Nutzt Soziale Medien, denn Grau ist alle Theorie

Das globale Dorf

Das globale Dorf. Foto: Gerd Altmann, veröffentlicht unter einer CC0 1.0 Lizenz auf pixabay.

Idealismus. Realismus. Konstruktivismus. Und so weiter. Die Lehre der internationalen Beziehungen speist sich aus vielen Theorien, durch die junge Studenten lernen zwischenstaatliche Beziehungen zu analysieren. Dieses Spektrum muss natürlich noch um das Verhältnis zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren erweitert werden. Aus meiner eigenen Erfahrung zeigt sich, dass das Studium der IB zu einem großen Teil auf die Kenntnis dieser Theorien abzielt.

Dies soll keine a priori Kritik an Theorien (der IB) sein. Ich habe Texte der Vordenker all dieser Richtungen sehr gerne gelesen. Diese Theorien erleichtern das Verständnis für die vielfältigen Beziehungen unter staatlichen Akteuren und auf Basis der IB-Theorien lassen sich beispielsweise auch verschiedene Handlungsszenarien von staatlichen Akteuren herausarbeiten.

Trotz dieser Vorzüge  hat es mich aber immer irritiert mit welcher Selbstverständlichkeit junge Studenten (Anmerkung: ich habe an der Universität Bonn studiert) Außenpolitik durch eine IB-Theorie-Brille betrachtet haben oder außenpolitische Vorgänge zumindest derart abstrahiert haben, dass mir nicht mehr ganz klar war, ob sie auch zu einem einfachen Pro und Contra fähig sind. Ein Beispiel ist der Angriff der USA und der „Koalition der Willigen“ auf den Irak im Jahr 2003. Zur Verteidigung dieses Schrittes wurde in einem Seminar vor allem das Argument „Bündnissolidarität“ aufgeführt. Randaspekte wie der mögliche Tod Tausender Zivilisten oder die fadenscheinigen Beweise der US-amerikanischen Regierung für die Existenz von Massenvernichtungswaffen wurden teilweise ignoriert. Steht es einer sozialwissenschaftlichen Disziplin gut an, derart zu abstrahieren und nicht auf unmittelbare Folgen einer schwerwiegenden Entscheidung einzugehen?

Wenn man beispielsweise über Antiterrorismus-Maßnahmen diskutiert oder schreibt kann es doch nicht ausreichen, sich mit der teilweise abstrakten Gefahr terroristischer Anschläge zu beschäftigen und diese als Ausgangspunkt zu nehmen für Maßnahmen wie etwa den Drohnenkrieg der US-Regierung. Es sollte schon dazu gehören sich Geschichten wie Yemen: Anger at Expansion of US Drone War , Obama’s Lawless, Secretive Drone War Continues Over Pakistan oder List of children killed by drone strikes in Pakistan and Yemen durchzulesen. Was sind die Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung? Was sind die Erfahrungen der Menschen die sich hinter den Opferzahlen verbergen? In welchem Ausmaße treiben diese Anti-Terror-Maßnahmen junge Menschen eventuell in die Arme terroristischer Gruppierungen? Ich möchte an dieser Stelle nicht auf das Für und Wider des Drohnenkrieges eingehen. Aus meiner Sicht jedoch kann sich Jeder erst ein Urteil über solche Maßnahmen bilden wenn man sich über politikwissenschaftliche Theorien hinaus ein ganzheitliches Bild gemacht hat. In Zeiten des Internet gibt es – trotz des  digital divide – genug Stimmen online anhand derer man sich eine Meinung bilden kann. Eine Meinung, die nicht nur auf Theorien und möglichen Konsequenzen fußt, die sich aus eben diesen Theorien ergeben.

