Auf der Spur der Gewaltlosigkeit

Die Welt ist so friedlich wie nie zuvor! Eine Diagnose, die erstens schwer fällt zu glauben in Anbetracht von zahlreichen intrastaatlichen Konflikten, einem sich internationalisierenden syrischen Bürgerkrieg, ISIS Kämpfern in Mosul, der Krise in der Ukraine, und vielem mehr, zweitens aber auch eine ganz bestimmte Frage aufwirft: Warum? Ist die Menschheit wirklich zu besseren Engeln geworden wie Steven Pinker behauptet? Ist ein Gewalttabu zu einer weltkulturellen Norm geworden oder sind Kriege im Vergleich zu einer globalisierten, liberalen Marktwirtschaft unzweckmäßig geworden? Oder ist etwa alles nur Zufall?!

Wir leben in einem der friedlichsten Jahrhunderte unserer Zeit“, sagt Steven Pinker in seinem Buch „Better Angels of our Nature“, über das wir bereits im August 2012 eine Rezension geschrieben haben. Er belegt dies anhand zahlreicher Statistiken. Dennoch wird sowohl in den Medien, der Politik als auch innergesellschaftlich der Eindruck erweckt, als lebten wir in gefährlichen Zeiten. Sicherheitsbestimmungen, die suggerieren, dass jede Sekunde ein terroristischer Anschlag drohen könnte; politische Umwälzungen in den verschiedensten Ländern von Tunesien bis zur Ukraine, die Besorgnis erregend sind; innerstaatliche Konflikte, die drohen in ethnische Säuberungen zu eskalieren wie im Südsudan; eine potentielle nukleare Bedrohung durch den Iran oder gar Nordkorea und vielem mehr lassen die verschiedenen Weltregionen als alles andere als friedlich erscheinen. Woher kommt dieser Eindruck? Warum ist es in vielen Ländern der Welt wie in keiner anderen Generation möglich täglich unbehelligt von Gefahren wie Mord, Raub oder Vergewaltigung auf die Straße zu gehen und doch gleichzeitig in einem Bewusstsein zu leben, dass Gewalt so präsent und hocheskalierend wie nie zuvor sei?

Eine erste intuitive Antwort hierauf ist, dass das gefühlt hohe Niveau von Gewalt durch die tägliche Flut an medialer Berichterstattung kommt, welche früher nicht in diesem Maße stattgefunden hat. Sicherlich ist dies ein Faktor, jedoch sehe ich vor allem einen anderen Faktor als entscheidend für eine solch subjektive Empfindung: eine wachsende Tabuisierung von Gewalt. Dass verlustreiche Kriege zurückgegangen sind und das Sicherheitsniveau in den meisten Gesellschaften gestiegen ist, dokumentiert auch das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung, wenn auch weit differenzierter als die generalisierte Aussage Pinkers vermuten lässt. So können die Heidelberger nachweisen, dass in der langfristigen Perspektive – fokussiert wird der Zeitraum zwischen 1945-2013 – besonders die Anzahl an zwischenstaatlichen Kriegen bis 2013 auf ein Rekordtief gesunken ist und auch die Anzahl an intrastaatlichen Konflikten zwar bis 1990 gestiegen, seitdem aber kontinuierlich gefallen ist. Nichtsdestotrotz sei die Anzahl und Intensität an gewaltsamen Krisen im Vergleich zum letzten Jahr wieder gestiegen. Für einen Gesamtüberblick siehe das Heidelberger Konfliktbarometer 2013.

Friedlich ist unser Jahrhundert also deutlich nicht, dennoch scheint eine höhere Sensibilität für gewaltsame Konflikte zu existieren, als noch in der Vormoderne. Pinker macht dies an Beispielen von Grausamkeit innerhalb vormoderner Gesellschaften fest, wie öffentlichen Hinrichtungen, dem lustvollen Schauspiel des Verbrennens von Tieren, Gladiatorenkämpfen u.v.m. Hier, so die Argumentation Pinkers mit Referenz auf Norbert Elias, scheint es einen Zivilisationsprozess gegeben zu haben, der Gewalt in der bürgerlichen Gesellschaft verbiete, delegitimiere, teilweise sogar verachte. In der Tat lässt sich die Beobachtung nicht von der Hand weisen, dass vorwiegend in liberalen Gesellschaften die Anwendung oder Androhung von Gewalt im alltäglichen Miteinander als dysfunktional und unmoralisch etikettiert ist. Pinkers Urteil hierzu ist, dass „something in modernity and its cultural institutions has made us nobler.” Er lässt dabei offen, was es sein könnte, dass uns “nobler” macht, uns zurückschrecken lässt vor Mord, Raub und alltäglichen Grausamkeiten. Zur Erklärung dieses Phänomens, das Jan Philipp Reemtsma in seinem Buch „Vertrauen und Gewalt“ ebenfalls als Merkmal der Moderne stilisiert, da „[d]as Vertrauensmodell der Moderne […]nur aufgrund der wechselseitigen Unterstellung [funktioniert], im Umgang miteinander müsse mit gewalttätigen Übergriffen nicht gerechnet werden“,  argumentiert Robert Wright mittels eines Null-Summen-Spiels, dass Gewalt in der Moderne unzweckmäßig sei und allein deshalb und nicht aus moralischen Überlegungen heraus abgelehnt werde. „As people acquire know-how that they can share cheaply with others and develop technologies that allow them to spread their goods and ideas over larger territories at lower cost, their incentive to cooperate steadily increases, because other people become more valuable alive than dead.” Dieser Argumentation folgend sei gewaltloses Verhalten eine Kosten-Nutzen Abwägung jedes einzelnen, die einen generellen Rückgang gesellschaftlicher Gewalt begünstigen kann.

