Bunt gegen Bund: Die re:publica 2018 in Tweets

Die re:publica 2018 in der Twitteranalyse: User Statistiken, beliebteste Tweets und insbesondere die Debatte um das Verhalten der Bundeswehr rund um die #rp18. Deskriptive Analysen und rudimentäres Textmining. Agenda-Setting durch die Bundeswehr? Vielleicht ein bisschen. For our international readers, the graphs are kept in english. R code and data here.

Gastbeitrag von Tim König (Humboldt-Universität Berlin)*

POP – das Motto der diesjährigen Re:Publica. Okkupiert von der Bundeswehr? (Grafik vom Autor erstellt)

Die re:publica 2018. DIE Konferenz der digitalen Gesellschaft in Deutschland. Über 10.000 Bloggerinnen, Aktivistinnen, Künstlerinnen, Hackerinnen, Unternehmerinnen, Trendsetterinnen, Netzpromis und -expert*innen, haben sich vom 2.-4. Mai unter dem Motto offenen Motto POP in Berlin versammelt, um sich über die aktuellsten Trends, Debatten und Innovationen in Sachen Digitales auszutauschen. Die creme de la creme der deutschen und internationalen Netzaktivisten, der place to be für alle, die sich mit Netzpolitik beschäftigen. Was also tun, wenn man kein Ticket hat, um sich selber ein Bild davon zu machen, worüber vor Ort geredet wird? Die Twitter-Konversation mit R scrapen und auswerten, natürlich!

Daten

Mit dem R-Package rtweet und einem dedizierten Server also schnell ein Script geschrieben, das mittels Twitters Search API alle Tweets mit dem Hashtag #rp18 scrapt und abspeichert. Und zwar nicht nur einmal, sondern täglich vom 26. April bis zum 10. Mai. Vielleicht kommen die wirklich spannenden Themen ja schon vor oder erst nach der Konferenz auf, man weiß ja nie. Soviel vorweg: es sind viele Tweets. Sehr viele sogar. 70.103 um genau zu sein. Manchmal waren es sogar zu viele, oder, um Felix Haass zu paraphrasieren (von dem ich mir nicht nur die Inspiration für diesen Artikel, sondern auch Teile des Codes geborgt habe): One does not simply collect all #ISA2015 #rp18 Tweets.

Was war das Problem? Nun, Twitters Search API limitiert einzelne Suchanfragen auf 17.000 Ergebnisse, das heißt in diesem Fall: maximal 17.000 Tweets pro Tag. Das ist ziemlich viel wenn man bedenkt, dass die täglich aktiven Nutzer in Deutschland auf gerade einmal 600.000 geschätzt werden. Und trotzdem nicht genug für die Schar aus Netzaktivist*innen: das Rate Limit der API wurde am ersten und zweiten Tag erreicht, sodass die Tweets, die am ersten Tag vor 12:43 und nach 22:00 bzw. am zweiten Tag vor 11:28 Uhr abgesetzt wurden, unwiederbringlich verloren sind. Also müssen wir hoffen, dass die wirklich wichtigen Themen nicht vor dem Mittagessen (vielleicht auch Frühstück) besprochen wurden und festlegen, dass das, was nach 22 Uhr am ersten Tag gesagt wurde, besser unanalysiert bleibt. Was wir in jedem Fall sehen können ist, dass die Re:Publica 2018 schon einige Wochen vor Beginn Thema auf Twitter war, wenn auch nur in geringem Umfang. Am Tag vor der Konferenz heizt sich die Konversation langsam auf, um an den ersten beiden Tagen regelrecht zu explodieren. Am dritten Tag wird es etwas weniger, um dann in den fünf Tagen nach der Konferenz abzuflauen.

User

Die Menge von insgesamt 70.103 Tweets wurde durch 18.949 User erzeugt. Zunächst zu den hard facts: Wer war am aktivsten? Der Titel des Busiest Tweeps geht an Teekesselchen, welches durch anhaltende Aktivität auch nach der Konferenz selbst den offiziellen re:publica Account überholen konnte. Platz 3 und 4 gehen an die Tweeps Plasmogen 5 und Albert Boxler von IBM, welchem für seine anhaltende Twitteraktivität hoffentlich Überstunden gutgeschrieben wurden. Glückwunsch an die Sieger, welche das restliche Feld weit hinter sich ließen.

Tweets

Und worüber wurde geredet? Was waren die Themen, die die Re:Publicaner*innen beschäftigten? Die, zugegeben krude, Kombination aus Likes und Retweets (zum Zeitpunkt des Scrapings) soll als Indikator dienen, welche Tweets die beliebtesten und einflussreichsten im Rahmen der diesjährigen Re:Publica waren. Hier eine nähere Besprechung der 5 beliebtesten Tweets. Eine Übersicht der Top 20 folgt am Ende des Posts.

Der Award für den mit Abstand beliebtesten Tweet mit kombinierten 2660 Likes und Retweets geht an Raul Krauthausen aka Raulwurf. Mittlerweile ist diese Zahl deutlich höher, Maulwürfe und Raulwürfe scheinen also auch in Zukunft relevant zu bleiben. Der Maulwurf schaffte es alleine übrigens nur auf Platz 11 der Liste, Herr Krauthausens Seriosität scheint also ein klarer Erfolgsgarant zu sein.

Platz zwei (791 Likes + Retweets, mittlerweile auch deutlich höher) geht an den Entschuldigungspost von Sascha Lobo für die Verwendung eines transfeindlichen Begriffs in seiner „Pop und Anti-Pop“ Rede am Abend des ersten Tages. Auch hier spielt Seriosität sicherlich eine Rolle, stellt Lobo doch in seinem (verlinkten) Statement klar, dass die Verwendung eines solchen Begriffs in einer Rede gegen Diskriminierung nichts zu suchen hat. Dass die Anzahl an Likes deutlich höher ausfällt als die der Retweets, könnte als Akzeptanz dieser Entschuldigung seitens der Twitter-Community gedeutet werden.

Erst auf Platz drei (761) folgt die Bundeswehr, obwohl – oder vielmehr weil – sie nicht offiziell auf der Re:Publica 2018 vertreten war. Was war passiert? Die Bundeswehr wollte uniformiert auf der Re:Publica vertreten sein, was deren Veranstalter ablehnten. Daraufhin stellte sie sich, mit Flyern bewaffnet, direkt vor den Eingang der Messe, um auf dieses vermeintlich unfaire Verhalten seitens der Re:Publica aufmerksam zu machen (Motto: „zu bunt gehört auch grün“), was diese wiederum gar nicht so witzig fanden. Einher ging diese „Guerilla-Aktion“ mit jeder Menge medialer Aufmerksamkeit und einer entsprechenden Debatte auf Social Media, bei der die Bundeswehr und deren Follower Stimmung gegen die Re:Publica machten. Das fand nicht jeder seriös.

Knapp gefolgt wird das Statement der Bundeswehr in unserer Liste von Re:Publica Mitbegründer Johnny Haeusler auf Platz 4 (756), welcher die Stellungnahme der Konferenz gegenüber der Bundeswehr-Aktion teilte. Diese enthielt einige Richtigstellungen zu dem mittlerweile ausufernden Shitstorm und wurde ebenfalls sowohl vom offiziellen Re:Publica Account als auch von Mitveranstalterin Tanja Haeusler (auf Platz 13 und 14 dieser Liste) geteilt.

Platz fünf der Liste mit 606 Likes + Retweets geht an Kolumnistin und Autorin Katja Dittrich aka Katja Berlin. Die Frage, wann mir Roboter den Job wegnehmen, interessiert mich als Studenten zwar nur zweitrangig, aber das Wort „Urlaubsplanung“ hört ja doch jeder gern.

Sonstige relevante Themen in den Top 20 Tweets zur diesjährigen Re:Publica waren unter anderem: das mangelhafte vegane Essen für die Speaker*innen der Konferenz (und das 2018!), kritische Stimmen zur Bundeswehr, diverse humoristische Fazits zur #rp18 und Sophie Passman schafft es als einzige zweimal in die Liste. Dazu ein völlig apolitischer May the 4th be with You-Tweet der FDP. Da soll nochmal jemand sagen, das PR-Team der FDP hätte nach der Bundestagswahl nichts mehr zu tun.

Hashtags und Wörter

Aber zurück zur Bundeswehr und ihrer wahlweise Guerilla-/Stör-/Propaganda-Aktion respektive Hack. Ist es damit tatsächlich gelungen, eine Debatte anzustoßen oder gar den Diskurs zu bestimmen? Eine Aufschlüsselung der beliebtesten Hashtags (neben #rp18) könnte hier Klarheit liefern.

