Peripher, aber nicht randständig: Internationale Beziehungen in Südamerika

RedIntercol 2014 Vargas Hurrell Tickner

Im Zuge der (wieder) zunehmenden Aufmerksamkeit verschiedenster IB-Theorien für postkoloniale Problemlagen hat unter ‚nördlichen‘ IB-Forschern das Interesse an Dialog und Auseinandersetzung mit den IB-Communities des ‚globalen Südens‘ zugenommen. Dieser Beitrag will Möglichkeiten und Hindernisse dieses Dialogs für den Fall der südamerikanischen IB-Communities aufzeigen. Es soll gewissermaßen eine ‚Bedienungsanleitung‘ erstellt werden, um dem interessierten Außenseiter das Verständnis der Interessenlagen, theoretischen Präferenzen und der konkreten Arbeitssituationen südamerikanischer IB-Forscher zu erleichtern. Dies geschieht selbstredend unter Betonung der Unvollständigkeit der Beschreibung sowie der Perspektivenabhängigkeit des Beobachters.

Die Internationalen Beziehungen etablierten sich an Universitäten und Forschungsinstituten in verschiedenen südamerikanischen Ländern vorwiegend im Zuge der Kooperation mit den USA im Kontext des Kalten Krieges. Insbesondere über die Diffusion von an militärischen Bildungsanstalten unterrichteten Wissens verfügen auch die hiesigen IB so über eine durch eine intensive Rezeption und Adaption geopolitischer Denkweisen gekennzeichnete Vorgeschichte. In den Militärdiktaturen einiger Länder spielte Geopolitik gelegentlich eine zweifelhafte Rolle als Legitimationsnarrativ autoritärer Regime. Seit den 1970er Jahren – und insbesondere nach der Demokratisierungswelle der 1980er – wurden diese Perspektiven aber mehr und mehr von sozialwissenschaftlichen, insbesondere marxistischen bzw. dependenztheoretischen und modernisierungstheoretischen Ansätzen abgelöst. Später kamen insbesondere (neo-)realistische Varianten wie etwa der „periphere Realismus“ von Carlos Escudé sowie verschiedene konstruktivistische und postkoloniale Ansätze hinzu.

Trotz ihrer höchst unterschiedlichen politischen Konnotationen teilten diese Strömungen generell die implizite oder explizite Zielvorstellung, Strategien zur Überwindung außenpolitischer und außenwirtschaftlicher Abhängigkeiten der eigenen Staaten entwickeln zu können – und damit ist bereits ein kennzeichnendes Merkmal der südamerikanischen IB angesprochen: In vielen Fällen geht es ihnen nicht darum, theoretischen Erkenntnisfortschritt um seiner selbst willen zu erzielen, sondern es herrscht eine pragmatische Erwartungshaltung vor, die den Erfolg der Disziplin an ihrem Einfluss auf Massenmedien, zivilgesellschaftliche Organisationen und staatliche Politik zu messen sucht. Damit entsprechen sie durchaus dem von dem einflussreichen Intellektuellen der Zeit nach den Unabhängigkeitskriegen, Andrés Bello, mitgeprägten instrumentellen Verständnis von Universität und Wissenschaft.

Die Voraussetzungen für eine solche Einflussnahme sind keineswegs schlecht: Die südamerikanischen IB stehen zwar nach wie vor gegenüber den Communities Nordamerikas oder Europas in einem peripheren Verhältnis, sie sind aber in ihren eigenen Gesellschaften keineswegs randständig: Vielmehr stehen Akademikern zahlreiche Wege offen, um politische und zivilgesellschaftliche Debatten zu beeinflussen – das Spektrum reicht von regelmäßigen Zeitungskolumnen bis hin zu von IB-Dozenten geleiteten regelmäßigen Fernsehsendungen oder Gutachtertätigkeiten für Regierungsstellen und dergleichen mehr. Derartige Gelegenheiten sind für die – zahlenmäßig meist recht kleinen – Communities oft wesentlich zugänglicher als für Akademiker in nördlichen Ländern.

Gleichzeitig aber wird durch diese Legitimierung über die Teilnahme am öffentlichen Diskurs eine akademische Kultur befördert, die die periphere Situation der südamerikanischen IB in Bezug auf ihre ‚nördlichen‘ Pendants manchmal zu zementieren scheint. Debatten zwischen Akademikern verlieren zwangsläufig an Intensität und Bedeutung, wenn die eigentlich beabsichtigte Wirkung in der Erzeugung eines möglichst inklusiven und politisch wie medial anschlussfähigen Narrativs besteht. Allgemein-theoretisch orientierte Forschung, generell als reputationsträchtiger intellektueller Kern der Disziplin betrachtet, verliert im Rahmen einer dezidiert pragmatischen Haltung ebenfalls an Wert und wird nur recht selten überhaupt in Angriff genommen – es überwiegt nach wie vor die Rezeption von oft ins Spanische übersetzten Texten ‚nördlicher‘ Theoretiker, deren Konzepte dann auf den lokalen Kontext angewendet werden.

Die Praxisorientierung der südamerikanischen IB hat darüber hinaus die Konsequenz, dass ihre Forschungsinteressen oft recht unmittelbar von politischen Strukturen geprägt werden. So mag es auf den ersten Blick seltsam erscheinen, dass in Ländern wie Kolumbien sicherheitspolitische Forschung oft nicht an IB-Departments, sondern im Rahmen der Innenpolitikforschung betrieben wird – dies ist aber durchaus konsequent, wenn man die bestehenden Problemstrukturen in Betracht zieht. Gerade in diesem Bereich – etwa über die desaströsen Ergebnisse der Drogenbekämpfung in Kolumbien oder Peru – hat sich eine spanisch- und portugiesischsprachige Gewaltforschung etabliert, die, obwohl fast ausschließlich an regionale Interessenten gerichtet, theoretisch und methodisch sehr vielfältig operiert und als Dialogpartner mit viel Expertise etwa zu lokalen Fallstudien von hohem Interesse sein könnte. Andere Forschungsbereiche – etwa zu Problemen der regionalen Integration – stehen teilweise noch vor der Schwierigkeit, dass die zur Verfügung stehenden begrifflichen Instrumentarien so sehr auf die ihnen zu Grunde liegenden europäischen Erfahrungen zugeschnitten sind, dass zunächst eine regionalspezifische Theorieadaption notwendig erscheint.

Im Hinblick auf die periphere Lage der Disziplin im Vergleich zu ihren europäischen und nordamerikanischen Pendants sind allerdings seit geraumer Zeit engagierte Professionalisierungsbemühungen zu beobachten. Diese konzentrieren sich auf begutachtete Zeitschriften wie die brasilianische Revista Brasileira de Política Internacional oder die kolumbianische Colombia Internacional, die theoriegeleitete Forschungen auf hohem Niveau präsentieren, dabei auch englischsprachige Artikel publizieren und sich insofern sowohl als Schaufenster nach außen wie auch als Schrittmacher akademischer Exzellenz nach innen positionieren können. Aktive Fachvereinigungen wie die brasilianische Associação Brasileira de Relações Internacionais oder die kolumbianische RedIntercol fördern diese Entwicklung nach Kräften und forcieren den regionalen und transkontinentalen Austausch.

Dabei ist es sicherlich unwahrscheinlich, dass die südamerikanischen IB Entwicklungen in der globalen Fachwelt einfach kopieren werden – regionale Interessenlagen und Problemstrukturen in disziplinär bedeutsamen Feldern, etwa in der politischen Ökonomie, der regionalen Integration oder der Sicherheitspolitik, sind gegenüber denen den globalen Nordens wohl zu andersartig, um Konvergenz erwarten zu lassen. Gleichzeitig machen aber Entwicklungen wie die Expansion des tertiären Bildungssektors in einigen Ländern der Region, die Notwendigkeit der theoretischen und empirischen Reflexion regionaler Integrationsprojekte sowie die zunehmende Betonung einer professionalisierten Außenpolitik mit entsprechenden akademischen Ausbildungsgängen Hoffnung auf eine südamerikanische IB, die sicherlich in vielen Aspekten eigenartig, gleichzeitig aber mit hohem Niveau und globaler Dialogfähigkeit ein interessanter Gesprächspartner sein könnte.

Jochen Kleinschmidt ist Assistant Professor für Internationale Beziehungen am Departamento de Negocios Internacionales der Universidad EAFIT in Medellín, Kolumbien. Seine Forschungsschwerpunkte sind Politische Geographie und Technologie in den Internationalen Beziehungen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: