesen Vergleich für gewinnbringend und – aus politischer Perspektive – einer breiten Öffentlichkeit gegenüber für mitteilenswert hält!

Habermas’ Unterstellung, Nolte betreibe den Versuch einer Art „Schadensabwicklung“ der deutschen NS-Geschichte, kann angesichts dessen, was Nolte geschrieben hatte, nicht verwundern. Schließlich formulierte Nolte in der FAZ vom 6. Juni 1986: „Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine „asiatische“ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer „asiatischen“ Tat betrachteten? War nicht der „Archipel GULag“ ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der „Klassenmord“ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des „Rassenmords“ der Nationalsozialisten? Sind Hitlers geheimste Handlungen nicht gerade auch dadurch zu erklären, daß er den „Rattenkäfig“ nicht vergessen hatte? Rührte Auschwitz vielleicht in seinen Ursprüngen aus einer Vergangenheit her, die nicht vergehen wollte?“ Bereits zuvor hatte er geschrieben: „Es [das Dritte Reich] muß insbesondere auf die Russische Revolution als seine wichtigste Vorbedingung bezogen werden; und sein zukunftsorientiertes Gesicht sollte immer von neuem aus der Analyse jener „Befreiungsbewegungen“ eruiert werden, denen es in gewisser Weise selbst zugehörte und die ihrerseits mit den eigentümlichen „Verstaatlichungen“ der „kommunistischen Weltbewegung“ in Zusammenhang gebracht werden müssen.“

Ich bin kein Historiker, sondern Student der Politikwissenschaft. Es wäre daher vermessen von mir, einen Beitrag zu der historischen Dimension dieser aufgeworfenen Fragen, die wohl als Aussagen zu verstehen sind, leisten zu wollen. Es ist mir jedoch wichtig, dass die Thesen Noltes in der Geschichtswissenschaft nicht unwidersprochen blieben (siehe dazu z.B. den Beitrag von Hans Mommsen in der oben zitierten Ausgabe der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ sowie im „Merkur“ des gleichen Jahres, Ausgabe September/Oktober).

Jenseits der Frage aber, ob es historisch korrekt ist, dass die Erfahrung der Russischen Revolution die Führung der NSDAP maßgeblich beeinflusste oder nicht, fällt die Konzentration auf diesen einen Faktor, ja die Ausschließlichkeit in der die Russische Revolution als Ursache des Dritten Reiches und der in dieser Zeit begangenen Verbrechen ins Auge. Immerhin fragt Nolte im oben aufgeführten Zitat, ob Hitler nur aufgrund seiner Wahrnehmung Opfer früherer Verbrechen geworden zu sein, einen Massenmord beging. Noltes Formulierungen von einem „logischen und faktischen Prius“ legen eine Pfadabhängigkeit nahe. Ergänzt durch seine bislang nicht erwähnte Formulierung ein „kausaler Nexus“ zwischen Russischer Revolution und der Shoah sei „wahrscheinlich“ (abgedruckt in der FAZ vom 6. Juni 1986) suggeriert er zusätzlich eine Zwangsläufigkeit der Verknüpfung dieser zwei historischen Ereignisse. Angesichts des politischen Kontextes, der sich, wie oben argumentiert, auch in den Zitaten Stürmers und Noltes wiederfindet, erscheint es ausgesprochen wahrscheinlich, dass die Untergrabung der Singularitätsthese dem politischen Ansinnen einer Relativierung der „deutschen Schuld“ zuzurechnen ist. Zudem wird versucht – einer bedeutsamen politischen Strömung der Zeit des Ostwestkonfliktes gemäß – den Kommunismus als die wahre Ursache des Faschismus darzustellen. Das ist der Hintergrund, vor dem Habermas seinen Kontrahenten eine „deutsch-national eingefärbte NATO-Philosophie“ vorwirft.

