Das Structure-Agency Problem in The Wire und Breaking Bad

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Ich gestehe, ich bin ein ziemlicher Nerd was amerikanische TV-Serien angeht. Battlestar Galactica, The Wire, Breaking Bad, Treme, Sopranos, Homeland, Game of Thrones, Lost,… you name it, ich habe sie gesehen. Mit großer Begeisterung. Ich bin auch ein ziemlicher Nerd, was Sozialwissenschaften angeht, logisch, schließlich ist es mein Beruf. Da liegt es nahe, dass mein Gehirn ungewöhnliche Querverbindungen zwischen beiden Leidenschaften herstellt. (Ich bin da gottseidank nicht alleine.) Die jüngste: Amerikanische TV-Serien veranschaulichen ziemlich offensichtlich das Struktur-Agenten Problem. Konkret: The Wire is about structure, Breaking Bad is about agency.

Wir erinnern uns: das Struktur-Agenten Problem ist eines der ältesten Probleme in den Sozialwissenschaften. Im Prinzip geht es um die Frage, was menschliches Handeln am stärksten beeinflusst: die soziale Struktur, in der wir uns bewegen, oder unsere eigenen, freien Handlungen? Was ist verantwortlich für die großen und kleinen Ereignisse in der Geschichte? Ist es das soziale Umfeld, die vorgegebenen historischen Bedingungen aus Politik, Wirtschaft, Technologie und Kultur, oder sind es die folgenreichen Entscheidungen weniger Frauen und Männer? Und wenn es ein Mix aus beidem ist: was wirkt und welchen Umständen stärker: Struktur oder Agent?

Antworten auf diesen Fragen gibt es jede Menge. Aber keine befriedigenden. So ist es erstaunlich wie zielsicher The Wire und Breaking Bad die Struktur-Agenten-Problematik abbilden. Oft treffender als so mancher Philosoph.

[Es liegt in der Natur der Sache, dass die folgenden Absätze notgedrungen nicht spoilerfrei bleiben können. Wer also The Wire oder Breaking Bad (oder gar beide?) noch nicht gesehen hat, sollte das schleunigst nachholen und wiederkommen!]

The Wire (Backgrounder hier) legt eine klare Betonung auf die Bedeutung sozialer Strukturen als Grundlage für menschliches Handeln. Und es zeigt schonungslos auf, welche massiven Hürden soziale Strukturen unserem Handeln auferlegen; Strukturen, derer wir uns nicht erwehren können, selbst wenn wir erkennen, dass sie kontraproduktiv sind und wir sie ändern wollen. Das wird am deutlichsten bei The Wires kongenialer Darstellung des Scheiterns von Institutionen. Der Oxonian schreibt hierzu:

Even if The Wire focuses on particular failing institutions, it implicitly makes a deeper point about institutions as such. As a society, our response to most problems that require collective action is to set up institutions that provide constraints and incentives to help align self-interest with the goal in question. Unfortunately, complex problems, such as education or crime, cannot be perfectly captured by institutional design. The gap between the incentives and constraints established by any institution and the goals it is meant to serve leaves a space for self-interest to subvert the original purpose of the institution. The Wire illustrates this tendency by showing its extreme manifestations in the war on drugs, in the public school system, and in democratic politics.

Institutionen bilden dabei den strukturellen Rahmen oder das „Spiel“ („The Game“), nach dessen absurden, perversen Regeln sich alle beteiligten Akteure (Polizei, Drogendealer, Politiker, Gewerkschaften…) zu richten haben, ob sie es wollen oder nicht. Noch mal der Oxonian dazu:

At every level the game provides certain goals to its players who are governed by strictly enforced rules of conduct. The drug trade is organised in the form of a bureaucratic hierarchy, and even spawns its own particular ideology through which participants justify their own actions, and interpret and evaluate the acts of others.

The “game” operates as a metaphor for all institutions. In addition to its role as adversary in the drug game, the police department is also the setting for a second game of career advancement, which is entirely controlled by appearances. Crime statistics must be shown to be dropping, whether or not there is any real effect, and anything which might embarrass the higher-ups must be concealed. Likewise, educators’ teaching strategies are largely controlled by the need to perform on standardised state testing on which their funding, and local control of the school, depends. Thus, the explicit aims of public institutions are subverted by internal games that they set up. Even well-intentioned cops and teachers are forced to play bureaucratic games in order to survive in their organisations.

