Welchen Mehrwert bieten Nachwuchskonferenzen? Ein Erfahrungsbericht von der ECPR Graduate Conference 2012

Vierhundert Nachwuchswissenschaftler, einhundert Panels, alle Teilbereiche der Politikwissenschaft sind vertreten – eigentlich die idealen Voraussetzungen, um sich auszutauschen und selbst etwas für die eigene Arbeit zu lernen, oder nicht? Von 4. bis 6. Juli hat in Bremen die vierte ECPR Graduate Konferenz stattgefunden. Ziel der hauptsächlich von Promovierenden unter dem Banner des European Consortium for Political Research vorbereiteten Konferenz ist es Nachwuchswissenschaftler aus ganz Europa zusammenzuführen.

Michael Zürn vom WZB Berlin leitete am Mittwoch die Konferenz mit einer Keynote zur konzeptionellen Differenzierung von Autorität und Legitimität sowie den verschiedenen Quellen aus denen sich die eine wie die andere speisen ein. Das Programm wurde durch verschiedene mit Praktikern besetze Roundtables, die größtenteils eher praxisbezogen waren (Women in Academia, How to get a job in Asia, etc.) ergänzt. Lediglich einer der Roundtables hatte einen konkret politikwissenschaftlichen Bezug und beschäftigte sich mit dem Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen, trug aber letztlich wenig zum Erkenntnisgewinn bei.

Ich würde mit diesem kurzen Erfahrungsbericht gerne eine Diskussion einleiten, was Ihr, werte LeserInnen, von solchen Konferenzen im Allgemeinen haltet. Für mich war es die erste Konferenz, bei der ich selbst präsentiert habe und mein Eindruck über die Vor- und Nachteile solcher Konferenzen ist gemischt:

Die Vielzahl der verschiedenen Themen und der sehr dichte Ablaufplan erschweren den Besuch der für die eigene Arbeit wirklich relevanten Panels. Denn wie soll man sich selbst fortbilden, wenn man z.B. zu innerstaatlichen Konflikten arbeitet und die für einen interessanten Panels größtenteils gleichzeitig stattfinden?

Da für viele Panels vorab lediglich ein Oberthema steht und dann BewerberInnen jenen Panels zugeordnete werden, die thematisch am ehesten zu Ihnen passen, werden zum Teil Papers gemeinsam diskutiert, die inhaltlich nichts miteinander zu tun haben. Die teilweise fast zufällige Zusammensetzung der Panels führt zu einer thematischen Inkohärenz, welche weder den Panelisten noch dem Publikum nützt. Panels dagegen, die von den Chairs selbst eingereicht werden und in denen die Papers vorab ausgewählt werden, haben oft eine viel höhere Qualität. Hier kann wirklich inhaltlich diskutiert werden und die Besucher des Panels wissen vorab, was Sie erwartet.

Der große Mehrwert der Konferenz liegt daher eher in der einzigartigen Möglichkeit Promovierende aus ganz Europa kennen zu lernen und sich vor allem außerhalb des offiziellen Programms fachlich und privat auszutauschen. Gerade die eher ungezwungene Atmosphäre bei einer solchen Nachwuchskonferenz macht einem das Kennenlernen und Diskutieren einfacher als etwa bei „großen“ Konferenzen bei denen die Big Shots ihre Arbeit präsentieren.

Zusammenfassend muss ich sagen, dass eine solch große Konferenz wie die ECPR sicher wichtig für den akademischen Lebenslauf und vor allem von Bedeutung für die eigene internationale Vernetzung mit Forschern in einem ähnlichen Themenbereich ist; Anregungen für und neue Einblicke in das eigene Themengebiet sollte man sich aber nur begrenzt über das eigene Panel hinaus erhoffen. Hierfür scheinen mit thematisch zugeschnittenen Fachkonferenzen wesentlich besser geeignet. Wie sind Eure Erfahrungen? Ich freue mich über Kommentare und Ergänzungen, mich würden auch gerade gegenteilige Meinungen interessieren.

Einige der vorgestellten Papiere sind, thematisch nach Überthema und Panel sortiert, über die ECPR-Homepage abrufbar.

