Afd: Alternative für Ost- und Westdeutschland?

Politikverdrossenheit und Frust – so lautet die Erklärung für die Wahlerfolge der Alternative für Deutschland (AfD) in Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Ist die AfD wirklich ein spezifisch ostdeutsches Phänomen? Was verrät der Erfolg der Partei über die innere deutsche Einheit? Eine Analyse von unserer Gastautorin Anne Schillig.

Gerade erst beging man unter dem Motto „Vereint in Vielfalt“ die Feierlichkeiten zur deutschen Wiedervereinigung, die Bundeskanzlerin Angela Merkel beim offiziellen Festakt in Hannover als „historisches Meisterstück“ huldigte. Vom „Zusammenwachsen“ und dem zunehmenden „Bedeutungsverlust“ von Unterschieden zwischen Ost und West war da die Rede. Tatsächlich stellt sich die Frage, wie es 25 Jahre nach dem Fall der Mauer um die innere deutsche Einheit bestellt ist. Und ob das Nachdenken über Deutsche Zustände jenseits von Solidarpakt II in den Kategorien „ost“- und „westdeutsch“ überhaupt noch angebracht ist. Als wichtiges Messinstrument gilt dahingehend das Wahlbarometer, welches bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg im September zugunsten der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland ausschlug. Deren Geländegewinne erlauben einen revidierten Blick auf die oben aufgeworfenen Fragen – und verdeutlichen gleichzeitig die mit der Debatte um die Ursachen des Erfolgs der AfD einhergehenden Diskurshoheiten.

Rückblick: Bei der Bundestagswahl 2013 erreichte die AfD 4,7 Prozent der Wählerstimmen. Erst wenige Monate alt, war dieses Ergebnis ein „Achtungserfolg“ mit Alleinstellungsmerkmal in der Geschichte der Bundesrepublik. Genauso undurchsichtig wie das politische Programm der Partei waren die Stimmen zur Beschaffenheit ihres Durchschnittswählers. Peter Matuschek, Bereichsleiter für Politik- und Sozialforschung bei forsa, beschreibt diesen als „selbstständig, männlich, mit eher überdurchschnittlichem sozialen Status und Einkommen“. Ein Anhänger „der gehobenen Mittelschicht“, der sich „zwischen unten und oben zerrieben fühlt“. Richard Hilmer von Infratest dimap hingegen sieht das größte Wählerpotential bei Arbeiterinnen und Arbeitern. Ein Blick auf die Bewerber um Parteiämter wiederum zeigt: Ein Großteil der AfD-Anhängerschaft, die sich seit der Gründung der Partei verfünffacht hat, rekrutiert sich aus der gesellschaftlichen Mitte. Das ist doch einigermaßen verwirrend. Was die regionale Herkunft der Bundestagswählenden anbelangt, so schienen die Zahlen für sich zu sprechen: In Sachsen erzielte die Neupartei mit 6,8 Prozent das beste Ergebnis, gefolgt von Thüringen und Brandenburg mit ähnlichen Werten. Mecklenburg-Vorpommern teilte sich den vierten Platz mit Hessen, was dem Tenor meinungsbildender Medien und sozialwissenschaftlicher Untersuchungen, die AfD sei klar die Partei ostdeutscher Wendeverlierer, keinen Abbruch tat.

Nun macht eine Schwalbe noch keinen Sommer. Während sich Forschung und Feuilleton an die Analyse des politischen Newcomers machten, pfiff die AfD einige radikale Abweichler zurück, bemühte sich aber in Hinsicht auf die bevorstehenden Europawahlen vor allem um die flächendeckende Verbreitung ihrer blauen Wahlplakate. Mit Erfolg. Sieben Prozent holten die Eurokritiker bei den Wahlen im Mai und können damit sieben Mandate im neuen europäischen Parlament ihr eigen nennen. Das höchste Ergebnis von über 14 Prozent wurde aber nicht im vermeintlich deprivierten Osten, sondern im baden-württembergischen Pforzheim verzeichnet. Außerdem reihten sich noch vier andere westdeutsche Landkreise in die AfD-Europawahl-Top Ten.

