Die Internationalen Beziehungen im Spiegel der Zeit. Ein Interview mit Prof. Dr. Stephan Stetter

Stephan Stetter ist Professor für Internationale Beziehungen und Konfliktforschung an der Universität der Bundeswehr in München und Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für Internationale Beziehungen. Zum Geburtstag des Bretterblogs gab er uns ein Interview und sprach zu den Entwicklungen der IB in den letzten Jahrzehnten, über die ZIB und gab uns einen Ausblick auf spannende Forschungsthemen für die IB in den kommenden Jahren. 

Herr Stetter, Sie als einer der Herausgeber der ZIB haben einen guten Überblick über Forschungstrends und Entwicklungen in den Internationalen Beziehungen. Ich würde Sie daher gern zu Beginn unseres Interviews fragen, welche Forschungstrends Sie für die deutsche IB feststellen; zeigen sich hier Häufungen in einem bestimmten Feld der Forschung?

Die deutsche IB und das ist ein großes Verdienst der Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist eine sehr internationalisierte Disziplin, die auch in diesem internationalen Kontext eine wichtige Rolle spielt. Es gibt in der deutschen IB einige Schwerpunktthemen, die sicherlich wichtig sind, mir schwebt da jetzt gerade die Frage internationaler Organisationen und Regime in der Tübinger oder WZB-Tradition, die von Bielefeld inspirierte Weltgesellschaftsforschung, die Bremer oder Berliner SFBs zu Governance und Staatlichkeit in und außerhalb der sogenannten OECD-Welt oder die Forschung zu arguing und normativen Ordnungen in der Frankfurter Tradition vor. Das sind sicherlich wichtige Themenfelder, die bearbeitet werden und das zeigt, dass die deutsche IB sowohl theoretisch, als auch methodisch und empirisch in ihren Themen sehr vertreten ist in der internationalen Forschung in der gesamten theoretischen Bandbreite, also von positivistischen hin zu konstruktivistischen Theorien, auch in der ganzen Breite an Themenfeldern, also eher kooperationsorientierte Themen wie regionale Integration oder internationale Organisationen, in der Außenpolitikforschung oder auch in Fragen der Friedens- und Konfliktforschung, wo es ja eher um die konfrontativen und desintegrativen Tendenzen geht.

Können Sie in den Forschungsfeldern einen Unterschied zu Forschungsberichten und Themen der letzten 10-15 Jahre feststellen? Hat sich die Forschung thematisch stark gewandelt?

Also zunächst, was in Deutschland Trends in der Forschung sind unterscheidet sich nicht von internationalen Themen, auch wenn diese zugegebenermaßen bisweilen mit etwas zeitlicher Verzögerung auftreten, man denke etwa an ein Stichwort wie Versicherheitlichung. Die konstruktivistische Wende, die in den IB schon in den 80er Jahre mit Kratochwil oder Onuf eingeleitet wurde, ist breit durchgesickert in den ganzen Kontext der ZIB Debatte, die noch zu vielen anderen Themenfeldern ging, aber auch in diesem Kontext wichtig gewesen ist. Mit dem Wandel in den IB hat auch in Deutschland die kritische Reflexion zu ontologischen und epistemologischen Grundsatzfragen nochmal stark zugenommen, das kann man auch in vielen einschlägigen Publikationen sehen. Die starke Theoriebasierung der IB ist ein in diesem Kontext erst einmal zu begrüßender Aspekt wissenschaftlicher Professionalisierung. Es gibt aber auch einen gewissen Gegentrend dergestalt, dass man nicht den Fehler machen sollte, die IB einfach nur in Theorieschulen einzuteilen. Da würde ich persönlich eine wichtige Veränderung der letzten Jahre sehen, die in Forschung aber vor allem der Lehre noch stärker kommuniziert werden kann. Denn wir unterrichten IB an den Universitäten oft mit Blick auf einen Kanon aus „den“ angeblich zentralen drei, vier IB Theorien. Wenn man sich aber die Vitalität der Forschungslandschaft anschaut in der ZIB oder auch in der ZefKo , in der PVS, oder auch in englischsprachigen Zeitschriften dann wird man, wenn man nur die schematische Einteilung in drei, vier oder fünf Theorien mit macht, die man im Studium vermittelt bekommt, nicht weit kommen, weil diese schematische Einteilung nicht alles abdeckt und die Grenzen auch ineinander übergehend sind. Hier liegt eine wichtige Veränderung und auch Entwicklungen in der deutschen IB zeigen, dass die Forschung heute über die Orthodoxie verschiedener IB Theorie hinausgeht. Und diese öffnet das Fach auch in viele Richtungen, weg von dieser selbstbezogenen Betrachtung auf „die“ IB Theorien, die man ja auch nur vor der Entstehungsgeschichte des Faches diskutieren kann. Dies  ist eben oft nur ein Blick auf den eigenen Bauchnabel der Disziplin und das Gute der letzten Jahre, sowohl international als auch in Deutschland, ist, dass es eine stärkere Fokussierung auf Themenfelder gibt, die theorienbasiert untersucht werden. Es ist also kein Abschied von der Theorie, aber zumindest einige Schritte weg von einer sehr orthodoxen Betrachtungsweise von Theorien. Und das öffnet das Fach interdisziplinär und in Bezug auf seine zentralen Begriffe, sodass es nicht theoretisch vergreist, sondern die Phänomene eher angemessen an ihrer empirischen Komplexität theoriebasiert untersucht werden.

