„How many deaths will it take ‚til he knows / That too many people have died?“

Liao Yiwu erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2012. Foto: Elke Wetzig/CC-BY-SA.

Liao Yiwu erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2012. Foto: Elke Wetzig/CC-BY-SA.

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu erhält in diesen Minuten in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Mit Liao wird ein mutiger Mann geehrt, dessen Streben nach Freiheit ihn nicht nur mehrere Jahre in chinesische Gefängnisse, sondern bis an den Rand des Wahnsinns gebracht hat. Ich freue mich, dass Liao Yiwu geehrt wird, denn ich bewundere diesen vielleicht aufrechtesten Verfechter für die Freiheit.

Über Liao Yiwu wird in diesen Tagen viel geschrieben. Deshalb will ich mit diesem Post keine weitere detaillierte Würdigung vorlegen, verweise dafür vielmehr auf die Feuilletons deutscher Qualitätszeitungen. Dennoch möchte ich den Anlass nutzen, meiner Hochachtung für die Aufrichtigkeit Liaos und seinem unbändigen Drang nach der Freiheit Ausdruck zu verleihen. Denn im Gegensatz zum Literaturnobelpreisträger Mo Yan ist er nicht nur Schriftsteller, sondern auch ein politischer Aktivist, der neben seinem unbändigen Drang nach Freiheit eine große Liebe zur chinesischen Tradition und zum chinesischen Volk auszeichnet. Stets widmet sich Liao der Perspektive der „kleinen Leute“, ihren Ansichten, Sitten und Gebräuchen.

Exemplarisch für sein Werk steht sein berühmtestes Gedicht, das den Titel „Massaker“ trägt. Es entstand als Reaktion auf das Massaker auf dem Tiananmen-Platz 1989. Bekannt wurde es als Tonaufnahme auf einer Kassette, die in den Wochen nach dem Massaker kursierte. Nicht nur die Worte, sondern auch die Intensität, mit Liao das Gedicht einsprach, nein einschrie, ließen die Zuhörer seine Verzweiflung und seine Wut über das Geschehene unmittelbar spüren. So wurde das Gedicht zum weltweit berühmten Monument für die Freiheits- und Demokratiebewegung der chinesischen Studenten und deren Niederschlagung 1989.

Massaker“ blieb für Liao Yiwu nicht ohne Folgen: Vier Jahre saß er im chinesischen Gefängnis, versuchte sich das Leben zu nehmen und hatte auch nach seiner Entlassung mit weiteren Repressalien zu kämpfen. Schließlich floh Liao Yiwu nach Deutschland. Er lebt in Berlin.

Im Gefängnis schrieb er das überaus eindrucksvolle Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“, das im Fischer Verlag erschienen ist. Das Buch, das auch „Massaker“ enthält, schrieb Liao Yiwu drei Mal. Die ersten beiden Manuskripte konfiszierte die Staatsgewalt. Doch das dritte Manuskript konnte er aus den Gefängnissen schmuggeln. Es ist ein einzigartiges, beeindruckendes, doch auch beängstigendes Werk, dessen Lektüre ich nur sehr ans Herz legen kann! Der unbändige Freiheitsdrang, das aufrechte Streben für die eigenen Ideale, das Liao Yiwu an den Rand des Wahnsinns zu treiben scheint, ist tief bewegend und erschütternd zugleich.

How many deaths will it take ‚til he knows / That too many people have died?“ sang Bob Dylan. Liao Yiwu liebt das Lied, das so vortrefflich zu seinem Herzensanliegen passt, dem Kämpfen wider das Vergessen der Ermordeten, dem Drang nach Freiheit und Menschenwürde.

Vor diesem Friedenspreisträger verneige ich mich in Hochachtung, Bewunderung und Dankbarkeit für sein beispielgebendes, aufrichtiges Verhalten und Streben!

Abschließen soll mit einem Auszug aus „Massaker“ die Hoffnung, es möge noch Viele zum Weiterlesen von „Für ein Lied und hundert Lieder“ und seinen anderen Büchern, vor allem aber es möge zum Weitertragen seines Strebens nach Freiheit und Aufrichtigkeit ein keines bisschen beitragen, genährt werden.

Massaker“

Gedicht, gewidmet der Französischen Revolution
Gedicht, gewidmet der 4.-Mai-Bewegung
Gedicht, gewidmet den Opfern des 3. Juni

[…]

Schießt! Schießt! Auf die Alten, die Kinder, schießt auf die Frauen! Auf die Studenten, auf die Arbeiter, auf die Lehrer, schießt auf die Straßenhändler! Knallt sie ab! Knallt sie ab! Nehmt sie aufs Korn, die Gesichter voll Wut, die verblüfften Gesichter, die verkrampften Gesichter, die Gesichter mit dem verzweifelten Lache, die resignierten Gesichtern, die friedlichen, knallt sie ab! Wahllos, knallt sie ab! […] Liquidiert die Gedanken, die Gut und Böse begreifen wollen! Knallt sie ab! Knallt sie ab! Stillt eure Sucht! Zieht euch den Joint rein, drückt ab auf dem Abtritt, macht in den Kasernen mit einem Spielzeug herum, nennt es die Alte, Knallt sie ab! Knallt sie ab! Knallt sie ab! Stillt eure Sucht, stillt eure Sucht! Schießt in den Kopf! Versengt die Kopfhaut! Die Brühe soll spritzen. Die Seele soll raus. Schmiert sie auf die Über- und Unterführungen. Die Torbögen, die Balustraden! Die Prachtstraßen, es muss spritzen! Die Brühe soll spritzen, zum Himmel, Sterne sollen es werden! Fliehende Sterne! Sterne auf Beinen! Himmel und Erde stehen kopf. Die Menschen tragen leuchtende Hüte. Leuchtende Helme. Wenn eine Armee sich aus dem Mond kämpft, knallt sie ab! Knallt sie ab! Knallt sie ab!

[…]

Wir sind im Licht, doch wir sind blind
Wir sind auf dem Weg, doch wir sind lahm
Wir sind im Lärm, doch wir sind taub
Wir sind im Durst, doch wir wollen nicht trinken

Sie kennen nicht die Zeichen der Zeit, sie hören die umzingelten Menschen, sie versuchen, die Sonne zu töten
Du hast nur dein Weinen, noch weinst du, weineweineweineweineweineweineweine! Weineweine! Weine!
Du bist zu Tode betrübt, zu Tode gebrannt, du stehst in Flammen“ Aber du weinst!
Du stehst auf der Bühne, du bist eine Posse, du wirst zur Schau gestellt in den Straßen, aber du weinst!
Deine Augäpfel bersten, versengen die Gaffer, aber du weinst!
Du setzt ein Kopfgeld auf dich, spionierst dir nach, stellst dir eine Falle
sagst, du hast dich geirrt, alles war falsch in deiner Frist! Aber du weinst!
Sie machen Hackfleisch aus dir, du weinst
sie drehen dich durch, du weinst
und wenn dich ein Hund frisst, du weinst in ihm weiter! Weinstweinstweinst!
Dieses Massaker überleben nur Hunde.

Aus: Liao Yiwu: „Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen.“ Frankfurt am Main. Fischer Verlag. „S. 42-46  Taschenbuch (2012); Hardcover (2011); E-Book (2011)

Weitere Posts von Tim Rühlig zu China gibt es hier und hier.

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