Chinas Aufstieg und der globale Süden

Mit dem machtpolitischen Aufstieg Chinas treten Weltregionen in den Fokus, die in unseren Breitengraden vormals eher am Rande wahrgenommen wurden – insbesondere Asien. Neben der gestiegenen weltpolitischen Bedeutung eröffnen sich auch akademisch spannende Perspektiven, wie unlängst die zweite Global South Caucus Konferenz der ISA in Singapur zeigte.

Prof. John Ikenberry und Prof. Takashi Inoguchi im Gespräch mit Ted Hopf zur politischen Zukunft Asiens an der National University of Singapore.

Prof. John Ikenberry und Prof. Takashi Inoguchi im Gespräch mit Ted Hopf zur politischen Zukunft Asiens an der National University of Singapore.

Tagtäglich kann man in der Presse Berichte über China als kommende Weltmacht lesen. Neben den wirtschaftlichen Chancen überwiegt in diesem Zusammenhang meist die Sorge. Wie ein Damoklesschwert scheint der Machtzuwachs der Volksrepublik über der Zukunft zu schweben. Vor allem die Tatsache, dass China weiterhin allein von der Kommunistischen Partei regiert wird und damit ein autoritärer und kein demokratischer Staat sich anschickt die Geschicke der Welt maßgeblich zu beeinflussen, wirkt beängstigend. Doch tatsächlich ist Europa bislang vergleichsweise gering von den machtpolitischen Veränderungen betroffen. So ist Chinas Aufstieg in Europa vor allem für die Wirtschaft ein greifbares Phänomen geworden. Vielleicht ist es auch gerade der abstrakte Charakter dieses Aufstiegs, der viele hierzulande erschrecken lässt. Dabei zeigen sich die Auswirkungen dieser Entwicklung in anderen Weltregionen bereits deutlich stärker.

Tigerstaat und Symbol von Asiens Aufstieg: Singapur.

Tigerstaat und Symbol von Asiens Aufstieg: Singapur.

Welche Auswirkungen hat der Aufstieg Chinas auf den globalen Süden? Wie wird China, wie wird der „Westen“ in diesen Ländern wahrgenommen? Welche Perspektiven ergeben sich auf internationale Politik aus der Sicht von SozialwissenschaftlerInnen aus dem globalen Süden? Große Fragen, auf die die zweite Global South Caucus Konferenz der International Studies Association (ISA) Anfang Januar 2015 in Singapur einige erste Antworten lieferte.

Die Vielfalt des globalen Südens

Dabei fällt eine klare Zusammenfassung der Konferenz gar nicht leicht. Mit nahezu 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war die Singapurer Konferenz zwar erheblich kleiner als es die Annual Convention der ISA in New Orleans zu werden verspricht. Dennoch ist es unmöglich die Vielfalt der Themen, Fragestellungen und Perspektiven auch nur annähernd angemessen widerzugeben. Insofern repräsentieren die folgenden Zeilen den Versuch meine subjektiven Eindrücke als China-Forscher zu bündeln, die ich in den von mir besuchten Panels erhielt.

Zwei Anmerkungen vorweg:

Erstens: Die Konferenz fand unter dem Titel „Voices from Outside. Re-Shaping International Relations Theory and Practice in an Era of Global Transformation“ statt – und tatsächlich stammte die übergroße Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Gesellschaften des globalen Südens. Darin lag sicherlich eine eigene Qualität, die anderen Konferenzen (z.B. der WISC in Frankfurt im letzten Jahr) mit ähnlichem Anspruch, an denen jedoch hauptsächlich „westliche“ WissenschaftlerInnen über den globalen Süden sprachen, abgingen. Freilich ist ebenso auffällig, dass viele TeilnehmerInnen der Singapurer Konferenz an „westlichen“ Forschungseinrichtungen – insbesondere in Australien und den USA – arbeiten.

Prof. Amitav Acharya bei der Eröffnung der Konferenz des Global South Caucus der International Studies Association an der Management University of Singapore.

Prof. Amitav Acharya bei der Eröffnung der Konferenz des Global South Caucus der International Studies Association an der Management University of Singapore.

