Weltordnung oder Weltchaos – Welche Akteure bestimmen die Zukunft des internationalen Systems?

Herrschaft bedeutet nach Max Weber  „die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden (Weber: Wirtschaft und Gesellschaft 1972: 28). Er setzt dabei voraus, dass es verschiedene Typen von Herrschaft gibt; die legale, welche auf Gesetzen basiert, die traditionale, welche auf dem Glauben an die (göttliche) Macht des Herrschers beruht und die charismatische, durch welche Personen einem Herrscher aus Überzeugung in dessen Führungsvermögen folgen. Jene Herrschaftsdefinition baut auf Macht auf, welche Weber definiert als „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen […]“ (ebd.)

Seit dem Ende des Kalten Krieges gelten die USA als alleiniger Hegemon aktueller Weltordnung. Doch nicht erst der kürzliche Shut Down lässt Zweifel an dessen tatsächlicher Macht aufkommen. War diese bislang ein Mix aus traditionaler und charismatischer Herrschaft, bröckelt sie aktuell nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch. Kaum können die wahllosen Abhöraktionen der NSA, der Drohnenkrieg der CIA und der allgemeine Kampf gegen den Terror nach zwei verheerenden Kriegen in Afghanistan und im Irak anders gedeutet werden, als die (unbestimmte) Angst der USA ihre Vormachtstellung zu verlieren und damit ihre Chance den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen.
Betrachtet man die politische und militärische Zurückhaltung im Syrien-Konflikt trotz vielmaliger Überschreitung der roten Linie seitens Assads, stellt sich die Frage, ob die USA nicht eingreifen wollen oder dies in Anbetracht interner sozialer und finanzieller Probleme des Staatshaushaltes lediglich nicht können. Wirtschaftlich wurden die USA längst von pazifischen Schwellenländern wie China überholt, auch hält China beachtliche Staatsanleihen in den USA. Politisch wurde Barack Obama in diesem Jahr in der Forbes-Liste von Wladimir Putin als mächtigster Mann der Welt abgelöst und das sicherlich nicht nur wegen der russischen Verweigerung der Auslieferung Snowdens.

Was ist also faul im Staate USA? Zeichnet sich nun das Bild des absteigenden Hegemons, das Wissenschaftler schon seit Jahren prognostizieren? Diethelm Weidemann beschreibt  das bestehende postbipolaren System nur als eine Übergangsordnung (siehe Welt Trends, Zeitschrift für Internationale Politik), verdeutlicht aber auch, dass es noch offen ist, wie sich die zukünftige Ordnung beschreiben lässt und ob es überhaupt eine Ordnung geben wird oder sich unsere hegemoniale Weltordnung in eine Weltunordnung wandelt. Tatsächlich lässt sich diese Frage begründet stellen. Wenn eine Weltordnung als ein Hegemonialverhältnis verstanden werden kann, in der der oder die Hegemon(e) imstande sind eine bestehende Ordnung durch Herrschaft – gleich welchen Types – zu erhalten, auch gegen das Widerstreben anderer Staaten, dann bleibt zu fragen, welche Macht respektive welche Mächte zukünftig imstande wären jene Ordnung herstellen. Zur Beantwortung dieser Frage bestehen seit Jahren viele Spekulationen zu neuen Ordnungssystemen, die von der Weltmacht Chinas bis zu einem multipolaren Ordnungssystem mit mehreren regionalen Hegemonen reichen. Fern von den meist neo-realistischen Theorien internationaler Ordnung besteht derzeit allerdings auch eine lebhafte Diskussion über eine mögliche Unordnung im Internationalen Staatensystem, da sich hier keine Herrschaft weder legal noch charismatisch abzeichnet und das System weitgehend als anarchisch beschrieben wird. Neu in der Debatte ist eine bislang unberücksichtigte Gruppe, deren Einfluss auf die Weltpolitik erst jetzt in den Fokus gerät: transnational agierende parastaatliche Gruppen mit teilweise terroristischen Tendenzen.

Der Einfluss dieser Akteure ist bislang noch nicht ausreichend erforscht, allerdings stellen sich für die Gruppen in Bezug auf ihre Rolle in der Weltpolitik spannende Fragen. So beeinflussen sie durch ihre Handlungen wiederum massiv die nationalen wie internationalen Handlungen von Staaten. Das Streben nach nationaler und internationaler Sicherheit ist hierfür ausschlaggebend. Unterwandern diese Akteure doch jegliche Form von Ordnung und Herrschaft, so dass selbst die USA auf Akteure wie Al-Qaida (im Maghreb) und Co. reagieren, jedoch nicht deren Handlungen bestimmen können.
Im Gegenteil sind die bereits erwähnten kostspieligen Drohnenangriffe, die Spähaktionen, die langjährigen Kriege in Afghanistan und im Irak, sowie auch die militärischen Aktionen im Jemen Zeichen einer notwendigen Reaktion auf einen erstarkenden Gegner; vielleicht um nicht gänzlich an Macht einzubüßen?

Es stellt sich also die Frage, wie die Rolle terroristischer Gruppen, aber auch transnational agierender Gruppen organisierter Kriminalität oder Gruppen, die sich selbst als Freiheitskämpfer definieren zu bewerten sind? Welchen faktischen Einfluss haben diese Gruppen und können sie in Zukunft haben, wenn schon jetzt internationale Politik weniger auf die Abschreckung des politisch-opponenten Staates baut, als auf den Kampf gegen Terror ausgelegt ist. Wenn die Verteidigung gegen parastaatliche Gegner ein so tiefes Loch in die Haushaltskasse reißt, als dass ein sozialer Shut Down notwendig wird?
Es ist wohl ein indirekter Einfluss, den diese Akteure derzeit auf die Weltpolitik haben, allerdings bestimmt jener Einfluss immer mehr politische Entscheidungen und schürt Angst, so dass sich schon jetzt gefragt werden kann, ob die internationale Politik wirklich noch von mächtigen Staaten bestimmt wird oder diese bereits nur noch auf die Bedrohungen der internationalen Sicherheit, welche sich in (terroristischen) parastaatlichen Akteuren personifizieren, reagieren.

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