1913 & 2013: The Great Illusion?

Es ist zwar unumstritten, dass die (europäische) Welt vor dem 1. Weltkrieg bereits zu einem hohen Maße „globalisiert“ war. Trotzdem war ich kürzlich doch überrascht, mit welcher Klarheit bereits 1911 und 1913 der Friedensnobelpreisträger Norman Angell den Zusammenhang von Globalisierung, wirtschaftlichen und finanziellen Interdependenzen einerseits und der (Un-) Wahrscheinlichkeit (regionaler) zwischenstaatlicher Kriege beschrieb.

1913 fliegt Adolphe Pégoud einen Looping | By user:Zinnmann (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

1913 flog Adolphe Pégoud erstmals einen Looping und wurde zu einem der ersten Starpiloten. Im 1. Weltkrieg war er bis zu seinem Tod Jagdpilot. | By user: Zinnmann (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

Auf die Arbeiten von Angell bin ich in dem – hiermit wärmstens empfohlenen – Buch von Florian Illies „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ (hier zur Rezension der FAZ) gestoßen. Illies hat in diesem Buch eine eindrucksvolle Collage der Ereignisse des Jahres 1913 zusammengestellt, die an vielen Stellen auf alles andere als einen bevorstehenden Weltkrieg verweisen: Europa floriert in Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Literatur. Punktuell setzt Illies dieses Bild in schroffen Kontrast zu den Vorboten einer düsteren Zukunft:

In den ersten Monaten des Jahres 1913 also waren mit Stalin, Hitler und Tito, die zwei größten Tyrannen des 20. Jahrhunderts und einer der übelsten Diktatoren, für einen kurzen Moment gleichzeitig in Wien. (S. 41)

Eine dieser Blüten stellt Norman Angells Buch „The Great Illusion. A Study of the Relation of Military Power to National Advantage“ (hier in unterschiedlichen Formaten frei verfügbar) dar. Ich muss gestehen, dass ich nur kurz in das Buch reingelesen habe, weswegen ich mir hier mit Illies Zusammenfassung von Angells Thesen behelfe:

Angell legt dar, dass das Zeitalter der Globalisierung Weltkriege unmöglich mache, da alle Länder längst wirtschaftlich zu eng miteinander verknüpft seien. Und Angell sagt, dass neben den wirtschaftlichen Netzwerken auch die internationalen Verbindungen in der Kommunikation und vor allem auch in der Finanzwelt einen Krieg sinnlos machen. Angell argumentiert so: Selbst wenn das deutsche Militär sich vielleicht an England messen wolle, gebe es ‚keine bedeutsame Einrichtung in Deutschland, die nicht schweren Schaden leiden‘ werde. Deshalb werde der Krieg verhindert, weil dann ‚der Einfluss der gesamten deutschen Finanzwelt gegenüber der deutschen Regierung zum Tragen kommen würde, um eine für den deutschen Handel ruinöse Situation zu beenden‘. (S. 155)

Während dieser Befund 1913 laut Illies überall in der Welt en vogue war, rüsteten die Großmächte stetig auf; Illies notiert lapidar, dass der Reichstag 1913 „der Erhöhung der Friedenspäsenzstärke von 117.267 auf 661.478 Mann [zustimmte]“. Dass die Geschichte die Prognose Angells gnadenlos widerlegen sollte, bedarf hier keiner weiteren Erläuterungen: Der 1. Weltkrieg von 1914 bis 1918 bildete die Urkatastrophe des „Kurzen 20. Jahrhunderts“ und bereite den Weg hinein in den 2. Weltkrieg, wie Eric Hobsbawn in seiner Geschichte des 20. Jahrhunderts – dem „Age of Extremes“ – dargelegt hat.