Zweitens stellte sich zu meiner großen Freude schnell heraus, dass die Arbeitsatmosphäre außergewöhnlich war: Kritisch in der Sache, aber mit größtem Respekt und – ja – gar mit Sympathie schienen viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Arbeiten ihrer KollegInnen zu begleiten. Viele kannten sich untereinander. Aber die Freude über neue Gesichter, neue Ideen und Fragen war wohltuend und überaus groß. Wer immer sich überlegt zur nächsten Global South Caucus Konferenz der ISA zu fahren: ich kann es nur empfehlen. Denn allzu häufig gewinnt man den Eindruck, es mit „ÜberzeugungstäterInnen“ zu tun zu haben: Viele beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Jamaikanischer, Indonesischer oder Gabunischer Politik, wohlwissend, dass der Mainstream der Disziplin sie ignorieren und ihnen vermutlich kein Lehrstuhl an einer berühmten Universität winkt. Damit will ich nicht allen TeilnehmerInnen anderer Konferenzen eine Karrierefixierung unterstellen. Aber die Quote jener, die aus inhaltlichem Interesse an ihren Themen arbeiten, erscheint mir fast naturgemäß bei einer solchen Konferenz höher zu sein.

Asien – zwischen neuen Möglichkeiten und drohendem Krieg

In medias res: So abstrakt für viele der Aufstieg Chinas in Europa ist, so präsent ist er in Asien. Dabei ist der Effekt durchaus ambivalent: In einer öffentlichen Podiumsdiskussion an Singapurs Nationaluniversität waren sich bei Prof. John Ikenberry von der Universität Princeton und sein Kollege Prof. Takashi Inoguchi, Emeritus der Universität Tokio, einig, dass sich den südostasiatischen Staaten zunehmend mehr diplomatische Spielräume böten. Lange Zeit von den USA dominiert befinde sich die Region an einem entscheidenden Wendepunkt, an dem die USA mit China um Einfluss konkurrierten. Zwar blieben die USA weiterhin die einzige Macht, die effektive Sicherheitsgarantien geben könne. Doch wirtschaftlich habe China eine wesentlich größere Anziehungskraft als Amerika. Die Tatsache, dass China und die USA um Einfluss in der Region konkurrieren, bringe die kleineren Staaten nun in die vorteilhafte Position des Umworbenen.

Gruppenbild mit den Panelisten zum Wandel asiatischer Außenpolitik. Mi-yeon Hur ist die zweite von rechts.

Gruppenbild mit den Panelisten zum Wandel asiatischer Außenpolitik. Mi-yeon Hur ist die zweite von rechts.

Ähnlich argumentierte die Doktorandin Mi-yeon Hur, die aus Südkorea stammend an der Universität Bradford im Vereinigten Königreich promoviert, mit Blick auf Japan und Südkorea: Beide Staaten entwickelten aktuell eigene außenpolitische Rollenkonzeptionen und lösen sich damit zumindest partiell aus der Dominanz Amerikas. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich zum Beispiel Japan aufgrund erheblichen amerikanischen Einflusses als eine Friedensmacht verstanden. Dies zeige sich sowohl in der Außenpolitik Japans als auch in der japanischen Verfassung, die unter US-Führung geschrieben worden sei. Doch zunehmend lege das Land die von den USA „verordnete“ Selbstdefinition als „Friedensmacht“ ab und strebt danach, ein „normaler“ Staat zu werden, der seine Interessen notfalls auch mit kriegerischen Mitteln verteidigt sehen wolle. Die USA beobachteten diese Entwicklung mit Argwohn. Doch obwohl die Allianz zwischen Japan und den USA stabil sei und für Japan eine enge Kooperation mit China ausgeschlossen sei, empfinde Japan erheblich mehr Spielraum für die Gestaltung der eigenen internationalen Rolle. Dies gelte auch und gerade für Japans Rolle im Nuklearkonflikt mit Nordkorea.

