Stillstand bedeutet Rückschritt: Drei Vorschläge für eine Verbesserung der Lehre an deutschen Universitäten

Die Debatte, wie die Organisation des universitären Lehrbetriebs an deutschen Hochschulen verbessert werden kann, wurde in den vergangenen Monaten intensiv medial begleitet. Eine ehrliche Diskussion über realistisch umsetzbare Reformen ist notwendig. Ich plädiere vor allem für eine Diversifizierung der Prüfungsleistungen, wodurch sich gleichzeitig die Vorbereitung auf Seminare verbessern könnte. Darüber hinaus wäre ein konsensorientierteres Verhältnis zwischen Dozenten_innen, Administration und Studentenschaft wünschenswert.

Die Old Library des Trinity College Dublin, Foto von Tony Webster | Quelle: flickr.com (CC BY-SA 2.

Die Old Library des Trinity College Dublin, Foto von Tony Webster | Quelle: flickr.com (CC BY-SA 2.)

„Den Ideen Tausender Studenten […] nicht zuzuhören, das wäre meine persönliche Definition von Wahnsinn“, schreibt der finnische Student Juuso Nisula in einem auf Zeit Online in  deutsch und englisch erschienen Artikel. Dort listet er acht Gründe auf, weshalb es nicht Wert sei, an deutschen Universitäten zu studieren. Nachdem ich den Artikel von Juuso Nisula bei Twitter geteilt und betont hatte, in einigen – nicht allen – Punkten zuzustimmen, forderte Prof. Dr. Norman Weiß bei Twitter als Reaktion: „Give us homework!“.

Dieser Aufforderung komme ich in diesem Artikel nach und mache aus eigener Erfahrung Vorschläge, um die universitäre Lehre zu reformieren. Verbesserungsideen im administrativen Bereich sowie Finanzierungsschwierigkeiten, Personalkürzungen und die divergierenden Universitätsstrukturen auf der Personalebene im Vergleich zu anderen Ländern lasse ich außen vor. Die folgenden Vorschläge würden keine finanziellen Mehrkosten mit sich bringen.

Zum persönlichen Hintergrund: Ich habe Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Bonn im Bachelor studiert und bin für meinen Master in „Politics and Public Policy“ an das Trinity College Dublin (Irland) gewechselt. Da ich mit meiner Promotion am Trinity College erst in diesem Monat begonnen habe, argumentiere ich im Folgenden aus der Perspektive eines Studenten. Ich habe mein Studium im Jahr 2011 angefangen und kenne die Diplom- und Magister-Zeiten folglich nur aus Erzählungen. Gegner von Präsenzpflichten und Kritikern des ECTS-Punkteschemas werden den folgenden Vorschlägen also womöglich wenig abgewinnen können.

  1. Lasst die Studenten die Sitzungen besser vorbereiten!

Denke ich an meine Zeit in Bonn zurück, erinnere ich mich an Seminare, die inhaltlich spannend waren, aber in denen meist nur eine Handvoll Student_innen aktiv partizipierte. Am Trinity College musste ich für jedes 12-wöchige Seminar neben einem Abschlusspaper (das kürzer ausfällt als klassische deutsche Hausarbeiten) ein Mid-Term-Assignment und ungefähr vier „Response Paper“ verfassen. Die Response Paper basierten auf der Pflicht- und weiterführenden Lektüre für die jeweilige Sitzung, und mussten vor der Sitzung elektronisch eingereicht werden. Der Umfang lag dabei bei ungefähr zwei Seiten.

Eine Übernahme dieses Modells hätte aus meiner Sicht mehrere Vorteile. Erstens beschäftigt man sich zwangsläufig intensiver mit der Literatur. Der Syllabus dient nicht nur als eine Empfehlung, sondern wird aktiv konsultiert und Grundlagentexte der Disziplin durch eigene Argumentationen kritisch hinterfragt. Zweitens habe ich das Gefühl, dass die Response Paper durch ebendiese Auseinandersetzung mit der Literatur zu einem besseren Diskussionsniveau geführt haben. Drittens gehen Response Paper über die häufig kritisierten Hausaufgaben hinaus, da die Forschungsfrage absichtlich nicht vorgegeben ist. Stattdessen kann man sich je nach Terminplan und Interesse die Sitzungen eigenständig aussuchen, für die man ein Response Paper verfasst. Viertens würden derartige pointierte Statements auf das spätere Berufsleben vorbereiten: Nicht nur in der Wissenschaft ist es unabdingbar, komplizierte Sachverhalte und konträre Meinungen zusammenzufassen und produktiv zu kritisieren.

  1. Diversifiziert die Prüfungsleistungen!

Der erste Vorschlag führt zu meinem zweiten, etwas allgemeineren Vorschlag: Die Prüfungsleistungen sollten diversifiziert werden. Wieso muss jedes Seminar zwingend mit einer 15-30-seitigen Hausarbeit enden? Diese monotone Struktur hat sowohl für Dozent_innen als auch für Student_innen mehrere Nachteile. Erstens staut sich die Arbeit für Prüfungsleistungen meist immer auf das Ende des Semesters und erstreckt sich in die vorlesungsfreie Zeit. Weil im Semester keine bewerteten Leistungen anstehen, schleicht sich oft eine Nachlässigkeit ein. Mit dem konkreten Arbeitsprozess wird dann erst in den letzten Semesterwochen begonnen. Würde man die Prüfungsleistung in mehrere kleine benotete Aufgaben aufteilen, wäre das Arbeitspensum gleichmäßiger aufgeteilt.

