Ein „kleines Rädchen im Getriebe“ – Der Eschenburg-Eklat beim DVPW-Kongress in Tübingen

Die deutsche Politikwissenschaft scheint sich seit letzter Woche in einer Identitätskrise zu befinden. In der letzten Woche fand, von 24. Bis 28. September, in Tübingen der Kongress der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) statt. Die DVPW ist ein wissenschaftlicher Fachverband für Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler in Deutschland. Eine Woche lang wurden unter dem Titel „Die Versprechen der Demokratie“ Themen wie Freiheit, Gleichheit, politische Partizipation, Wirtschaftskrise, Sicherheit, Legitimität und Frieden und ihr Verhältnis zur Demokratie im 21. Jahrhundert diskutiert. Beim Kongress ereignete sich aber auch ein Eklat, der zu einem nachhaltigen Streit über die Benennung des im Rahmen des Kongresses verliehenen Theodor Eschenburg Preises führte.

Denn neuere Forschungsergebnisse hatten die Frage aufgeworfen, welche Rolle Theodor Eschenburg in der Zeit der NS-Diktatur gespielt hatte. Eschenburg, auch als Vater der deutschen Politikwissenschaft bezeichnet, war ab 1952 Inhaber des ersten Lehrstuhls für Politikwissenschaft in Deutschland an der Universität Tübingen. Eschenburg prägte Begriffe wie „Kanzlerdemokratie“ und „Verbändestaat“ und war eine wichtige Stimme in der noch jungen Bundesrepublik.

Theodor Eschenburg; Quelle: Universität Tübingen

Dieses Bild vom Übervater wankt nun: Auslöser war ein im Frühjahr 2011 erschienenen Artikel von Rainer Eisfeld. Eisfeld hatte, auf Basis historischer Akten, rekonstruiert, dass Theodor Eschenburg, der während der NS-Zeit in leitender Funktion für Industrieverbände tätig war, im Jahre 1938 in eine Enteignung bzw. Arisierung eines Betriebs verwickelt gewesen sei, welcher einem jüdischen Fabrikanten gehört hatte. Darüber hinaus wirft er Eschenburg vor, erst in einem posthum erschienen Band seiner Erinnerungen in vollem Ausmaß über seine Mitgliedschaft in der SS informiert zu haben. Zudem habe Eschenburg die Aufnahme von Hans Globke, der den Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen geschrieben hatte und später Kanzleramtschef unter Adenauer, in die Bundesregierung befürwortet.  Die DVPW hatte daher im Vorfeld des diesjährigen Kongresses ein Gutachten in Auftrag gegeben, um die gegen Eschenburg aufgestellten Anschuldigungen tiefergehend prüfen zu lassen.

Das Gutachten von Dr. Hannah Bethke von der Uni Greifswald ergab, dass Eschenburgs Verhalten während der NS-Zeit und auch in der Vergangenheitsaufarbeitung nach 1945 fragwürdig gewesen sei:

„Nach Auswertung des Archivmaterials bin ich zu dem Ergebnis gekommen, daß Theodor Eschenburg im weitesten Sinne als Mitläufer des NS-Regimes betrachtet werden muß. Aus diesem Grund halte ich die Abschaffung des Preisnamens der DVPW für empfehlenswert.“

Sie stellte aber auch fest, dass Eschenburg in der genannten Arisierungsmaßnahme keine maßgebliche Rolle gespielt hätte, sondern vielmehr nur ein „kleines Rädchen im Getriebe“ gewesen sei. Nichtsdestotrotz müsse das politische Bild von Eschenburg kritisch hinterfragt werden, aufgrund der „Tatsache,  daß  Eschenburg  überhaupt in der – das NS-Regime stabilisierenden – Industrie tätig war, und zwar in leitender Funktion.“  Schließlich werde aus dem untersuchten „Archivmaterial  doch  klar  ersichtlich, daß er von 1933 bis 1945 als industrieller Geschäftsführer  reibungslos  funktioniert  hat und offenbar keine Schwierigkeiten hatte, sich den Erfordernissen der NS-Diktatur anzupassen“, so Bethke.

