Junge AFK Panel 3: Kritische Wissensproduktion in Theorie und Praxis

Moderation: Tim Bausch
Discussant: Viktorija Ratkovic

Philipp Lottholz und Klaudia Rottenschlager: Von der kolonialen Begegnung zur Praxis der kritischen? (Selbst)Reflexion

Feministische, post- und dekoloniale Kritik an der Friedens- und Konfliktforschung (FKF) als objektives und wertfreies wissenschaftliches Unterfangen stellt eurozentrische Denkweisen und Praktiken der Wissensproduktion in Frage und rückt deren koloniale Verstrickungen ins Licht. Sie eröffnet Perspektiven und schafft Interventionen, um epistemische Macht- und Gewaltverhältnisse und deren multidimensionale Auswirkungen sichtbar zu machen. In letzter Zeit finden diese Stimmen zwar immer mehr Gehör, fraglich bleibt jedoch warum diese kaum in der konkreten Praxis der Wissensproduktion selbst, in der Wahl von Forschungsvorhaben, Umsetzung und Auswirkung, Konzeptualisierung und Erarbeitung von Methodologien und Epistemologien umgesetzt werden (Connell 2014).
Ausgehend von Talal Asads (1973) Metapher der kolonialen Begegnung der Britischen Sozialanthropologie im 20. Jahrhundert, entwickeln wir einen kritischen Ansatz zur Analyse der Praxis der Wissensproduktion innerhalb der Friedens- und Konfliktforschung, um herauszuarbeiten, inwieweit ein kolonialer Moment in den methodologischen und epistemologischen Sichtweisen derselben erkennbar ist. Wir diskutieren mögliche Parameter für eine Analyse der kolonialen Begegnung, wie z.B. die praktischen Grundbedingungen, Handlungs- und Bewegungshorizonte von Subjekten und Forschenden sowie daraus resultierende Machtbeziehungen, und
Standards und Formate der Verfassung und Publikation von wissenschaftlichen Arbeiten.
Dieser Beitrag endet jedoch nicht nur in dekonstruktiven Analysemustern sondern verortet die kritische Praxis der (Selbst)Reflexion als ersten Schritt, um hegemoniale Forschungszugänge zu dezentrieren. Dabei setzen wir vorerst am Begriff der Reflexion selbst an und somit auch bei der Kritik von Donna Haraway (1997): “ (…)
my suspicion is that reflexivity, like reflection, simply displaces the same elsewhere, setting up the worries about copy and original and the search for the authentic and the really real” (p. 16). Unter welchen Bedingungen ist eine konstruktive Reflexion über eigene Positionalitäten und Machtverhältnisse innerhalb der Friedens- und Konfliktforschung möglich? Was setzt diese voraus und warum wird dieser im akademischen Feld so wenig Raum geboten? Kann der Moment der kolonialen Begegnung innerhalb von Forschungsprojekten zwischen dem globalen Norden und Süden überhaupt überwunden werden?
Wir geben hier keine endgültigen Antworten und setzen uns vielmehr die Aufgabe, Ansätze aufzuzeigen, die eine Überwindung des vorwiegenden Modus der kolonialen Begegnung und dementsprechend unilateraler, wissensextrahierender und objektivierender Forschung ermöglichen können. Als praktische Beispiele dienen
unsere eigenen Forschungserfahrungen in Kirgistan und Palästina und die gemeinsame Reflektion über Herausforderungen, Verantwortlichkeiten und Dilemmata partizipativer Formen von Wissensproduktion.