Gerade wenn potenzielle Arbeitgeber erwarten, dass man als Absolvent_in über ausreichend Berufserfahrung verfügen solle, muss man in der vorlesungsfreien Zeit den Spagat aus Nebenjob, Praktika und Seminararbeiten meistern. Alle Ebenen zufriedenstellend zu verknüpfen, ist schwierig und kann dazu führen, dass Hausarbeiten als lästige Pflichtübung verstanden werden. Wenn Dozent_innen jedoch Prüfungsleistungen diversifizieren, kann die vorlesungsfreie Zeit tatsächlich besser für die Sammlung von Berufserfahrung (oder auch Entspannung) genutzt werden.

Außerdem plädiere ich dafür, die mündliche Mitarbeit marginal in die Endnote einfließen zu lassen. Selbst wenn eine Prüfungsleistung nicht rundum überzeugend verfasst ist, hätte man noch immer die Möglichkeit, die eigenen Ansichten im Seminar einzubringen und dadurch die Abschlussnote zu verbessern. Dieser kleine Schritt würde dem Diskussionsniveau der Lehrveranstaltung ebenfalls nicht schaden. Wer argumentiert, dass Student_innen selber verantwortlich sein sollen, ob sie partizipieren wollen oder nicht, unterschlägt, dass Seminare mit geringer Beteiligung niemandem wirklich weiterhelfen. Mein konkreter Vorschlag sähe folgendermaßen aus: Jedes der vier Response Paper zählt 5%, die mündliche Mitarbeit 10%, ein kurzes Midterm Paper (z.B. eine Policy-Empfehlung oder ein kurzer Literaturbericht) 30% und die Abschlussarbeit 40% der Endnote.

Auch das wissenschaftliche Personal würde von dieser Diversifizierung profitieren. Anstatt am Ende des Semesters 25 lange Hausarbeiten auf dem Schreibtisch liegen zu haben, würde sich der Arbeitsaufwand gleichmäßiger verteilen. Dadurch könnten die Forscher im Idealfall in der vorlesungsfreien Zeit intensiver an eigenen Projekten und Aufsätzen arbeiten.

  1. Verbessert das Verhältnis zwischen der Studentenschaft und Dozent_innen!

Die ersten beiden Verbesserungsvorschläge scheinen auf den ersten Blick recht unkompliziert umsetzbar zu sein. Eigene Erfahrungen zeigen jedoch, dass Abweichungen vom Status Quo in manchen Gruppen auf Unverständnis stoßen. Entweder ist es das Lehrpersonal oder es sind Teile der Student_innen (vor allem AStA oder Fachschaften), die sich über die Verschulung der Universität beschweren – ich denke an die Debatten über Anwesenheitspflicht, Hausaufgaben oder zusätzliche Aufgaben, die nicht explizit in der Prüfungsordnung erwähnt sind.

Forscher_innen sollte bei der Seminarplanung mehr Beinfreiheit eingeräumt werden. Wieso werden alternative Methoden, die vom klassischen Schema geringfügig abweisen, von Studentenseite mit Blick auf die Prüfungsordnung oft vehement abgewiesen? Aus eigener Erfahrung erinnere ich mich daran, dass in Bonn ein wissenschaftlicher Mitarbeiter neben der Hausarbeit im Vorfeld einen kurzen Literaturbericht zum Thema gefordert hat. Dadurch wird ersichtlich, in welchen Bereichen die Forschung fortgeschritten ist und wo Lücken bestehen. Diese Idee wurde direkt an die Fachschaft gemeldet, die sich daraufhin vehement gegen dieses Vorgehen gestellt hat. Ein verständnisvolleres Verhältnis zwischen Dozent_innen und Student_innen könnte derartige Missverständnisse ausräumen. Einer Variabilität in der Seminargestaltung, die vom Schema X abweicht, sollte die Studentenschaft nicht grundsätzlich negativ gegenüberstehen.

Die oben genannten Vorschläge schließen nicht aus, auch weitere, thematisch entfernte Seminare zu besuchen und dabei keine offiziellen Prüfungsleistungen erbringen zu müssen. Universitäre Forschung und Lehre sollte als ein kooperativer Prozess auf allen Ebenen verstanden werden. Nur so können die traditionellen Lehrstrukturen an deutschen Universitäten zum Besseren geändert werden. Universitäten haben den erkannt, dass Änderungen notwendig sind. Wie die Universität zu Köln oder der Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft an der Universität Bamberg als Antwort auf die Kritik von Juuso Nisula betonen, sind in den letzten Jahren Reformprozesse angestoßen worden. Es wäre wünschenswert, wenn alternative Herangehensweisen an das Seminar-Konzept als Anstoß für eine noch intensivere und konkretere Debatte genutzt werden und die Diskussion nicht im Sande verläuft.

Zum Autor: Stefan Müller promoviert seit September 2015 am Department of Political Science am Trinity College Dublin (Irland). Von 2014 bis 2015 studierte er am Trinity College Dublin den Masterstudiengang Politics and Public Policy. Seinen Bachelor of Arts erhielt er an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn in Politikwissenschaft und Soziologie. Er arbeitete als studentische Hilfskraft an der Universität Bonn sowie bei der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik (BAPP) und war Praktikant bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin (SWP).

Zur Mini-Serie: Dieser Post ist der zweite in einer Mini-Serie zum Thema Studium und Lehre in der Politikwissenschaft. Der erste Post hat sich mit der Frage beschäftigt, was das Fach Politikwissenschaft eigentlich ausmacht. Ein dritter Post macht Anmerkung zur Kritik der Hochschullehre im ‚akademischen Kapitalismus‘.

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