Wider die elende Gleichmacherei

Panzer der Waffen-SS beim Einsatz an der Ostfront. Quelle: Bundesarchiv via Wikipedia.

Panzer der Waffen-SS beim Einsatz an der Ostfront. Quelle: Bundesarchiv via Wikipedia.

Mit dem Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ hat das ZDF eine neue Diskussion über das Verhalten und die Verantwortung der Deutschen während des Zweiten Weltkrieges ausgelöst. Doch die Hoffnung auf eine Differenzierung der öffentlichen Diskussion wurde in den Talkshows des Senders rasch enttäuscht.

Begleitet von einer umfangreichen, zumeist positiven Medienberichterstattung lief vor wenigen Tagen im ZDF mit dem Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ ein Film, der einmal mehr versucht, eine neue Diskussion über den Zweiten Weltkrieg und den Umgang mit der Geschichte anzustoßen. Der Film erzählt die Geschichte von fünf Freunden, die 1941 in Berlin leben. Alle fünf sind anfangs vergnügte junge Menschen, die sich im Verlauf des Krieges dramatisch verändern: Da sind die Brüder Wilhelm und Friedhelm, die als Wehrmachtssoldaten an der Ostfront kämpfen, von Angst und Gehorsam zerfressen zu Mördern werden. Beide erschießen Unbewaffnete und Zivilisten. Die dritte im Kreis der Freunde ist Charlotte. Sie meldet sich als freiwillige Krankenschwester und wird hinter die Ostfront verlegt. Dort erlebt sie nicht nur das Grauen des Krieges, sondern denunziert eine jüdische Krankenschwester. Zum Freundeskreis gehört außerdem noch Greta, die als Sängerin dem NS-Regime dient und eine Affäre mit einem SS-Sturmbannführer eingeht, um ihre Karriere zu befördern aber auch, um ihrem jüdischen Freund Viktor falsche Papiere zur Ausreise zu beschaffen. Viktor, der fünfte der Freunde, wird dennoch verhaftet und in einen Deportationszug gezwungen, aus dem ihm jedoch auf polnischem Territorium die Flucht gelingt. Er schließt sich der polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa), die gegen die deutsche Besatzung kämpft, an.

Sehenswert ist der Filmdreiteiler, weil er über die vier nicht-jüdischen Deutschen nicht richtet, sie aber auch nicht aus ihrer Verantwortung entlässt. Wilhelm, Friedhelm, Greta und Charlotte werden als junge Menschen charakterisiert, die keine von Grund auf schlechten Menschen sind, die jedoch geprägt von gesellschaftlichen und politischen Strukturen unmenschlich handeln und Verbrechen begehen. Man kann sie nicht verdammen, genauso wenig aber ihr Verhalten gutheißen. Sie werden gleichzeitig als Täter und Opfer porträtiert.

Soldatenfriedhof an der Ostfront. Quelle: Wikipedia.

Soldatenfriedhof an der Ostfront. Quelle: Wikipedia.

Die Stärke des Films liegt daher darin, dass die Frage, wie wir uns selbst in einer solchen Situation verhalten würden oder verhalten hätten, sich förmlich aufdrängt. Dass wir uns dabei unseres noblen, moralischen Charakters nicht zu gewiss sein sollten und wir dies bei der Beurteilung unsere Väter, Mütter – oder mittlerweile wohl eher: unserer Großväter und Großmütter – im Bewusstsein haben müssen, ist eine wichtige Anregung, den der Film in die öffentliche Diskussion einbringt.

Der Film hat jedoch auch erhebliche Schwächen: Besonders gravierend ist, dass im Filmdreiteiler kein einziger wirklich überzeugter Nationalsozialist unter den Protagonisten zu finden ist. Das ist verwunderlich, denn gerade innerhalb der Jugend war die Begeisterung für den Krieg groß: Die jungen Menschen waren in NS-Deutschland aufgewachsen und erzogen worden, hatten tagtäglich die NS-Ideologie in er Schule gehört, waren Mitglied in der Hitler Jugend oder beim Bund Deutscher Mädel gewesen. Auch gehörten antisemitische Vorurteile zum Alltagsdenken, selbst wenn eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung nicht für die Ermordung der europäischen Juden gewesen war. Ausgeprägt waren darüber hinaus der Antibolschewismus und das Gefühl der Überlegenheit gegenüber osteuropäischen Völkern. Die deutsche Bevölkerung wählte mit 43,9% Prozent die NSDAP einschließlich ihrer lautstark propagierten Rasseideologie. Den vier nicht-jüdischen Protagonisten in „Unsere Mütter, unsere Väter“ kommt aber kaum nationalsozialistisches Gedankengut über die Lippen.

