Die Schuld der Opfer oder warum ein Frieden in Kolumbien so schwierig ist

In Kolumbien schreiten die Friedensverhandlungen voran und mit jedem erfolgreich abgeschlossenen Verhandlungsschritt und mit jedem Versprechen von Reformen sinkt die Anzahl der Skeptiker gegenüber dem Prozess.

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Die Regierung überlegt bereits jetzt wie sie mit dem nächsten großen Problem im Land umgehen soll – den so genannten BACRIMs (vom Spanischen Bandes Criminales), welche sich durch ihre hohe Gewaltbereitschaft auszeichnen – was ein klares Indiz für die Zuversicht der Regierung bezüglich des Friedens mit der FARC ist. Auch eine Wahrheits- und Versöhnungskommission wurde bereits angedacht, die auch schon vor Ende der Postkonflikt-Ära etabliert werden soll. Sogar jüngste Anschläge seitens der Guerillagruppen auf Polizei- und Militäreinrichtungen scheinen die längst überfällige Beendigung des bewaffneten Konfliktes nicht aufhalten zu können. Nichtsdestotrotz wird der Weg für die Kolumbianer zu einem wirklichen Frieden in ihrem Land sehr schwierig werden.

Die Prognosen für Kolumbien stehen eher schlecht, dass nach erfolgreicher Beendigung der Friedensverhandlungen auch wirklich Frieden einkehrt. Wie Anne Menzel auch schon für Sierra Leone feststellen konnte, herrschen auch in Kolumbien unfriedliche Beziehungen innerhalb der Bevölkerung, die allerdings soziopolitisch und sozioökonomisch tiefliegender sind, als man zunächst vermuten könnte. Der schlichte Kausalmechanismus von staatlicher und wirtschaftlicher Entwicklung, die zu einem sozialen Wandel und somit zu friedlicherem Verhalten führt, ist für Kolumbien leider falsch.

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Entgegen allgemeiner Vorannahmen ist der kolumbianische Staat keineswegs zu schwach, um sein Territorium zu kontrollieren. Kolumbien verfügt de facto über einen funktionierenden Staatsapparat, respektablen Ansätzen der Rechtsstaatlichkeit und der Gewaltenteilung, sowie polizeilicher und militärischer Kapazitäten, um das Staatsgebiet kontrollieren zu können, auch wenn dies in vorwiegend nicht-urbanisierten Landesteilen nicht geschieht. Jene nicht-urbanisierten Gebiete werden nicht selten von nicht-staatlichen Akteuren kontrolliert, was jedoch nicht – wie man versucht ist anzunehmen – an einem mangelnden Vermögen, sondern lediglich an einem mangelnden Interesse des kolumbianischen Staates liegt. Wirtschaftliche Prosperität und die politische Stabilität werden aus einem kleinen Teil des Landes generiert – in Städten wie Bogota, Medellin oder Cali –, wodurch rurale Gebiete – abgesehen vielleicht von Kaffee- und Tourismusregionen – zur unbedeutenden Peripherie degradiert werden. Ferner sind die bestehenden Machtstrukturen politischer sowie wirtschaftlicher Einflussmöglichkeiten in Kolumbien auf wenige Familien konzentriert. Dieser Klientelismus exkludiert weite Teile der Bevölkerung von Funktionssystemen wie Wirtschaft, Politik oder Bildung und  torpediert somit den gesellschaftlichen Modernisierungsprozess, so dass sich in Kolumbien über die letzten Jahrzehnte zwei parallel funktionierende Gesellschaftssysteme entwickelten, welche mehr oder minder geschlossen operieren und somit zum einen eine Gefahr für Frieden und Sicherheit, zum anderen aber auch für eine partizipative wirtschaftliche Entwicklung darstellen. Diese gesellschaftliche Struktur Kolumbiens hat zur Folge, dass klassische friedens- und entwicklungspolitische Mechanismen nicht greifen. Vielmehr steht das Land vor dem Problem anhaltender Gewalt und einer blühenden organisierten Kriminalität bei gleichzeitigem wirtschaftlichem Wachstum und stabilen politischen Strukturen.

Gemeinsam ist diesen beiden Parallelgesellschaften einer elitären und privilegierten Oberschicht und einer von diesen Vorzügen exkludierten Mittel- und Unterschicht, dass Gewalt als integraler Bestandteil der kolumbianischen Kultur verstanden wird, auch wenn Begründungsmodelle hierfür stark variieren, von der Erklärung über Armut und Chancenlosigkeit bis hin zu einer kolumbianischen „Kultur der Gewalt“. Die normalisierte Integration von Gewalt in den Alltag reproduziert die Geschlossenheit der genannten Systeme aufgrund eines Misstrauenseffektes gegenüber allen nicht bekannten Personen. So stellt die Zugehörigkeit zu einer Familie eine Möglichkeit zur Überprüfung der Vertrauenswürdigkeit und somit einen Zugangspunkt zur wirtschaftlichen und/oder politischen Partizipation dar. So ist das hinreichende Kriterium zur Aufnahme in den Country Club in Kolumbien beispielsweise nicht der entsprechende Gehaltsscheck, sondern der Familienname. Gewalt wird damit zu einem ubiquitären gesellschaftlichen Phänomen, da ihre Präsenz realisiert und akzeptiert wird, gleichzeitig aber Mechanismen etabliert werden, um sie von der persönlichen Lebensrealität fern zu halten.