Doch neben diesen zusätzlichen Handlungsmöglichkeiten sieht sich Asien auch einer ganzen Reihe an Konflikten gegenüber, die das Risiko eines Krieges beinhalten: So sprach der Rechtswissenschaftler Tommy Koh, der besser bekannt ist als ASEAN-Spitzendiplomat und langjähriger Singapurischer Botschafter u.a. in den USA und bei den Vereinten Nationen, im Eröffnungsvortrag gleich von sechs Bedrohungsquellen für den Frieden in Asien: Nordkoreas Atomwaffen, der Kaschmirkonflikt (zwischen Pakistan und Indien), die Grenzstreitigkeiten zwischen Indien und China, Chinas maritime Konflikte einerseits mit Japan und andererseits mit einer ganzen Reihe südostasiatischer Staaten sowie ein potentieller Konflikt zwischen den Großmächten USA und China. Angesichts der Tatsache, dass China in vier dieser sechs Konflikte involviert ist, mag den SkeptikerInnen, die vor dem chinesischen Machtgewinn warnen, ein weiterer Beleg für die Berechtigung ihrer Sorgen dienen.

Der erfahrene Diplomat Tommy Koh zeigte sich jedoch zumindest für die nächste Zeit vorsichtig optimistisch, dass der Konfliktaustrag in den genannten sechs Fällen friedlich verlaufen werde: Ein wesentlicher Grund sei die Vielzahl gemeinsamer Interessen und wechselseitiger Abhängigkeiten. Ein Beispiel sei, dass der größte Anteil ausländischer Direktinvestitionen nach China über lange Zeit aus Japan erfolgt sei. Erst jüngst habe Singapur Japan auf den zweiten Platz verdrängt. Trotz des wachsenden Nationalismus in beiden hätten beide Seiten ein aktives Interesse an guten Beziehungen. Gravierender könnten Fehlkalkulationen und Fehlinterpretationen sein, die aufgrund der großen kulturellen Differenz zwischen den USA und China am wahrscheinlichsten seien. Auch die Tatsache, dass die ASEAN-Staaten keine einheitliche Position im Konflikt um Inseln im Südchinesischen Meer entwickelten sei problematisch. Koh betonte aber, dass das Interesse an einer friedlichen und multilateralen Lösung allen ASEAN-Staaten gemeinsam sei.

Tommy Koh ist einer der bedeutendsten Diplomaten Südostasiens. Hier bei seiner Keynote im Rahmen der GSCIS der ISA im Januar 2015.

Tommy Koh ist einer der bedeutendsten Diplomaten Südostasiens. Hier bei seiner Keynote im Rahmen der GSCIS der ISA im Januar 2015.

Tot gesagte leben länger: der „Westen“ im „globalen Süden“

Während sich also die weltpolitische Arena zunehmend vom atlantischen in den pazifischen Raum verschiebt, stellt sich die Frage, inwieweit dies auch mit einem Wandel zentraler Ideen, Konzepte und Prozesse für die internationale Politik einhergeht. Dazu bedarf es auch einer Revision des sozialwissenschaftlichen Euro-Zentrismus. Ohne ein abschließendes Urteil über einen sich derzeit entfaltenden Prozess fällen zu können oder zu wollen, erschien mir aus den Vorträgen der Konferenz der verbreitete Wunsch nach einem erneuten Nachdenken über zentrale Ideen und Prozesse der Weltpolitik in den verschiedensten Regionen des globalen Südens“ unübersehbar. Gleichzeitig wurde jedoch auch die Prägekraft des bestehenden, vom „Westen“ und seinen Erfahrungen gekennzeichneten Zustands deutlich. Exemplarisch für diese Beobachtung steht eine Buchvorstellung, an der Prof. Jacqueline Braveboy-Wagner (City University of New York), Dr. Jason E. Strakes (Ilia State University), Dr. Alan Chong (Nanyang Technological University Singapore), Dr. Li Mingjiang (National University Singapore), Prof. Mariana Kalil (Rio de Janeiro Federal University), Dr. Elsada Diana Cassells (City University of New York) und Prof. Imad Mansour (Qatar University) teilnahmen.  In dem demnächst erscheinenden Sammelband werden diplomatische Strategien und damit Prozesse der Außenpolitik (doing foreign policy) mit dem (angestrebten) „soft power-Profil“ der entsprechenden Staaten in Beziehung gesetzt. Verglichen werden unter anderem die Entwicklungen in Jamaika, Aserbaidschan, Singapur, China, Brasilien, Kuba und Katar.