In welchen Forschungsbereichen, Forschungsthemen sehen Sie noch großen Forschungsbedarf? Gibt es Themen, die klassisch unterrepräsentiert sind?

Wenn man fragt, welche Themen internationaler Politik keine ausreichende Rolle spielen, dann wird man relativ wenige finden. Vielleicht gewisse Defizite in der Quantität der Forschung würde ich in Bezug auf Fragen der internationalen politischen Ökonomie sehen.  Wenn wir fragen, welche Themen sind eigentlich relevant für internationale Politik, was sind Kontextbedingungen des Handelns, dann kann man, denke ich, schon feststellen, dass bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen, etwa die Entwicklungen des globalen Bankensystems oder Währungsfragen, zwar ihre Nische in der IB haben und es dort auch gute Forschung gibt, diese aber angesichts der realpolitischen Bedeutung dieser Fragestellung etwas an den Rand gedrängt sind. Betrachten wir Themenfelder der Konfliktforschung oder regionale und internationale Organisationen könnten wir sehen, dass in vielen dieser Bereiche die IPÖ der Staaten, Regionen und IOs eine ganz erhebliche Rolle spielt. Und das könnte noch stärker ins Zentrum der IB rücken. Zum Vergleich, die Frage der Verrechtlichung in der internationalen Politik, die Bedeutung des internationalen Rechts und eines sich verdichtenden und gleichzeitig fragmentierenden internationalen Rechts, das glaube ich, wird von der IB sehr breit rezipiert. Da gibt es viele, die sich Gedanken machen über Konstitutionalisierung globaler Politik über die Frage wie wirkt sich das entwickelnde Völkerrecht, wie wirkt sich insbesondere der Menschenrechtsschutz und das humanitäre Völkerrecht auf die IB aus. Da gibt es sehr kompetente Forschung und in der Breite würde ich mir das auch für wirtschaftliche Fragen wünschen.

Vielen Dank an dieser Stelle für Ihre Ausführungen zur IB im Allgemeinen. Ich würde nun gern mit Ihnen den Fokus von der allgemeinen IB zur ZIB verlagern. Die ZIB ist eines der wichtigsten, wenn nicht gar die bedeutendste Zeitschrift für internationale Beziehungen im deutschsprachigen Raum. In diesem Rahmen hat sie einen gewissen Einfluss auf die Publikation neuer Ideen und des „Trendsettings“.
Als Sie mit Carlo Masala zusammen die ZIB übernahmen, welche Vorstellungen und Ideen hatten sie die Zeitschrift zu verändern oder neu aufzustellen?