Indem die Opferrolle, in der sich die vier nicht-jüdischen Deutschen wiederfinden, in den Mittelpunkt gerückt wird, droht auch der Blick auf die Unmenschlichkeit und die Verbrechen verstellt zu werden, die in ihrem Namen und indirekt mit ihrer Unterstützung durch das NS-Regime verübt wurden. Die Wehrmacht schützte militärisch die Gebiete, in denen die Vernichtungslager entstanden. Im Namen des deutschen Volkes verübte die SS dort millionenfachen Mord an unschuldigen Kindern, Frauen und Männern.

Manch einer mag nun argumentieren, dass diese Verbrechen der deutschen Bevölkerung nicht bekannt waren. Doch diese Argumentation übersieht, dass nicht nur die Rasseideologie der Nationalsozialisten lange bekannt war, sondern sich auch ihre Umsetzung vor den Augen der deutschen Öffentlichkeit deutlich zeigte: Das NS-Regime beließ es nicht bei der Feststellung, die Juden seien das Unglück des deutschen Volkes, sondern rief erst zum Boykott jüdischer Läden auf, verhängte dann Berufsverbote, schloss Juden von Bildungseinrichtungen aus, attackierte jüdische Einrichtungen, Synagogen brannten während der Reichspogromnacht… Schließlich wurden die Deutschen Zeuge der Deportationen der Juden: In Frankfurt am Main wurde die jüdische Bevölkerung beispielsweise über die größte Einkaufsstraße der Innenstadt, die „Zeil“ getrieben.

Nur die wenigsten Deutschen werden sich die Frage gestellt haben, was eigentlich mit all den deportierten jüdischen Mitbürgern passiert. Ich behaupte, dass kaum jemand erwartet hat, dass sie jemals zurückkommen würden.

Leichen im KZ Buchenwald aufgenommen von einem amerikanischen Reporter nach der Befreiung. Quelle: Bundesarchiv via Wikipedia.

Leichen im KZ Buchenwald aufgenommen von einem amerikanischen Reporter nach der Befreiung. Quelle: Bundesarchiv via Wikipedia.

Auch die Tatsache, dass sich kaum jemand dieser Generation an den Tag erinnern kann, als sie selbst zum ersten Mal von den Massenmorden in den Vernichtungslagern, zum ersten Mal von Auschwitz hörten, bestätigt, dass diese Neuigkeiten nicht völlig überraschend kamen. Sie entsprachen offenbar in etwa dem, was man unausgesprochen erahnt hatte. Diese Schicksale bewegten die Bevölkerung im Nachkriegsdeutschland offenbar nicht so tief, dass sie sich auch nur im Geringsten an den Tag erinnern könnten, an dem sie erstmals von Auschwitz erfuhren.

Wenn es also darum geht, ein neues Bild von der „Kriegsgeneration“ zu bekommen, so reicht es nicht aus, sich die Frage zu stellen, was bereits während des Krieges über die Massenmorde der Konzentrationslager oder die Gräueltaten, die die Wehrmacht vornehmlich in Osteuropa vor allem gegenüber Juden und Partisanen verübte, bekannt war, sondern auch, wie ungerührt sie die Nachrichten darüber im Nachkriegsdeutschland zur Kenntnis nahmen. Es geht in der Betrachtung dieser Generation nicht nur um die Kriegs-, sondern auch um die Nachkriegszeit, in der keine Angst vor Repressionen bestand, sondern in der eine aktive und kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit ein Segen für die junge Demokratie gewesen wäre.

Auch deshalb wurde die „Kriegsgeneration“ von ihren Kindern heftig kritisiert. „Traue keinem über dreißig“, hieß es in der 68er-Bewegung.

Diese Reaktion der nachfolgenden Generation war wichtig und nachvollziehbar. Sie führte jedoch auch dazu, dass ein Aspekt, der in „Unsere Mütter, unsere Väter“ nun in den Mittelpunkt gerückt wird, übersehen wurde: dass auch viele Deutsche Opfer des Krieges wurden. Bei aller berechtigten Kritik daran, dass die Akteure damals sich nicht gegen das System wandten, darf nicht übersehen werden, dass gerade diejenigen, die in der NS-Zeit aufwuchsen, von einer grauenhaften, unmenschlichen gesellschaftlichen Struktur geprägt wurden.