Inwieweit Illies nicht nur diesen Kontrast sondern auch die Analogie mit der heutigen Zeit bewusst provozieren will, sei dahin gestellt. Die Überlappungen sind zumindest auf den ersten Blick offensichtlich, so dass sich die Frage stellt, ob der Vergleich wirklich hält? Sind die Argumente die Politik und Forschung in Bezug auf die Europäische Integration, das Konzept der komplexen Interdependenzen und selbstverständlich in der jüngeren Literatur zu Globalisierung vorbringen trügerisch? Sind vielleicht diese weit verbreiteten Annahmen die eigentliche Illusion? Was macht die Gretchenfrage der Internationalen Beziehungen nach dem friedvollen oder konfliktiven Aufstieg Chinas heute aus und was unterscheidet sie von der damaligen Situation? Sehen wir in der blockierten internationalen Klimapolitik bereits den Vorboten einer neuen potentiell konfliktträchtigen Multipolarität? Und was sagt uns das alles über die aktuelle Krise in Europa und oft beschworenen Fliehkräfte innerhalb der EU?

Den letzteren Aspekt greift beispielsweise Paul Krugman in seinem New York Times Op-Ed „Europe’s Great Illusion“ auf. Mit Hinblick auf den zweiten Aspekt wurde im Vorfeld der Klima-Konferenz in Kopenhagen 2009 davor gewarnt, ähnliche Fehler zu begehen, wie zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in Versailles (hier findet sich Ian Clarks Vortrag „Copenhagen: The New Versailles?“ von 2009). Mit der Rolle Chinas und potentiellen regionalen Konflikten im Lichte von Angells Annahmen setzt sich Jeremy Warner in einem Artikel im Telegraph auseinander. Er schließt:

It feels like a very slippery slope. Angell didn’t see catastrophe approaching, despite it staring him in the face. The present slide towards the abyss is more obvious still; we’ve got the historical precedents to act as warning lights. But it doesn’t seem to make us any more alert to the dangers. Mankind’s capacity for willful self-destruction never ceases to amaze.

Was haltet Ihr von dem Vergleich unserer Zeit mit dem Blick Angells auf das frühe 20. Jahrhundert? Ich würde mich über Kommentare von Euch freuen! Was kann man von Angells (hier nur holzschnittartig skizzierten) Trugschluss lernen, oder ist die Konstellation heute überhaupt nicht vergleichbar? Welche Theorieansätze der Internationalen Beziehungen sind am überzeugendsten? Der offensive Neorealismus á la Mearsheimer, der Rüstungsspiralen und „China’s Unpeaceful Rise“ als unausweichbar ansieht? Die bereits angesprochenen interdependenztheoretischen Ansätze im Sinne Keohane’s und Nye’s? Oder sollten stärker konstruktivistische Argumente geltend gemacht werden, die z.B. in Bezug auf die Europäische Union die Kraft kollektiver Identitäten und gemeinsamer Normen betonen? Mit Blick auf den Vergleich der Jahre 1913 und 2013 schließt Thomas Weber in der FAZ-Rezension optimistisch:

Der Kriegsausbruch 1914 war eine mögliche, aber unwahrscheinliche Zukunft, da die internationalen Beziehungen seit geraumer Zeit schwankungsanfälliger und volatiler geworden waren. Wenn überhaupt, entspricht das Europa des Jahres 2012 viel eher als das Europa der Jahre zwischen 1914 und 1989 den Zukunftserwartungen des Jahres 1913.

Wer noch weiterlesen möchte, sei auf einen (nicht ganz aktuellen) Artikel im International Studies Review verwiesen: The great illusion revisited: the international theory of Norman Angell (gated).

2 Kommentare

  1. Passend dazu scheint mir die Diskussion um „Nuclear Zero“: http://nationalinterest.org/commentary/tni-classic-kenneth-waltz-nuclear-zero-8488

    Können wir die Nukes jetzt abschaffen, weil alles prima ist und wir nur noch Angst vor Terroristen haben sollten? Oder ist alles nur deshalb mehr oder weniger stabil, weil die Raketen für WW3 bereit stehen?

    Ich bin nicht besonders gut im Thema, tendiere aber stark zu Waltz’schem „nuclear few“ statt „zero“…

  2. Gerade beim Economist entdeckt: Ähnlich wie Illies beschäftigt sich auch der Historiker Charles Emmerson mit dem Jahr 1913 nicht nur mit dem Blick auf Europa sondern auch auf andere Weltstädte rund um den Globus. Der Titel: ‚1913: In Search for the World before the Great War‘.

    Passend zur Analogie mit der Great Illusion überschreibt der Economist sein Review: ‚The year before the sky fell in. The world in 1913 was worryingly similar to the world today

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