Carlo Masala und ich sind das derzeit geschäftsführende Herausgeberteam der ZIB. Wir haben die Zeitschrift 2010 für einen 5 jährigen Zeitraum, also bis Ende 2014 von Christopher Daase übernommen. Wir haben mit der ZIB eine sehr gesunde Zeitschrift übernommen, die ja auch extrem wichtig gewesen ist für die Entwicklungen der deutschen IB. Die deutsche IB hatte auch schon vor der Gründung der ZIB 1994 sehr gehaltvolle wichtige und auch internationale rezipierte Forschung in der IB und in der Friedens- und Konfliktforschung gemacht, es seien hier Namen wie Ernst-Otto Czempiel, Dieter Senghaas, Helga Haftendorn, Lothar Brock, Ekkehart Krippendorff oder Volker Rittberger und andere genannt, die in den Siebzigern und Achtzigern forschten. Nichts desto weniger war die ZIB extrem wichtig für die weitere Entwicklung der deutschen IB. Für eine breitere Verankerung und auch Diffusion theoretischen Denkens in den Internationalen Beziehungen, nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Lehre hat die ZIB eine extrem wichtige Rolle eingenommen. Man kann es vielleicht auf den Punkt bringen,  dass sie ein Bestandteil einer Professionalisierung der deutschen IB gewesen ist, was aber nicht heißen soll, dass bevor die ZIB gekommen ist, nicht professionell gearbeitet wurde. Aber dass es in der deutschen Politikwissenschaft auch eine Fachzeitschrift mit anonymisiertem Begutachtungsverfahren gibt, das ist eine Neuentwicklung gewesen. Die ZIB hat wichtige Beiträge gehabt, die auch heute noch rezipiert werden. Das zeigt sich auch in Umfragen. Die PVS hat vor einigen Jahren unter Politikwissenschaftlern gefragt, was die führenden deutschsprachigen Fachzeitschriften der Politikwissenschaft sind und die ZIB war auf Platz 1 und zwar auch im Vergleich zu anderen politikwissenschaftlichen Zeitschriften, nicht nur im Vergleich zu Zeitschriften der Internationalen Beziehungen. Also die Standards der ZIB waren sehr hoch und die wichtigste Aufgabe für uns war es zunächst einmal dieses Niveau zu halten. Die ZIB hat eine gute Basis, sie wird von der Community nachgefragt, wir erhalten gute Artikel. Man muss auch sagen, dass die Möglichkeiten eine Zeitschrift thematisch zu steuern gering sind und auch gering sein sollten. Man sollte seine Herausgeberposition nicht dazu missbrauchen eine gewisse Agenda durchzusetzen dergestalt, dass man nur bestimmte Theorien oder nur bestimmte Themen haben und unbedingt pushen möchte. Man sollte eher ein offenes Forum bieten für die gesamte Bandbreite der Disziplin und dazu anregen, dass gute Forschung in Form von Artikeln eingereicht wird. Wir haben uns vorgenommen das hohe Niveau der ZIB zu halten und weiterhin über unsere Herausgeberschaft zu gewährleisten, und mit Blick auf den Stand nach 4 Jahren Herausgeberschaft würde ich sagen, dass uns das auch gelungen ist.

Es ist durchaus so – das muss man der Ehrlichkeit halber auch sagen –, dass der deutschsprachige Publikationsmarkt kleiner ist als der englischsprachige, es einen hohen Publikationsdruck auch in Deutschland gibt, und das bedeutet, dass es eine hohe Notwendigkeit gibt, auch international sichtbar zu sein. Meine Forschung ist z.B. mehrheitlich englischsprachig, weil es auch die Community und der Markt ist, mit dem man seine Ideen teilen möchte und mit dem man in Wettbewerb tritt. Das ist ein wichtiger Bestandteil und das muss auch weiterhin wichtige und zentrale Leitlinie der deutschen IB sein. Gleichzeitig ist es auch wichtig, dass es in Deutschland auch deutschsprachige Fachzeitschriften gibt. Das ist in einigen Fällen thematisch wichtig, aber gleichzeitig geht es auch u.a. um die Frage von Deutsch als Wissenschaftssprache – nicht in Konkurrenz zum Englischen, denn das würde Deutsch und keine andere Sprache durchhalten. Die deutsche Wissenschaftssprache kann sich aber neben dem Englischen weiterentwickeln, dazu ist es wichtig, dass es deutschsprachige Publikationen gibt; dass sich die Schärfung theoretischer, empirischer und methodischer Begrifflichkeiten fortentwickelt. Das ist einer der Gründe, die auch für die ZIB sprechen. Das bedeutet für eine Zeitschrift wie die ZIB aber auch eben immer darauf achten zu müssen, dass man genügend Texte zur Verfügung hat. Darüber hinaus machen wir uns bei der ZIB auch immer Gedanken darüber, wie wir von der Redaktion proaktiv Themen in die ZIB hineinbringen können. Wir führen etwa regelmäßig Foren und Symposien durch. Das sind in der Regel etwas kürzere Texte als die klassischen Aufsätze. Wir werben diese Texte zu einem bestimmten Thema ein und da kann man an der Redaktion schon ein bisschen so etwas wie ‚engineering‘ unterstellen, dergestalt, dass wir uns überlegen, welches Thema wir wichtig finden – wobei zu betonen ist, dass jeder dieser Texte ebenfalls einem anonymisierten Begutachtungsverfahren unterliegt und daher auch abgelehnt werden kann, was auch vorkommt. Das ist eine begrenzte Möglichkeit einer Redaktion eigene Schwerpunkte aufzusetzen. Wir versuchen das aber nicht dergestalt zu machen, dass wir ein Thema aufgreifen und dieses in sieben aufeinanderfolgenden Ausgaben der ZIB vertiefen, um so unser Thema künstlich auf dem IB Markt zu platzieren. Nein, so machen wir das nicht. Sondern wir überlegen uns, was könnte ein interessantes Thema sein, nicht nur für uns, sondern für die Community insgesamt. Und da gibt es dann einmal einen Schwerpunkt dazu und dann gibt es andere mögliche Schwerpunkte. Manchmal bekommen wir zu diesen Symposien auch Diskussionstexte von außerhalb. Das ist auch sehr willkommen. Ein sehr wichtiges Forum, wenn ich das benennen darf, war, meiner Ansicht nach, zum Thema Methoden in den Internationalen Beziehungen in der ZIB 2/2011. Methodenbasierte Forschung in den Internationalen Beziehungen ist ein Thema, das sehr im Kommen ist, das sehr wichtig ist für die Qualität von Forschung. Die Beiträge, die in diesem Forum sind, sind nicht nur Beiträge, die im Moment ihrer Publikation lesenswert waren, sondern auch noch in 5-9 Jahren lesenswert sind. Die Leser vom Bretterblog möchte ich ermuntern sich das Methoden Forum in der ZIB 2/2011 rauszusuchen und die Beiträge zu lesen (http://www.zib.nomos.de/archiv/2011/heft2/).

Die von Ihnen eben beschriebene Internationalisierung des Marktes und der Publikationsdruck wirft die Frage auf, ob wir in den kommenden Jahren eine zusätzliche englischsprachige Ausgabe der ZIB erwarten können. Denken Sie darüber nach?

Nein, es sind zwei Märkte; der Deutschsprachige und der Englischsprachige. Sogar ganz im Gegenteil, die Diskussion kommt in verschiedenen Gremien sporadisch immer wieder auf, sollte man nicht eigentlich nur noch auf Englisch publizieren? Ich rate davon sehr ab. Die Europäische Union hat eine kluge Leitidee für jeden EU Bürger entwickelt, nämlich dass dieser drei europäische Sprachen fließend sprechen sollte: seine Muttersprache, Englisch und eine weitere Sprache, möglichst eines Nachbarlandes. Ich denke, dass die Entwicklung von Ideen, der Wettbewerb von Ideen auch davon lebt mehrere Sprachen zu sprechen und letzten Endes auch die Qualität unserer universitären Ausbildung. Idealiter sollte man nicht nur auf Deutsch und Englisch publizieren als Wissenschaftler in der IB, sondern man sollte eigentlich noch eine dritte Sprache so beherrschen, dass man die Forschung dort rezipieren kann und auch in dieser Sprache schreiben und auf Konferenzen sprechen kann. Das klappt aber nur, wenn wir in der Wissenschaft neben dem Englischen auch noch andere Sprachen pflegen und da ist unser Auftrag in Deutschland, in Österreich, der Schweiz und anderswo Deutsch als Wissenschaftssprache weiter zu pflegen und weiter zu entwickeln. Das ist sehr wichtig und u.a. deswegen wird die ZIB auch in Zukunft nicht auf Englisch herausgegeben werden. Die ZIB würde sogar ein Identitätsmerkmal dadurch verlieren. Sie würde ihre Qualität und Schärfe dadurch nicht stärken, sondern schwächen.

Das wird es also nicht geben. Wie haben in der ZIB aber die Politik, dass wenn von außen ein Beitrag eingereicht wird, entweder eingeworben zu einem Forum oder Symposium oder eingereicht von jemandem, der a.) Deutsch nicht muttersprachlich kann und b.) auch Deutsch als Fremdsprache nicht so gut kann, dass er oder sie auf Englisch schreiben kann. Ein solcher Text geht dann ganz normal – wie alle anderen Texte – in ein anonymisiertes Begutachtungsverfahren und kann dann auch auf Englisch publiziert werden. Aber sobald jemand Deutsch entweder als Muttersprache kann oder Deutsch so gut kann, dass er oder sie sich darin wissenschaftlich ausdrücken kann, dann muss der Text auf Deutsch eingereicht werden. In der aktuellen ZIB haben wir ein Forum zum Thema der Eurokrise und dort hat Loukas Tsoukalis von der London School of Economics einen Beitrag geschrieben, ein seit Jahrzehnten ausgewiesener Wissenschaftler und wir sind stolz, dass er für die ZIB etwas geschrieben hat. Da Loukas aber kein Deutsch kann, konnte er den Text auf Englisch schreiben. Er wird auch so publiziert werden.

Die ZIB gibt es nicht nur als Printausgabe, sondern auch als Online Publikation. Im Zeitalter neuer Medien scheint diese Publikationsform immer präsenter und wichtiger zu werden. Aber auch andere Formate wie Blogs, E-Books und Onlinezeitschriften konkurrieren mit Printversionen von Zeitschriften und Fachbüchern. Wo sehen Sie hier Chancen und Probleme? Gibt es einen Trend zur schnellen Publikation von Ideen, von Theorien auf Blogs oder bleibt noch die Zeit für eine qualitativ sicherlich höherwertige Monographie oder einen Sammelband?

Der Onlinebereich nimmt an Bedeutung zu. Wir haben in einer der nächsten Ausgaben der ZIB auch ein Forum zum Thema IB und neue Medien, weil wir das Thema auch sehen. Und das berührt das Thema Blogs, die Frage des Open Access, das berührt sehr viele, sehr wichtige Fragen, nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Politik. Denn wenn wir uns Revolutionen und Umbrüche in den letzten Jahren ansehen, ich denke an die arabischen Staaten, so wären diese ohne neue Medien so nicht denkbar gewesen. Neue Medien transformieren unsere Welt in vielen Bereichen; in der praktischen Politik, in der Gesellschaft und eben auch in der Wissenschaft, das muss man eindeutig so sehen. Es bietet die Möglichkeit eines schnellen Austauschs. Das hat unsere Kommunikationsweise global radikal transformiert. Gleichzeitig muss man dann aber eben auch sehen, dass immer noch gedacht werden muss, es muss sorgfältig geschrieben werden und das ändert sich nicht. Was aber immer wichtiger wird, ist die Frage der Verfügbarkeit von Texten. Wenn ich aus meinem eigenen Arbeiten berichten darf, dann ist es für mich bei Fachzeitschriften primär wichtig, dass ich schnell Zugang zu ihnen finde. Ich halte es so, dass ich ein Set habe von Fachzeitschriften habe, die ich regelmäßig rezipiere, und für mich ist wichtig, dass ich online Zugang zu diesen Zeitschriften habe. Nicht nur zu sehen, was da allgemein publiziert wird, sondern auch für die einzelnen Artikel. Es wird für Fachzeitschriften wichtig sein, dass sie neben ihrer Printausgabe einen Online Zugang haben, sodass man Texte direkt von seinem Schreibtisch aus identifizieren, sofort öffnen und lesen kann. Zu welchen Kosten und wer diese Kosten trägt, ist eine andere wichtige Frage. Open Access wird noch eine ganz wichtige Rolle spielen und es ist auch eine begrüßenswerte Entwicklung, dazu werden sich alle Zeitschriften aufstellen müssen, aber ein wichtiger Punkt ist hier die Qualitätskontrolle.

Da würde ich einen Blog als etwas anderes einschätzen. Ein Blog ist ein Markt an Ideen, auf dem man sich austauschen kann. Publizierte wissenschaftliche Texte sind hingegen Texte, die bestimmten Verfahren der Qualitätskontrolle unterliegen. Die mögen sich in Wissenschaftsgenerationen auch immer wieder ändern – wir operieren derzeit mit einem anonymisierten Review Verfahren, das sich bewährt hat. Das ist mittlerweile die zentrale Art und Weise zur Publikation in den Internationalen Beziehungen und eine Entwicklung, die sich auch so nicht ändern wird. Was aber für die Disziplin als Ganzes zentral bleibt und das ist eine Herausforderung für die IB, für die Qualität ihrer theoretischen Forschung, dass sie sich nicht vollständig auf eher kurzatmige Fachzeitschriftenartikel reduzieren lässt. Ein Fachzeitschriftenartikel ist meistens ein Werk, das einer sehr spezifischen Fragestellung folgt, der relativ kurz ist – 10.000 Wörter, 20 Druckseiten ungefähr – da kann man nur begrenzt Gedanken entfalten und da sehe ich eine Schwierigkeit der aktuellen IB, diese starke Fokussierung auf Zeitschriftenartikel. Diese müssen weiter durch gehaltvolle Monographien ergänzt werden, so dass es weiterhin vertiefte Forschung gibt, entweder empirisch oder in der theoretischen Reflexion und dazu reichen 20 Seiten nicht aus. Dazu braucht man sowohl vom Platz her mehr Raum, man braucht es aber auch, um Gedanken entfalten zu können und das ist etwas, was sich die IB als Disziplin glaube ich international, aber auch in Deutschland stärker vor Augen halten muss, weil nur durch solche Monographien auch Ideen gesetzt werden können, die langfristig und auch jenseits der Disziplingrenzen rezipiert werden. Wenn man mal fragt, was eigentlich die Klassiker in der IB sind, dann gibt es natürlich eine ganze Reihe von Fachartikeln, die wichtig sind, aber es sind eben auch große Bücher, die geschrieben wurden. Das ist auch intellektuell angemessen. Und um diesen intellektuellen Anspruch nicht zu verlieren und aufzugeben, ist es eine ganz wichtige Aufgabe neben den Fachzeitschriften auch solche Buchpublikationen wieder verstärkt in den Vordergrund zu bringen. Das ist auch eine wissenschaftspolitische Aufgabe, denn letzten Endes müssen die Wissenschaftspolitik, aber auch die Hochschulen Mechanismen finden, um Monographien stärker zu prämieren. Derzeit wird es nicht prämiert. Wer eine Monographie schreibt, für die man Zeit braucht, wird weniger prämiert als jener, der in der gleichen Zeit fünf oder sechs Artikel publiziert, obwohl nicht zwangsweise mehr Ideen und mehr Arbeit drin steckt als in der Monographie. Es wird eine wichtige Aufgabe in den Sozialwissenschaften und in der IB im Speziellen solche Instrumente zu identifizieren, um neben der Prämierung für Arbeit an Forschungsprojekten, Drittmittel und Fachzeitschriften auch solche Monographien stärker zu prämieren und sozusagen Incentives zu formulieren, sodass sich auch mehr Kolleginnen und Kollegen auf diesen Weg begeben. Das ist etwas, das ich für wichtig erachten würde.

Die Rückbesinnung auf gehaltvolle Monographien erscheint als eine wünschenswerte Entwicklung. Sehen Sie hier zukünftig auch größere Chancen auf Open Access Formate, beispielsweise im E-Book Bereich?

Ja, auf jeden Fall. Das wird kommen. Wie gesagt, der Grund dafür ist auch die Arbeitsweise in der Wissenschaft, denn die Arbeitsweise ist so, dass die physischen Wege in die Bibliothek weniger gesucht werden als noch vor 30 Jahren. Die Gründe dafür sind, dass eben immer mehr Material auch im Internet zu finden ist. Und dann geht man immer noch zu Fuß in die Bibliothek, aber vieles bekommt man über den Computer, virtuell über die eigene Bibliothek. Und es wäre für Bücher ja sehr nachteilig, wenn alle Zeitschriftenartikel im Internet verfügbar wären, die Bücher aber nicht. Aus genau diesen strukturellen Gründen heraus ist die Entwicklung zum E-Book ein ganz wichtiger Aspekt, aber auch einer, der ganz sicher kommen wird. Die mediale Revolution wird vor Büchern nicht Halt machen und auch dort gilt wie bei Journals, das es zwei Wege gibt. Man braucht die Printausgaben, aber in geringerem quantitativem Ausmaß. Die müssen irgendwo verfügbar sein, aber gleichzeitig muss es eben auch im Internet sein.