Kurzum: Trotz einiger Schwächen könnte „Unsere Mütter, unsere Väter“ ein guter wenn auch (zu) später Anlass sein (denn die „Kriegsgeneration“ ist schon zu ganz erheblichen Teilen verstorben), eine neue Diskussion über den Zweiten Weltkrieg, die NS-Zeit aber auch ihre mangelhafte Aufarbeitung auf der Ebene persönlicher Verantwortung zu führen.

Erschießung von vermeindlichen Partisanen durch die deutsche Wehrmacht. Quelle: Bundesarchiv via Wikipeida.

Erschießung von vermeindlichen Partisanen durch die deutsche Wehrmacht. Quelle: Bundesarchiv via Wikipeida.

Eine solche öffentliche Debatte wollte das ZDF offenbar auch mit einer Reihe von Talkshows initiieren, die der Sender zu „Unsere Mütter, unsere Väter ausstrahlte. Doch dieser Versuch missglückte: Bei „Peter Hahne“gab der 1926 geborene Journalist Mainhardt Graf von Nayhauß-Cormons seine Kriegsanekdoten zum Besten, die 31-jährige Schauspielerin Henriette Richter-Röhl nickte dazu mit mitleidender Miene. Bei „Maybrit Illner“ breitete Dieter-Thomas Heck seine formelhaft vorgetragene Geschichte aus, wie er vierjährig verschüttet wurde. Gunther Emmerlich beklagte, dass sein Vater im Zweiten Weltkrieg verschollen blieb und seine Mutter an gebrochenem Herzen starb. Diese Schicksale sind tragisch. Die Frage ist aber, was wir in einem solchen Gesprächszusammenhang davon lernen können und welchen Erkenntniszuwachs sie einem Fernsehpublikum heutzutage bieten. Immerhin bekam Daniel Cohn-Bendit in der Sendung die Möglichkeit darauf hinweisen, dass die deutschen Soldaten zwar Opfer waren, aber eben für ein unmenschliches Regime kämpften, während es die alliierten Soldaten, ebenfalls Opfer des Krieges, waren, die ihr Leben für die Freiheit riskierten. Und das macht auch bei einer unideologischeren Betrachtung weiterhin einen ganz entscheidenden Unterschied.

Am schlimmsten aber war die Sendung „Markus Lanz“. Zu Gast waren der Historiker Arnulf Baring, die „Piratin“ Marina Weisband, der Journalist Claus Strunz, die Schauspielerin Christiane Paul und der Kabarettist Dirk Stermann. Baring, Jahrgang 1932, spielte dabei eine unsägliche Rolle. Gleich eingangs stellt er fest: „Ganz großartig in dem Film ist, dass man sieht, dass die ganze Teilung, von der wir seit Jahrzehnten reden – nämlich zwischen Opfern und Tätern –, dass die nicht hinhaut. Auch die Opfer sind irgendwo Täter und die Täter sind irgendwo Opfer.“ Später konkretisiert er dies: „Diese Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern, die Deutschen sind ein Tätervolk und die Juden sind Opfer… – Nein! Auch viele Juden … haben Andere verraten um ihre eigene Haut zu retten.“ Markus Lanz nickte. „Natürlich“, war sein Kommentar. Sprach Baring über die Verbrechen des NS-Regimes, so erwähnte er stets Hitler. Hier offenbarte sich, dass er die Täterrolle der deutschen Bevölkerung deutlich relativieren wollte: Erstens seien ja alle Täter und Opfer und außerdem dieser böse Hitler für all die schlimmen Taten verantwortlich.

Wie sehr Baring bis heute dieser Zeit verhaftet ist, wurde deutlich, wenn er darüber plauderte, wie er als Kind die Weltherrschaft unter seinen Freunden verteilt oder die anfänglichen militärischen Erfolge der Wehrmacht auf Landkarten nachvollzogen hatte und bei diesen Erinnerungen leuchtende Augen bekam.

Bezog Baring seine Aussage, auch die Juden seien Täter gewesen, direkt auf den Film, so kam er stets auf die Mitwirkung des Juden Viktor im polnischen Widerstand zu sprechen. Das Handeln der polnischen Heimatarmee stufte er dabei offenbar als ein Verbrechen ein. Es gehört zum Wesen eines militärischen Widerstands gegen eine Besatzungsmacht, dass die Soldaten der letzteren angegriffen werden. Die Heimatarmee ist nicht als besonders brutal bekannt. Was Baring machte, war perfide: Er setzte den Widerstand gegen eine Besatzungsmacht mit dem brutalen Vorgehen der Wehrmacht gleich und bezeichnete die Tatsache, dass Viktor gegen die kaltblütigen Mörder seiner gesamten Verwandtschaft aktiv wurde, als Schuld, die ihn zum Täter mache.

