Foucault im Kuckucksnest

Was haben der Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ und Michel Foucault gemeinsam? Dies und das Politische im Film war Thema eines Vortrags von Ulrich Hamenstädt im Rahmen der Reihe „Politik ist überall“ am Institut für Politikwissenschaft der Uni Tübingen.

Politische Theorien und populäre Filme scheinen auf den ersten Blick nicht zwingend zusammen zu passen. Wer einen zweiten Blick wagt, kann jedoch mitunter Erstaunliches sehen: Filme basieren auf einer Vielzahl von oft impliziten Annahmen über unsere Gesellschaft und thematisieren unterschiedliche soziale Probleme. Diese sind ebenfalls die Ausgangspunkte politischer Theorien. Die Verbindung zwischen dem französischen Philosophen Michel Foucault und dem Filmklassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“ war an der Universität Tübingen das Thema eines Vortrags am 28. Mai 2014. Als Referent war Ulrich Hamenstädt zu Gast, Dozent der Uni Münster. Im Rahmen der Vortragsreihe „Politik ist überall“ des Fördervereins POLIS des politikwissenschaftlichen Instituts referierte Hamenstädt über unterschiedliche Bezüge zwischen politischer Philosophie und dem Film. Im Folgenden stelle ich seine Kernthesen vor:

Zunächst stellt sich die Frage, ob der Kuckuck überhaupt ein Nest hat und vor allem, was ein französischer Philosoph hierin zu suchen hat? Der Filmklassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“ ist ein recht ungewöhnlicher und vielschichtiger Film. Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Ken Kesey, der in den 1950er Jahren als Aushilfe in einer psychiatrischen Ableitung arbeitete, verarbeiten Buch und Film Erfahrungen mit psychiatrischen Krankenhäusern in dieser Zeit. Insbesondere die physische und psychische Gewalt der Institution wird in Film und Buch thematisiert. „Einer flog über das Kuckucksnest“ ist somit als ein direktes politisches Statement gegen die Praktiken der Institution der Psychiatrie zu verstehen. So ist beispielsweise die Verwendung von Elektroshocks eine der grausamsten Szenen des Films. Der Film ist aber auch ein Spiegel unserer Gesellschaft: Denn als gesellschaftliche Institution ist die Psychiatrie in ihren Handlungen und Praktiken auch auf die allgemeine Akzeptanz der Gesellschaft angewiesen.

Michel Foucault / Image: Wikipedia

Die Klinik und die Psychiatrie sind auch häufige Analysegegenstände in den Arbeiten von Michel Foucault. Dieser hatte neben Philosophie auch einen Abschluss in Psychopathologie erworben und war insbesondere über das enorme Anwachsen der Fachliteratur über den kranken und „anormalen“ Menschen im Verlauf des 19. Jahrhunderts fasziniert gewesen. Gleichzeitig gilt Foucault als einer der großen Kritiker der Psychiatrie sowie des Gefängnissystems, so wie es in den 1970er Jahren in Frankreich bestand. Foucault reflektierte bereits in den 1970er Jahren sehr viele Dinge, die auch unser heutiges Leben bestimmen. Insbesondere hat Foucault sich mit der Frage nach der „Normalität“ in unserer Gesellschaft befasst und damit auch immer das Thema der Psychiatrie und deren Rolle in unserer Gesellschaft reflektiert. Dasselbe passiert im Filmklassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“. So wird im Film der Leidensweg eines Kriminellen nacherzählt, welcher als Delinquent in die Psychiatrie kommt und dort letztendlich durch die vorherrschenden Praktiken gebrochen und als Person vernichtet wird.

Wie stellen also Foucaults Theorie und der Film gemeinsam unsere alltäglichen Vorstellungen von der Normalität in Frage? Zum einen sind es die offensichtlichen Parallelen zwischen dem Film und der Theorie Foucaults, welche den Film geeignet erscheinen lassen, spezifische Argumente der Theorie plastisch zu illustrieren. Der Film bietet somit einen Einstieg in das, was Foucault in seinen Büchern vertieft. Neben diesem einführenden Charakter können auch einige zentrale Aspekte der Theorie herausgearbeitet werden. Nicht zuletzt wird hierdurch auch die Bedeutung politischer Theorie für den Alltag unterstrichen, denn der Film drängt die Zuschauer_innen geradezu in ein Nachdenken über gesellschaftliche Herausforderungen, und wie mit diesen umgegangen werden kann. Somit verweist nicht nur der Vortrag, sondern vielmehr das gesamte Konzept der Vortragsreihe auf die Bedeutung politischer Theorie für unseren Alltag. Denn „Politik ist überall“ gilt nicht nur für Filme, die sich dezidiert als politisch verstehen. Vielmehr enthalten zahlreiche Filme und Serien Vorstellungen darüber, wie Menschen und Charaktere darzustellen sind, oder wie die Welt aussieht und wie wir hierüber zu denken haben. Manche Filme bieten auch alternative Sichtweisen an, auch wenn dies in gelungener Form leider nur selten geschieht. Vielmehr spiegeln sich in Filmen explizit oder implizit Vorstellungen über die Welt wider; so fliegen Raumschiffe durch die unendlichen Weiten des Weltalls und tragen die Idee einer westlichen, liberalen Gesellschaft zu unbekannten Völkern hinaus. Hier findet Politik in einer Art Mikrokosmos statt, aber verweist auch immer auf den gesellschaftlichen Rahmen innerhalb dessen wir selbst agieren und wo wir als Gesellschaft das Politische verorten. „Einer flog über das Kuckucksnest“ erbringt diesen Verweis auf eine besonders eindringliche Weise. Ob Michel Foucault Antworten bieten kann, oder uns vor noch mehr Fragen stellt, muss jedoch offen bleiben; sicher ist hingegen, dass Foucault als politischer Theoretiker viele Fragen aufwirft, vor die uns auch „Einer flog über das Kuckucksnest“ stellt.

Die Verbindung zwischen politischer Theorie und Film zu betrachten, stellt daher eine interessante Ausgangsbasis für die Diskussion um die Allgegenwart des Politischen dar.

Dies ist ein Gastbeitrag von Ulrich Hamenstädt. Der Beitrag ist eine Adaption des gleichnamigen Vortrags des Autors in der Vortragsreihe „Politik ist überall“ am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen. Die Vortragsreihe wird von POLIS, dem Förderverein für Politikwissenschaft in Tübingen, organisiert und wir veröffentlichen in Kooperation mit POLIS Kurzfassungen der jeweiligen Vorträge in unregelmäßigen Abständen auf dem Bretterblog.

Mehr auf dem Bretterblog zur Verbindung populärer Kultur und Weltpolitik.

One comment

  1. […] Den Anfang macht Ulrich Hamenstädts Beitrag zum Thema Foucault im Kuckucksnest: https://bretterblog.wordpress.com/2014/06/12/foucault-im-kuckucksnest/ […]

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