 

8 Kommentare

  1. die für einen interessanten Panels größtenteils gleichzeitig stattfinden
    – Die Konferenz war im Allgemein schlecht organisiert. Der Preis war wahnsinnig, das Programm irrwitzig verschult, und der Ablauf willkürlich zusammengesetzt, wie du hier bemerkst. Konferenzen sind oft schlecht organisiert aber selten auf diesem Niveau.

    Der große Mehrwert der Konferenz liegt daher eher in der einzigartigen Möglichkeit Promovierende aus ganz Europa kennen zu lernen
    Ja, aber man merkte auch den Qualitätsunterschied. Alle Frankfurter, Berliner und Zürcher z.B. hatten hochwertige Papiere, wobei viele Teilnehmer einfach einen Literaturüberblick vorstellten und stolz drauf waren. Es ist aber schon schön, einen Kreis von „Konferenzbekanntschaften“ mit den man sich auf andere Veranstaltungen treffen kann.

    die eher ungezwungene Atmosphäre
    Das ist nicht dein Ernst, oder? Zumindest wo die Big Shots hingehen, wagt es keiner, sie wie Kinder zu behandeln. Man muss nicht zu den Panels der Big Shots bei grösseren Konferenzen gehen, aber die Rahmenbedingungen sind i.d.R. viel angenehmer.

    eine solch große Konferenz wie die ECPR sicher wichtig für den akademischen Lebenslauf und vor allem von Bedeutung für die eigene internationale Vernetzung mit Forschern in einem ähnlichen Themenbereich ist
    Bingo. Das ist das Spielchen und der Grund, warum wir 290€ hingeblättert haben.

    scheinen mit thematisch zugeschnittenen Fachkonferenzen wesentlich besser geeignet.
    Kenne ich aus anderen Fächern, und die sind oft schon besser. Leider gibt es so etwas in IB selten. Bzw. es gibt sie eher als „Invitational“, nicht als „Open“ Veranstaltungen, was dem Nachwuchs wenig hilft.

  2. Lieber Gregor,
    ich finde, du hast Vor- und Nachteile gut zusammengefasst – Panels, in denen Paper wenig bis nichts miteinander zu tun haben, sind wirklich überflüssig, aber leider immer wieder Praxis. Kleine Workshops, die deiner Diss thematisch näher sind, bringen inhaltlich einen viel größeren Mehrwert. Nictsdestrotrotz kann man auch bei einer Riesen Konferenz Glück haben, dann nämlich, wenn in deinem Panel ein guter Discussant sitzt, der dir hilfreiches Feedback zu deinem paper geben kann. Und nach einer Weile ist es einfach auch sehr nett, alte bekannte Gesichter auf den großen Konferenzen wieder zu treffen und einen inhaltlichen Eindruck davon zu bekommen, was sonst so in der Forschungslandschaft los ist…
    So oder so auf jeden Fall eine Erfahrung wert. Hoffe du erzählst bald hier noch mehr🙂

  3. Ich stimme Dir auch zu, Gregor. Networking ist der Hauptnutzen von Graduate- aber auch den anderen großen Konferenzen. Die Papiere sind für mich immer eher Anknüpfungspunkte bei der anschließenden Unterhaltung. Aber es sind auch immer mal wieder sehr positive Überraschungen bei den Präsentationen dabei, die einen inhaltlich vorwärts bringen…

  4. @ Ben: Ich stimme Dir zu, dass die Konferenz schlecht geplant war. Ich finde auch die Roundtables hatten allein thematisch gesehen wenig zu bieten.
    Trotzdem fand ich die Stimmung ganz angenehm.

    @ Steffi: Die Erfahrung hat sich auf jeden Fall gelohnt, allerdings war sie keine 200 Euro Teilnahmegebühr wert. Stimme Dir zu, dass auch viel vom eigenen Panel abhängt. Da kann ich mich nicht beschweren. Der Discussant hat alle Papers ausführlich kommentiert und viele Ratschläge gegeben. Da das Publikum etwas zurückhaltend war (was auch daran liegen mag, dass das Oanel am letzten Tag morgens um 9 war), lief die Diskussion hauptsächlich zwischen den Panelisten – was aber eher bereichernd war. Ich habe dort zum Teil auch Panels erlebt, in denen sich das Publikum wegen einzelner theoretischer Grundannahmen in einem Paper derart auf den einen Panelisten eingeschossen hat, dass die anderen Präsentierenden überhaupt keine Kommentare bekommen haben.

