„Politikwissenschaft ist kein Laberfach“ – Eine kritische Replik auf Karl-Rudolf Korte

Die Frage was ein Fach ausmacht ist keinesfalls leicht zu beantworten. Dennoch haben sich in den letzten Wochen auf FAZ.net Kolleginnen und Kollegen verschiedenster Fächer daran versucht. Für  Schülerinnen und Schülern dürfte dies bei der Studienfachwahl hilfreich sein. Doch der Versuch von Prof. Korte zur Politikwissenschaft stellt das Fach zu eingeschränkt dar.

Dies ist ein Gastbeitrag von Sassan Gholiagha, Universität Hamburg*

Bild des Autors

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Zu einer Zeit, in der sich Abiturientinnen und Abiturienten gerade für ein Studienfach entscheiden müssen oder wollen, ist es sicherlich eine gute Idee der FAZ verschiedenste Studienfächer einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und Experten zu befragen, was ihre Disziplin ausmacht. Für die Politikwissenschaften hat diese Aufgabe nun Prof. Karl-Rudolf Korte übernommen.

Im Folgenden fasse ich kurz Prof. Kortes Darstellung zusammen und entfalte daran zwei Kritikpunkte: (1) seine zu eingegrenzte Darstellung auf ein bestimmtes Teilgebiet der Disziplin und (2) seine methodologisch eingeschränkte Darstellung des Fachs. Es soll mir, das sei Vorweg gesagt, im Folgenden nicht darum gehen, die Ansichten eines Kollegen zum Fach als falsch darzustellen. Ich stoße mich vielmehr an Kortes Verengung der Politikwissenschaft auf Wahl-, Parteien-, und Demokratieforschung, sowie an seiner Einschränkung auf positivistisch-quantitative Methoden, die mit der von Korte an anderen Stellen richtigerweise hervorgehobenen Pluralität und Diversität des Faches nicht zusammen passen.

Diese Verengung auf einige Teilaspekte des Faches beginnen mit Kortes Antwort auf die Frage, warum man das Fach denn überhaupt studieren sollte: Erstens solle man Politikwissenschaft studieren, wenn man kapieren möchte wie Demokratie funktioniere, um diese dann sichern zu können. Zweitens lerne man in einem Studium den Umgang mit unterschiedlichen Interessen, das sei etwas, was jede und jeden etwas anginge. Drittens lerne man in einem solchen Studium Mehrheiten für Interessen zu organisieren, und somit Wahlen zu gewinnen (paraphrasiertes Zitat). Diese Antworten sind beileibe nicht falsch, jedoch sehr verkürzt. Und vermag man die erste Antwort noch mit Blick auf die sehr eigene deutsche Disziplingeschichte sehr gut nachzuvollziehen, so scheinen die beiden anderen Punkte mir zu sehr auf ein Teilgebiet der Politikwissenschaft beschränkt zu sein. Zwar kommt Korte in den weiteren Fragen ein oder zwei Mal auf die Diversität und Pluralität im Fach zu sprechen; einer Interviewreihe, die ein Fach im Allgemeinen einführen und dafür werben möchte, hätte ein breiterer Fokus gerade zu Beginn des Interviews jedoch gut getan. So hätte man beispielsweise darauf verweisen können, dass man als Politikwissenschaftler_In lernt wie gemeinsames zusammenleben in einer Gemeinschaft funktionieren kann, und welche verschiedenen Ideen es dazu über die Zeit gab und gibt, wie diese sich gleichen und wie sie sich unterscheiden. Man hätte gleichermaßen darauf verweisen können, dass es auch stets um das Lösen kollektiver Probleme auf globaler und regionaler Perspektive geht. Damit hätte man sich nicht auf die Politikwissenschaft als Demokratie- und Wahlforschung begrenzt, sondern gleich die Breite des Faches inklusive Theorie, Ideengeschichte, und Internationaler Beziehungen, sowie vergleichender Politikwissenschaft darlegen können, ohne eine zu große Komplexität entstehen zu lassen.

Auch damit ist sicherlich nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was die Politikwissenschaften ausmachen, benannt. Aber ich verstehe es als einen möglichen Vorschlag, das Fach breiter zu begreifen und zu präsentieren.

