Umfrage: Die deutsche Politikwissenschaft im Web 2.0 – Teil 2

By Original by Markus Angermeier Vectorised and linked version by Luca Cremonini [CC-BY-SA-2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)%5D, via Wikimedia Commons

Disclaimer: Dies ist der zweite Teil der Beitragsserie zu unserer Umfrage zur Politikwissenschaft im Web 2.0. Der erste Teil findet sich hier und der dritte Teil hier. Auf die gekürzte Einleitung folgen die Antworten. Ob der ohnehin erheblichen Länge, soll dieses Format das Lesen vereinfachen.

Unser Ausgangspunkt war die wenig überraschende Feststellung, dass die deutsche „IB-Blogosphäre“ (IB steht für die politikwissenschaftliche Teildisziplin “Internationale Beziehungen”) recht übersichtlich ist. Tatsächlich entwickelt sie sich in den letzten Jahren, aber das in doch recht gemächlichem Tempo. Warum ist das so?

Es dürfte unumstritten sein, dass Wissenschaft heute auf das World Wide Web angewiesen ist. Die Kommunikation via Email, die Literaturrecherche in Onlinedatenbanken oder der Zugriff auf die Onlineausgaben von Fachzeitschriften sind Beispiele für grundlegende Arbeitsprozesse, die die wissenschaftliche Arbeit erheblich erleichtern und zeitgemäße Wissenschaft erst ermöglichen.

Die Debatte über  die deutsche IB im Web 2.0 möchten wir im Bretterblog aufgreifen und haben zu diesem Zweck deutschen Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftlern die folgenden Fragen gestellt:

  1. Nutzen Sie Blogs als Informationsquelle oder als Instrument in der Lehre?
  2. Welchen Nutzen und welches Potential können „wissenschaftliche“ Blogs haben?
  3. Warum tut sich die deutsche IB im Vergleich zur angelsächsischen IB so schwer in der Blogosphäre?

85 Anfragen haben wir gestellt und von 19 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Antwort erhalten. Allen an dieser Stelle einen herzlichen Dank! Leider können wir nicht alle Antworten aufführen, bemühen uns aber um eine gute Auswahl und Auswertung. Und die sieht für die zweite Frage wie folgt aus…

2. Welchen Nutzen und welches Potential können „wissenschaftliche“ Blogs haben?

Blogs können ganz unterschiedlichen Funktionen dienen und werden aus unterschiedlichen Motivationen betrieben. Sara Kjellberg hat sechs Funktionen in ihrem Artikel „I am a blogging researcher: Motivations for blogging in a scholarly context“ zusammengefasst: Verbreitung von Inhalten; Meinungsäußerung; up-to-date halten und erinnern; schreiben; interagieren; Verbindungen knüpfen. Funktion und Motivation hat sie in folgende Tabelle gegossen:

Quelle: Kjellberg, I am a blogging researcher 

Diese Vielfalt innerhalb der Blogosphäre spiegelt sich auch in den Antworten wider. Außerdem betonten einige der Befragten die Aktualität als Stärke von Blogs.

Wie wir in unserer re:publica-Session diskutiert haben, gibt es eine große Bandbreite an Möglichkeiten, vom Forschungstagebuch über Wissenschaftsfeuilletons bis hin zum Erklärbär-Blog. (Prof. Dr. Leonhard Dobusch, FU Berlin)

Ich finde, seriös gemachte Blogs sind oft genauso gut, wie Zeitschriftenbeiträge und Policy-Papers und vielfach aktueller – haben für mich den gleichen Wert. (Caroline Fehl, Uni Frankfurt)

In unseren Antworten lassen sich zwei unterschiedliche Bewertungen von wissenschaftlichen Blogs erkennen, die der Großteil der Befragten teilt. Erstens wird die für die (Politik-) Wissenschaft ungewohnt niedrige Einstiegsschwelle in wissenschaftliche Diskurse durch Blogs betont, die auch die Geschwindigkeit des Austauschs erhöhe.

Das Potential liegt in der Niedrigschwelligkeit des Zugangs, die es erlaubt, noch unfertige, provisorische Gedanken innerhalb einer Comunity von Interessierten auszuprobieren. Gute Blogs sind multi-thematische Workshops ohne Reisekosten. (Volker Heins, IfS Frankfurt)

Nutzen ist sicherlich, dass sie wissenschaftliche Meinungen zu einer Thematik bündeln, man relativ schnell Zugang zu einer Community bekommt, Netzwerke pflegen kann und – je nach Blog natürlich – auf relativ hohem Niveau zum eigenen Thema diskutieren kann. (Carmen Wunderlich, HSFK Frankfurt)

Bloggen dient der schnellen, direkten Kommunikation in den Wissenschaften in Echtzeit. […] Als wissenschaftliche Notizbücher eignen sich Blogs zur selbstkritischen Reflexion (Mareike König, DHI Paris).

Blogs [können] den wissenschaftlichen Austausch beschleunigen. Argument und Reaktion müssen nicht über Publikationen mit Zeitverzögerung oder Konferenzen eingebracht werden (Daniel Odinius, Uni Bamberg)

Zweitens können Blogs als Schnittstelle dienen – sowohl zwischen Politikwissenschaft und breiter Öffentlichkeit als auch zwischen dem „Etablissement“ und der Studierendenschaft.

Das Potential von wissenschaftlichen Blogs ist dabei am evidentesten mit Blick auf die Schnittstelle zwischen Forschung und Gesamtöffentlichkeit – Blogs können Forschungsergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln und auch den Dialog zwischen Wissenschaftlern, Praktikern und einem breiteren Publik befördern. […] Für Studierende sind Blogs ein Geschenk: sie können einer großen Zahl von etablierten Wissenschaftlern beim Denken und Diskutieren zuschauen und sich vielleicht sogar selbst mit Beiträgen einbringen kann. (Thorsten Benner, GPPI Berlin)

Bei theoretischer orientierten Blogs, denke ich, ist im Gegensatz zu Journalartikeln vor allem der Interaktionsgrad und die Möglichkeit auch kürzere Beiträge zu posten, interessant. Noch wichtiger ist aber im Sinne einer transparenten Wissenschaft, das die Veröffentlichung von Beiträgen nicht von oft undurchsichtigen „peer reviews“ und „desk decisions“ abhängt. (Marco Fey, HSFK Frankfurt)

Neben dieser größtenteils positiven Wahrnehmung des Nutzen und der Potentiale von Blogs gab es auch kritische Antworten, die auf das Verhältnis der Blogosphäre zur Zeitschriftenlandschaft und die Herausforderungen der Qualitätssicherung im Internet abzielen.

Mehr Blog-Kommunikation kann zweifellos spannend sein, wenn damit nicht noch die letzten drei Leser längerer wissenschaftlicher Artikel in unserer sich ständig erweiternden Zeitschriftenlandschaft wegbrechen. (Lothar Brock, Uni Frankfurt)

All dies ist begrüßenswert, wenn Qualitätsstandards gewahrt werden – Mindestvoraussetzung dafür ist, dass Beiträge und Kommentare nicht anonym oder mit Decknamen veröffentlicht werden können. Sonst ist die wissenschaftliche Diskussion in den Untiefen der Nutzerkommentare bei Spiegel Online angekommen. (Thorsten Benner, GPPI Berlin)

Ob nun „wissenschaftliche Notizbücher“, „Forschungstagebücher“, oder „multi-thematische Workshops ohne Reisekosten“: Es liegt  in der Natur der Sache, dass Blogs sich die vielfältigen Vorzüge des Web 2.0 zu Nutzen machen können:

Blogs ermöglichen neben der Publikation von Texten auch das Einbinden von Hyperlinks, Fotos, Videos und Tondokumenten. Damit nimmt der Aspekt der Vernetzung als Kernkonzept des Internets auch bei Blogs eine zentrale Rolle ein. (Mareike König, DHI Paris)

Ein Beispiel wie dies in Blogs, Vorträgen oder der Lehre gelingen kann, liefert Charli Carpenter in diesem multimedialen Vortrag zu den Internationalen Beziehungen im Informationszeitalter:

Quelle: Carpenter, Transnational Politics, i(I)nternational r(R)elations, and the Information Age

Niedrigschwelligkeit und Vernetzung vs. Qualität. So lässt sich diese zweite Runde überspitzt auf einen Nenner bringen und knüpft auch an die rege Diskussion in den Kommentaren des ersten Teils zur Zitierfähigkeit von Blogs an. Was meint Ihr: Überzeugen die Argumente?

In der nächsten und letzten Folge widmen wir uns der Frage nach der vermeintlichen Rückständigkeit der deutschen gegenüber der angelsächsischen IB in der Blogosphäre.

4 Kommentare

  1. Ich finde, die meisten Kommentare haben einen gemeinsamen Nenner: „zusätzlich“ zu den herkömmlichen Wegen des wissenschaftlichen Kommunikationssystems sind Blogs toll – aber sie werden/sollen die althergebrachten Kanäle des Austausches nicht ersetzen.

    Und dagegen kann man ja eigentlich wenig haben, oder?

  2. Stimmt, dagegen kann man wenig haben. Die Frage ist, ob das das „Mehr“ von Blogs (bzw. von Web 2.0 im weitesten Sinne) im Wissenschaftsbetrieb etwas genuin neues ist, was die herkömmlichen Wege der Wissenschaftskommunikation in einer Weise bereichert, die es so vorher nicht gab. Bzw. hier sollte die Einschränkung auf bereichern „kann“ liegen, denn das Potential ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

    Daher sollten wir nicht bei dem gemeinsamen Nenner, den du richtig erkannt hast, stehen bleiben, sondern weitergehen und Möglichkeiten des neuen Mediums intensiver diskutieren. Zusätzlich zu den herkömmlichen Wegen der Wissenschaftskommunikation sind bspw. auch Zeitungen, Fernsehen, etc. sinnvoll. Aber was ist der Mehrwert, was ist das einzigartige Potential von Blogs bzw. von Web 2.0 gegenüber den hergebrachten Wegen?

    Wenn wir das intensiver durchdenken, werden hier mit Sicherheit Konfliktpotentiale sichtbar. Denn auch wenn ich finde, dass das positive Potential überwiegt (dieses sollte allerdings noch genauer bestimmt werden sollte), so entstehen sicherlich auch Probleme, vor allem–um nur ein Beispiel zu nennen–im Hinblick auf die Aufweichung herkömmlicher Hierarchien zwischen Studenten, Mitarbeitern, Doktoranden, Professoren, Praktikern.

    Also: Blogs werden herkömmliche Wissenschaftsoutlets sicherlich nicht ersetzen. Die Frage ist aber: was ist der genuin neue Mehrwert dieser Art der Kommunikation und welche Konflikte entstehen dabei? Bei beiden Fragen sind wir noch am Anfang. Guter Ausgangspunkt ist der von mir bereits verlinkte Artikel von Dan Drezner und Charli Carpenter, die sich über diese Fragen auch schon den Kopf zerbrochen haben.

  3. Der feuilletonistische Journalist würde jetzt sicher mit der Keule „Web 2.0 – der User wird zum Producer“ kommen und die eher basisdemokratische Möglichkeit der Veröffentlichung jedweder Meinung loben (oder kritisieren, je nachdem). Das wurde ja auch schon erwähnt, dass gerade in Zeiten der Türen von peer-review und co. eine leichte Art, seine Artikel zu veröffentlichen, stark gewünscht bzw. prinzipiell erstmal sehr fruchtbar sein kann.

    Mir fällt in diesem Zusammenhang noch ein, dass sich die Art und Weise der Artikel natürlich auch ändert: anstatt auf 50 Seiten seine Kant-Exegese vorzulegen und mit 200 Fußnoten zu belegen, muss der Text nun schnell „zur Sache kommen“ und seinen Punkt machen. Geschwafel ist natürlich noch möglich, aber sicherlich kein Qualitätsmerkmal mehr. Wer also öfter mal Blogbeiträge verfasst, entwickelt vielleicht eine neue Sensibilität für seinen Schreibstil: die Fachartikel können durch größere Stringenz und argumentative Schärfe (ohne viel gerede) sicherlich an Qualität gewinnen.

  4. Ein Argument zum Nutzen und Potential von Blogs, das interessanterweise weder in den Antworten noch in den Kommentaren reflektiert wurde, geht so: Das Blog ist der neue Lebenslauf/CV.

    Wer es in der Wissenschaft zu etwas bringen will, muss demnach bloggen. Steile These!

    Für eine Auseinandersetzung mit diesem Argument siehe:
    http://irevolution.net/2012/05/09/advice-to-future-phds/
    http://internationalsecuritydiscipulus.wordpress.com/2012/06/10/to-blog-or-not-to-blog-that-is-the-question-i-posed-to-a-few-academics/

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