Diese Erklärung erscheint dahingehend noch recht vage, als dass sie individuelle Entscheidungen ins Zentrum gesellschaftlichen Handelns rückt, so dass es nützlich sein könnte an dieser Stelle Michel Foucaults Theorie der Bio-Politik anzuführen. Nach Foucault verschwindet das Gewaltpotential einer Gesellschaft nicht, es kanalisiert sich nur in andere Bereiche. So kann über direkte Gewalt nur ein begrenzter gesellschaftlicher Rahmen kontrolliert werden, da hierzu die generelle Furcht vor Gewalt und Strafe bei Ungehorsam aufrechterhalten werden muss (zur Theorie des Gehorsams durch Furcht siehe auch Thomas Hobbes und  Niccolo Machiavelli). Dementgegen schaffe eine nicht-direkte Form der Gewalt durch Inklusion/Exklusion von Bevölkerungsteilen einen Anreiz zum Gehorsam, da sich im Falle der Inklusion Vorteile ergäben. Zum Konzept der Foucault’schen Bio-Politik siehe „Überwachen und Strafen“ und „Die Geschichte der Gouvernementalität II“. Foucaults Argumentation folgend, scheint innerhalb moderner Gesellschaften die Tabuisierung von direkter Gewalt einer intrinsischen Logik zu folgen. Durch Delegitimierungsmechanismen von Gewalt wie ihrer Demoralisierung innerhalb der Bevölkerung gelingt eine bessere Kontrolle jener Bevölkerung durch einen staatlichen Kontrollapparat. Die Suggestion des noblen und moralisch guten Verhaltens erscheint in diesem Sinne als eine passable Möglichkeit zur gesellschaftlichen Kontrolle, so dass die Pinker’sche Frage, nach dem „Something“ weitaus nüchterner – wenn auch gleichbedeutend zweckdienlich – beantwortet werden muss.

Doch nicht nur innergesellschaftlich lässt sich dieses Phänomen der Delegitimierung von Gewalt aufzeigen. Die Verrechtlichung des Krieges durch das Völkerrecht und die damit einhergehende Einschränkung von rechtmäßigen kriegerischen Handlungen war ein erster Schritt zu einer Delegitimierung von Gewalt. Mittlerweile dokumentieren zahlreiche UN Policy Papiere allen voran die UN Charta selbst, dass Gewalt einer zwingenden Notwendigkeit der Anwendung bedarf, um legitimiert zu werden. So erlaubt zwar nach wie vor der Angriffsfalls den Einsatz von Gewalt, kommen aber militärische Mittel zum Einsatz, um ein geostrategisches Ziel zu verfolgen oder um eine politische Umwälzung in einem innerstaatlichen Konflikt zu seinen Gunsten zu nutzen, bedarf die Intervention an dieser Stelle der Verkleidung von militärischer Gewalt durch Begriffe wie (1)„humanitäre Intervention“, die die humanitäre Notwendigkeit einer illegitimen Handlung für einen höheren Zweck herausstellt; (2) „R2P“, die den Schutz von Bürgern gegen das, das Gewaltverbot verletzende, Regime hervorhebt, (3) UN Peacebuilding zur Wiederherstellung eines Friedens, etc., um auch hier eine Legitimierung herbeizuführen.
So ist Gewalt besonders auf zwischenstaatlicher Ebene zum Mittel der Ultima Ratio geworden. Aber auch in intrastaatlichen Konflikten zeigt sich zunehmende Bemühungen zur Delegitimierung von Gewalt in Form von zivilgesellschaftlichen Akteuren, (I)NGOs und breit angelegten UN Peacebuilding Missionen, die mittlerweile auch die Reduktion von kommunaler Gewalt wie in Haiti als Zielsetzung formulieren.

Die verschiedenen Auslegungsformen von Gewalt betrachtend, kann schlussendlich sicherlich noch nicht von einem universell anerkannten Gewalttabu als einer weltkulturellen Norm (siehe auch Martha Finnemore) gesprochen werden. Nichtsdestotrotz scheinen sich hierfür in den Bemühungen Gewalt in legitimierbare Formen umzuwandeln eine erste Tendenz für eine solche Norm herauszubilden, so dass sich Steven Pinkers „something“ vielleicht nicht als das moralische Nobel herausstellen mag, es dennoch seinen Zweck erfüllt, eine weltpolitische Gesellschaft mit einer geringeren Intensität von Gewalt.

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