Junge AFK Panel 1: Wissenschaft im Spannungsfeld von Politik und künstlerischer Intervention

Moderation: Michael Nann
Discussant: Maximilian Laktisch

 

Daniel Beck:  Schwierigkeiten wissenschaftlicher Politikberatung

Zum Konferenzthema „Welches Wissen schafft Praxis?“ bringe ich einen Beitrag zur wissenschaftlichen Politikberatung ein. Anhand verschiedener theoretischer Modelle möchte ich den Einfluss der Wissenschaft im Bereich der Friedens- und Konfliktforschung auf die Politik untersuchen. Wichtig ist mir, die Probleme in der wissenschaftlichen Politikberatung aufzuzeigen. Wieso ist es im Bereich der Friedens- und Konfliktforschung schwierig, wirkungsvoll wissenschaftliches Wissen in Politik und Gesellschaft einzubringen?

Dazu kläre ich zuerst die Definition wissenschaftlicher Politikberatung und führe Modellen wie das linear/technokratischem, das dezisionistische oder das pragmatistischem von Habermas an. Hier soll deutlich werden, dass Politikberatung kein linearer Prozess ist. Beim pragmatistischen Modell wird die strikte funktionale Trennung zwischen Wissenschaft und Politik durch eine wechselseitige Beziehung ersetzt, die durch Kommunikationsprozesse geprägt ist.

Wichtig ist auch ein Verständnis davon, wie genau Wissenschaft und Politik sich gegenseitig voneinander abgrenzen. Hilfreich ist das systemtheoretische Politikberatungsmodell von Luhmann, nach dem Wissenschaft und Politik intern mit bestimmten Codes kommunizieren, die Wissen und Macht genannt werden können, und die externe Kommunikation nur über Interfaces möglich ist. Auch eine sozialkonstruktivistische Sicht der Politikberatung, die von Boundary Work und Co-Production ausgeht, ist für ein umfassenderes Verständnis wichtig. Die Auffassung, dass sich Wissenschaft erst vom Alltäglichen abgrenzen muss und dabei verschiedene Strategien der Boundary Work anwendet, halte ich für wichtig. Insgesamt erleichtert eine sozialkonstruktivistische Sicht die Einsicht in Probleme der Politikberatung.

Im Bereich der Friedens- und Konfliktforschung scheint die wissenschaftliche Politikberatung in einem besonderen Spannungsfeld zu sein, da viele Beratungsprozesse und Wissen internalisiert sind und auch aufgrund von Geheimhaltung geringere Beratungs- und Einflussmöglichkeiten von außen bestehen.

Ein Sonderfall im Bereich der wissenschaftlichen Politikberatung ist generell die Ressortforschung, die dem jeweiligen Ministerium zugeordnet ist. Hier ist Wissenschaft deutlich zielgerichteter an den Bedürfnissen der Ministerien angepasst. Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) ist keine klassische dieser Einrichtungen, wird aber vom Bundeskanzleramt finanziert. Das zentrale Spannungsfeld ist, ob Forschung der Loyalität dient, also für politische Entscheidungen instrumentalisiert wird, oder der Wahrheitsfindung.

Am Ende der Arbeit wird ein Blick auf verschiedene mögliche Strategien und Handlungsweisen der Friedens- und Konfliktforschung geworfen, wie diese ihre Expertise stärker in politische Diskurse und in der Öffentlichkeit anbringen kann. Möglichkeiten scheinen eine stärker reflexive Form der Politikberatung, ein offener und vertrauensvoller Umgang, eine bedarfsorientiertere Forschung und Darstellung der Ergebnisse sowie der „Umweg“ über die Öffentlichkeit/Medien zu sein.

 

Tim Bausch: Neue Formen des Politischen: Ästhetische Interventionen. Potentiale für die Praxis der Friedensforschung? 

In meiner Argumentation stütze ich mich auf Jacques Rancière, einem französischen Intellektuellen, der in Deutschland bisher bemerkenswert wenig Aufmerksamkeit erfahren hat. Rancière versucht einerseits zu ergründen, was denn das Wesen der Politik eigentlich ausmacht; andererseits verbindet er die Sinnlichkeit/Ästhetik eng mit seinem Politikbegriff.

Das, was gemeinhin als Politisch verstanden wird, nämlich vornehmlich politisch-administrative Strukturen (Parlamente, Kabinette und andere Institutionen bzw. Dispositive) wird von Rancière in seiner politischen Funktion radikal in Frage gestellt. Für ihn sind diese Orange bereits auf einem Unrecht erbaut, dass die kapitalistische Logik und das damit verbundene Unrecht der Ungleichheit zwischen Menschen zementiert. Als Resultat bleibt ein großer Teil des demos („der Anteil der Anteilslosen“) seiner Gleichheit beraubt. Daher bezeichnet Rancière das, was gemeinhin als Politisch verstanden wird, als Polizei. Darunter versteht er: „[…] Eine Ordnung der Körper, […]die dafür zuständig ist, dass diese Körper durch ihre Namen diesem Platz und jener Aufgabe zugewiesen sind, […] eine Ordnung des Sichtbaren und Sagbaren, die dafür zuständig ist, dass diese Tätigkeit sichtbar ist und jene andere es nicht ist, dass dieses Wort als Rede verstanden wird, und jenes andere als Lärm.“