Auch wenn die Vortragenden verdeutlichen wollten, dass die diplomatischen Strategien in den jeweiligen Länderfallstudien von „westlichen“ Üblichkeiten erheblich abwichen, so folge daraus noch nicht zwingend die erfolgreiche Beschreibung und Durchsetzung neuer, alternativer „soft power-Konzepte“. Was erstrebenswerte (internationale) Politik ausmache, werde zwar nicht mehr exklusiv vom „Westen“ definiert. Aber jedwede Alternatividee müsse sich mit traditionell aus dem „Westen“ stammenden Ideen ins Verhältnis setzen und messen lassen. Hier schien die Ausstrahlungskraft alternativer Ansätze bislang eher gering geblieben zu sein.

China zwischen „konfuzianischer Vision“ und sich fragmentierender außenpolitischer Praxis

Karte des GSCIS's Paneltitel von 2013. Quelle: Global South Caucus der ISA.

Karte des GSCIS’s Paneltitel von 2013. Quelle: Global South Caucus der ISA.

In diesem Kontext war auch einer meiner beiden Vorträge der Frage nachgegangen, ob und inwiefern die Volksrepublik China unter Rückgriff auf die eigene konfuzianische Tradition in Lage sei durch eine stärkere Betonung von Prozessen und Beziehungen gegenüber dem normativen Gehalt von festen Regeln und Modellen Prozesse und „Spielregeln“ internationaler Politik zu transformieren. Freilich zeigt sich auch hierbei, dass der essentialistische Wunsch nach einem genuin „chinesischen“ Kern des Politischen enttäuscht werden muss. Dies gilt sowohl für Diskurse über das außenpolitische Selbstverständnis Chinas aber erst recht für die außenpolitische Praxis der Volksrepublik.

Noch skeptischer bewerteten Lee Jones (Queen Mary, University London) und Shaha Hameiri (Murdoch University) eine genuin chinesische Vision internationaler Politik. Vielmehr zeige die außenpolitische Praxis eine grundlegende Transformation des chinesischen Staates in Folge der Globalisierung, die die Volksrepublik in immer stärkerem Ausmaß erfasse. Außenpolitische Prozesse seien von zunehmender Dezentralisierung, Fragmentierung und Internationalisierung geprägt. So seien nicht nur mehr und mehr Ministerien in die Außenpolitik Chinas eingebunden, sondern auch die Provinzführungen und mächtige staatseigene Unternehmen. Sie verfolgten teilweise konkurrierende Interessen und außenpolitische Agenden. Das Außenministerium sei häufig nicht einmal in der Lage, die Handlungen der verschiedenen chinesischen Akteure auf internationalem Parkett zu koordinieren. So entstehe der Eindruck einer inkohärenten, manchmal gar aggressiven Außenpolitik Chinas. Diese aggressiven Politiken würden jedoch zumeist nur von einem Teil der politischen Führung Chinas mitgetragen.

Wie man es auch dreht und wendet: zuhören tut not; fahrt zur nächsten Konferenz des Global South Caucus!

Dies sind nur einige wenige inhaltliche und atmosphärische Eindrücke von der diesjährigen Global South Caucus Konferenz der ISA in Singapur. Deutlich scheint mir freilich zu sein: Wir sollten nicht nur, sondern wir müssen auch zunehmend die Perspektiven aus dem globalen Süden aufnehmen. Denn erstens geraten sie über den Aufstieg „neuer“ Mächte (China wird voraussichtlich durch Indien und Brasilien ergänzt werden) von uns weitgehend sträflich vernachlässigte Weltregionen in den Blick. Hier konkurrieren „westliche“ Mächte mit den aufstrebenden um Einfluss – materiell aber auch ideell. Zweitens ist eine Erweiterung der Perspektive auch normativ geboten. Denn zunehmend sind die Staaten des globalen Südens von globaler Steuerung betroffen. Die Perspektiven der Betroffenen einzubeziehen scheint daher dringend geboten.

Eine Gelegenheit dazu bietet die nächste Global South Caucus Konferenz der ISA. Hoffentlich sehen wir uns dort!

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