Paradoxien des Drogenkrieges: Zur Transformation der Gewaltakteure in Mexiko

Die bisher nicht lückenlos aufgeklärte, vermutlich aber Gruppen der organisierten Kriminalität zuzurechnende Ermordung von über 40 Lehramtsstudenten in der südmexikanischen Kleinstadt Ayotzinapa Ende 2014 hat ebenso wie die seit dem Abschuss eines Militärhubschraubers im Mai 2015 eskalierende Gewalt im westlichen Bundesstaat Jalisco wieder einmal schmerzlich in Erinnerung gerufen, dass in Mexiko bereits seit fast neun Jahren ein blutiger Gewaltkonflikt im Gange ist, der angesichts der wirtschaftlichen Erfolge des „Aztec tiger“ teils fast schon vergessen schien.

Bild des Autors

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In der Tat gaben (und geben) makroökonomische Daten zu Wachstum, Währungsstabilität und ausländische Direktinvestitionen zu Optimismus Anlass, und ambitionierte Reformprogramme scheinen strukturelle Probleme etwa im Bildungs- oder Erdölsektor anzugehen. Dabei wurden noch wenige Jahre zuvor von anerkannten Experten Analysen verfasst, die dem nordamerikanischen Land angesichts der ausufernden Gewalt eine Zukunft als „failed state“ prophezeiten.

Die widersprüchliche Berichterstattung folgt dabei einem Muster, dass bei der medialen Wahrnehmung der Situation lateinamerikanischer Länder häufig festzustellen ist: Partielle Tendenzen werden zum säkularen Trend erklärt, einzelne tragische Ereignisse zum Untergangsnarrativ verknüpft, positive Entwicklungen in einzelnen Bereichen zum unaufhaltsamen Aufstieg in die OECD-Welt stilisiert – dementsprechend fällt bei dieser Art der Berichterstattung die interne Diversität der Staaten der Region dem Wunsch nach einem leicht verdaulichen, weil linearen Narrativ zum Opfer. Und so werden im Fall von Mexiko dann einerseits leichte Rückgänge in der Mordrate zum Zeichen der Stabilisierung der Sicherheitslage, andererseits aber Ereignisse wie die in Ayotzinapa zur Ursache fundamentaler politischer Destabilisierung erklärt – und das annähernd gleichzeitig.

Ganz offensichtlich ist die tatsächliche Dynamik der dortigen Ereignisse eine andere, vielschichtigere. Dies wird nicht zuletzt verdeutlicht durch drastisch unterschiedliche Mordraten in den einzelnen Bundesstaaten, von denen einige auf dem Niveau von Bürgerkriegsgebieten liegen, andere – darunter die Hauptstadt und die dicht besiedelten Gegenden Zentralmexikos – teilweise niedriger sind als die vieler Großstädte in den USA oder in den meisten anderen lateinamerikanischen Ländern. Darüber hinaus ist das scheinbare Paradox zu beobachten, dass zwar einerseits die Zahl der Mordopfer gegenwärtig signifikant zurückgeht, andererseits aber eine massive Zunahme von anderen Gewaltdelikten – wie Erpressung, Raub und Entführung – zu beobachten ist, die das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung beeinträchtigt. Wie ist diese scheinbar wiedersprüchliche Entwicklung zu erklären?