Studenten und Wissenschaftler der Internationalen Beziehungen – aber natürlich auch anderer sozialwissenschaftlicher Disziplinen – sollten sich aus meiner Sicht auch mit nicht-wissenschaftlichen Texten und Meinungen auseinandersetzen. Für mich persönlich stellt beispielsweise die Mitarbeit an den Projekten Future Challenges und Global Voices in dieser Hinsicht eine enorme Erweiterung meiner eigenen Perspektive dar. Die Berichte von Bloggern aus aller Welt zu Globalisierung, Menschenrechten, interkulturellen Themen und vielem mehr lassen das Verständnis für andere Kulturen und Staaten wachsen.  Sie durchbrechen den Tunnelblick der einem durch unsere traditionellen Medien allzu häufig vermittelt wird. Doch nicht nur solch große Multi-Autoren-Blogs vermitteln ein Gefühl dafür, dass es den global citizen nicht nur als Ideal gibt. Sie oder Er begegnet jedem, der sich in sozialen Netzwerken auch in internationalen Kreisen bewegt. Ich bin immer noch oft überrascht welche Überschneidungen sich mit Personen aus anderen Kulturen auf anderen Kontinenten ergeben. So kann es schnell geschehen, dass man sich seinen internationalen Kontakten aus anderen Kulturen in sozialen Netzwerken näher fühlt als seinem Nachbar ein Haus weiter.

Natürlich lässt sich solch interkulturelles Verständnis noch besser durch längere Aufenthalte in fremden Ländern fördern, doch nicht Jeder hat dazu die Gelegenheit. Insofern möchte ich dazu ermuntern das eigene (politik-) wissenschaftliche Studium auch dazu zu nutzen sich, über die Aneignung von Theorien hinaus, mit den Geschichten von den Menschen vor Ort auseinanderzusetzen. Das Internet bietet dazu die Gelegenheit!

Wissenschaftliche Theorien sind wichtig und bilden Grundlagen. Sie bieten ein Gerüst. Sie sind jedoch nicht ausreichend, um die Welt in all seinen Schattierungen nachzeichnen zu können.

Mario Sorgalla hat Politische Wissenschaft, Medienwissenschaft und Neuere Geschichte an der Universität Bonn studiert. Er arbeitet freiberuflich als Online Community und Social Media Manager für futurechallenges.org und engagiert sich als Übersetzer und Autor für das Bloggernetzwerk Global Voices. Er bloggt privat unter beyond-borders.org und ist auf Twitter unter @mariosorg zu finden.

3 Kommentare

  1. Lieber Mario, danke für diesen interessanten Beitrag. Ich stimme dir in vielem zu, aber habe dennoch zwei kurze Anmerkungen.

    Trotz dieser Vorzüge hat es mich aber immer irritiert mit welcher Selbstverständlichkeit junge Studenten (Anmerkung: ich habe an der Universität Bonn studiert) Außenpolitik durch eine IB-Theorie-Brille betrachtet haben oder außenpolitische Vorgänge zumindest derart abstrahiert haben, dass mir nicht mehr ganz klar war, ob sie auch zu einem einfachen Pro und Contra fähig sind

    Hier scheint es mir, dass du wissenschaftliche Erklärung auf der einen Seite und normative Bewertung auf der anderen vermischst. Meines Erachtens zielen viele der „klassischen“ IB-Theorien (wie auch viele andere Theorien in den Sozialwissenschaften allgemein) eher darauf ab, bestimmte Phänomene der realen, sozialen Welt zu erklären.[1] Sie sind in erster Linie ein Werkzeug, um eine komplexe Realität verständlicher zu machen. Wenn also eine IB-Theorie erklärt (und das auch methodisch plausibilisiert), dass das Verhalten vieler Beteiligter am Irak mit Bündnissolidarität zu erklären sei, dann ist das ein Erkenntnisgewinn, und erst einmal unabhängig von der normativen Bewertung dieses Umstandes; sagt also nichts darüber aus, ob Bündnissolidarität in so einer Situation ethisch gut ist. Diese Analysefähigkeit ist wichtig (und ich würde eher mehr davon, als weniger fordern), denn sie ist eine wichtige Grundlage für die normative Bewertung sozialer Handlungen. Bevor wir etwas bewerten, sollten wir möglichst gut darüber Bescheid wissen. Daher solltest du von den klassischen IB-Theorien nicht etwas verlangen, worauf sie gar nicht den Anspruch erheben.

    Das führt mich zu meinem zweiten Punkt, denn ich würde dir durchaus zustimmen, dass die Fähigkeit zur normativen Bewertung im gegenwärtigen politikwissenschaftlichen Curriculum schwach ausgeprägt ist, auf jeden Fall schwächer als der Fokus, der auf den analytisch-erklärenden Teil gelegt wird (siehe oben). Und hier bin ich ganz bei dir, dass wir den Blick über den Tellerrand werfen sollten. Denn ein rein theoretisches Studium, das fast vollständig methodisch-analytisch ausgerichtet ist, wird uns nicht befähigen, vernünftige und reflektierte normative Bewertungen vorzunehmen. Zwei Ergänzungen dazu: (1) lasst uns doch das Studium, um Kurse in Ethik ergänzen. Momentan in aller Munde ist die Wirtschaftsethik, nachdem offenbar ein Mangel an moralischem Urteilsvermögen in den wirtschaftswissenschaftlich ausgebildeten Eliten festgestellt wurde. Das gleiche gilt für die Politikwissenschaft. Wenn wir unsere theoretischen Analysen nicht normativ-ethisch einbetten können, was können wir dann? (2) In den IB gibt es ja auch genügend Ansätze, die explizites analytisches Verstehen mit normativer Kritik verbinden (vgl. die ganzen „post“ Strömungen). Wenn wir diese systematischer in die Lehre einbauen und den klassischen Theorien gegenüberstellen, werden die Grenzen und Möglichkeiten der Klassiker besser deutlich (und umgekehrt).

    Also: nicht weniger Theorie, sondern mehr! Aber die richtige (nämlich analytische ergänzt um die ethische) und auf die richtige Weise (Gegenüberstellung der Klassiker mit deren Kritikern). Natürlich darf der von dir angesprochene Blick über den Tellerrand nicht fehlen—er alleine, langt aber m.E. nicht aus.

  2. Dank Dir für den ausführlichen Kommentar Felix!

    Ich möchte den Vorteil und den Nutzen von sozialwissenschaftlichen Theorien und in diesem Falle der IB-Theorien auch gar nicht in Abrede stellen. Wie ich einleitend ja geschrieben hatte sind viele Texte aus dem Bereich der IB-Theorie sehr spannend, nützlich und ich habe sie sehr gerne gelesen.

    Ich möchte Deinen Punkt gerne aufgreifen, ich hätte wissenschaftliche Erklärungen und normative Bewertungen vermischt. Aus meiner Sicht sollte sich jeder eine Meinung über Themen in den IB nicht nur aus einer theoretischen Erkenntnis heraus bilden sondern unbedingt auch aufgrund einer normativen Bewertung! Wir reden ja nunmal von einer sozialwissenschaftlichen Disziplin und nicht von einer naturwissenschaftlichen. Ich bin mir ziemlich sicher dass wir beide nicht in einer Welt leben wollen, die lediglich geprägt ist von theoretischer Erkenntnis.

    Ich habe längere Zeit über Deinen Vorschlag nachgedacht, im politikwissenschaftlichen Studium auch ein Fach wie „Ethik“ einzuführen. Im ersten Moment klang dies auf mich eher abschreckend weil Ethik ebenfalls höchst theoretische Debatten erzeugen kann. Auf der anderen Seite beschäftigt man sich in der Ethik ja auch mit den Folgen des individuellen oder kollektiven Handelns. Insofern hat dieser Vorschlag schon einen gewissen Reiz.

    Trotzdem wollte ich mit diesem Artikel eher darauf hinaus, dass sich jede Person, die sich aus Interesse oder beruflich mit den Internationalen Beziehungen beschäftigt, auch die Lebenswirklichkeit der Menschen mit berücksichtigen sollte. Und dies kann eben eher durch den Austausch mit Menschen aus verschiedenen Kulturen geschehen oder zumindest durch die Information über andere Kulturen, Länder, Lebensweisen usw.

    Die Lehre der Ethik an den Universitäten könnte ein (kleiner) Schritt in diese Richtung sein aber sicherlich wäre er nicht ausreichend. Ich sehe da vielmehr jede Person selbst in der Verantwortung.

  3. […] is a guest post that I originally published on the Bretterblog. Actually I wanted to translate the post into English. Now one week has passed and I don’t […]

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