Der Versuch dieses Ausschlusses von Gewalt geschieht über die Installation eines Macht-Wissens-Komplexes. Inhaber jenes exklusiven Wissens – im konkreten Fall Partizipationsmöglichkeiten aufgrund von Zughörigkeit, die eine Art Sicherheitsgefühl suggeriert – versuchen Gewalt über die dichotome Einteilung ihres Gegenübers in vertrauenswürdig/misstrauenserweckend aus ihrem sozialen System zu exkludieren. Individuen ohne diesen Zugang zu Exklusionsmechanismen sind darauf angewiesen über semantische Mechanismen den Anschein einer Kausalität und somit der eigenen Sicherheit bei verregeltem Verhalten zu generieren.

Konkret bedeutet dies, dass eine auf dem Zugeständnis der logischen Konsequenz zur Anwendung von Gewalt als wahrscheinlichste Form des Ausstiegs aus Armut und Elend basierende Legitimation von Gewalt paradoxerweise einhergeht mit einer Semantik zur Vermeidung der Opferwerdung, welche sich in einer generalisierten Zuweisung von Schuld gegenüber den Opfern von Gewalt äußert. Zurückzuführen ist dieser Effekt auf einen psychologischen Kausalmechanismus. Diesem Mechanismus voraus geht die Annahme, dass der Versuch der Armut zu entgehen als eine Art Flucht aus der unveränderbaren Lebensrealität wahrgenommen und als „leichter Weg“ verachtet wird, wodurch es zu einer Stigmatisierung jener kommt, die „auf die schiefe Bahn zu geraten“. Die systemische Realität bleibt weitgehend unhinterfragt und wird als naturhaft wahrgenommen. Als Konsequenz ergeben sich zwei Effekte. Erstens wird Gewalt als integrale und logische Komponente der Gesellschaft wahrgenommen und zweitens sind Opfer von Gewalt dann lediglich eine logische Konsequenz aus Erstgenanntem. Um eine Opferwerdung zu vermeiden und sich einem Sicherheitsgedanken hingeben zu können, welcher in diesem Teil der Gesellschaft nicht mittels Exklusivität erzeugt werden kann, werden Opfer nicht als Kollateralschaden klassifiziert, sondern an schuldvolle Subjekte, denen eine Partizipation an kriminellen Geschäften unterstellt wird. So impliziert Opfer zu sein in der gesellschaftlichen Semantik gleichzeitig, Täter gewesen zu sein. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Opfer zu sein die „gerechte“ Strafe dafür ist, den leichten Weg gewählt zu haben, um sozioökonomischen Verhältnissen zu entfliehen. Diese Logik mag zunächst einleuchten, wird aber von der Bevölkerung bis zum Exzess betrieben. Das heißt, dass jedes Opfer von Gewalt – mit Ausnahme von offensichtlich unschuldigen Kindern – beschuldigt wird an seinem Leid selbst schuld zu sein. So ist ein Vergewaltigungsopfer schuld, weil er oder sie entsprechend gekleidet war oder sich entsprechend verhalten hat. Ein Opfer von Diebstahl hat seine Habe zu offensichtlich feilgeboten. Psychologisch ist dieses komplexe Gefüge darüber zu erklären, dass es menschlich ist zu versuchen einen Kausalmechanismus zu entwerfen, der es ermöglicht sich zu verhalten ohne selbst Opfer von Gewalt zu werden. Dies ist ein natürlicher Schutzmechanismus, der durch die Annahme einer Unveränderlichkeit gesellschaftlicher Verhältnisse begünstigt wird. Gewalt entwickelt in diesem Gedankengerüst eine eigenständige Dynamik, sie wird verstanden, teilweise unterstützt – wenn profitabel – legitimiert und gleichzeitig  – weil man auch immer Opfer von Gewalt ist – abgelehnt und verurteilt. Ferner legitimiert diese Form der Gewaltsemantik bestehende Exklusionsmechanismen in der kolumbianischen Gesellschaft, was de facto auf die tiefgreifenden Probleme dieser Gesellschaft hinweist, die das Land noch über mehrere Jahrzehnte begleiten und friedliche Beziehungen in der Gesellschaft massiv erschweren werden, sollten hier keine gravierenden Reformen im Bereich der politischen und wirtschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten für die kolumbianische Mittel- und Unterschicht unternommen werden.

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