“The best diplomat that I know is a fully-loaded phaser bank.“ Netzschau-Spezial zu Sci Fi & Fantasy Geeks in den Sozialwissenschaften

Fantastische Literatur & Filme erfreuen sich unter Sozial- bzw. Politikwissenschaftlern zunehmender Beliebtheit. Insbesondere den Vertretern der internationalen Beziehungen scheinen sie es angetan zu haben: Beim amerikanischen IR-Sammelblog Duck of Minerva geben sich die Sci-Fi Geeks die Klinke in die Hand und diskutieren ihre Kurse zu „Interstellar Relations“ (s.a. auch hier), Paper zu „Battlestar Galactica & Civil Military Relations“, oder Liveblogmitschnitte zu Panels wie z.B. „Science Fiction and International Orders“.

Sie sind aber bei weitem nicht die einzigen.

Nobelpreisträger, Princeton-Ökonom und New York Times-Blogger Paul Krugman outet sich im WIRED-Interview als „hard core science fiction fan“, der durch Isaac AsimovsFoundation“-Zyklus (und die Rolle der fiktiven Wissenschaft der Psychohistorik) angefixt wurde (Krugman ist übrigens nicht der erste Ökonom, der ein Faible für die Zukunft hatte; schon John Maynard Keynes veröffentlichte 1930 einen Essay über die Ökonomie der Zukunft). Der Fletcher-School Professor Dan Drezner hat das Buch „Theories of International Relations and Zombies“ geschrieben (wer es weniger blutig mag, kann auch „International Relations of Middle Earth“, „Battlestar Galactica and International Relations“ oder „Harry Potter and International Relations“ zur Hand nehmen). Auch im neugegründeten Sammelblog zu politischer Gewalt „Political Violence @ a Glance“ gibt es einen Eintrag zu Political Science Fiction. Und der Politikwissenschaft-Ökonomie-Philosophie Mashup-Blog „Crooked Timber“ hatte zum Anlass des Launchs von „The Dark Knight Rises“ zwei Artikel zum politischen Hintergrund in Christopher Nolans Version des Batman-Universums (mehr dazu auch hier).

Warum dieses Faible für Fantastik unter Sozialwissenschaftlern?

Zunächst einmal stellt die Fantasy & Sci Fi eine Art „Experimentierkasten“ dar, in dem politisch-ökonomische, kulturelle oder technologische Randbedingungen nach Belieben verändert werden können. Für Politikwissenschaftler/-innen und insbesondere Vertreter der IB hat das einen ganz besonderen Reiz, denn auf der Analyseebene auf der wir uns oft bewegen (Staaten, die Welt, Kriege, Regionen etc.) ist eine Variablenmanipulation durch Experimente, wie im Großteil der restlichen Wissenschaft, im Prinzip nicht möglich („natürliche“ Experimente mal ausgenommen). In der formellen Methodik der Politikwissenschaft hat sich eine Variante davon als „kontrafaktische Analyse“ eingebürgert, also Was-wäre-wenn-Überlegungen (literarische Entsprechung wäre z.B. Robert Harris‘ „Vaterland“, siehe auch hier), aber fantastische, insbesondere Science Fiction-Literatur geht—methodisch gesehen—noch einen Schritt weiter.

Sie ermöglicht es, nicht nur die Auswirkungen anderer historischer Ereignisse durchzuspielen, sondern auch die manchmal extremen Folgen teilweise absurder politisch-ökonomischer Gegebenheiten, massiver technologischer Durchbrüche oder nur theoretisch denkbarer kultureller Umstände zu überlegen. Klassiker wie George Orwells „1984“ haben die Gefahren von Überwachung und Totalitarismus deutlich gemacht. Charles Stross‘ „Accelerando“ nimmt die Idee künstlicher Intelligenz und exponentiellem technologischen Fortschritt, führt sie konsequent fort und beschreibt die möglichen Auswirkungen auf Wirtschaft und Kultur. China Miéville erdenkt in „Embassytown“ eine außerirdische Rasse, die Sprache mit Realität gleichsetzt, die also nicht in Metaphern denken oder lügen kann (da eine Lüge ja per Definition etwas Nicht-wahres ist). Sprachliche Konstruktion der Wirklichkeit also mal auf den Kopf gestellt.

Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Aber das Spannende ist, dass alle Fantastik-Autoren ihren Werken implizit immer bestimmte Theorien zu Grunde legen, mit denen sie ihre jeweilige Welt konstruieren und Wirkungszusammenhänge erklären. Manchmal tun sie es durchaus explizit, wie die eingangs erwähnte Asimovsche Psychohistorik, aber in der Regel nicht. Und das macht es so faszinierend, diese Überlegungen von Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, d.h. die Theorien, herauszuarbeiten und zu diskutieren. Denn wenn es gute Fantastik ist, sind diese nicht immer sofort ersichtlich (genauso wenig, wie unsere „reale“ Welt einfach erklärbar ist). (Siehe zu diesem Gedankengang auch diesen hervorragenden DoM –Podcast).

Darüber hinaus bietet fantastische Literatur (bzw. Popkultur im weitesten Sinne) die Möglichkeit, die Logik von sozialwissenschaftlichen Theorien an einem einfachen, wenig komplexen (und meist Studenten vertrauten oder leicht zugänglichen) Beispiel zu verdeutlichen. Wenn am Ende von Independence Day Israelis, Araber, Amerikaner und Russen gemeinsame Sache machen, um die Aliens zurückzuschlagen ist das zwar absurd (und unrealistisch), aber eine ganz nette, unmittelbar einleuchtende Illustration der Logik der Balance-of-Threat-Theorie at work. Demselben Prinzip folgen auch solche Werke das erwähnte „Theories of International Relations and Zombies“ oder Hulsman und Mitchells „The Godfather Doctrine: A Foreign Policy Parable“. Alle benutzen Popkulturreferenzen, um die Logik bestimmter Theorien an vergleichsweise einfachen Beispielen deutlich zu machen.

Experimentierkasten und Erklärungshilfe—Grund genug für das auffallende Interesse von Sozialwissenschaftlern an Fantasy und Sci Fi? Vielleicht. Möglicherweise ist die Erklärung am Ende aber auch viel einfacher… (Und als bekennder Sci Fi und Fantasy Geek myself sympathisiere ich hier stark). Um es mit China Miéville zu auszudrücken:

I’m a science fiction and fantasy geek. I love this stuff. And when I write my novels, I’m not writing them to make political points. I’m writing them because I passionately love monsters and the weird and horror stories and strange situations and surrealism, and what I want to do is communicate that. But, because I come at this with a political perspective, the world that I’m creating is embedded with many of the concerns that I have… […] I’ve invented this world that I think is really cool and I have these really big stories to tell in it and one of the ways that I find to make that interesting is to think about it politically. If you want to do that too, that’s fantastic. But if not, isn’t this a cool monster?

(Bild: Sven Littkowski/Wikimedia; Für die Trekkies out there: Das Zitat aus dem Blog-Titel stammt aus der ST-Classic-Folge „A Taste of Armageddon„)

6 Kommentare

  1. Ein viel bessere kontrafaktischer Krimi als Vaterland ist The Yiddish Policemen’s Union von Michael Chabon. Die Figuren sind sympatischer, die Geschichte mindestens so spannend, und der Aufbau des alternativen historischen Verlaufs weitaus kreativer ohne albern zu werden. Es bildet sogar einen Kontrapunkt zu Vaterland, aber es ist schwer zu sagen, ob das Absicht war oder nicht.

    Ein weiterer Vorteil von dieser Art Gedankenexperimenten ist auch, dass man einen Fall analysieren kann, ohne dass man mit dem Fall selbst identifiziert. Oft wenn über Fälle wie Mittelostkonflikt oder der Aufstieg Chinas diskutiert wird, merkt man sofort, dass der Redner/Autor ein eigenes Pferd im Rennen hat. Und eine Analyse bei der das Ergebnis am Anfang schon feststeht kann schlaue Menschen nur enttäuschen. Die richtig guten Geschichten in dieser Genre stören absichtlich diesen Identifikationsprozess, wie z.B. das alternativ, nicht veröffentlichte Ende von „I am Legend“ oder „Enemy Mine“ (ein bisschen schmalzig aber zum Thema).

