Die Sinnförmigkeit von Gewalt in Postkonfliktgesellschaften

Gewalt und deren Auswüchse fasziniert die Menschen seit jeher. Ihre Austragungsform variiert beträchtlich und auch die Definition derselben ist höchst umstritten. So schwankt diese von einer strikt physisch gefassten Definition bis hin zum bekannten Begriff der „strukturellen Gewalt“ Galtungs, unter den letztlich jedes gesellschaftliches Handeln als Gewalt subsumiert werden kann. Die soziologische Gewaltforschung ist bereits zur Erkenntnis gelangt, dass eine Konzentration auf Ursachen von Gewalt und ein steter Streit um die Definition daher nicht zielführend sein kann. Thorsten Bonacker (2005) und Dirk Baecker (1996) konzentrieren sich in der Folge vielmehr darauf, Gewalt als sinnförmig zu verstehen. Ein Handlung müsse also zunächst einmal von den Beteiligten als Gewalt verstanden, erfahren und als solche bezeichnet werden. Es wird hier folglich der Vorschlag gemacht von einer klassischen Begriffsdefinition ab zu kommen und Gewalt als eine gesellschaftlich verhandelbare Größe zu verstehen.
Ich möchte an dieser Stelle den Versuch unternehmen mit jenem Verständnis Gewalt in (Post-)Konfliktgebieten besser zu verstehen. Es ist eher die Regel als die Ausnahme, dass die physische Anwendung und die Androhung von Gewalt in Postkonfliktgesellschaften auch nach einem formalen Friedensschluss weiter geht. Bislang wurde dieses Phänomen durch  eine fehlende politische Ordnung bzw. fehlende sozio-ökonomische Chancen begründet, auch wurde eine mögliche soziale Prägung junger Männer und Frauen in Erwägung gezogen, die – da sie es nicht besser wüssten – mit Gewalt gesellschaftlich agieren. Mit dieser Logik gäbe es also immer einen Grund für Gewalt, entweder würde so versucht gesellschaftspolitische Verhältnisse zu ändern oder seine sozio-ökonomische Lage zu verbessern und somit müssten auch entwicklungspolitische Programme zu Governance, Wirtschaftsförderung und sozialer Integration der so genannten „Youth at Risk“ helfen, Gewalt einzudämmen und eine gesellschaftliche Transformation zu ermöglichen.

Es ist nicht zu bestreiten, dass Gewalt in diesen Faktoren eine Wiege zur Eskalation hat, allerdings verschleiert eine derartige Gewaltbegründung, dass ein gewaltsamer Konflikt eine Gesellschaft auch verändert. Mit Rückgriff auf den Definitionsvorschlag Baeckers und Bonackers bliebe demnach zu fragen, ob eine Gewalt, die über Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte zum Alltag gehörte, überhaupt noch als solche wahrgenommen wird. Dies soll keineswegs bedeuten, dass ich von einer „kulturellen Neigung“ zu gewaltsamen Verhalten ausgehe, vielmehr stellt sich die Frage der Gewöhnung an Gewalt im Alltag, so dass jene wie etliche andere Gewohnheiten, wie das allmorgendliche Zähneputzen, so selbstverständlich wirkt, als dass die physische Ausübung und die Androhung von Gewalt weder als solche verstanden, erfahren oder gar bezeichnet werden. Der gewaltsame Übergriff auf den Nachbarn, um dessen Geld zu erbeuten, wäre nach dieser Logik im Kontext von Postkonfliktgesellschaften so normal wie der tägliche Gang zur Arbeit in friedlichen Gesellschaften.

Doch woher kommt diese Gewöhnung und kann man sich an Gewalt wirklich gewöhnen? Es ist ein merkwürdiger Gedanke, Gewalt als etwas „Normales“, Alltägliches zu denken, dass nicht weiter auffällt. Arbeiten zu Transitional Justice, zu Posttraumatischen Belastungsstörungen, zu Kriegstraumata und dergleichen machen es uns schwer Gewalt in dieser Form zu denken. Betrachten wir Gewalt aber nicht nur im Rahmen extremer Kriegsgewalt, sondern berücksichtigen auch die Gewalt, die angewandt wird, um das alltägliche Leben zu sichern – man denke hier an Raub, Überfälle – oder auch an sexuelle Gewalt, Vergewaltigungen, die aufgrund allgemeiner Straflosigkeit leider sehr häufig verübt wird, kann man sich schon eher vorstellen, dass dies zur Routine geworden sein könnte, sowohl für jenen, der Gewalt erfolgreich ausübt als auch für jenen, der Gewalt routiniert erfährt. Die Rollenzuschreibung ist fließend, so dass der Ausübende einer Handlung auch das Opfer der anderen Handlung sein kann und umgekehrt.
Es ist keineswegs zu bestreiten, dass Gewaltanwendung in der einen oder anderen Form immer zu einer Traumatisierung führen, immerhin wird durch die – erste – unerwartete Gewalthandlung der Erwartungshorizont von Kommunikation mit dem Gegenüber vollends überworfen. Es kommt zur Verwirrung. Was aber dann geschieht konnte Harald Welzer in seinem Buch über Täterschaft sehr gut aufzeigen, der Horizont sozialer Erwartungen verschiebt sich. Gewaltsame Handlungen des Gegenübers gelten nicht mehr als unwahrscheinlich, sondern werden direkt mit einkalkuliert, sodass sich auch die eigene Handlung entsprechend anpasst, frei des Prinzips „wie du mir, so ich dir“. Gewalt wird so in sozialer Kommunikation nicht länger tabuisiert, sondern erwartet und selbst ausgeübt, so dass sich sukzessive das soziale Gefüge verändert. Wie schnell dieser Vorgang vor sich geht, ist abhängig von mehreren lokalen Faktoren, so zum Beispiel tief verwurzelte gesellschaftskulturelle Normen, die auch über Kampfhandlungen hinaus weiter fortbestehen. Existieren diese jedoch weniger tief verwurzelt, kann ein gesellschaftlicher Zerfall sehr schnell eintreten. Hierdurch entsteht die beschriebene Gewöhnung an Gewalt, die eine sinnförmige Zuschreibung von Handlungen als gewaltsam erschweren oder verhindern.

Für Peacebuilding Bemühungen hat jene Gewöhnung an Gewalt einen negativen Effekt. Konzentriert sich jenes nämlich auf die Beseitigung der „Ursachen“ von Gewalt und vernachlässigt dabei, dass sich die gesellschaftliche Sicht auf Gewalt gewandelt hat, werden Peacebuilding Akteure jeglicher Art mit großer Wahrscheinlichkeit an einer anhaltenden Gewalt scheitern ohne nachhaltigen Frieden etablieren zu können. Es wäre also ratsam für diese Akteure ihren Blick zu weiten und und den „lokalen“ Alltag in der Gesellschaft näher in Betracht zu ziehen. Nur so können nachhaltige Konzepte zur Transformation einer Gesellschaft, zur Friedenskonsolidierung entstehen.

Erwähnte Bücher und Artikel:

Dirk Baecker (1996): Gewalt im System, in: Soziale Welt 47, S. 92-109.
Thorsten Bonacker (2002): Zuschreibungen der Gewalt. Zur Sinnförmigkeit interaktiver, organisierter und gesellschaftlicher Gewalt, in: Soziale Welt 53, S. 31-48.
Harald Welzer (2006): Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, Frankfurt am Main: Fischer Verlag.

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