Buch des Monats: „Breaking the Silence“ – im Angesicht der Unmenschlichkeit

Schovrim Schtika, "Breaking the Silence", ist eine bewundernswerte NGO.

Schovrim Schtika, „Breaking the Silence“, ist eine bewundernswerte NGO.

In ihrem neuen Buch brechen mehr als 800 israelische Rekrutinnen und Rekruten ihr Schweigen und schildern ihren Einsatz im Westjordanland und im Gazastreifen. Die zahllosen, sehr dichten Interviews treffen ins Mark – ein unfassbarer Bericht.

Die israelische Armee genießt landläufig einen zweifelhaften Ruf. Sie verfügt über eine ungeheure Kampfstärke. Die Existenz des Staates Israel hat sie mittlerweile über mehr als sechs Jahrzehnte hinweg garantiert. Das war nicht immer leicht: Im israelischen Unabhängigkeitskrieg, von den Palästinensern an-Nakba, die Katastrophe, genannt, obsiegte sie gegenüber einer schier erdrückenden Übermacht bestehend aus den Streitkräften Ägyptens, Syriens, des Libanon, Transjordaniens und des Irak. Auch der Sechs-Tage-Krieg und der  Jom-Kippur-Krieg endeten für die Israelis siegreich. Der Mythos der unbesiegten Armee war geboren. Bis heute bedarf Israel zur Garantierung seiner Sicherheit einer starken und effektiven Armee. Das steht außer Frage.

Doch selbst vor der Gründung des Staates spielte die Vorläuferorganisation der Armee, die Hagana, eine zentrale Rolle: Bereits im ausgehenden 19. Jh. gegründet, trat die Hagana für die Errichtung eines jüdischen Staates ein, schützte Juden in Europa und Palästina, beförderte die Auswanderung in das damals von den Briten kontrollierte Palästina und beteiligte sich am Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Briten. Nach 1945 bekämpfte die Hagana jedoch die britischen Soldaten in Palästina, um die Einrichtung eines freien jüdischen Staates zu erreichen. Obgleich Sabotageakte und die Ausübung von Gewalt Teil der Hagana-Strategie war, stellte sie sich gegen das rücksichtslose Morden der Irgun, einer militanten Abspaltung der Hagana. Unschuldige Opfer wollte sie so weit wie möglich vermeiden.

Truppen der Hagana bei einer Parade.

Truppen der Hagana bei einer Parade.

Diesen Anspruch, Unschuldige zu schonen und nur die Feinde Israels zu bekämpfen, hat auch das demokratische Israel an seine Armee. Es ist die Einhaltung und die juristische Durchsetzung des Diskriminierungsgebotes, die Israel als einen wesentlichen Unterschied des eigenen Vorgehens im Unterschied zu den Terrororganisationen wie Hamas oder Islamischer Jihad betont.

Doch diesem Anspruch scheint die Israelische Armee, die sich Israelische Verteidigungsstreitkräfte nennt, nicht in vollem Umfang nachzukommen.

Das Erschaudern vor dem eigenen Handeln ist es, das mehr als 800 israelische Rekrutinnen und Rekruten dazu gebracht hat, der Nichtregierungsorganisation „Breaking the Silence“ (שוברים שתיקה Schovrim Schtika) die eigenen Erlebnisse als Kampftruppen im Westjordanland und im Gazastreifen zu berichten. Entstanden ist daraus ein erschütterndes Buch, bestehend aus fast 150 Interviewausschnitten. In ihnen erzählen die jungen Israelis von der Willkür und den Schikanen, die sie der palästinensischen Bevölkerung während ihres Dienstes zugefügt haben.

In unzähligen Beispielen wird deutlich, dass die Armee häufig ohne eine konkrete Gefährdungssituation die Bevölkerung einzuschüchtern sucht, die eigene Übermacht demonstrieren will oder wie es die Soldatinnen und Soldaten meist ausdrücken: Präsenz zeigen. So wird im Buch berichtet: „Normalerweise geht es bei „Frohes Purim“ [in diesem Kontext: Ausdruck für „Präsenz zeigen“] darum, die Leute nicht schlafen zu lassen. Das bedeutet, dass man nachts in ein Dorf fährt, dort herumläuft, Blendgranaten wirft und Krach macht.