Anzusetzen wäre hier vermutlich bei der rapiden Transformation der Gewaltakteure, die im seit 2006 tobenden sogenannten mexikanischen Drogenkrieg untereinander und gegen die verschiedenen Staatsorgane Krieg führen. Deren Geschäftsmodell, ihre internen Machtstrukturen sowie die Form ihrer Interaktion mit staatlichen Akteuren variieren seit dem Beginn des transnationalen Drogenhandels in Mexiko drastisch – keineswegs ist es angemessen, sie einfach unter dem Lemma ‚organisierte Kriminalität‘ als qualitativ statische und lediglich quantitativ variierende Größe zu behandeln. Einen plausiblen Anfangspunkt findet man eventuell mit der Vertreibung der chinesischen Minderheit aus den nördlichen Gebieten Mexikos nach der Mexikanischen Revolution, nach der im sogenannten ‚Goldenen Dreieck‘ der Bundesstaaten Sinaloa, Sonora und Durango – und hier insbesondere in den unzugänglichen Berggegenden der Sierra Madre Occidental – der Schlafmohnanbau neben dem ohnehin praktizierten Anbau von Marihuana zunehmend dem lukrativen Export in die USA diente. Einen drastischen Aufschwung nahm dieser Handel dann mit der steigenden Nachfrage nach Opioiden in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Immer noch aber wurde dieser Handel aber von weitgehend familienbasierten, teils über Heiratsbande verknüpfte Gruppen abgewickelt, die mit lokalen Autoritäten ein sehr weitgehend kooperatives Verhältnis pflegten. An einer Beeinflussung der mexikanischen Politik war ihnen nicht gelegen.

Eine erste gewaltsame Wendung nahm dieses Arrangement dann mit dem Beginn des sogenannten ‚War on Drugs‘ unter dem US-Präsidenten Richard Nixon, dessen Konsequenz in Mexiko die „Operación Condor“ war. In deren Rahmen wurde der Anbau von Marihuana und vor allem Schlafmohn für einige Jahre militärisch bekämpft. Die scheinbar paradoxe Konsequenz war, dass die flüchtigen Drogenhändler sich professionalisierten und als das ,Kartell von Guadalajara‘ unter Aufsicht mexikanischer Behörden (insbesondere des mittlerweile aufgelösten Bundessicherheitsdienstes DFS) zentralisierten. Das Geschäft dieses Kartells florierte innerhalb dieser hierarchischen Struktur – insbesondere, nachdem auch aufgrund des Zusammenbruchs der maritimen Schmuggelroute von Kolumbien in die USA der lukrative Transit von Kokain mehr und mehr ebenfalls über seine Infrastruktur abgewickelt wurde.

Diese zentralisierte, stabile und vergleichsweise gewaltarme Form der Kontrolle des Drogenhandels wurde jedoch wiederum zerstört, nachdem ein Agent der US-Drogenbehörde DEA die Verbindungen zwischen Staatsgewalt und organisierter Kriminalität aufdeckte und daher von Handlangern des Guadalajara-Kartells gefoltert und ermordet wurde. Nach der Verhaftung der wichtigsten Anführer dieser Gruppierung im Jahr 1989 kam es zu einer gewissen Re-Regionalisierung des Drogenhandels, dessen wichtigste Einkommensquelle nunmehr nicht die Ausfuhr von im Lande produzierter Drogen, sondern der Transit von Kokain aus Andenländern war. Anstelle in den Anbaugebieten in der Sierra Madre war nunmehr der geographische Schwerpunkt und das Profitzentrum der Kartelle in den wichtigen Grenzübergängen in die USA zu suchen – dementsprechend etablierten sich wiederum auf Familiendynastien gegründete, jeweils an einem Verkehrsknotenpunkt der Grenze konzentrierte Organisationen: namentlich die Kartelle von Tijuana, Sonora, Juárez und das Golf-Kartell in Matamoros.

Diese Gebietsaufteilung verlor schnell an Stabilität. Ein Faktor war dabei die ab Mitte der 1990er Jahre einsetzende Demokratisierung Mexikos, weil die insbesondere für Polizeiaufgaben weitgehend zuständigen Munizipien und Bundesstaaten nun nicht mehr durch die monolithische Einheitspartei PRI, sondern von manchmal im Drei-Jahres-Rhythmus wechselnde Politiker verschiedenster Parteien kontrolliert wurden. Somit wurden die politischen Machtverhältnisse für Drogenhändler unberechenbar, weswegen zunächst das Golf-Kartell mit den sogenannten „Zetas“ paramilitärische Verbände aufstellte, die die Kontrolle über Schmuggelrouten auch ohne staatliche Protektion sicherstellen sollten. Andere Organisationen zogen nach und lieferten sich in wechselnden Allianzen blutige Gefechte untereinander und mit den staatlichen Organen. Insbesondere im Bundesstaat Michoacán kam es zum Versuch der umfassenden territorialen Kontrolle durch die sich quasi-religiös legitimierende Gruppe der „Familia Michoacana“. Hier begann dann auch das militärische Eingreifen der mexikanischen Bundesregierung unter Präsident Felipe Calderón im Jahre 2006 mit den heute bekannten Konsequenzen.

Mit der zunehmenden Paramilitarisierung kam es wiederum zu einem Identitätswandel der illegalen Akteure in Mexiko: anstelle früherer, weitgehend auf Unauffälligkeit und gegenüber dem Staat kooperativem Verhalten basierender Strategien trat ein auf psychologische Schockwirkung und dementsprechend möglichst drastische Gewaltausübung zielendes Selbstverständnis. Derartige Akteure aber waren im Vergleich zu den klandestinen Schmugglern der frühen 2000er Jahre vergleichsweise sichtbar und einfach zu bekämpfen, weswegen es gegenwärtig immer mehr zu Verhaftungen oder Tötungen wichtiger Anführer und im Gefolge zu einer Zersplitterung gerade der am deutlichsten paramilitarisierten Gruppen kommt. Diese kleineren Gruppierungen sind aber im Allgemeinen nicht mehr in der Lage, die für die logistische Herausforderung des Kokaintransits aus Kolumbien oder Peru notwendige Organisations- und Finanzierungsleistungen zu erbringen. Sie finanzieren sich daher vornehmlich über die dementsprechend, wie oben beschrieben, ansteigenden Entführungs- und Erpressungsdelikte, während die Schmuggler aus Sinaloa in ihrem Kerngeschäft mittlerweile weitgehend konkurrenzlos agieren.

Wie diese Situation sich weiterentwickelt, ist ungewiss. Viel wird abhängen von den internationalen Rahmenbedingungen, die mittlerweile eine Legalisierung verschiedenster Drogen nicht mehr als völlige Zukunftsmusik erscheinen lassen. In einem solchen Fall wäre allerdings für Mexiko zu befürchten, dass bisherige Akteure des Drogenhandels ihre Gewaltkapazitäten zur Übernahme von Sektoren der legalen Ökonomie nutzen würden. Auch ohne ein solches Szenario bliebe das Problem der lokalisierten Gewaltakteure virulent – ein derartiges Überbleibsel größerer, durch militärische Aktionen zerschlagener Organisationen war schließlich auch für das Massaker von Ayotzinapa verantwortlich. In den am meisten betroffenen südwestlichen Bundesstaaten Michoacán und Guerrero haben diese Akteure bereits zur Bildung von Vigilantengruppen nach kolumbianischem Vorbild geführt, die gegen Schutzgeld legale Unternehmen beschützen und teils anscheinend auch lokalpolitische Ambitionen hegen. Die vom amtierenden Präsidenten Peña Nieto angekündigte Polizeireform bleibt jedoch nach wie vor aus – eine erfolgreiche Reform des Sicherheitssektors dürfte jedoch notwendig sein, um tatsächlich allen Staatsbürgern Sicherheit bieten zu können. Bis dies erfolgt, wird Mexiko wohl mit dem Paradoxon leben müssen, im Bezug auf einige Regionen als ‚Aztec tiger‘, im Bezug auf andere hingegen als ‚failed state‘ beschrieben zu werden.

Jochen Kleinschmidt ist Assistant Professor für Internationale Beziehungen am Departamento de Negocios Internacionales der Universidad EAFIT in Medellín, Kolumbien. Seine Forschungsschwerpunkte sind Politische Geographie und Technologie in den Internationalen Beziehungen.

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