Wir sehen: Die Partnerkonferenz der Re:Publica, die Mediaconvention Berlin(#mcb18) wurde am häufigsten mit #rp18 kombiniert, gefolgt vom Motto der diesjährigen Re:Publica, POP (u.a. interpretiert als “power of people”, auch auf Platz 10). Variationen von #rp18, #republica18 und #republica, sowie das #HRFestival im Rahmen der Re:Publica waren ebenfalls beliebt. Stage2 war beliebter als Stage1, Digitalisierung und Blockchain wichtige Themen, die Re:Publica fand offensichtlich in #berlin statt. Auch Jan Böhmermanns Reconquista Internet war Thema und #ibm hat es immerhin noch auf Platz 20 der beliebtesten Hashtags geschafft (sicherlich durch die Anstrengungen von Albert Boxler, Platz 4 unserer „busiest Tweeps“-Liste). Und die #Bundeswehr hat es auf Platz 3 unter den Hashtags geschafft und damit deutlich die Aufmerksamkeit der #rp18 Tweeps auf sich gezogen.

Aber bilden die Hashtags wirklich ab, worüber die Leute reden? Oder sind die eigentlichen Inhalte andere? An dieser Stelle eine schnelle und methodisch vermutlich fragwürdige Analyse der in den Tweets benutzten Wörter. Disclaimer: es ist mein erster Ausflug in die manchmal wunderbare Welt des Textmining!

„Stage“, „über“ (Umlaute mussten für die Analyse entfernt werden) und, tatsächlich, „Bundeswehr“ wurden in den Tweets zur #rp18 am häufigsten verwendet (Hashtags nicht berücksichtigt). Die Interpretation der restlichen Wordcounts  – ob es „mehr“ von etwas geben sollte oder „menschen“ wichtiger sind als „digitalisierung“ – möchte ich mir nicht anmaßen. Aber einen weiteren Versuch in Sachen Textmining lasse ich mir doch nicht nehmen: Die Wortkookkurrenzen von „Bundeswehr“ im Sample.

Es fällt auf: die häufigsten Wörter erinnern frappierend an den Titel der Stellungnahme seitens der Re:Publica zur Aktion der Bundeswehr („Die Bundeswehr bei der rp18 – eine Chronologie. Und ein paar Fragen.“). Dies würde mit den häufigen Retweets der Stellungnahme, welche drei mal in den den Top 20 Tweets auftaucht, übereinstimmen. Gleichzeitig wird die Aktion scheinbar nicht nur als „Aktion“ sondern auch als „Störaktion“ („straktion“ – der Umlaut fiel auch hier dem Textmining zum Opfer) bezeichnet und von einer „Provokation“ gesprochen, welche einige scheinbar „kritisieren“ – auch, wenn hier natürlich nicht klar ist, an wen diese Kritik und der Vorwurf der Provokation gerichtet ist. Aber auch eindeutige Kritik an der Re:Publica ist mit „rpnicht“ vertreten.

Was lernen wir also? Der Bundeswehr ist es gelungen, durch ihre Aktion zu einem Hauptthema der Re:Publica 2018 zu werden. Gleichzeitig gibt es Anzeichen, dass die Debatte gegenüber der Bundeswehr durchaus kritisch ausgefallen zu sein scheint und ein Großteil der Tweeps sich eher auf die Seite der Veranstalter geschlagen hat. Das Hashtag #parlamentsarmee, unter dem die Bundeswehr versuchte, Unterstützer zu mobilisieren, war übrigens äußerst unerfolgreich: im Sample kommt es nur 6 Mal vor, eine gesonderte Suche ergab gerade einmal 51 Tweets für den Untersuchungszeitraum.

Und vor Ort? Kommunizieren die Re:Publicaner*innen ausschließlich über Twitter, haben wir den Diskurs der Re:Publica 2018 wirklich erfasst? Vielleicht lässt es sich nächstes Jahr, investigativ und vor Ort, herausfinden. Doch zumindest eines ist sicher: Uniformen blieben den diesjährigen Besuchern erspart. Den Daheimgebliebenen nicht ganz.

Top 20 Tweets,  #6-20

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*Tim König ist Master Student im Studiengang Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin. Seinen Bachelor in Politikwissenschaften absolvierte er an der Freien Universität Berlin. Außerdem arbeitet er als studentischer Mitarbeiter am Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft zu Demokratie und Digitalisierung und überlegt, ob er Twitter (@tmknig) nicht auch mal aktiv nutzen sollte.

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2 Kommentare

  1. […] Aufmerksamkeit erhalten. Doch die übrigens nicht angemeldete Bundeswehr-Versammlung (pdf) und generell das Thema Bundeswehr nahm bei den re:publica-Diskussionen auf den Social-Media-Plattformen Platz drei ein. Neben dem […]

  2. […] mediale Kaperung einer eigentlich militärfernen Konferenz. Damit war sie auch erfolgreich – das Thema Bundeswehr nahm bei den re:publica-Diskussionen viel Raum ein und überschattete damit wichtige netzpolitische […]

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