Zuletzt erregten die zweistelligen Erfolge bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg die öffentliche Aufmerksamkeit. Das soziologische Profil des Wählers: Unter 35, mittlere bis höhere Bildungsherkunft. Die AfD als Sammelbecken verhärmter „Ostalgiker“? – Fehlanzeige. Dennoch taucht es immer wieder auf: das Bild grauer Plattenbausiedlungen ostdeutscher Vorstädte, an denen der Aufbau Ost weitestgehend vorbei gegangen ist und die als Keimzelle arbeitsloser Protestwähler autoritär-rechter Gesinnung gelten. Zweifelsohne gibt es sie, verödete Landstriche, deren Anschluss an die neue politisch-ökonomische Ordnung nach der Wende ausblieb. In denen man in eine politische Lethargie gefallen ist oder mit Extremen beider Pole sympathisiert. Das Argument des Wendeverlierers scheint zumindest in Teilen noch nachvollziehbar. Latent aber setzt man ebenfalls auf die spezifischen Sozialisations-, Erziehungs- und Systemstrukturen in der DDR und beschreibt sie, wiederholt auch im wissenschaftlichen Diskurs, als hauptursächliche Erklärung für den Wählerzulauf populistischer oder extremer Parteien in Ostdeutschland. Nun konnte die AfD in den vergangenen Landtagswahlen vor allem junge Wähler zum Urnengang bewegen. Wähler, welchen die DDR eher aus elterlichen Erzählungen als aus unmittelbarer Erinnerung präsent ist und denen man wohl kaum anerzogene „Autoritätsaffinität“ unterstellen kann. Ihr Erfolg muss sich also aus anderen, übergeordneten Parametern generieren.

Ein Erklärungsansatz kommt aus der Jugendforschung, deren Erkenntnissen zufolge sich die „Generation Y“ nach tendenziell konservativen Werten sehnt. Die Ordnung in der zunehmend globalen Unübersichtlichkeit in Form sozialer Stabilität sucht. Der Rückzug ins Private, Innere durch die von Parteien wie der AfD proklamierten Ablehnung multikultureller, pluralistischer Größen weckt nostalgische Gefühle und schafft die Illusion eines problemfreien Reduits. Allerdings: Diese Entwicklung lässt sich hüben wie drüben beobachten. Und prekarisierte Regionen sind längst kein ostdeutsches Spezifikum mehr (verwiesen sei nur auf das Ruhrgebiet!).

Es ist sicher kein leicht erklärbares Phänomen, aber am Beispiel des Erfolges der AfD wird deutlich, welchen Deutungsmustern und Konstruktionsregeln solch eine Debatte folgt. Zwar erhielten in der Vergangenheit immer wieder Parteien ähnlicher ideologischer Programmatiken Resonanz – man denke etwa an Die Republikaner oder die Schill-Partei. Der Erfolg der AfD als rechtspopulistisches Organ ist jedoch ein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik. Zumindest sprechen die Zahlen, die derzeit eine etwa zehnprozentige Wählerschaft auf Bundesebene prognostizieren, dafür. Bei der jetzigen Analyse ist entscheidend, nicht auf vorgefertigte Erklärungsmuster zurückzugreifen und den Erfolg der Partei als spezifisches Problem einer Region zu lesen. Viel zu verhaftet scheint das Bild des ostdeutschen Neonazis der frühen Neunziger, der die Hand zum „Deutschen Gruß“ gestreckt vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen steht. Soll heißen: Der hierzulande öffentlich geführte Diskurs fokussiert, ohne diese Problematik marginalisieren zu wollen, noch immer zu stark auf den verfassungsfeindlichen Rechtsextremismus, der lange Zeit, insbesondere auf der Verhaltensebene, eine besorgniserregende Entwicklung vor allem in den neuen Ländern darstellte. Entscheidend ist viel mehr die Tatsache, dass es die AfD vermag, die in Deutschland bisher fehlende rechtspopulistische Lücke zu schließen und damit einem allgemeinen europäischen Parteien-Trend zu folgen.

„Von den Strukturen her sind wir sehr stark in Westdeutschland“, ließ der AfD-Vorsitzende Bernd Lucke kürzlich verlauten. Er sei „sehr optimistisch, dass wir dort bald in den Landtagen vertreten sein werden“. Die Wahlen in Hamburg und Bremen im kommenden Frühjahr werden es zeigen. Dann wird sich auch herausstellen, inwieweit Deprivation und ihre Folgen auf das Wahlverhalten ein originär ostdeutsches Problem ist.

Anne Schillig, Jahrgang 1986, hat Allgemeine Geschichte, Politikwissenschaft und Kultur- und Sozialanthropologie in Potsdam, Basel und Luzern studiert. Vertieft setzt sie sich mit neorechten Strömungen in Europa, Fragen kollektiver Identität und ethnopolitischen Konflikten auseinander. Gegenwärtig ist sie Lehrbeauftragte an der Universität Luzern.

 

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