Vielen Dank für Ihre Einschätzungen zu den neuen Medien. Zum Schluss möchte ich Ihnen noch zwei Fragen zu ihrer persönlichen Einschätzung stellen. Wo sehen Sie die IB in 10-20 Jahren? Und erwarten Sie große Veränderungen im internationalen System, beispielsweise hin zu einer stärkeren Fokussierung auf globale Herrschaft, und/oder einen Bedeutungsverlust des Staatensystems?

Zur ersten Frage: die IB soll und wird weiter wachsen als Disziplin. Transnationale Fragen und Fragen der Globalisierung nehmen an realer und wahrgenommener Bedeutung zu. Die reale Bedeutung gibt es schon lange, aber dass wir auch geschärfte theoretische Begrifflichkeiten dafür haben, das ist eher jüngeren Datums und eben diese begriffliche Schärfung des globalen Phänomens und auch die Realität globaler Systeme sind nicht im Abnehmen begriffen. Ganz im Gegenteil, sie werden zunehmen und damit auch Fragen nach den in diesem Kontext getroffenen kollektiv verbindlichen Entscheidungen; nach Zielkonflikte zwischen normativen idealen Zielen, zwischen politikfeldspezifischen Idealen, nach politischer Integration und Fragmentierung in der gegenwärtigen Weltgesellschaft. Hier wird es sehr viel Forschungsbedarf in diese Richtung geben und die IB ist deswegen sehr gut an der Schnittstelle gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungen platziert. Sie ist daher eine Disziplin, die auch noch in 30 Jahren sehr solide dastehen wird. Die IB ist eine relativ junge wissenschaftliche Disziplin, das führt häufig zu einer starken Abgrenzung und Fokussierung auf einen eigenen Kosmos von IB Theorien, um den die IB bisweilen noch allzu sehr kreist. All diese wichtigen Theorien, die zumeist sehr gehaltvoll sind, sind aber doch Theorien, die die IB selber sehr stark betreibt. Wenn man mal außerhalb der IB nachfragt, wie stark diese Theorien und ihre Theoretiker eigentlich rezipiert werden, wird man feststellen, dass das nicht wirklich viel ist. Dort sind es eher die alten und neuen sozialtheoretischen Klassiker, die in vielen sozialwissenschaftlichen Disziplinen als relevant erachtet werden. Die Fokussierung auf ihre eigenen Theorien war für die IB wichtig, um sich als Fach zu konsolidieren, um eine eigene Disziplingeschichte, einen eigenen Gründungsmythos entwickeln zu können. Der geht mit vielem einher, der Einrichtung von Lehrstühlen, der Einrichtung von Studienprogrammen, der Etablierung von Fachzeitschriften. Es zeichnet eine wissenschaftliche Disziplin aus, darüber zu verfügen. Und darüber verfügt die IB in Hülle und Fülle. Sie ist also keine bedrohte Spezies, sondern ist global extrem verankert. Sie ist also jetzt erwachsen geworden und kann sich etwas entspannen und sich aus ihrer Selbstfokussierung befreien. Und die IB ist dafür prädestiniert, denn sie hat so viele Schnittstellen zu Soziologie, zu den Rechtswissenschaften, zu den Wirtschaftswissenschaften, zur Geschichtswissenschaft, natürlich auch zu den Geisteswissenschaften wie der Philosophie und anderen Bereichen, weil sie sich bei der Erforschung transnationaler beziehungsweise globaler und weltgesellschaftlicher Dynamiken, die ja auch in diesen Fächern wichtig ist, auf Fragen der Macht, dem Aushandeln von Macht und Fragen von Herrschaft spezialisieren kann.

Und das ist etwas, das ich mir für die IB für die nächsten 30 Jahre wünschen würde; das sie sich weiter öffnet; ihren Disziplinnarrativ weniger aus der Selbstbespiegelung bezieht und mit Begriffen und Theorien operiert, die außerhalb der IB in anderen Sozialwissenschaften nur wenig verstanden und vor allem rezipiert werden, sondern dass sie eher Forschung produziert, die auch in anderen Sozial- und Geisteswissenschaften zur Kenntnis genommen werden, um auch in diesen wissenschaftlichen Disziplinen Forschung weiterzuentwickeln. Dann hätte die IB eine ganz große Ausstrahlungskraft auch nach Außen; die muss sie sich noch erarbeiten. Sie hat diese Ausstrahlungskraft nach Innen, sie bildet die Grundlage für eine starke Identifizierung vieler IBler mit diesem Fach, das ist stark ausgeprägt, aber sie sollte das noch nach Außen hinkriegen. Das wäre eine gute Entwicklung für die nächsten 30 Jahre.