Was beeinflusst also menschliches Handeln am grundlegendsten? Soziale Struktur oder eigenmächtiges Handeln? The Wires Antwort nach fünf Staffeln ist ganz eindeutig: die soziale Struktur.

Den Gegenpol dazu bildet eine andere amerikanische Serie, die auch den Drogenhandel als thematischen Hintergrund wählt. Breaking Bad. Kurzzusammenfassung: Der erfolglose Chemielehrer Walter White erhält die Diagnose, dass er an Krebs erkrankt sei und wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben habe. Da er seiner schwangere Frau und seinen Sohn nicht bloß mit den horrende Schulden der Behandlung hinterlassen möchte, tut er sich mit seinem ehemaligen Schüler Jesse Pinkman zusammen (der jetzt Drogendealer ist), um die Droge Crystal Meth zu kochen und ins Drogengeschäft einzusteigen. Dabei wird Walter immer erfolgreicher und sein Abstieg vom langweiligen, normalen Familienvater zum skrupellosen Drogenbaron beginnt.

In dem Abriss wird es schon deutlich: die ganze Serie beruht auf Walters folgenreichen Entscheidung, ins Drogengeschäft einzusteigen. Es ist diese eine Wahl (und die folgenden) die er trifft, die die kommenden Ereignisse bestimmt, nicht die soziale Struktur, in der er sich befindet. Er hätte sich auch anders entscheiden können.

Aber die Serie bleibt nicht bei dieser einen Entscheidung stehen. Im Fortgang der Geschichte trifft Walter immer wieder Entscheidungen, die ihn tiefer und tiefer in den moralischen Niedergang treiben. Er hat die Möglichkeit, Geld von Freunden anzunehmen und aus dem Drogengeschäft auszusteigen. Aber er lehnt ab. Und gewinnt im Verlauf der Show immer mehr Gefallen an der Macht (Vorsicht Spoiler nach dem Link) und dem Erfolg, den er im Drogengeschäft hat. Die Folgen seiner Entscheidungen auf seine eigene(n) moralische(n) Wertvorstellung(en) und auf seine Familie werden dabei schonungslos offen gelegt. So schreibt NPR:

Fate may not determine Walt’s choices, but the seemingly isolated decisions he has made for the sake of self-preservation have had the unintended consequence of damaging whatever moral compass he ever had.

Breaking Bads Antwort auf die Frage: Struktur oder Agent? ist eindeutig: Agent. Es sind unsere Handlungen, die entscheidend sind. Oder mit den Worten Walter Whites:

“What is going on with me is not about some disease. It’s about choices. Choices I have made. Choices I stand by.” (Season 4, Episode 6)

Zum Schluss vielleicht nur noch so viel: es spricht für beide Serien, dass sie nicht KOMPLETT auf die Darstellung von Struktur oder Agency fokussieren. Beide lassen genügend Raum für die jeweils andere Eigenschaft. Zwei Beispiele: In The Wire entscheidet sich Police Major Bunny Colvin dazu, in einem Viertel, den Drogenhandel quasi zu legalisieren, was zu einem Absacken der Drogenraten und wichtigen öffentlichen Gesundheitsinitiativen führt („Hamsterdam“). Eine mutige Entscheidung, die aber auf massiven Widerstand auf Seiten des Polizeipräsidiums und der Politik führt. Schließlich muss Colvin das Experiment abbrechen. Hier zeigt The Wire, dass auch einzelne Handlungen eine gewichtige Rolle spielen—aber oftmals gegen den massiven Druck sozialer Strukturen nicht durchzusetzen sind.

Und auch Walter Whites Entscheidungen finden nicht nur im luftleeren Raum statt. Hätte er weniger Geldprobleme, wenn das amerikanische Gesundheitssystem nicht solche massiven Kosten für eine Krebsbehandlung verursachen würden?

Beide Serien „wissen“ also um die Existenz des jeweils anderen Faktors, Struktur oder Agency, und spielen gekonnt mit ihm. Aber sie legen stets ihren eigenen Schwerpunkt. Großes Kino. Beziehungsweise Fernsehen.