Ich möchte diese Ausführungen nun zusammenfassend auf die Position Flaigs rückbeziehen. Flaig stürzt sich zum 25jährigen Jubiläum des Historikerstreits auf einzelne Aspekte der Debatte ohne den politischen Kerngehalt zu reflektieren. Stattdessen konzentriert er sich (vorgeblich) auf den Stil, in dem Jürgen Habermas seine Position vorgetragen hat. Er wirft ihm „Lumpenjournalismus“ vor und erzürnt sich darüber, dass sich die Fachwissenschaft nicht dagegen „gewehrt habe“. Tatsächlich scherte Habermas mehrere sehr unterschiedliche Historiker über einen Kamm. Auch paraphrasierte und stückelte er Zitate. Letzteres ist keine Seltenheit, weder im Journalismus noch in der Wissenschaft. Daran wird auch kein Anstoß genommen, solange der Sinn der referierten Aussagen nicht verfälscht wird. Doch Flaigs Kritik ist weder neu noch ist es so, als ob sich Habermas nicht selbst zu dieser Kritik verhalten hätte. So schrieb Habermas in dem bereits zitierten ZEIT-Artikel vom 7. November 1986, dass sowohl die Verwendung mancher Begrifflichkeiten von ihm zu korrigieren als auch die Abhandlung mehrerer Historiker möglicherweise nicht differenziert genug erfolgt sei. Er argumentiert, dass Hillgrubers Buch „Zweierlei Untergang“, das er im Zusammenhang mit Noltes und Stürmers Ausführungen diskutiert hatte, vor dem Hintergrund des Gesamtwerks des Autors wohl anders zu beurteilen sei. Seine Kritik an eben diesem konkreten Werk wiederholte er jedoch. Damit reagierte Habermas nicht zuletzt auf die Vorwürfe von Joachim Fest in der FAZ vom 29. August 1986. Inwiefern die Wiederauflage der Fest’schen Kritik 25 Jahre später durch Flaig die Debatte befördert und welchen Nutzen die Zuspitzung auf den Begriff „Lumpenjournalismus“ mit sich bringt, bleibt mir verborgen. Flaig legt sogar noch nach: „Das hat natürlich auch mit Bildung zu tun. Wahrscheinlich verlangt das logon didonai [die Rechenschaftspflicht] zu viel von Habermas, der, wie so viele seiner Schüler, unter Vergangenheit die letzten acht Jahrzehnte versteht. Bildung hat Habermas stets anderen überlassen; dementsprechend sehen seine Werke aus.“

Da mir unklar ist, was Flaig mit diesen Bemerkungen zur Debatte beitragen wollen könnte, liegt die Vermutung nahe, dass es auch ihm – 25 Jahre später – nicht um die Erlangung wissenschaftlicher Erkenntnis geht. Es geht ihm auch nicht um eine Darstellung des Historikerstreits.

Was läge also näher als anzunehmen, dass es auch ihm, Flaig, erneut im Kern um ein politisches Anliegen geht. Man mag sich fragen, ob er unter dem Eindruck der Dissertationsaffären von Herrn zu Guttenberg und einigen FDP-Politikerinnen und Politikern darauf abheben wollte, dass selbst linksliberale Wissenschaftler wie Jürgen Habermas es mit dem zitieren nicht so genau nähmen. Aber das ist reine Spekulation. Neben dem Ziel, Habermas zu verunglimpfen, verfolgt Flaig wohl noch ein weiteres politische Anliegen: „Dauerhaft bestehen – auch im europäischen Rahmen – kann das deutsche Volk freilich nur als normales Volk, nicht als stigmatisiertes. Denn die Folgen solcher Stigmatisierung ähneln sich stets, egal welche Anlässe sie selber haben mag. Diese Normalität ist das Grundrecht jeder Generation auf Erden. Denn moralisch beginnt bei jedem Menschen die Welt aufs Neue, auch wenn wir geschichtlich immer befangen bleiben. Normalität dürfte – nach Habermas und seinesgleichen – nicht sein: nicht für die Deutschen. Nun ist eine verweigerte Normalität eine Zwangsversetzung in die Abnormalität. Die Deutschen sollten also ein abnormales Volk sein.“ Gleichwohl geht es auch Flaig nicht einfach um eine Historisierung der NS-Geschichte, sondern um eine spezifische Historisierung. Schließlich war es Habermas selbst, der bereits 1986 explizit für eine Historisierung der NS-Zeit eintrat. In seinem ZEIT-Artikel vom 7. November 1986 beschäftigt er sich mit der Frage, in welcher Weise nachgeborene Generationen mit der NS-Zeit und den NS-Verbrechen verbunden sind. Sein Argument ist, dass es die gesellschaftlichen Verhältnisse seien, in denen wir Deutsche aufwachsen, inklusive unseres Selbstbildes als Deutsche, die uns – die Nachgeborene – mit der Geschichte direkt verbinden.

Das scheint mir ein spannender Aspekt zu sein, der heute aktuell ist wie vor 25 Jahren: Bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland hingen an vielen Autos Deutschlandfahnen. Die Menschen fieberten einem „deutschen Sommermärchen“ entgegen. Der Charakter des Nationalstolzes schien sich plötzlich verändert zu haben. Auch ich, der ich mich für einen linksliberal denkenden Menschen halte, wurde von dem „Deutschland-Fieber“ erfasst. Hinzu kommt, dass sich auch das Bild der Nationalmannschaft durch Spieler mit Migrationshintergrund wandelt. Deutschland hat sich verändert und verändert sich beständig. Welches Verhältnis haben wir also heute zur NS-Geschichte? Welches zu Deutschland?

Ich bin nicht in der Position irgendetwas zu fordern. Aber wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es dieses: Ein ehrliches öffentliches wie persönlich-privates Nachdenken über die Bedeutung von NS-Zeit und Nation für uns, die Nachgeborenen, heute. Es geht dabei nicht um das Wiederaufnehmen von Ritualen des Gedenkens, sondern um eine Bewusstwerdung dessen, was geschehen ist. Und um das ehrliche Ringen mit sich selbst, in welchem Verhältnis wir heute zu dieser, unserer Vergangenheit stehen. Denn wer stolz auf Fußballspieler wie Klose, Schweinsteiger, Özil oder Lahm ist, der sollte sich bewusst sein, dass er eine deutsche Identität besitzt, die ihn mit dieser Nation enger verbindet als mit jeder anderen.