  2. Jeder Körper, der den Mund aufmacht und sagt, es gebe so etwas wie „wir Juden“, ist wohl ein Dummkopf. Denn: es gibt zunächst einmal nur individuelle Körper − von denen die meisten zwar vielleicht sprechen, aber darüber hinaus wohl nicht einmal denken können…

    Es gibt nur ein einziges Menschenrecht: das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Wenn sich alle daran halten würden (von „Beschneidung“ über „Mund zukleben“ bis „Kinderausbeutung“)…

    „Ich habe schon genug mit meinem Menschsein zu tun. Warum muss ich denn auch noch Franzose und Calvinist (etc.) sein?“ (Michel de Montaigne). Wenn also jemand behauptet,
    er sei „Jude“ oder „Deutscher“ (etc.), so ist er letztlich „selber schuld“ (Immanuel Kant, 18.Jh.) − oder noch schlimmer: hat einfach den Montaigne (16.Jh.) nicht gelesen…

    Die Welt sähe schon SEHR VIEL ANDERS aus, wenn jedes Kind gelernt hätte, all diejenigen „Menschen“ als Weichlinge zu verachten, die immer noch glauben, sich AUCH NOCH als
    „Juden“, „Deutsche“, „Buddhisten“ oder „Bayern-Fans“ (etc.) bezeichnen zu müssen. –

    Wenn jeder Idiot begriffen hätte, wie „soziale“ Phänomene (Empathie, Theory of Mind, Bindungen, Faschismus, Initiationsriten, Gruppendruck, Völkismus, Nationalismus, Nationalsozialismus, Religionen) entstehen, so gäbe es keine „unbewussten“ „sozialen“ Phänomene mehr…

    Ach wie schön war doch noch die Steinzeit: keine Ländergrenzen, keine Parteien, keine „Nationen“, keine „Identitäten“, kein „wir Juden“, keine „die Deutschen“, kein „unser Volk“, kein „Reich“, etc.

    Die Religion einer Pop(p)ulation ist die Er-Zeugung einer Stabilität, die es ausserhalb dieser Pop(p)ulation vermutlich gar nicht gibt…

    Zum Angriff Israels („Juden“) auf den Iran („Arier“): Wann werde ich endlich in einer intelligenten Welt leben können ohne diesen jüdisch-christlich-muslimisch-kapitalistisch-kommunistisch-faschistisch-hypersozial-hypermedial-politisch-juristisch-
    wissenschaftlichen Blödsinn überall? Geht lieber Karotten und Bäume pflanzen!

  3. Guter Artikel, spannende Links! Einen steuere ich noch bei:
    Dan Drezner diskutiert mit Charli Carpenter über Zombies, Cyborgs und Weltpolitik

  4. Danke Ben, für den Hinweis auf das Buch von Chabon. Werde ich auf jeden Fall auf die to-read Liste setzen (wäre die doch nicht nur so voll!). Habe Vaterland eigentlich auch nur erwähnt, weil es mir als erstes eingefallen ist, nicht unbedingt, weil ich dessen Qualität besonders hervorheben wollte… ist schon ewig her, dass ich es gelesen habe…

  5. Ich gratuliere euch Felix, Tim & co. Ihr habt euren ersten Troll in ‚ernia‘ gefunden. Ein grosser Tag in der Geschichte von jedem Blog.😉
    Lulz bleiben noch aus, aber ich bin zuversichtlich.

  6. […] einfach so im Simulator wiederholen—aber was wenn doch? (außer vielleicht in 80s Klassikern und Science Fiction Stories) Natürlich ist die Ähnlichkeit der virtuellen Spielsituation mit der realen Welt begrenzt; bei […]

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