Leider ist dies noch eine der harmloseren Geschichten. Denn viele andere Rekruten erzählen von unmittelbarer Gewaltanwendung und Schlägen auch gegen Kinder. Verhaftungen werden willkürlich vorgenommen, ganze Familien über Stunden, manchmal über Tage hinweg in einem Zimmer ihrer Wohnung gehalten. Jeder Toilettengang wird nur in Begleitung einer Soldatin oder eines Soldaten der Armee möglich.

Am Erschütterndsten aber sind die Schilderungen vom Drang nach Morden in Teilen der israelischen Streitkräfte. In Breaking the Silence berichten mehrere Interviewte, dass sie beauftragt wurden, gezielt provokante Handlungen durchzuführen, um das Feuer auf sich zu ziehen. Ziel solcher Operationen sei es gewesen, die Möglichkeit zur Beantwortung der Schüsse zu erhalten.

Auch die Gefahrdefinitionen werden nach Aussage mehrerer Interviewter bewusst sehr weit ausgelegt um möglichst den Einsatz von Schusswaffen zu ermöglichen. Auch in Situationen, in denen keine scharfe Munition Verwendung findet, gibt es jenseits der offiziellen Einsatzregeln offenbar Anleitungen in einigen Truppenteilen, wie Gummigeschosse in einer für die Getroffenen möglichst schädlichen Weise eingesetzt werden können.

Diese Grundhaltung wird exemplarisch in Kreuzchen verkörpert, die zahlreiche Bodentruppen der israelischen Armee in ihre Waffe für jede getötete Palästinenserin und jeden getöteten Palästinenser machen. Ob es sich bei den Toten um Zivilisten oder Terroristen, Männer, Frauen oder Kinder handelt, wird bei den Kreuzchen nicht vermerkt. Ein Divisionskommandeur sagt dazu gegenüber einem Mitglied von Breaking the Silence: „Wir werden nicht an Festnahmen gemessen – Sie werden daran gemessen, wie viele Sie töten.

Kurzum: Was Breaking the Silence offenlegt, sind die Abgründe des Krieges, die Unmenschlichkeit des Krieges. Dass mehr als 800 Rekrutinnen und Rekruten den Mut und die Zivilcourage gefunden haben, ihre Erlebnisse zu erzählen und für eine (wenn auch weitgehend anonyme) Veröffentlichung zur Verfügung stellen, ist aller Ehre wert. Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland, formuliert dazu im Vorwort: „Was wollen diese mutigen Freiwilligen von Breaking the Silence? Als leidenschaftliche israelische Patrioten wollen sie dem Staat Israel nicht schaden, ebenso wenig wollen sie die israelischen Streitkräfte, denen sie als Reservesoldaten immer noch angehören, schwächen. Im Gegenteil: Diese Menschen sind Idealisten, die sowohl ihren Staat als auch ihre Streitkräfte kräftigen wollen. Sie sind davon überzeugt, dass moralische Aufrichtigkeit ihre Gesellschaft stärkt und dabei hilft, das zionistische Ideal einer gerechten Nation zu realisieren.

"Ich bin ein Berliner" steht an der Grenzmauer bei Bethlehem, Dezember 2007. Quelle: wikipedia.

„Ich bin ein Berliner“ steht an der Grenzmauer bei Bethlehem, Dezember 2007. Quelle: wikipedia.

