Wie entsteht Gewalt?

Steven Pinker erklärt, warum Gewalt über die Geschichte der Menschheit hinweg abgenommen hat.

Steven Pinker erklärt, warum Gewalt über die Geschichte der Menschheit hinweg abgenommen hat.

Was kommt dabei heraus, wenn ein Neuropsychologe ein Buch über Gewalt in der Welt schreibt? Der Harvard-Professor Steven Pinker hat es getan und auf viele Erkenntnisse der klassischen Friedens- und Konfliktforschung zurückgegriffen. Aber auch wir IBler können von ihm lernen. Eine Rezension.

Pinker, Steven 2011: The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined, Viking, 832 S.

Steven Pinker beschäftigt sich in seinem neuesten Buch mit der Geschichte menschlicher Gewalt. Der größte Teil des Buches befasst sich damit, seine zentrale These zu beweisen: Dass Gewalt – relativ zur Weltbevölkerung – über die Geschichte der Menschheit hinweg abgenommen hat. Und zwar Gewalt in vielen Formen und auf verschiedenen Zeitskalen: interstaatliche Gewalt, Bürgerkriege, Stammesfehden, aber auch Mordfälle und häusliche Gewalt.

In einer Zeit, in der innerhalb von 20 Jahren Ruanda und Darfur, der Irakkrieg und die Anschläge aufs World Trade Center, Utøya und der Amoklauf in Winnenden passieren, und man immer wieder Fälle von Kindesmord in den Zeitungen liest, ist das in der Tat eine begründungsbedürftige These. Vor allem dann, wenn man die blutige erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinzunimmt, mit zwei Weltkriegen, Holocaust und Stalins Gulags. Das lässt intuitiv zwei Reaktionen zu, die entgegengesetzt zu einander stehen. Zum Einen: Gewalt nimmt nicht ab, denn das wäre zu schön um wahr zu sein, und mit der Realität einfach nicht vereinbar. Die zweite Reaktion ist aber eine andere: Was ist, wenn tatsächlich trotz aller oben genannten Grausamkeiten ein historischer Niedrigstand der Gewalt erreicht ist? Das würde bedeuten, dass es früher noch schlimmer zuging – und das ist eigentlich kein Argument, dem man naive Blauäugigkeit oder Schönfärberei vorwerfen könnte. Und genau in diesem Sinne führt Pinker auch viele Beispiele von Gräueltaten an, die zu weit zurückliegen, um uns noch viel im Bewusstsein zu sein, ohne dafür moderne Verbrechen zu entschuldigen.

Pinker belegt seine Thesen mit Statistiken, historischen Berichten und Laborexperimenten, und bei aller Skepsis muss man zugeben, dass viele seiner Überlegungen plausibel sind. Jetzt ist schon klar: Traue nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, für jede These gibt es irgendein geschichtliches Beispiel, und zu jedem Laborexperiment gibt es ein zweites, welches das genaue Gegenteil belegt. Nach der Lektüre von über 800 gut argumentierten (und hervorragend lesbaren!) Seiten für seine Thesen hat man trotz all dieser Vorbehalte einige neue Perspektiven gewonnen.

Pinkers Argumentation hilft, dass er nicht einen naiven ‚es wird besser, wie schön’-Optimismus vertritt, sondern nach Gründen und Trends sucht, die man aufgreifen und verstärken kann. Und um in diesem Buch interessante Gedankengänge zu finden, muss man nicht (vollständig) mit seiner Kernthese einverstanden sein – es reicht, sich für eine Weile darauf einzulassen, dass einzelne Trends erkannt und auf ihre Gründe hin untersucht werden können. Ganz abgesehen davon macht es hin und wieder ja auch Spaß, eigene Eindrücke und Gedankenmuster vor dem Hintergrund wissenschaftlichen Daten grundsätzlich zu hinterfragen.

Viele von Pinkers Gründen für oder gegen Gewalt dürften IBlern bekannt vorkommen: Da taucht der Demokratische Frieden auf und die Zivilisierungsthese von Norbert Elias, da werden Ursachen für Bürgerkriege analysiert und spieltheoretische Modelle angeführt, warum gegenseitige Abschreckung funktioniert oder auch nicht, und das Konzept des Leviathan steht neben den ökonomischen Vorteilen von Kooperation. Neuer für uns könnten die individuellen Gründe für Gewalt sein, die Pinker in seinem eigenen Spezialgebiet, der Neuropsychologie, sucht und findet. Hier wird den Fragen nachgegangen, wie gewalttätige Mobs entstehen, welche Gründe Mörder für ihre Taten anführen und was beispielsweise in Gehirnen vorgeht, wenn Menschen Rache nehmen. Ungewohnt mag auch sein, dass der Fokuspunkt immer wieder der einzelne Mensch ist, nicht Staaten oder Organisationen. Aber letztendlich ist es die Verbindung all dieser Teile, die Pinkers Thesen mehr in die Tiefe gehen lässt, und mit der es ihm gelingt, ein ziemlich umfassendes Bild menschlicher Gewalt zu zeichnen.

Der meines Erachtens größte Mangel des Buches liegt in der so weit verbreiteten Zentrierung auf ‚westliche’ Geschichte, Werte und Normen, welche durch die wenigen Ausnahmen eher noch verstärkt wird. Dass Pinker hier nicht über das übliche Maß hinausgeht ist bedauernswert und problematisch, gerade weil viele seiner Thesen in kulturellen Veränderungen verankert sind. Die teilweise vernichtende Kritik, die es an mancher Stelle erfährt, hat das Buch dennoch nicht verdient.

Alles in allem ist das sicherlich ein Buch am Rande des IB-Spektrums. Pinker ist selbst kein Politikwissenschaftler, und das merkt man dem Buch auch an. Aber grade deshalb kann es neue Anregungen geben, und dabei helfen, eigene Vorstellungen zu hinterfragen.

Wer zwar das Thema an sich ganz spannend findet, aber grade keine Zeit und/oder Lust hat ein so dickes Buch zu lesen, der findet auf www.ted.com zwei Videos, in denen Steven Pinker seine zentralen Thesen vorstellt (und für diejenigen, die sie noch nicht kennen, ist die Seite ohnehin zu empfehlen…)

3 Kommentare

  1. Danke für die Rezension, was ich allerdings nicht verstehe:
    Du schreibst, dass Pinker oftmals auf die individuelle Ebene zur Erklärung vom Ursprung der Gewalt geht („Ungewohnt mag auch sein, dass der Fokuspunkt immer wieder der einzelne Mensch ist, nicht Staaten oder Organisationen.“). Am Ende allerdings ist es doch eher die Makro-Ebene, die für Pinker entscheidend zu sein scheint („Dass Pinker hier nicht über das übliche Maß hinausgeht ist bedauernswert und problematisch, gerade weil viele seiner Thesen in kulturellen Veränderungen verankert sind.“). Auf welcher Erklärungsebene setzt Pinker denn nun an, oder versucht er, die kulturelle Makro-Ebene mit einer neuropsychologischen Ebene zu verbinden, und wenn ja, wie? Hier wäre ich für ein, zwei weitere Sätze dankbar.

  2. Treffliche Rezension von Pinkers Opus Magnum. Zwei anschließende Bemerkungen. An Pinkers These, kurz: dass die Gewalt im Verlaufe der Geschichte abgenommen habe, gibt es zwei Möglichkeiten der Kritik. Die eine, ist eine semantische, gleichwohl fundamentale. Der Psychologe Roberr Jay Lifton hat darauf verwiesen, dass Pinkers Gewaltbegriff verkürzt sei. Zum einen, sei die ständige atomare Bedrohung – des Kalten Krieges bis hin zur Gegenwart – ein ständig anwesendes Potential an Gewalt; Abschreckung deute und verweise also immer zwangsläufig auf Gewalt, müsse – wenn nicht physisch, so doch semantisch-intepretativ – in selbige kulminieren.
    Der zweite Kritikpunkt zielt auf die beiden von Pinker lokalisierten Motive, also diejenigen Motive, welche für die Gewaltabnahme – s. E. nach – vorderhin ursächlich sind.Pinker zählt hierunter den Ausbau des Bildungssystems (1). Kurz: je gebildeter der Mensch und die Gesellschaft in toto, desto eher könne man mit Gewalt umzugehen lernen. Bedrohungen (et cetera) besser einschätzen und Distanz zu Gewaltpotentialen halten. (2) Pinker macht aber auch jenes Phänomen als Motiv aus, demzufolge die Menschen in Intelligenztests der Psychologie seit rund sechzig Jahren kontinuierlich besser abschnitten, demnach intelligenter seien.

    Über die erste Kritik, ich nenne sie mal verkürzt eine begriffliche, könnte man noch hinwegsehen. Über die letztere, also die Motive, die für die Gewaltabnahme bei Pinker (mit)verantwortlich sind, sollte und muss man diskutieren.

  3. […] Reihe von interessanten und einschlägigen Wissenschaftlern (Stephen Pinker hatten wir ja schon hier besprochen) versammelt. Quote: Wars are rare, but when they occur they alter the course of history. […]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: