Über das „verborgen Politische“

Never question google? Folie aus der Präsentation von Siva Vaidhyanathan.

Never question google? Folie aus der Präsentation von Siva Vaidhyanathan.

Spätsommer-Herbst ist Konferenzzeit. Neben den Großereignissen von ECPR und SGIR gibt es immer wieder kleine, feine Konferenzen. Eine davon fand in diesem Jahr unter dem Titel „Pirating the Popular“ in Stockholm statt: die sechste Popular Culture and World Politics Konferenz. Ein kurzer Bericht.
Sicher, es ist wohl ein Allgemeinplatz festzustellen, dass (fast) alles politisch ist oder aus einer politischen Perspektive gesehen werden kann. Aber wir Politikwissenschaftler beschäftigen uns meistens nicht damit. Weil wir häufig für politisch halten, was unmittelbar zu einer herrschaftspolitischen Entscheidung führt. Aber wer mehr an der Schnittstelle von Politik und Soziologie arbeitet, integriert das subtiler Politische wohl eher in ihre/seine Arbeit:
Welches Computerspiel zocken wir? Wie denken wir über George Clooney? Was denken wir über den neuen Konfuzius-Film? In welchem Outfit gehen wir zur Fanmeile um die Fußballnationalmannschaft anzufeuern oder als England-Liebhaber die Geburt des Thronfolgers in einem Pub um die Ecke mit Freunden zu feiern? Und welche Fernsehserie mögen wir? Wie finden wir den Weg zu unserer neuen Kommilitonin?
All diese Fragen beziehen sich unmittelbar auf Präsentationen der diesjährigen Popular Culture and World Politics Konferenz in Stockholm, die unter dem Titel „Pirating the Popular“ am 13. und 14. September stattfand. Unter den Vorträgen waren durchaus offensichtliche Themen. So diskutierte Siva Vaidhyanathan (University of Virginia) in seiner Keynote die „Googlization“ in seiner Auswirkung auf unsere Privatsphäre und die Strukturierung unseres Wissens. Zwar sind einem aufgeklärten Publikum die einzelnen „Dienstleistungen“ von Google sowohl in ihrer Qualität als auch in ihren Risiken bekannt. Aber die missionarische Vision Googles führt Vaidhyanathan zu der Annahme, dass Unternehmen strebe letztlich die vollständige Durchdringung unseres Lebens an. Dabei unterstellt er nicht einmal bösen Willen: Google wolle die Welt partout besser machen. Die Frage bleibt: Wollen wir diese bessere Google-Welt? Finden wir sie wirklich besser?
Ein anderes, vor allem in den IB weniger diskutiertes aber gleichfalls offensichtliches Thema brachte Nick Robinson von der Universität Leeds zur Sprache: die Auswirkungen des Authentizitätsstrebens von gewalttätigen Computerspielen. Der britische Forscher berichtete dabei, dass auch die Videogamer selbst mittlerweile in Foren heftig darüber streiten, ob beispielsweise das Spiel „Medal of Honor“ die Grenze zur Geschmacklosigkeit überschritten hat. Spielten die ersten Spiele dieser Serie im Zweiten Weltkrieg, so entstand 2010 eine Fassung, die auf Grundlage realer Ereignisse in Afghanistan spielen. Vor allem zweierlei löste heftige Diskussionen bei den Videogamern aus: Erstens konnte man anfangs die Rolle der Taliban spielen; nach Protesten wurde diese Gruppe des Ego-Shooters in „Opposition force“ umbenannt, was wiederum zu Kritik führte. Zweitens wird das Ausmaß an Authentizität debattiert. Hierbei zeigt sich, dass die militarisierenden Folgen, die Senkung von Hemmschwellen und das Verwischen von Realität und Virtualität auch in den einschlägigen Foren debattiert werden. Ein Grund zur Beruhigung? Sicher nicht.
Weniger offensichtlich ist da schon das Politische an George Clooney. Doch die Forscherin Annika Bergman Rosamond von der Universität Lund behauptet, der bekannte Schauspieler trage mit seiner Surveillance Initiative, die versucht, Beweise für die individuelle Schuld an Kriegsverbrechen im Sudan zu sammeln, nachhaltig zur Verbreitung der Idee einer kosmopolitischen Welt bei. Wer, welche Individuen, fragt Bergman-Rosamond, steckt als treibende Kraft hinter dem Kosmopolitismus, der dafür wirbt, nicht Staaten, sondern Individuen sollten die zentralen Subjekte der Weltpolitik sein? Mit Clooney stellte sie dabei einen Vertreter jenseits der sonst üblichen Verdächtigen um David Held vor, der zwar vermutlich über weniger gute Kontakte zu Entscheidungsträgern in den USA haben dürfte, dafür aber die Ideen des Kosmopolitismus in der breiten Gesellschaft verankern helfen kann.
Doch nicht nur Bergman-Rosamond deutet auf Verborgenes in der Welt der bewegten Bilder: Denn bei Elisa Kreisinger sind die Protagonistinnen und Protagonisten von „Mad Men“, „Sex and the City“ und Co. Feministinnen und Feministen. Und wer den Rapper Jay Z und seine Fans zu Taylor Swifts „22“ tanzen sehen will, ist bei der zweiten Keynote Speakerin ebenfalls richtig. Und in einem YouTube-Clip outet sie auch Ann Romney, Ehefrau des früheren republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney, als Lesbe. Und wie geschieht das alles? Remix ist hier das Zauberwort.

Hier ein Beispiel. Das Originalvideo von JAY Z „Picasso Baby“…

…und Elisa Kreisingers Remix:

Und ein zweites Beispiel:

Und aller guten Dinge sind drei:

Mehr von Elisa Kreisinger gibt’s übrigens auf ihrer Homepage.

Kreisinger liebt Fernsehserien, aber nicht ihre politische Botschaft. Deshalb erzählt die Videokünstlerin die Geschichten einfach neu, schneidet die Szenen mit verblüffendem Ergebnis neu zusammen. Aus Neben- werden Hauptrollen, aus Machos Feministen. Selbst wer sich bislang darüber bereits im Klaren war, dass tagtäglich eine bestimmte politische Vision auf dem Umweg der Unterhaltungsindustrie in unsere Wohnzimmer transportiert wird, dürfte angenehm überrascht werden. Denn Kreisingers Remix hält immer Überraschungen noch mehr Lacher bereit – eine wunderschön komische politische Korrektheit, von der man sich mehr wünschen würde.

Genau dies dachten sich auch Matt Davies, Kyle Grayson, Simon Philpott (alle Universität Newcastle) und David Mutimer (York University) und versuchten sich an einem MA Kurs „Popular Culture and World Politics“, an deren Ende die Studierenden die Möglichkeit hatten, statt einer Hausarbeit ein eigenes Video zu schneiden oder ein anderes kreatives Projekt vorzustellen. Ein Vorhaben, das daran scheiterte, dass alle Studierenden sich für die konventionelle Hausarbeit entschieden und dies trotz umfangreicher technischer Hilfsangebote. Dennoch beinhalteten die auf einem Round Table vorgetragenen Lehrerfahrungen viel Spannendes: Von Alltagsobjekten über Fotos, die die Studierenden schossen bis hin zu Filmen, Büchern und schließlich wissenschaftlichen Theorien arbeiteten die vier Dozenten mit ihren Studierenden das Politische und die unterschiedlichen Perspektiven auf unsere Alltagswelt heraus. Über Videostream berichteten sich die Studierenden darüber hinaus über ihre Fortschritte im Kurs.
Damit sind freilich nur einige wenige Beispiele aus der Vielzahl und Pluralität der präsentierten Themen benannt. Von Fragen des Copyrights (Quizfrage: Wer kennt die in Schweden offiziell anerkannte Church of Kopimism, in der das Kopieren zur religiösen Pflicht erhoben ist?), über Fan-Kleidung, WTO-Urteilen zu Glückspielen (zwischen Antigua und den USA), Reaktionen der Aborigine-Football-Profis Australiens auf rassistische Beleidigungen oder die Gemeinsamkeiten von Märchen und IB-Lehrbüchern bis hin zu WikiLeaks reichten weitere Themen der Konferenz. Dabei versteht sich wohl fast von selbst, dass die Papiere keinem klar definierten roten Faden folgten, entsprechend kein umfangreiches inhaltliches Fazit zu ziehen ist. Klar ist aber: Popular Culture and World Politics Konferenzen versprechen einen kreativen Zugang zum „Anderen“ des Politischen. Sicher, ob hier immer von „Weltpolitik“ gesprochen werden kann, ist eine andere Frage. Aber die Kreativität und der Blick für das „verborgen Politische“, der hier geschärft wird, lassen diese Konferenz, die voraussichtlich auch nächstes Jahr wieder stattfinden wird, zu einem wirklichen Gewinn werden.

Mein abschließender Dank gilt Michele Micheletti und Kristina Riegert und allen Unterstützer_innen des Organisationsteams für die tolle Konferenz!

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