IB Online (KW 27): eine kleine Netzschau

Nach (etwas mehr als) einer Woche der täglichen Streifzüge durch das www fällt eine ganze Menge Material an. Zu viel, um es hier zu posten. Und zu viel, um einen Überblick zu behalten. Eine Ermahnung an mich selbst: Mehr Systematik bitte! Ich verspreche hiermit mich zu bessern. Was ist mir in der letzten Woche aufgefallen?

Zum Beispiel etwas über einen der IB-Klassiker: Der Iran, die Bombe und das Erfolgsrezept

  • Kenneth Waltz hat es wieder getan: „Why Iran should get the bomb“ übeträgt das uralte Argument, dass eine gewisse nukleare Proliferation stabilitätsfördernd wirken kann (Stichwort: Abschreckung) auf den Fall Iran. Überraschend ist das nicht, aber lesenswert. Ein Klassiker eben.
  • Steven Walt ist, wie sein Doktorvater Waltz, Realist. Als solcher kann er dem Waltzschen Plädoyer viel abgewinnen. Dennoch macht Walt ein wichtiges Gegenargument: Selbst wenn Abschreckung Stabilität garantieren sollte, ist es die Phase kurz vor der iranischen Bewaffnung, in der ein präventiver Krieg droht. Daher wäre es riskant dem Iran die Bombe „zu geben“.
  • Jaques Hymans ist kein Realist, sondern Konstruktivist. Hatte er als solcher vor einigen Jahren eine alternative, identitätsbezogene Erklärung für das Streben nach und den Verzicht auf Nuklearwaffen vorgeschlagen, bietet er in der aktuellen Ausgabe von Foreign Affairs ein organisationstheoretisches Argument, wie Atomwaffen-Programme aufgrund von Mismanagement und schwachen Institutionen scheitern können und militärische Schläge überflüssig werden lassen.

Ein anderer Klassiker der IB ist das Thema „humanitäre Intervention/R2P“, das aktuell anlässlich des Dramas in und um Syrien wieder verstärkt aufgegriffen wird (u.a. hier). Ich bin in der letzten Woche aber vor allem über eine Debatte über die Rolle Russlands gestolpert, die abseits dieses Themas (teils unbewusst) die Frage von „Respekt in den IB“ behandelt.

  • Dan Drezner hatte vor (etwas mehr als einer Woche) die Realisten dieser IB-Welt gefragt, wie denn Russlands Verhalten im Fall Syrien zu erklären sei und angedeutet, dass russisches, nationale Interessen als Erklärungsfaktor ausfallen würden.
  • Dan Nexon hat daraufhin via Duck of Minerva u.a. argumentiert, es gehe Russland nicht um Sicherheits- oder wirtschaftliche Interessen, sondern um „emotional or identity-based or whatever [motivations]“. Ich frage mich, ob man Russlands Verhalten nicht auch aus einer nicht-realistischen, sondern anerkennungstheoretischen Sicht betrachten könnte: Russland sieht sich (grundsätzlich und im Fall Syrien) nicht ausreichend als Großmacht respektiert und versucht durch sein Verhalten seine Identität als Großmacht zu festigen und zu verteidigen. Die Idee ist natürlich nicht meine, ich habe sie von Michelle Murray „geklaut“: Schaut hier. Ich hoffe, ich finde die Zeit an dieser Stelle etwas ausführlicher darauf zurückzukommen.

Auch wenn ich mich eigentlich für Fragen politischer Gewalt interessiere, bin ich in letzter Zeit auf das häufig übersehene Thema „kriminelle Gewalt“ (eine sehr gute Einführung bietet Ekaterina Stepanova) gestoßen. Auch darüber will ich nach Möglichkeit in nächster Zeit etwas mehr schreiben. Dennoch sei bereits jetzt auf zwei interessante Texte verwiesen:

  • In einem Blogpost auf „Kings of War“ fragt Antonio Sampaio, ob die aus dem Drogenschmuggel resultierende kriminelle Gewalt in Mexiko nicht als Terrorismus  verstanden werden solle. Schließlich liege den zunehmend brutalen Morden an Mitgliedern rivalisierender Gruppen und Ermittlungsbehörden etc., wie dem Terrorismus auch, eine kommunikative Funktion zugrunde.
  • Guatemala ist eines der Länder, die in einem „post-konflikt Kontext“ seit Jahren höhere Mordraten aufweisen als viele „klassische Konfliktkontexte“. Dennoch spielen die Themen „kriminelle Gewalt“ und organisiertes Verbrechen in den IB oft keine Rolle. Komisch. Wie ist um Guatemala steht, zeigt ein neuer Bericht der Geneva Declaration.

Zum Abschluss will ich noch auf einen interessanten, weil innovativen Blogpost des Sicherheitspolitik-Blogs aufmerksam machen:

  • Ist K-Pop (Koreanische Popmusik) die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln? Nutzt die südkoreanische Politik die Popkultur als strategische Ressource im Sinn von „soft power“? Eine erste Antwort gibt es hier.

Ein Blogpost soll kurz und knackig sein? Ja, ich weiß! Ich hab ein wenig über das Ziel hinaus geschossen. Beim nächsten Mal halte ich mich kürzer. Versprochen.

Möchtest du etwas ergänzen, Hinweise geben oder Wünsche für die nächsten Netzschauen äußern? Dann nutze gerne die Kommentarfunktion oder schreib uns eine Email. Wir experimentieren noch mit dem Format und sind offen für Vorschläge. Und: Wir freuen uns über jeden Hinweis, vor allem auf interessante Blogs, Journals, Working Paper etc.. 

4 Kommentare

  1. Im Smoke-Filled Room Blog findet sich eine interessante Diskussion des jüngsten Waltz-Artikels:

    http://thesmokefilledroomblog.com/2012/07/12/reading-waltz-in-tehran-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-bomb/

    1. danke für den link, hab ihn gleich in die aktuelle netzschau aufgenommen.

  2. […] das war’s schon. Eigentlich wollte ich wie letzte Woche die Waltz-Debatte wieder  aufnehmen, aber hab mich ob der Länge des Posts nun kurzfristig anders […]

  3. […] der ersten Ausgabe unserer Netzschau hatten wir bereits auf den inzwischen vieldiskutierten Artikel von Kenneth Waltz […]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: