IB Online (5/8): Eine kleine Netzschau zum Wochenende

Israelische Fahne bei Sonnenaufgang in Masada über dem Toten Meer. Masada ist ein Symbol israelischer Sicherheitsdoktrin und des Überlebenskampfes seit Jahrtausenden. Aufgenommen im Frühjahr 2006.

Israelische Fahne bei Sonnenaufgang in Masada über dem Toten Meer. Masada ist ein Symbol israelischer Sicherheitsdoktrin und des Überlebenskampfes seit Jahrtausenden. Aufgenommen im Frühjahr 2006.

Irans Atombombe, Israel und der drohende Krieg. Wieder einmal möchte man sagen. Aber etwas ist anders in den letzten Tagen: Es ist nicht mehr nur Rhetorik; jetzt werden Gasmasken in Israel verteilt. Blufft Israels Regierung einfach immer besser? Oder steht dem Nahen Osten wirklich ein neuer Krieg bevor, der angesichts der aktuellen Lage unüberschaubare Folgen haben könnte? Das Bretterblog greift dieses Thema heute in einer kleinen Netzschau zum Wochenende auf.

In der englisch-sprachigen Presse sind die neueren Entwicklungen im Atomstreit mit Iran und die drohende militärische Auseinandersetzung mit Israel schon eine ganze Weile Thema. Langsam erreicht es nun auch die deutschen Medien – gestern Abend das heutejournal. Einmal mehr zeigt es, wie vernichtend die Auslandsberichterstattung deutscher Medien, insbesondere des Fernsehens, ist. In diesem Fall kann Volker Perthes dem jedoch sogar etwas Positives abgewinnen: Er sieht akut keinen Krieg ausbrechen, fürchtet aber die Kriegsrhetorik, die einen Waffengang unausweichlich machen könnte. Darin schließt er auch die Medien ein.

Wir wollen in das Kriegsgeheul nicht einstimmen. Nicht nur, weil Kriegen ganz generell unschuldige Menschenleben zum Opfer fallen, sondern in diesem konkreten Fall auch deshalb, weil ein Militärschlag unabsehbare Folgen für die Region – inklusive eines Flächenbrands – zur Folge haben könnte. Dies meint jedenfalls Nahostexprete Ulrich Tilgner. Es bliebe wohl kaum bei wenigen Opfern in Iran und Israel. (Israel geht von nur 500 zivilen Opfern im eigenen Land aus.) Hinzu kommt, dass sich der Vordere Orient mit dem „Arabischen Frühling“ in einer ganz besonderen Umbruchsituation befindet. Welche Folgen hätte da ein Krieg? Würde er den Vormarsch der Demokratisierung stoppen? Gerade diese Umbruchsituation, fürchten manche, könnte Israel als einen günstigen Zeitpunkt für einen Militärschlag ansehen. Doch sind auch die Folgen für Israel unabsehbarer geworden: wie wird sich das neue Regime in Ägypten verhalten? Wie ist die Lage im Libanon? Und welcher Widerstand ist im von Bürgerkrieg gezeichneten Syrien ohne vollständige staatliche Kontrolle gegen Israel möglich?

Steht uns ein Krieg bevor? Drei Positionen lassen sich im Netz finden. Die erste fürchtet einen raschen Krieg, verweist auf aktuelle Kriegspläne, von US-Blogger Silverstein auf Tikun Olam veröffentlicht. Auch die Schutzmaßnahmen an der „Heimatfront“ in Israel, die Gasmasken, die Hamsterkäufe, die Präparierung von Luftschutzbunkern und die gepackten Koffer werden als Indizien gesehen. Und schließlich der US-Wahlkampf: Obama will den Krieg nicht. Aber – so meinen Beobachter – im Wahlkampf müsste er angesichts der starken Israel-Lobby nachgeben und militärische Unterstützung bereitstellen. Es könnte also ein günstiger Zeitpunkt für all jene sein, die einen Krieg wollen. Dafür spricht auch, dass Israels Premierminister Netanyahu, genannt Bibi, die diplomatischen Bemühungen von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zu torpedieren versucht.

Die zweite Position sieht ebenfalls eine hohe Wahrscheinlichkeit eines Krieges – aber nicht jetzt, sondern nach den Präsidentschaftswahlen in den USA. So wurde die Aussage von US-Verteidigungsminister Panetta, Israel könne gar nicht allein handeln, als ultimativer Hinweis dafür gewertet, die USA würden derzeit keinen Militärschlag zulassen. Im Gegenzug hätten sie jedoch zugesagt, das Problem mit welchen Mitteln auch immer bis kommenden Sommer zu beheben. Panettas Einschätzung bekräftigte nun auch Israels Staatspräsident Shimon Peres.

Die dritte Position mag einen Krieg zwar nicht ausschließen, betont aber, dass es im Interesse aller ist, eine militärische Auseinandersetzung zu vermeiden. Dank des aktuellen Diskussionsthemas Iran müsse sich Netanyahu nicht mehr mit dem Friedensprozess oder den Sozialprotesten in Israel herumschlagen, meint etwas die „Süddeutsche Zeitung“. Auch Stephen Walt glaubt nicht, dass die Israelis ein Interesse am Krieg haben und spricht vom „war talk bluff“. Und Blogger Silverstein antwortet, gefragt nach dem Grund dafür, dass ihm das von ihm veröffentlichte Geheimdokument zu Israels Kriegsplänen (siehe oben) zugespielt wurde, die Israelische Armee (IDF) halte ein militärisches Vorgehen für einen schweren Fehler. Schließlich meint auch der neue Heimatschutzminister und ehemalige Chef des Inlandsgeheimdienstes Shin Bet, Avi Dichter, der Krieg wäre ein schwerer Fehler. Dichter ist in Israel anerkannt und zudem ein alter Weggefährte von Premier Netanyahu.

Doch ob Israel wirklich nicht zu den Waffen greift und die USA mit in den Konflikt hineinzwingt, bleibt abzuwarten. Aufmerksamkeit ist geboten. Sicher ist nur eines: Die Folgen eines Krieges wären verheerend. Er würde Menschenleben kosten, den Arabischen Frühling auf eine neue Probe stellen, die innerstaatlichen Entwicklungen in Syrien und Libanon beeinflussen und im schlimmsten Fall zu einem Flächenbrand führen, der das Fehlen eines langfristigen Planes offenbaren könnte. Doch auch Israels Sicherheit wäre wohl gefährdet: Ägypten, Syrien, Libanon, Gaza, Westjordanland: von allen Seiten drohte Israel neuer Widerstand, neue Gewalt und neues Ungemach. Auch deshalb, wegen meiner engen Verbindung zu Israel, hoffe ich auf Frieden.

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