Während des DVPW-Kongresses wurde über den Vorschlag den Theodor-Eschenburgpreis umzubenennen heftig gestritten. So hat z.B. der diesjährige Preisträger Claus Offe in seiner Dankrede betont, dass Eschenburg seine Vorbildfunktion verloren hätte und der Preis daher umbenannt werden sollte. Gerhard Lehmbruch, ehemals Vorsitzender der DVPW und Schüler Eschenburgs, der schon in einem Sonderplenum der DVPW am Tag vor der Preisverleihung seinen Lehrer verteidigt hatte, sowie die bei der Preisverleihung anwesenden Töchter Eschenburgs waren empört. Rudolf Hrbek, emeritierte Professor und EU-Experte aus Tübingen sieht ebenso wie Lembruch keinen Anlass zur Umbenennung des Preises, wie das Schwäbische Tagblatt aus Tübingen berichtete. Der Direktor des Tübinger Instituts für Politikwissenschaft, Thomas Diez, dagegen schloss sich der Forderung nach einer Umbenennung des Preises an.

Die emotional geführte Debatte dauert nach wie vor an. Vor allem ältere Vertreter der deutschen Politikwissenschaft, die Eschenburg persönlich kannten, scheinen gegen eine Umbenennung des Preises zu sein. Aber auch andere Stimmen, wie der Rektor der Universität Tübingen Bernd Engler, fordern eine differenziertere Betrachtungsweise: Eine abschließende Bewertung des Lebenswerks Eschenburgs sei auf der vorliegenden Grundlage nicht möglich, so Engler.

Was denkt Ihr? Sollte der Preis umbenannt werden oder sollte opportunistisches Verhalten in Zeiten der Diktatur nicht verurteilt werden? Wir freuen uns auf eine interessante Debatte.

3 Kommentare

  1. Sebastian Kabst · · Antworten

    Als erstes halte ich es für Übertrieben Eschenburg als Übervater der deutschen Politikwissenschaft nach 1945 zu bezeichnen. Immerhin gab es eine Gründergeneration und nicht nur eine einzelne Person.
    Der offizielle und komplette Titel des Eschenburg-Preises, Preis der DVPW für das Lebenswerk einer Politikwissenschaftlerin/ eines Politikwissenschaftlers, schließt Eschenburg als Namensgeber bereits aus. Es kann nicht angehen, dass ein Preis für ein „Lebenswerk“ nach einer Person benannt wird, in deren Lebenswerk/ Lebenslauf die Mitgliedschaft in der Motor-SS und eine Arisierung (egal in welchem Ausmaß) enthalten ist. Gleichzeitig macht es keinen Sinn Eschenburg auf seine Zeit nach 1945 zu beschränken, denn auch dann ist nicht das gesamte Lebenswerk betrachtet. Dies ist für den Preis für das Lebenswerk aber von immenser Bedeutung.

  2. Reblogged this on auswaertigepolitik und kommentierte:

    Ein kurzer Bericht über den DVPW-Kongress in Tübingen in der letzten Woche.

  3. Ich bin auch fuer eine Umbenennung des Preises. Eschenburg wurde und wird fuer sein Lebenswerk in vielfaeltiger Weise geehrt. Warum muss man dann einen Preis, den ein Wissenschaftlicher/Wissenschaftlerin fuer sein/ihr Lebenswerk bekommt nach jemandem benennen, der sich genau nicht sein ganzes Leben lang vorbildlich verhalten hat? Ich weiss wer hat das schon. Und sicher haben die Menschen damals Pecht gehabt in so eine historische Bewaehrungssituation hineingeboren worden zu sein. Aber es ist eben wie es ist und andere haben sich anders verhalten. Fuer mich kann man auch die Person nicht von ihren Werken und Errungenschaften trennen. Gerade nicht in einem Fach wie Politikwissenschaften, das sich mit der Alayse der Gesellschaft beschaeftigt. Die Umbenennung wird ihn selbst nicht mehr erreichen und aus der deutschen Tradition der Aufarbeitung heraus waere es nur fair diesen Schritt moeglichst bald zu tun.

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