(Picture: © AMC and HBO)

5 Kommentare

  1. Großes Fernsehen – Großer Artikel! Danke für den erfrischenden Blickwinkel!

  2. Ich kann mich hier nur zu THE WIRE äußern, „Breaking Bad“ kenne ich (noch?) nicht. Aber mir scheint Deine Lesart der Präferenz für die Strukturen in TW doch zu einseitig. Zwar gibst Du am Ende zu, dass auch die Handlungen der einzelnen Personen (in Deinem Falle von Bunny, ich würde auch auf jeden Fall noch McNulty als „starken Akteur“ mit hinzunehmen) wichtig sind – ich finde aber, dass die Sichtweise, die bei TW eine starke Gewichtung auf die Strukturen legt, der Darstellung nicht gerecht wird.
    „The Game“, welches von den unterschiedlichsten Charakteren immer wieder beschworen und als Erklärung herangerufen wird, funktioniert ja nur durch die Handlungen eben jener Akteure, die sich „konform“ verhalten bzw. eben auch die Regeln übertreten (McNulty). Nur durch ihre Handlungen, die sich eben ausrichten an „Konformität zum System“ oder eben „Regelübertretung“, wird die Struktur erst produziert und aufrecht erhalten. Insofern würde ich zwar auch nicht dafür plädieren, der Akteursebene die klare Vormacht gegenüber den Strukturen einzuräumen; in meinen Augen löst TW die Akteur-Struktur-Debatte eher in Richtung „Performanz des Akteurshandelns als konstitutives Element der Strukturen“ auf. Konzeptionalisiert man Strukturen eben als durch performative Handlungen entstehende „Diskurse“, die Handlungen gleichzeitig erst wieder sinnvoll (im Sinne von regelgeleitet) oder unsinnig (im Sinne von dissident?) etablieren, gewinnt man meines Erachtens nach einen besseren Einblick in die Welt West Baltimores: vor allem erscheint das Bild nicht mehr als rein negativ („Selbst gute Menschen mit reinen Motiven können gegen die bösen Strukturen nichts ausrichten“).

    1. Stefan, danke für das Feedback. Natürlich sind soziale Strukturen das aggregierte Handeln einzelner Menschen. In diesem Sinne ignoriert The Wire Agency natürlich nicht, sondern zeigt deutliche Anklänge an Giddens „Structuration“-Ansatz . Trotzdem liegt die Betonung auf der Struktur, da sie ein essentieller Bestandteil der Handlung ist. McNulty wird erst im Kontrast zu den absurden Routinen des Baltimoreschen Polizeisystems zum interessanten Charakter. The Wire ignoriert Agency nicht, aber stellt sie in starkem Kontrast zu den sozialen Strukturen, in dem sie stattfindet und legt dadurch meines Erachtens eben eine Betonung auf Struktur, wie sie in anderen Serien selten zu finden ist (Battlestar Galactica ist hier vllt eine Ausnahme; ebenso Game of Thrones). Diese Betonung wird am deutlichsten im Kontrast zu anderen Serien, insbesondere zu Breaking Bad (welches seinerseits die soziale Struktur natürlich, wie erwähnt, auch nicht ignoriert). Absolut gesehen ist die The Wires Betonung der Struktur daher gar nicht so ersichtlich, im Vergleich hingegen schon.

      1. Also, soziales Handeln wird doch, wenn ich mal vereinfachen und überspitzen darf (wir sind ja hier auf nem Blog und nicht auf der ISA), erst dann unter „agency“ subsumiert, wenn deviantes Verhalten zum etablierten „status quo“ sichtbar wird. Ansonsten haben die Akteure keine „agency“, sondern fügen sich bloß den Vorgaben, die ihnen die Struktur(en) lässt bzw. lassen. Dieses abweichende, regelbrechende Verhalten taucht ja immer wieder auf – ich würde behaupten, dass OHNE dieses Verhalten gar keine (gute) Serie auskommt, da sonst die Handlung sehr schematisch abläuft.
        Ich würde auch gar nicht widersprechen, dass TW die Strukturen sehr wichtig nimmt. Aber ich finde hier (wie in der wissenschaftlichen Debatte auch) die Gegenüberstellung eine künstliche bzw. eine, die nur bedingt weiterhilft. Ich bin da eher bei Doty als bei Wight, um es mal wieder akademisch auszudrücken😉

  3. Interessant, wobei ich nur „The Wire“ komplett gesehen habe (Sowie beide Bücher von David Simon gelesen habe, die übrigens noch viel detaillierter auf oben genannte Frage eingehen). Von „Breaking Bad“ kenne ich nur die erste Staffel.

    Du hast sie also alle gesehen? Zwei meiner Lieblingsserien sind gar nicht auf der Liste:
    „Southland“ auch bekannt als „The best Cop Show since ‚the Wire'“. Wirklich sehr gut. Vor allem ab der zweiten Staffel.
    Und „Justified“, meine aktueller Favorit (Staffel 4 mit aktuell 90% bei Metacritic)

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