Hinrichtung von russischen Partisanen durch die Wehrmacht. Quelle: bundesarchiv via Wikipedia.

Hinrichtung von russischen Partisanen durch die Wehrmacht 1943. Quelle: bundesarchiv via Wikipedia.

Überhaupt zählt die Charakterisierung der polnischen Heimatarmee zu den pauschalisierenden Gleichmachereien von „Unsere Mütter, unsere Väter“, die diese Debatte unerträglich machen: Zwar zeigt der Film, dass die deutsche Wehrmacht äußerst brutal gegen Partisanen vorging. Doch die „Heimatarmee“ erscheint in ihrer Rücksichtslosigkeit, vor allem aber in ihrem Antisemitismus der deutschen Wehrmacht vergleichbar. Diese Darstellung aber ist historisch nicht zu halten: Die Verbrechen, die die deutsche Wehrmacht an den polnischen Partisanen nicht nur im Warschauer Aufstand von 1944 (nicht zu verwechseln mit dem Warschauer Gettoaufstand 1943), der 500.000 Menschenleben kostete, verübte, haben ein auch für kriegerische Auseinandersetzungen ungewöhnliches Maß an Brutalität gezeigt. Umgekehrt ist richtig, dass in Polen allgemein ein breiter Antisemitismus in den 1930er und 1940er Jahren bestand. Das Massaker von Jedwabne 10. Juli 1941 und die polnische (Mit-)Verantwortung dafür, haben in diesem Zusammenhang viel Aufmerksamkeit erregt. Doch gerade das Verhalten der Heimatarmee ist sehr viel ambivalenter: Sie war es, die 1942 die ersten Berichte über die nationalsozialistischen Vernichtungslager nach London funkte; sie stellte jüdischen Organisationen ihr Nachrichtennetz, vereinzelt sogar Waffen zur Verfügung. Hinzu tritt dass die Heimatarmee mit der Volksgarde (Gwardia Ludowa) kooperierte, die aktiv den jüdischen Gettoaufstand unterstützt und im Anschluss jüdische Mitglieder in ihren Reihen hatte. Nichtsdestotrotz sind auch von der Heimatarmee auch organisierte antisemitische Übergriffe bekannt. Die Eindeutigkeit, in der sie in „Unsere Mütter, unsere Väter“ als antisemitisch gebrandmarkt wird, ist aber historisch falsch.

Bei Markus Lanz fand all dies keinerlei Würdigung. Der erregte Historiker Baring nahm solche Differenzierungen nicht vor. Claus Strunz waren Barings Anschuldigungen gegenüber „den Anderen“ wenigstens „ein Ticken zu vehement“. Dieser Anflug von Kritik brachte Baring dazu noch einmal nachzulegen: „Dann nehmen Sie doch den Russland-Feldzug: Die Grausamkeit der Russen kommt in dem Film überhaupt nicht vor. Die muss aber eines Tages mit rein, weil ein Teil der Brutalität der Deutschen war natürlich auch dadurch zu erklären, dass das ein Vernichtungskrieg auf beiden Seiten war.“

Das klang nach einer Mitschuld der Roten Armee an den Verbrechen der Deutschen Wehrmacht, eine unsägliche These, die verdächtig nach den reaktionären Einschätzungen aus dem Historikerstreit, über den an anderer Stelle auf diesem Blog bereits geschrieben wurde, erinnert.

Der Moderator Lanz ließ Baring gewähren. Und es kam noch schlimmer: Der Moderator wandte sich nämlich nun Marina Weisband zu, die er nach ihrer Familienbiographie fragte. Weisband ist Jüdin und stammt aus Kiew, der Hauptstadt der Ukraine, ihr Großvater war Soldat der Roten Armee. Marina Weisband wollte nun nicht in den allgemeinen Chor der Opfer einstimmen, was Lanz und Baring erregte. Sie konnten nicht akzeptieren, dass Weisband nicht über ihre Familienbiographie sprechen wollte. War es so schwer verständlich, dass sie sich in solch einer Atmosphäre neben Arnulf Baring sitzend derart unwohl fühlte und nicht über das schlimmste Grauen und die Folgen sprechen wollte, die ihrer Familie und ihr widerfahren waren?!