Eine weitere Verengung findet statt, als Korte auf schlechte Voraussetzungen für ein Studium der Politikwissenschaft zu sprechen kommt, und hierbei mathematische Fähigkeiten als notwendige Fähigkeit aufführt. Natürlich ist es angebracht ein wenig Mathe zu beherrschen, insbesondere dann, wenn der gewählte Studiengang in der Methodenausbildung vor allem quantitative Verfahren vermittelt. Ein pluralistisches Methodologieverständnis würde jedoch an dieser Stelle zumindest auf die gleichermaßen relevanten qualitativen Forschungsansätze verweisen, denn wir wissen spätestens mit Hollis und Smith (1991), dass es in den Sozialwissenschaften um erklären und verstehen geht.

Korte jedoch verengt, gewollt oder nicht, Politikwissenschaft auf quantitative Methoden. Schaut man sich jedoch in der deutschen und internationalen Forschungslandschaft um, so zeigt sich hier ein viel stärkerer Pluralismus in Methodologie und Methode, als Korte ihn impliziert.

Selbstverständlich ist die Darstellung eines Faches immer durch die subjektive Position und Wahrnehmung eines/r einzelnen Forscher_In geprägt, und somit zwangsläufig nicht vollständig. Dennoch denke ich, dass die zu starken Verengungen in diesem Interview auffällig und bedauerlich sind, gerade angesichts dessen, dass viele Schüler_Innen den Beitrag zur Studienwahl mit heranziehen dürften. Der entstandene Eindruck droht zumindest missverständlich mit Bezug auf die breiten Inhalte und Anwendungsmöglichkeiten in Empirie und Theorie, die das Fach erfreulicherweise mit sich bringt, zu sein.

Zum Autor: Sassan Gholiagha ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politikwissenschaft, insbesondere Global Governance  an der Universität Hamburg. Er arbeitet zum Einzelmensch in den internationalen Beziehungen und beschäftigt sich in seiner Dissertation mit den Diskursen zur Responsibility to Protect, zum Internationalen Strafgerichtshof, und zum Einsatz von Drohnen in targeted killing Operationen aus einer kritisch-konstruktivistischen Perspektive. Für kritische Anmerkungen zu Entwürfen dieses Beitrages ist er den Teams des theorieblogs und des bretterblogs äußert dankbar.

Zur Mini-Serie: Dieser Post ist der erste in einer Mini-Serie zum Thema Studium und Lehre in der Politikwissenschaft. Ein zweiter Post macht Vorschläge für eine Verbesserung der Lehre an deutschen Universitäten. Ein dritter Post macht Anmerkung zur Kritik der Hochschullehre im ‚akademischen Kapitalismus‘.

2 Kommentare

  1. Danke für diesen Beitrag, mir fiel das bei Korte ebenfalls auf. Wenn man es zuspitzen möchte, könnte man aus Herrschafts-distanzierter, kritischer Perspektive auch von „Politikvergessenheit“ sprechen, die Kortes Verständnis der PoWi innewohnt. Für die Berücksichtigung sozioökonomischer Fragen ist ein solches ungeeignet, eher steht die Analyse von Technizismen im Sinne konsensorientierter Ansätze im Vordergrund. Postpositivistische Perspektiven wie etwa die „agonale“ Demokratie bei Ernesto Laclau und Chantal Mouffe fallen da leider weg.

    Allerdings ist zu fragen, inwiefern Korte durch diese Nichtberücksichtigung den institutionellen Zustand kritischer PoWi-Forschung widerspiegelt. Diese ist in meinen Augen nicht sonderlich breit aufgestellt. Man korrigiere mich, aber ich habe das Gefühl, das gilt tendenziell für den gesamten geisteswissenschaftlichen Ast des Faches.

    1. germankiwide · · Antworten

      Lieber Peter,

      ich würde weniger von Politikvergessenheit und eher von entnormatisierter Politikwissenschaft spreche, stimme Dir aber in Kern dahingehend zu, das kritische Politikwissenschaft global betrachtet tatsächlich eher marginal ist.

      Wobei ich gerade für Deutschland im „Nachwuchsbereich“ ein wenig positiv gestimmt bin, hier sehe ich zumindest in den Bereichbe. IB und Politische Theorie entsprechende Entwicklungen – in anderen Teilgebieten bin ich nicht bewandert genug. Fakt ist wohl aber auch, dass gerade im Anglo-Amerikanischen Bereich positivistische bzw. die „Analyse von Technizismen“ (gefällt mir sehr gut als Beschreibung) im Fokus steht. Ob diese Entwicklung sich auch in der deutschen Politkwissenschaft (weiter) durchsetzt bleibt abzuwarten, denke ich. Und wie gesagt, hier und da sehe ich durchaus Anlass zur Hoffnung.

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