Gendersensible Friedens- und Konfliktforschung – nur etwas von Frauen für Frauen?

Dies ist ein Gastbeitrag von Christine Buchwald. Mehr Informationen zur Autorin findet ihr unten. 

Was ist eigentlich die „Geschlechterperspektive der Friedens- und Konfliktforschung“ oder sollte eher von geschlechtersensibler Friedens- und Konfliktforschung gesprochen werden? Diese Frage stellte ich mir im Nachklang zu einer Abendveranstaltung in Koblenz zu „Frauen in bewaffneten Konflikten“, organisiert von der Landeszentrale für politische Bildung RLP im Rahmen des Forums Friedens- und Sicherheitspolitik. Es gehe bei der Geschlechterperspektive in der Friedens- und Konfliktforschung vor allem um die Identifikation von Geschlechterstereotypen und um das Aufdecken von Machtverhältnissen auf mehreren Ebenen: Zum einen zwischen den Geschlechtern selbst, zum anderen aber auch, die Nutzung von staatlicher/politischer Ebene durch die Ermächtigung von Geschlechterstereotypen und deren Instrumentalisierung, so Simone Wisotzki in ihrem Vortrag im Rahmen dieser Veranstaltung.

Ersteres ist das, was man generell auch mit der Frauen- und Geschlechterforschung verbindet und was im Alltag als „typisch Mann, typisch Frau“ abgetan wird (rational-emotional, stark-schwach, hart-weich, etc). In der Friedens- und Konfliktforschung sind dies nochmal spezifizierte Stereotypen, die aber wie die allgemein Bekannten als Dichotomien organisiert sind. Drei dieser Figuren möchte ich hier herausgreifen: Friedfertigkeit, Schutzfunktion und Täterschaft.

Generell wird Frauen eine höhere Friedfertigkeit zugesprochen. Die friedfertige Frau ist ein Bild, das sich auch im Rahmen der Frauen- und Geschlechterforschung hält. Während viele Zuschreibungen von diversen Feminist_innen dekonstruiert werden, bleibt die Friedfertigkeit ein Mythos, den es offensichtlich zu erhalten gilt. Dies liegt vermutlich darin begründet, dass es eine positive Zuschreibung ist, was insbesondere durch Differenzfeministinnen immer wieder Betonung findet. Selbstverständlich ist er – wie alle verallgemeinernden Zuschreibungen – nicht haltbar. Nicht jede Frau ist generell friedfertig und auch nicht zwangsläufig friedfertiger als alle Männer – im Gegenteil. Die Geschichte zeigt, dass es immer wieder auch Frauen gab, die alles andere als friedvoll waren, genauso wie sich zeigt, dass nicht jeder Mann gewalttätig ist. Selbst einer Tendenz zu mehr Friedfertigkeit bei Frauen würde ich widersprechen wollen. Diese eventuell sogar messbar höhere Friedfertigkeit ist aus meiner Sicht durch die Sozialisation und die angenommene Erwartungshaltung bei Befragungen geprägt. Die Debatte um die vermeintliche Friedfertigkeit wurde im deutschsprachigen Raum insbesondere im Zuge der Öffnung der Bundeswehr für Frauen geführt.  Verdirbt es „die Frau“ oder verändert es die Institution Militär und die militarisierte Männlichkeit? Beide Richtungen sind dabei stark von eben jenen geschlechterstereotypen Bildern geprägt.

Verknüpft mit der Debatte um Frauen im Militär ist auch die Figur der Schutzfunktion. Während Männern die Funktion des Beschützers zugeschrieben wird, fällt Frauen aufgrund der Zugehörigkeit zum sogenannten „schwachen“ Geschlecht die Rolle der Schutzbedürftigen zu. Diese Rollenzuschreibung hält sich tapfer und wird gerade in der intersektionalen Betrachtung von Geschlecht und Nationalität/Ethnizität  immer wieder auch genutzt: Der Schutz und die Befreiung der „anderen“ Frau spielt in der Rechtfertigung von Kriegseinsätzen immer noch eine Rolle, etwa im Afghanistan-Einsatz. Auch der Schutz der eigenen Frau wird noch immer als Argument für die Kampfbeteiligung herangezogen, insbesondere wenn es sich um innerstaatliche Konflikte handelt, da mit den sogenannten „neuen Kriegen“ auch sexualisierte Gewalt zunehmend als Kriegselement wahrgenommen wird.