 

Sophie Bischoff und Ansar Jasim: Adopt a Revolution: Politische Solidaritätsarbeit im Kontect des Syrienkonflikts

Adopt a Revolution gründete sich Ende 2011 als Solidaritätsinitiative mit den Demonstrant_innen der friedlichen Proteste in Syrien sowie ihren Forderungen nach Reformen, dem Abtreten der Regierung und eine Demokratisierung des Landes.
Seitdem, d.h. auch nach Militarisierung und Internationalisierung des Konflikts, arbeitet Adopt a Revolution eng zusammen mit Aktivist_innen aus der Zivilgesellschaft innerhalb Syriens. Belagerung und Bombardierung durch das Regime, Russland, die internationale Allianz gegen IS u.a., ebenso wie das Erstarken von islamistischen Gruppierungen in den oppositionellen Gebieten und die Entwicklung autokratischer Herrschaftsstrukturen in den von der kurdischen Selbstverwaltung kontrollierten Gebieten gehören dabei zum Alltag vieler Partner_innen. Im Konferenzbeitrag soll Einblick gewährt werden in die lokalen Realitäten sowie die konkreten Arbeitsstrategien, welche die Partner_innen von Adopt a Revolution in den vielschichtigen Konfliktsituationen verfolgen und wie internationale Solidaritätsarbeit hier aussehen kann.
Internationale Solidaritätsarbeit war lange ein Bereich, in dem sich u.a. Akteur_innen aus der Friedensbewegung engagierten, so zum Beispiel in im Falle Lateinamerikas oder des Balkans. Im Hinblick auf die Protestbewegung in Syrien bzw. in der MENARegion im Allgemeinen blieb internationale Solidarität mit den jeweiligen Zivilgesellschaften jedoch größtenteils aus und die Analysen der Friedensbewegung beschränken sich zumeist auf alte Dichotomien (zwischen Imperialismus und Anti-Imperialismus). Inwiefern können Akademiker_innen als Aktivist_innen Einfluss nehmen auf dominante Diskurse beispielsweise in Deutschland und transnationale Solidarität anregen?
Neben der Unterstützung zivilgesellschaftlicher Akteure vor Ort besteht ein wichtiger Teil der Arbeit von Adopt a Revolution weiterhin darin, die Stimmen, Forderungen und Ansichten der betroffenen politischen Akteure vor Ort hörbar zu machen in einem deutschen medialen und gesellschaftlichen Diskurs, der diese weitestgehend ausschließt. Welche Rolle können und sollten Akademiker_innen in diesen Vermittlungsprozessen im Sinne einer (herrschafts-) kritischen Wissensproduktion spielen? Und andersherum gefragt: Haben wissenschaftliche Arbeiten zu Syrien für die zivile und bis heute in Syrien aktive Bewegung irgendeine Relevanz? Wie kann Wissenschaft aussehen, die für Betroffene relevant ist und nicht lediglich Nord-Süd-Machtverhältnisse reproduziert?
Diese und andere Fragen können nach einem beispielhaften Abriss der Arbeit Adopt a Revolutions diskutiert werden.

 

Burcu Eke-Schneider: Identity-based conflicts between newly-formed resistance groups during Gezi Movement

This study offers a nuanced comparative analysis of the formation of new resistance groups and their identity-based conflicts and argues that the Gezi resistance was not only an act of resistance against authority but was, at the same time, a movement in which some groups raised their voice and made their identity visible for the first time. Within the methods of participatory action research, semi-structured in-depth interviews and qualitative study of the Gezi resistance in Turkey, this study identifies complex relations (between individuals and focused groups) of the social processes of collective mobilization in the first three weeks of May-June 2013. This thesis has been a process in the making since my acceptance and enrollment in the Peace and Conflict Studies Program during my post-trauma rehabilitation process after a brutal and violent experience in Gezi Park. It aims to become a component for our (peace worker’s) future collective resistance knowledge. I learned a lot from all of the active peace professors; Prof. Johan Galtung, Jorgen Johansen ,Prof. Stellan Vinthagen, Prof. Oliver Richmond, Prof. Norman Finkelstein, Prof. Joshua Weiss, Prof. Wolfgang Dietrich, Prof. Tatsushi Arai,Prof. Amr Khairy Abdalla. And thanks to all lecturers; Dr. Gal Harmat and Kai Frithjof Brand-Jacobsen, Vivet Alevi who came to Istanbul and educated us in 2014 and 2015.

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