Über all die Angst, den Terror, die Gefahren um Sicherheit und Existenz des Staates Israel droht die stabilste Demokratie im Nahen Osten ihre Werte preiszugeben. Sicher, es handelt sich um Extremsituationen innerhalb der Kampftruppen. Doch die schiere Anzahl der allein im 2012 erschienen Buch dargestellten Fälle zeigt, dass eine grundlegende Auseinandersetzung Not tut. Davon will die israelische Regierung lieber nichts hören. Sie kritisiert vielmehr, die Anonymisierung der Interviews von Breaking the Silence, eine Vorbedingung dafür, dass viele Soldatinnen und Soldaten überhaupt mit der NGO sprechen. Eine Rückbesinnung auf die eigenen Werte, auf das Diskriminierungsgebot, wie es einst die Hagana durchzusetzen suchte, wäre an der Zeit. Sonst drohte Israel nicht nur seine Werte, sondern auch seine Sicherheit zu gefährden. Denn nach diesem Buch bezweifle ich (angesichts der drohenden Reaktionen) noch mehr als zuvor, dass das Ergebnis der beschriebenen Operationen in Westjordanland und Gazastreifen mehr Sicherheit für Israel bedeutet. In der israelischen Nationalhymne heißt es in der letzten Strophe: לֵךְ עַמִּי, לְשָׁלוֹם שׁוּב, „Geh mein Volk, kehre in Frieden zurück“. Doch von diesem Frieden mit den Palästinenserinnen und Palästinensern, vor allem aber mit sich selbst, scheint die israelische Armee weit entfernt.

PS: Eine persönliche Anmerkung zum Schluss: Ich habe mich mit diesem Beitrag äußerst schwer getan. Wie bereits auf diesem Blog erwähnt, habe ich selbst in Israel gelebt, liebe dieses Land. Mich hat Breaking the Silence erschüttert. Ich hielt die israelische Armee für skrupellos. Aber dass das israelische Militär offenbar massivste Menschenrechtsverletzungen nicht nur billigend in Kauf nimmt, sondern Teile der Truppe sie geradezu mit Lust herbeiführen, übersteigt mein Vorstellungsvermögen und all meine schlimmsten Befürchtungen. So kommt es, dass ich sagen muss: Sowohl wegen als auch trotz meiner Liebe zu Israel habe ich keinen Moment gezögert, dieses Buch – bei allen inneren Schwierigkeiten, die ich damit habe – auf diesem Blog zu rezensieren. Aber ich habe es nicht über’s Herz gebracht, einige Passagen des Buches hier im Wortlaut wiederzugeben, die mir in allen Knochen stecken, seitdem ich sie gelesen habe, weil sie mich tief erschüttert haben.

Informationen zusammengefasst:

Breaking the Silence (Herausgeber)

Breaking the Silence. Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten

2012. Berlin. Econ Verlag

Preis in Deutschland: 19,99 Euro

Über Breaking the Silence hat unter anderem auch die ARD-Sendung titel, thesen, temperamente berichtet.

Breaking the Silence hat nicht nur dieses Buch veröffentlicht. Die Organisation organisiert beispielsweise auch Führungen von ehemaligen Soldatinnen und Soldaten in die besetzten Gebiete an, bei denen ausführlich über die Praktiken und Erlebnisse berichtet wird.  Mehr Informationen gibt es hier und hier.

Übrigens: Mit 5 Broken Cameras ist ein Film derzeit aussichtsreich im Rennen um die Oscars, der ebenfalls das Handeln der Besatzungsmacht des israelischen Militärs im Westjordanland dokumentiert. Gedreht hat seinen Alltag ein palästinensischer Dorfbewohner mit einer kleinen Handkamera; Regisseur ist ein Israeli. Der Film konkurriert pikanterweise hauptsächlich mit The Gatekeepers, der die Rolle des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet seit dem Sechs-Tage-Krieg kritisch hinterfragt.

Lust auf mehr „Bücher des Monats“?

Dieses ist die zweite Folge. Als erstes wurde in dieser Kategorie Alexander Kluges‘ „Das Bohren harter Bretter“ besprochen.

Quelle des Artikelbildes auf der Bretterblog Startseite: http://coteret.com/?s=Breaking+the+Silence

2 Kommentare

  1. Hallo Tim,
    danke für die Rezension! Sehr informativ und anschaulich. Kenne mich im Hinblick auf Israel nur in Grundzügen aus, auch wenn ich deine Sympathie für das Land teile.
    Die neue Kategorie finde ich gut, macht weiter so.
    Beste Grüße aus Rabat
    Matthias

    1. Hallo Matthias,

      vielen Dank für die netten Worte und die Ermutigung!
      Viele Grüße
      Tim

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