Umfrage: Die deutsche Politikwissenschaft im Web 2.0 – Teil 3

Disclaimer: Dies ist der dritte Teil unserer Artikelserie „Politikwissenschaft im Web 2.0“. Der erste Teil findet sich hier. Zum zweiten Teil gelangt ihr hier. Ob der ohnehin erheblichen Länge, soll dieses kleinteiligere Format das Lesen vereinfachen.

Mit diesem Post endet unsere dreiteilige Serie und die Auswertung unserer kleinen, nicht-repräsentativen Umfrage. 85 Anfragen hatten wir an deutsche Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftlern verschickt und von 19 Adressaten Antwort erhalten. Allen an dieser Stelle einen herzlichen Dank!  Unser Ziel ist es, anhand der folgenden drei Fragen in eine Reflektion über die deutsche politikwissenschaftliche Blogosphäre einzusteigen:

By Original by Markus Angermeier Vectorised and linked version by Luca Cremonini [CC-BY-SA-2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)%5D, via Wikimedia Commons

  1. Nutzen Sie Blogs als Informationsquelle oder als Instrument in der Lehre?
  2. Welchen Nutzen und welches Potential können „wissenschaftliche“ Blogs haben?
  3. Warum tut sich die deutsche IB im Vergleich zur angelsächsischen IB so schwer in der Blogosphäre?

In diesem dritten Beitrag der Serie geht es nun um die Auswertung der Antworten auf die letzte Frage:

Warum tut sich die deutsche IB im Vergleich zur angelsächsischen IB so schwer in der Blogosphäre?

Die dieser Frage zugrundeliegende Annahme ist die Beobachtung, dass die deutsche „IB-Blogosphäre“ (IB steht für die politikwissenschaftliche Teildisziplin “Internationale Beziehungen”) recht übersichtlich ist.

Tatsächlich entwickelt sie sich in den letzten Jahren, aber das in doch recht gemächlichem Tempo. Ganz anders die Entwicklung der englischsprachigen IB: Blogs von arrivierten Wissenschaftlern und ambitionierten Studierenden/Doktoranden aus den USA oder UK (aber auch Frankreich – danke für den Hinweis @ Mareike König) gibt es nicht nur viele, sie scheinen auch eine große Leserschaft zu haben. Warum ist das so?

Eine Antwort lautet: Nun ja, dem ist ja gar nicht so! Die Ausgangsannahme ist falsch. In diesem Sinne argumentieren zumindest Thorsten Benner und Marco Fey.

So einfach ist das nicht! Die US-amerikanische IB ist nicht pauschal stärker in der Blogosphäre. Keohane, Katzenstein und Wendt sind nicht webaffiner als Daase, Risse oder Zürn. Durch eine höhere Zahl an Public Policy Schools und Think Tanks kombiniert mit einem starken Policy-Journal mit Blog („Foreign Policy“) gibt es einen stärkeren Nährboden für policy-orientierte Wissenschaftler mit Blogs. Deren Bloggen wird von der Mehrzahl der US-Wissenschaftler genauso so wertgeschätzt  wie die Auftritte Jürgen Falters bei „Anne Will“ von der deutschen Politikwissenschaft. (Thorsten Benner, GPPI Berlin)

Tja… ich bin mir gar nicht mal so sicher, dass sich die angelsächsische IB wirklich so leicht mit der Anerkennung von Blogs, Twitter usw. als legitimem und hilfreichem Teil der wissenschaftlichen Tätigkeit tut. Aber richtig ist sicher, dass es in Deutschland noch viel weniger Angebot und Nachfrage gibt. (Marco Fey, HSFK)

Womöglich haben Benner und Fey tatsächlich recht. Allerdings stimmt skeptisch, dass sich renommierte Wissenschafler in jüngster Zeit dem Bloggen verschrieben haben und das Bloggen von verschiedenen Seiten (hier und hier) als der neue CV postuliert wird. Ein gewisses Ansehen genießen us-amerikanische Wissenschaftsblogger vielleicht doch? Letztendlich aber ist dies eine empirische Frage und die Diskussion in der Kommentarspalte dieses Artikels hiermit offiziell eröffnet.

Angenommen aber, die zugrundegelegte These stimmt. Was sind dann plausible Gründe für den Rückstand der deutschen IB im Web 2.0?

Womöglich ist es ein sprachliches Problem. So fragt Caroline Fehl zurück, ob es nicht einfach daran liege, dass „deutschsprachige Blogs nicht so viele Leute lesen können? Welchen Sinn sollten die haben?“ (Caroline Fehl, Uni Frankfurt). Leonhard Dobusch scheint diesen Punkt mit folgender Antwort zu unterstreichen:

Mein Eindruck ist, dass die deutsche IB immer noch relativ stark „deutsch“ ist. Wenn die Disziplin internationaler ist, dann fällt es auch leichter, an internationale Blogdiskurse anzudocken. (Prof. Dr. Leonhard Dobusch, FU Berlin)

Etwas anders gelagert ist Felix Seidlers Einschätzung bezüglich der Rolle von Sprache. Für ihn ist nicht die Sprache im Allgemeinen das Problem, sondern insbesondere die Schriftsprache des Deutschen.

Warum tut sich die deutschsprachige IB so schwer? Schlicht und ergreifend weil im angelsächsischen Raum anders geschrieben wird: einfacher, verständlicher und provokativer. Deutsche Politikwissenschaftler haben häufig eine Scheu davor zu simplifizieren. Aber genau das muss man auf einem Blog bisweilen tun: einfache Sprache, wenig Fachwörter & Theorie, keine langen Sätze. (Felix Seider, CAU Kiel)

Ein anderes strukturelles, aber völlig anders gelagertes Problem liegt für einige andere Teilnehmer unserer Umfrage in der Skepsis der deutschen Wissenschaft gegenüber dem Internet und dem Web 2.0. Nicht nur, dass die Sozialwissenschaften eine „lange verbreitete Abneigung gegen Computer- und Internetkulturen“ (Alex Hensel, Uni Göttingen) hegen. Bloggen werde überdies als nicht karriereförderlich angesehen (siehe auch Prof. Gerald Schneiders Antwort) und fachlich gering geschätzt.

Die Niedrigschwelligkeit wird in Deutschland als Konkurrenz zur Qualitätssicherung wahrgenommen (was falsch ist). Außerdem gibt es diese allgemeine Phobie gegenüber sozialen Medien wie Facebook etc., die sich auch hier auswirkt. Eigentlich möchte man gar nicht, dass (potenziell) alle die eigenen Gedanken lesen können, also auch solche, die keine Kollegen sind und damit für die eigene Karriere unwichtig. (Volker Heins, KWI Essen)

Peer-Review-Artikel werden im Lebenslauf ungleich höher gehandelt als ein Wissenschaftsblog, auch wenn dieses von 500 Abonnenten gelesen wird. Daher stecken viele Wissenschaftler/innen mit Blick auf die eigene Karriere ihre Energien lieber in traditionelle Veröffentlichungen. Dabei schließt das eine das andere gar nicht aus. (Mareike König, DHI Paris)

Um diesen negativen Zusammenhang von wissenschaftlichem Arbeiten und „Social Media“-Affinität umzukehren, bedarf es nach Ansicht einiger webaffiner Wissenschaftler weiterer prominenter Vorbilder und mehr Zeit (siehe dazu auch der Beitrag von Prof. Lothar Brock):

Es gibt keine positiven Anreize für erfolgreiche universitäre Karrieren, die mit dem Bloggen verbunden wären – im Gegenteil. Es fehlt zudem an Rollenmodellen – allseits angesehene und erfolgreiche Wissenschaftler, die sich dem Bloggen verschrieben haben. Ein Blog der Leibniz-Preisträger würde das im Handumdrehen ändern. Außerdem gibt es ganz praktische Bedenken: Bloggen kostet Zeit. (Thorsten Benner, GPPI Berlin)

Man muss als Professor oder wissenschaftlicher Angestellter erst einmal die Zeit haben, diese Quelle zusätzlich zu lesen oder gar Blogartikel zu verfassen. Meine Erfahrung an der Uni hat gezeigt, dass bei einem derart schlechten Betreuungsverhältnis, der Gremienarbeit, 4-5 Lehrveranstaltungen pro Semester inkl. Korrektur von Zulassungsarbeiten, Hausarbeiten und Klausuren und der eigenen Forschung, Gutachten, Anträgen etc. für sowas kaum Zeit bleibt. (Sophia Benz, Uni Tübingen)

Schließlich sei noch Daniel Odinius stellvertretend für andere Teilnehmer mit einer klassischen Einschätzung zitiert, die auf die unterschiedliche policy-Nähe von Wissenschaft in Deutschland und anderen Wissenschaftsstandorten verweist:

Deutsche Politikwissenschaftler haben im Vergleich zu ihren angelsächsischen Kollegen ein anderes, historisch gewachsenes Verständnis vom Verhältnis zwischen Politikwissenschaft und Politik. Zum einen beteiligen sie sich weniger engagiert am öffentlichen politischen Diskurs. Diejenigen, die dieses Zögern überwinden, sehen sich nicht selten mit einem (potentiellen) Reputationsverlust unter Wissenschaftlern konfrontiert. Zum zweiten ist der Anteil von Politikwissenschaftlern geringer, der zumindest einen Teil der Karriere an politischen Entscheidungsprozessen beteiligt ist. In den USA etwa ist die Durchlässigkeit von Wissenschaft und Politik größer. (Daniel Odinius, Uni Bamberg)

Wie bereits in den beiden ersten Teilen unserer Serie bieten die Antworten unserer Umfrageteilnehmer eine ganze Fülle von Positionen ab: Während für die einen die mangelnde Wertschätzung für das Bloggen einerseits oder die policy-nahe Arbeit und Positionierung die „Rückständigkeit“ der deutschen Blogosphäre erklärt, sind es für andere strukturelle Faktoren wie Sprache, Zeit und die Funktionsweise des akademischen Systems, die eine stärkere Präsenz der deutschen IB im Netz hemmt.

Wie zuvor geht auch dieses Mal die Frage an euch: Liegt es an den Personen oder der Struktur? Gibt es womöglich noch ganz andere Erklärungsfaktoren? Oder steht die deutsche IB ihren Äquivalenten in den USA, UK oder Frankreich eigentlich in nichts nach?

Zum Abschluss unserer Umfrageauswertung ist Eure Meinung gefragt, wir freuen uns darauf!

4 Kommentare

  1. Zwei kurze Anmerkungen:
    1) Zu dem sprachlichen Aspekt: Ja, ich glaube schon, dass das ein Hindernisgrund für eine „transnationale akademische Debatte“ sein könnte. Die Frage ist aber ohnehin, wie realistisch so etwas – fernab des utopischen Reißbrettes – ist. Gewichtig scheint die Analyse zu sein, derzufolge ohnehin zwei unerschiedliche Traditionen der Meinungsäußerung vorherrschen (eine „angloamerikanische“ und eine „deutsche“). Hier würde ich zustimmen.
    2) Beipflichten möchte ich auf jedem Fall dem Aspekt, dass Blogs – auch en passant, kurz und knackig verfasste Beiträge – Zeit kosten. Zeit, die man, Bologna sei Dank, als wissenschaftliche Kraft des Mittelbaus – wie auch Professor – vielleicht nicht immer hat. Hier verschwimmt dann auch die Grenze zwischen Paper für Zeitschrift XYZ, Beitrag für die Tageszeitung XYZ und Blogbeitrag fürs Bretterblog… das sind viele Töpfe, klar, und natürlich wählt man dann den Topf der mehr Prestige und ggf eine Entlohnung einbringt. Die Frage ist, wie das zu lösen wäre. Sehr spannend.

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  3. […] Dieser Beitrag ist Teil einer dreiteiligen Beitragsserie. Auch der zweite Teil und der dritte Teil sind bereits online. Ob der ohnehin erheblichen Länge, soll dieses kleinteilige Format das Lesen […]

  4. […] allerdings wird es noch lange dauern, bis sich das zu einem breiten Phänomen entwickelt, wie diese sehr spannende kleine Erhebung des Bretterblogs unter Akademikern erkennen lässt. Ach, ich schweife ab, aber immer nur auf den Teller glotzen wird ja hin und wieder langweilig, […]

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