Was wäre geschehen, wenn Marina Weisband dem Drängen nachgegeben hätte?

Zweifellos wäre der Eindruck eines Beisammenseins lauter Opfer entstanden. Täter? Welche Täter?! Denn bei allem Verständnis dafür, dass über die Rolle der vielen „einfachen Wehrmachtssoldaten“ neu nachgedacht werden muss: Die Geschichten der nicht-jüdischen Deutschen und der vom NS-Terror betroffenen Juden, Sinti und Roma ist alles andere als gleich. Der Mord, der in Vernichtungslagern geschah, kann nicht gleich neben die Geschichten deutscher Wehrmachtssoldaten von der Ostfront gesetzt werden. Was eine deutsche Krankenschwester wie Charlotte im Film hinter der Front erlebt, ist schrecklich. Aber es kann nicht mit dem Massenmord von Babyn Jar verglichen werden, bei dem in einer Schlucht nahe Kiew von SS-Truppen mit Unterstützung der 6. Armee der Wehrmacht innerhalb von sechsunddreißig Stunden mehr als 33.000 Juden erschossen oder bei lebendigem Leibe begraben wurden. Als Baring dann Marina Weisband über die Gräuel von Babyn Jar aufklären wollte, entfuhr es der sonst bemerkenswert beherrscht Auftretenden: „Von Babyn Jar habe ich erzählt bekommen, bis ich geweint habe. Meine Verwandten haben mir berichtet, wie sich die Erde noch wochenlang bewegt hat.“ Doch diese ergreifende Äußerung von Weisband blieb unbeachtet.

So kam es, dass ich Marina Weisband geradezu dankbar für ihre Verweigerungshaltung war. Ungleiches darf nicht gleich gemacht werden. Das Leid, die Qualen und die Verbrechen, die begangen wurden, lassen sich eben nicht einfach nebeneinanderstellen. Die jungen Deutschen, die zweifellos auch zu Kriegsopfern wurden, tragen erhebliche Schuld mit sich, sind gleichzeitig Täter und haben sich zumeist seither niemals ernsthaft und kritisch damit auseinandergesetzt.

Doch Marina Weisbands Verweigerung verweist noch auf ein zweites, weitgehend unbekanntes und in der Konstellation der Talkrunde bei Markus Lanz paradoxes Phänomen hin, das in Folge einer Intervention von Christiane Paul in Andeutungen sichtbar wurde. Paul erzählte, eine ihrer Freundinnen sei zum Judentum übergetreten und mit der Aussage konfrontiert worden, sie werde von nun an die Last der Verfolgungsgeschichte mit tragen müssen. Sie sei auf dieses Leben in starker Auseinandersetzung, ja förmlich mit der Geschichte immer „neidisch“ gewesen. Es verblüffe sie, Christiane Paul, daher, wie Weisband sich verhalte. Diese Verwunderung meinte sie wohl nicht vorwurfsvoll.

Interessant daran ist nun, dass Christiane Paul offenbar auf etwas „neidisch“ war, was Marina Weisband möglicherweise gern loswerden würde: die permanente Rückführung und die Last der Geschichte, die von der Opferrolle der Juden geprägt ist. Mir schien, dass Weisbands Aussage, sie „fasziniere das Marina-Du-Als-Jüdin-Ding nicht“, genau damit zusammenhing. Es wäre jedenfalls nicht verwunderlich, wenn Weisband die Opferrolle – oder die Reduktion auf die Opferrolle – leid wäre. So entstand die paradoxe Situation, dass sich die „deutsche Seite“ danach drängte, von der Jüdin Weisband ihre Opferrolle anerkannt zu bekommen, sich empörten, als diese Anerkennung verwehrt wurde und dabei obendrein übersahen, dass Weisband ihrerseits weg strebte von der historischen Einteilung. Statt auf die „Aufforderung Schauermärchen von Babyn Jar“ zu erzählen, wie es Weisband ausdrückte, versuchte sie weg vom Opferstatus zu kommen und den Fokus auf Gegenwart und Zukunft zu richten: Was können wir tun, damit dies nicht mehr geschieht? Was können wir lernen, was verstehen?