Wahre Politik stellt diese polizeiliche Ordnung in Frage und opponiert. Dagegen ist die eigentliche politische Tätigkeit jene, „die einen Körper von dem Ort entfernt, der ihm zugeordnet war oder die Bestimmung eines Ortes ändert; sie lässt sehen, was keinen Ort hatte [um] gesehen zu werden, lässt eine Rede hören, die nur als Lärm gehört wurde.“ Weiterhin: „[D]ie politische Tätigkeit ist immer eine Weise der Kundgebung, die die Aufteilung des Sinnlichen polizeilicher Ordnung durch die Inszenierung einer Voraussetzung zersetzt, die ihr grundsätzlich fremd ist, diejenige eines Anteils der Anteillosen.“

Das wahre Politische kennzeichnet also immer mit eine Störung der Polizei (im Sinne einer quasi-natürlich Ordnung). Vor diesem Politikverständnis entfaltet Rancière seinen Ästhetik (respektive Kunst)-Begriff. Hierfür nimmt er eine Genealogie (ähnlich wie Foucault) der Kunst vor. Dabei identifiziert er drei Regime: I. Das ethische Regime, II. das repräsentative Regime und III. das ästhetische Regime. Während bspw. das repräsentative Regime der Kunst dafür sorgte, dass diese immer die quasi-natürliche Ordnung der sozialen Wirklichkeit widerspiegelt (also konstruierte Rangordnungen wie Mann/Frau; KapitalistIn/ArbeiterIn; Weiß/Schwarz etc.) wiedergibt, hat sich im ästhetischen Regime, das im Zuge der so genannten Aufklärung entstand, eine Episteme/ein Regime entwickelt, die die Kunst vom Sozialen weitestgehend trennt und der Kunst eine neugewonnene Autonomie zuschreibt. Im Sinne der (Post-)Moderne kann Kunst also die soziale Wirklichkeit in Frage stellen, indem sie etwa die quasi-natürlichen Rangordnungen ironisiert, herausfordert und sich somit dem zementierten Unrecht der Ungleichheit enthebt. Damit trägt das ästhetische Regime ein Charakteristikum in sich, das in der Lesart von Rancière das eigentlich Politische – nämlich das Widerständige, Störhafte und Subversive – maßgeblich kennzeichnet.

Vor dem Hintergrund Rancières Argumentation möchte ich einige interventionistische Kunstprojekte beschreiben und analysieren. Auf dieser Grundlage wiederum möchte ich diskutieren, wie ästhetische Interventionen die Praxis der Friedens- und Konfliktforschung bereichern können. Das betrifft sowohl unser Konfliktverständnis („Was verstehen wir eigentlich als ‚politisch‘ im Konflikt?“) als auch die Praxisformen der Friedensforschung selbst („Wie kann in soziale Realitäten emanzipatorisch eingewirkt werden?“).

 

Felix Koltermann: Doing research – Recherche als Bindeglied künstlerischer und wissenschaftlicher Praxis

Projekte, in denen Wissenschaftlicher_innen und Künstler_innen auf Augenhöhe gemeinsam an einem Thema arbeiten, stellen bis heute eine Seltenheit dar, auch wenn es immer häufiger bei einzelnen Akteuren biografische Überschneidungen zwischen den verschiedenen Feldern gibt. Vorstellungen von dem was „Künstler_innen“ als „Praktiker_innen“ und „Wissenschaftler_innen“ als „Theoretiker_innen“ ausmacht, sind immer noch manifest und bestimmen den Blick vom Einen auf den Anderen. Dazu kommt, dass die Felder der Kunst und der Wissenschaft sehr elaborierte Präsentationsformen haben, von denen nur ungern abgewichen wird bzw. von denen eine Abweichung innerhalb der Community nur selten toleriert wird. Für die Wissenschaft ist das Nonplusultra die Ergebnispräsentation in Textform, für die Kunst das Schaffen eines ästhetisch und konzeptionell anspruchsvollen Werkes.

Gleichwohl sind in der Wissenschaft wie der Kunst Tendenzen erkennbar, die eine Annäherung ermöglich können. Im Vortrag werde ich vier verschiedene Beispiele von Kollaborationsprojekten zwischen Wissenschaftler_innen und Künstler_innen vorstellen, in denen die wissenschaftliche Recherche den wesentlichen Bezugspunkt darstellt. Die Beispiele verbindet miteinander, dass sie nach neuen Formen der Darstellung und der Ergebnispräsentation suchen und diese zum Teil auch gefunden haben. Abschließend werde ich Fragen formulieren und Thesen aufstellen, wie sich ausgehend von der Recherche als Aktionsfeld künstlerische und wissenschaftliche Praxis gegenseitig befruchten können.


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