Ich wünschte, diese enge Verbindung wäre keine selektive: Zu Deutschland gehören nicht nur die Fußballnationalmannschaft, „Tokio Hotel“, Herbert Grönemeyer und historische Größen wie Kant, Beethoven oder Dürer, sondern auch die Zeit des Nationalsozialismus und die Verbrechen, die damals von Deutschen verübt wurden. Zwar hat Habermas bereits 1986 an eine zentrale Maxime erinnert, die uns in unserem Umgang mit der NS-Geschichte leiten sollte: „Nach Auschwitz können wir nationales Selbstbewußtsein allein aus den besseren Traditionen unserer nicht unbesehen, sondern kritisch angeeigneten Geschichte schöpfen. Wir können einen nationalen Lebenszusammenhang, der einmal eine unvergleichliche Versehrung der Substanz menschlicher Zusammengehörigkeit zugelassen hat, einzig im Lichte von solchen Traditionen fortbilden, die einem durch die moralische Katastrophe belehrten, ja argwöhnischen Blick standhalten.“ Doch was dies heute und für jeden Einzelnen von uns bedeutet, bleibt zu erarbeiten.

In diesem Zusammenhang tritt eine dritte Ebene der Sinnhaftigkeit von Vergleichen in Erscheinung: eine persönliche. Entscheidungen darüber sind persönlich zu treffen und werden stets variieren. Für mich ist die Frage der Einzigartigkeit des Holocaust nicht wesentlich. Auch interessiert mich die Frage, welche Psychostruktur Adolf Hitler hatte und welche Wahnvorstellungen bei ihm die Russische Revolution auslöste, für diesen persönlichen Prozess nicht. Die Frage, wie nahezu eine ganzes Volk am Massenmord beteiligt war, zusah oder zumindest die Augen vor dem Sehbaren verschloss, ist hingegen durchaus sehr wichtig für mich. Denn a priori gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass ich selbst höheren moralischen Standards gerecht werde, als die Menschen in der damaligen Zeit. Ich empfinde es daher als meine Aufgabe, mich beständig mit der Frage auseinanderzusetzen, ob ich mich meinen moralischen Vorstellungen entsprechend verhalte. Moral beginnt nicht erst beim Völkermord. Sie ist eine Frage des Alltags.

Die Ergründung von Hitlers Motiven bleibt eine legitime Aufgabenstellung der Geschichtswissenschaft, die im Versuch einer öffentlichen Relativierung der NS-Vergangenheit zum Zwecke der Legitimierung nationalen Stolzes jedoch nichts verloren hat. Nichts anderes hat Habermas klarzustellen versucht. Wer ihm und seinen Unterstützern aber Denkverbote unterstellt oder gar – wie Joachim Fest dies 1986 tat – er würde die Toten am „Professoren-Schreibtisch“ „selektieren“, der begeht nach meinem Empfinden in viel gravierenderem Ausmaße Rufmord als die Praxis des Paraphrasierens und Pauschalisierens, was Habermas augenscheinlich getan hat. Wie Flaig diese Seite des Historikerstreits übersehen kann, bleibt mir ein Rätsel.

Jenseits der Frage nach der Singularität scheint es mir nicht verwunderlich, dass für uns Deutsche die deutsche Geschichte von besonderem Interesse ist, und ebenfalls der von Deutschen verübte Völkermord. Schließlich ist eine solche Auseinandersetzung Voraussetzung für jegliche persönliche Beschäftigung, wie ich sie mir wünsche und persönlich versuche voranzutreiben.

Abschließend möchte ich ein letztes Mal auf eine Äußerung von Flaig zu sprechen kommen. Er schreibt: „Denn Erkennen ist nur möglich, wenn man so sehr als möglich kontextualisiert, relationalisiert, relativiert und revidiert. Aller Zwang zum Entbanalisieren mündet ins Sakralisieren.“ Flaig sieht offensichtlich keine Räume zwischen Banalisierung und Sakralisierung. Mir erscheinen diese Begriffe jedoch nicht dichotom, sondern zwei Pole eines Kontinuums zu sein. Erkenntnis ist – davon bin ich überzeugt – deshalb auch ohne Banalisierung und Relativierung möglich. Die Shoah zu relativieren, das empfinde ich allerdings als unerträglich. Wenn ein produktiver Prozess der Diskussion durch Flaigs Artikel angestoßen würde, wäre zwar ganz sicher nicht der Anlass, aber immerhin das Resultat eine wahrhaft große Freude für mich.

One comment

  1. […] wünschen  euch viel Spaß auf und mit dem Bretterblog. Die ersten Beiträge stehen ja schon hier, hier und hier online. Oder ihr schaut euch erst einmal uns […]

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