Baring konnte dieser Versuch, dem Gespräch eine neue Wendung zu geben, freilich nicht gefallen. Er nannte Weisbands Interventionen denn auch umgehend „oberflächlich“. Schrecken und Leid des Zweiten Weltkriegs gingen angesichts von zwei Millionen vergewaltigter deutscher Frauen weiter, die die dadurch erlittenen Traumata an ihre Kinder weitergegeben hätten. Weil es Baring aber vor allem um die Umschreibung der Geschichte und die Anerkennung des Opferstatus für die Deutschen ging, schloss er aus diesen in der Tat furchtbaren Ereignissen nicht, dass Lehren aus der Geschichte für Gegenwart und Zukunft zwingend notwendig sind.

Ich will abschließend bei den Bezügen und Lehren für Gegenwart und Zukunft bleiben. Weisband verdeutlichte, dass die Aktualität des Themas auf der Hand liege: So zitierte sie eine Studie des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, der belegt, dass 20% der Deutschen heute antisemitische Vorurteile hegen. Auch die Tatsache, dass wir die NSU Morde nicht aufklären können und so lange übersehen haben, sollte uns Warnung sein. Nur verantwortliches Handeln kann diesen Anfängen wehren. An diesem Punkt verdeutlichte Weisband, dass sie genau hierin einen zentralen Impuls der Piratenpartei sehe. Deren Botschaft sei: Macht mit, gestaltet unser Land. Doch statt diesen Impuls über parteipolitische Assoziationen hinweg aufzugreifen und zu befördern, wurden ihre Ziele bei „Markus Lanz“ belächelt und als „pubertär“ verspottet. In vielen inhaltlichen Fragen kann man die Piratenpartei aus meiner Sicht mit guten Argumenten konfrontieren und kritisieren. Aber als Weisband gefragt wurde, warum sie keine Verantwortung übernehme, nicht für den Bundestag oder ein Parteiamt kandidiere, wurde endgültig deutlich, dass die Runde nichts von dem verstanden hatte, was Weisband als Lehre aus der Geschichte ziehen wollte: Nämlich, dass gesellschaftliche Verantwortung nirgendwo und bei niemandem abgegeben werden kann, auch nicht bei Politikerinnen und Politikern. Die Runde wollte nicht begreifen, welch hohe Verantwortung wir tragen und welch ein hohes Gut ein mündiger, politisch und gesellschaftlich engagierter Bürger für unsere Demokratie darstellt.

PS: Demnächst auf dem Bretterblog: Ein Bericht über eine Initiative zum Schutz der Gräber von Überlebenden des NS-Terrors auf deutschen Friedhöfen, an der sich auch der Autor dieses Beitrags beteiligt. Mehr zu dieser Initiative erfahren Sie schon jetzt hier.

Weitere Berichte zur Sendung von Markus Lanz veröffentlichten u.a. der Freitag, Alice Schwarzer auf ihrem Blog, und publikative.org.

5 Kommentare

  1. Ein wirklich lesenswerter Artikel!

  2. U. Artmann · · Antworten

    Vielen Dank für diesen Artikel!
    Immerhin, so zumindest die Beobachtung im Freundes- und Familienkreis, hat „Unsere Väter, unsere Mütter“ eine Diskussion über das Verhalten und die Traumatisierung der Kriegsgeneration ausgelöst. Mehr kann man von einer Fernsehproduktion (im besten Sinne) vielleicht nicht erwarten. Und vom deutschen Talkshow-Wesen war (bedauerlicherweise) vielleicht auch nicht mehr zu erwarten.

  3. Susanna · · Antworten

    Vielen Dank für diese gute Analyse der aktuellen Debatte, die dieser Film anscheinend ausgelöst hat. Gerade der Kommentar zur Lanz-Sendung spricht mir aus dem Herzen. Ich war sehr schockiert über den Umgang mit der Täter-Opfer-Frage und Barings Aussagen, denen so niemand widersprechen wollte. Der Film lässt zudem viele Fragen offen und befördert eine einseitige Betrachtung dieses Kapitel der deutschen Geschichte. Deshalb weigere ich mich, dass der Dreiteiler ein medialer Meilenstein in der deutschen Aufarbeitung sein soll.

  4. doof,ist nur daß die Herrschaften hier die Tötung deutscher Zivilisten zu millionen(Frauen,Kinder und Alte Vierteilung mittels Motorfahrzeugen,Pfählung,Kinder an den Beinen gepackt und an Wänden tot geschlagen usw. usw.) ausser acht lassen. Für diese Schändlichkeit wird in der Zukunft noch teuer bezahlt werden!

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