Das führt zur zweiten Frage. Es gibt für diese Entwicklung eine gute Basis, denn wie ich schon gesagt habe, die Verdichtung transnationaler Globalisierungsfragen wird in den nächsten Jahrzehnten zunehmen und zwar nicht nur auf der Ebene von Themenfeldern, das wir sagen die globale Gesundheitspolitik wird sich in irgendeiner Form institutionell und in Bezug auf ihre Inhalte weiter entwickeln und verdichten, sondern auch auf einer Identitätsebene. Die Wahrnehmung, letztlich das Bewusstsein darüber in einem globalen, weltgesellschaftlichem Zusammenhang zu leben. Das wird zunehmen und wird Rückwirkung haben auf Fragen von Identität und deswegen wird sich nationale Identität und nationale Ordnungsstrukturen und Organisationsstrukturen, also etwa der Nationalstaat, zwar nicht auflösen, aber diese werden sich noch wesentlich stärker als heute in viele andere Kontexte einbetten und mit diesen verschmelzen. Wir wissen ja aus der Identitätsforschung, dass Menschen viele Identitäten haben, manche davon sind sozusagen räumlich-politisch strukturiert – in einem regionalen, nationalen, europäischen oder globalen Kontext. Die kosmopolitische Identität, die europäische, die nationale greifen dabei oft ineinander über und genauso greifen auch Handlungs- und Organisationsebenen ineinander über. Wir werden auf jeden Fall, meines Erachtens nach, nicht mehr in einem Einheitskontext leben, in dem Nationalstaaten sei es in Bezug auf die Herbeiführung kollektiv verbindlicher Entscheidungen sei es in Bezug auf die Identität von Personen eine privilegierte Stellung haben werden. Das wird sich entmythologisieren.

Die Priorisierung von Staaten gibt es zwar nach wie vor im Bewusstsein – sie ist in den letzten 200 Jahren gewachsen und auch Staaten selber pflegen aus leicht durchschaubaren Gründen diesen Mythos –, aber die Realität sieht heute schon oft sehr anders aus. Sowohl für die Frage, wo Macht und Herrschaft lokalisiert sind, aber auch, was die Identität von Handelnden, von Individuen prägt. Das ist heute schon wesentlich diverser als es dieser Einheitsmythos suggeriert und das wird sich weiter verdichten und vertiefen. Das weltgesellschaftliche Sein wird Rückwirkungen auf das kollektive und individuelle Bewusstsein haben. Das bedeutet nicht, dass es unbedingt harmonischer oder integrativer und kuscheliger wird; dort wo sich etwas vertieft, kann auch der Streit zunehmen und Stärken neuer Identitäten liegen oft auch in ihrer Fähigkeit zur Abgrenzung. Der klassische Nationalstaat wird weiter eingebettet sein in diese Strukturen und wird einer von einer ganzen Reihe an Akteuren sein. Deshalb wird sich der Nationalstaat auch nicht auflösen, er wird weiter eine wichtige Rolle haben, manchmal vielleicht sogar eine gestärkte, weil es bestimmte exekutive Kompetenzen gibt, die dann wieder auf den Nationalstaat zurückgebunden werden, aber er wird nicht mehr die alleinige Position für die Ausübung von Macht und Herrschaft und die Imaginierung kollektiver politischer Identität beanspruchen können.

Das hat die IB aber auch schon ganz gut zur Kenntnis genommen, manchmal fällt die IB aber auch selber noch zurück in diesen Mythos des Nationalstaates als irgendetwas Besonderem oder Privilegiertem. Vielleicht wird das 21. Jahrhundert der Abnabelungsprozess sein, den man sowohl auf Ebene der Gesellschaft als auch auf Ebene der Wissenschaft beobachten kann, diesen Nationalstaat weiter zu entmythologisieren und eher einzubetten in eine breitere Perspektive, die semantisch und strukturell zur Kenntnis nimmt, dass Identitätsbildung und auch die Ausübung von Macht und Herrschaft viel disparater ist und nicht auf diese eine Struktur zurückgeführt werden können.

Vielen Dank für das Gespräch.

Danke auch.

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