Und wieder verknüpft sich dadurch die Figur mit der, der Täterschaft. Wenn man sich die Diskurslinien in der geschlechterspezifischen Friedens- und Konfliktforschung ansieht, so geht die Tendenz dahin, von Frauen als Opfer und Männer als Täter zu sprechen. Insbesondere seit dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien wird der Fokus auf sexualisierte geschlechtsbasierte Gewalt (sexual gender based violence – kurz SGBV) gelegt. Übersetzt wird SGBV aber häufig mit „sexuelle Gewalt an Frauen“, was zur Ausklammerung von männlichen Opfern führt. Demgemäß folgt die Täter- und Opferrollenzuschreibung dem gängigen Klischee: Die Frau als Opfer, der Mann als Täter. Insbesondere im wissenschaftlichen Diskurs wird aber vor allem die Frau als Opfer diskutiert. Die Täterschaft, Gründe für diese und wieso sie überhaupt zum Tragen kommt, sind bisher kaum Bestandteil der wissenschaftlichen Forschung, obwohl gerade Bourdieu mit seiner These des „ernsten Spiels“ hier einen fruchtbaren Boden bereitet. Die wachsende Männlichkeitsforschung nimmt sich aber zunehmend diesem Thema an. Bezeichnend bei der Betrachtung der Geschlechterstereotype ist, dass sie zwar identifiziert werden, aber nicht – wie in vielen anderen Feldern – dekonstruiert, sondern vielmehr verfestigt werden. In vielen Publikationen wird zwar der Verweis vorgenommen, dass auch Männer Opfer werden und auch Frauen Täterinnen sein können, aber die explizite Beschäftigung mit diesen „verdrehten“ Rollenbildern ist nicht sehr verbreitet, wie auch Ruth Seifert in ihrem Vortrag im Rahmen der oben genannten Abendveranstaltung betont.

In einem weiteren Punkt können die geschlechtliche Opfer- und Täterzuschreibung verdeutlicht werden. In den Ausführungen Simone Wisotzkis zu den UN-Resolutionen (rund um die Resolution 1325) betont sie, dass in den Resolutionen der Fokus auf den Frauen liege und die Integration von Männern fehle. Da es vor allem um die Bewusstseinsbildung der Geschlechterperspektive in Bezug auf die sexualisierte und häusliche Gewalt ging, kristallisiert sich hier ebenfalls eine Täterperspektive heraus. Dabei steckt in der grundsätzlichen Aussage viel mehr Potenzial. Denn eine Bewusstseinsschaffung für einen gendersensiblen Blick ist das, was eigentlich wirklich fehlt – nicht nur den Resolutionen, sondern vielmehr auch der Forschungstradition. Es müsse im Sinne der bisherigen Ausführungen darum gehen, weg von der reinen Identifikation von Geschlechterstereotypen hin zu der Dekonstruktion und Hinterfragung selbiger zu kommen. Und damit komme ich zum zweiten Teil meiner Ausgangsfrage zurück: Sollte man statt von „Geschlechterperspektive in der Friedens- und Konfliktforschung“ nicht eher von einer gendersensiblen Friedens- und Konfliktforschung sprechen? Eine gendersensible Forschung nimmt in meiner Definition nicht zwangsläufig das Geschlechterverhältnis oder die Geschlechterrollen in den Fokus, aber sie weiß um deren Bedeutung und lässt sie – ggf. auch implizit – mit einfließen. Dies erscheint mir insbesondere in den Aspekten nützlich und sinnvoll, wo gerade der letzte Punkt von Simone Wisotzkis eingangs angeführter Auflistung eintritt – nämlich da, wo Staaten und politische Eliten sich der Geschlechterstereotypen ermächtigen und diese instrumentalisieren.  Um diese Aspekte in der Forschung zu berücksichtigen, bedarf es zweierlei: Zum einen seitens der feministischen Friedens- und Konfliktforschung eine stärkere Selbstreflexion – insbesondere beim Gebrauch und der Bedeutung von „gender“ – und damit dem stärkeren Einschluss der „Männer“ als Forschungsfeld, zum anderen aber auch einen kritischen und gendersensibleren Blick der Friedens- und Konfliktforschung im Allgemeinen. Denn mit dem Wissen über die Dynamiken von Geschlechterstereotypen und deren Instrumentalisierung können auch neue Impulse in den unterschiedlichsten Bereichen der Friedens- und Konfliktforschung gegeben werden.

Christine Buchwald (Jg. 1986) studierte Germanistik, Friedens- und Konfliktforschung sowie Gender Studies mit dem Schwerpunkt auf feministische und gendersensible FuK und Männlichkeitsforschung in Hannover, Frankfurt am Main und Darmstadt. Derzeit arbeitet sie als Projektleiterin eines Mentoringprojektes an der Universität Koblenz-Landau. Zudem ist sie als Lehrbeauftragte in Koblenz und Bochum tätig. In ihrer Promotion beschäftigt sich Christine Buchwald mit männlichen Opfern sexualisierter Kriegsgewalt.

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