  5. Ich finde, Ihr habt alle recht – schlecht zusammengestellte Panels sind die Regel, und oft wirklich nervig. Die Frage ist, wie ändert man das? Ohne irgendwelche schlecht organisierten Konferenzen verteidigen zu wollen, frage ich mich wirklich, wie sich Panels mit 3-5 Papern von Leuten, die zum großen Teil eben nicht zusammenarbeiten (sonst bräuchten sie ja nun auch das Panel nicht…) so abstimmen lassen, dass sich zumindestens zusammenhängede Strukturen erkennen lassen. Ich habe zwar noch nicht übermäßig viel Konferenzerfahrung, aber auch bei kleineren Konferenzen oder Workshops war das oft ein Problem. Und bei der einen Konferenz, bei der ich selbst an der Auswahl der Abstracts beteiligt war, habe ich das Problem auch von der anderen Seite erlebt: Aufgrund eines Abstracts von 500 Wörtern ist es verdammt schwierig, einzuschätzen, in welche Richtung ein Papier gehen wird.
    Also ernsthaft die Frage: wie kann man es besser machen? Mehr Koordination der Autoren im voraus? Schon bei Bewerbung mehr Infos verlangen? Zielgenauer geschriebene CfPs? Panels mit übergeordneten Fragestellungen (nicht nur Titeln) auf die alle Bezug nehmen sollen/können? Oder doch alles so lassen und im Grunde wissen ja alle, dass es nur um Networking geht?
    Würde mich echt interessieren, was Ihr dazu meint!

    1. Also ich würde sagen, bei solch großen Konferenzen, dürfte eine stärkere Koordination im Vorfeld organisatorisch nur schwer möglich sein. Aber man kö nnte versuchen zu vermeiden, dass Leute in Panels gesteckt werden, mit denen sie inhaltlich gar nichts zu tun haben. Wenn der einzige Zusammenhang zwischen den Papers im weitesten Sinne der analysierte Kontinent ist, der eine aber über Non-Proliferation redet, der andere über Regionalisierung und die dritte über die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Presse und Entwicklungshilfe-NGOs, und der vierte wirres Zeug über die Notwendigkeit einer unvoreingenommenen Herangehensweise in den IB erzählt, dann ist das Pannel eher sinnlos würde ich sagen, da sich die Panelisten gegenseitig einfach so gut wie nichts zu erzählen haben. So etwas ließe sich im Vorlfed verhindern, wenn man die Leute eher in ein themenspezifisches Pannel gebracht hätte. So könnte sich der Regionalisierungsforscher m.E.n. viel besser mit EU-Forschern unterhalten, als mit jemandem der zu Entwicklungshilfeorganisationen forscht.

  6. Ich habe ja weder mit Politikwissenschaft noch mit IB etwas zu tun – kenne aber die hier geschilderten Probleme aus dem ff aus meinem eigenen Fachgebiet: Gespräche Treffen sind wichtig, das Programm aber eng gestrickt und vieles, was einen interessiert, ist im Zeitplan parallel gelegt. – Ich kenne aber auch Tagungen kleinerer Verbände, wo sozusagen „einzügig“ getagt wird und somit die Chance groß ist, dass alle dasselbe mitbekommen haben und somit über dasselbe sprechen können. Das geht dann natürlich wieder auf Kosten der Vielfalt ..
    Aber mir fiel beim Lesen noch etwas anderes ein: Immer wichtiger finde ich auch eine gescheite Dokumentation einer Tagung, nicht ein Tagungsband, der ein Jahr später erscheint, sondern schon die Folien irgendwo auf einen Server und vielleicht die Keynotes und ausgesuchte ausformulierte Vorträge. Dazu gehört natürlich auch eine Tagungsleitung, die Aufwand betreibt, die Referentinnen/Referenten vor sich herzutreiben und ihnen das abzuverlangen. Mit Bewunderung sah ich im letzten Jahr bei der Tagung einer kleineren Vereinigung, dass der Tagungsband schon vor der Tagung online gestellt worden war.
    Und noch ein letztes: Wurde eigentlich von der Tagung getwittert? Ich finde nur das Schlagwort (hashtag) #ecprJS2013. – Das ist auch eine gute Sache, um Dinge mitbekommen zu können, nachbearbeiten zu können, diskutieren zu können. Ich schätze das mittlerweile sehr.

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