Buch des Monats: Kluge Geschichten vom fehlenden Bohren harter Bretter

Von Brettern, Bohrern und der Politik erzählt Alexander Kluge in seinem neuen Buch.

Von Brettern, Bohrern und der Politik erzählt Alexander Kluge in seinem neuen Buch.

Worin besteht das Politische? Wie wird Politik gemacht? Max Weber verglich es mit dem Bohren harter Bretter mit Leidenschaft und Augenmaß. Aber was ist daraus geworden? In unserer ersten Buchbesprechung in der neuen Rubrik „Buch des Monats“ werden die Antworten des Soziologen Alexander Kluge vorgestellt.

In „Politik als Beruf“ schreibt der Soziologe Max Weber: „Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“. Dieses Zitat, das Namensgeber des „Bretterblogs“ ist, beschreibt die Politik als etwas, das Ausdauer, eine politische Vision und Pragmatismus zu seiner Umsetzung verlangt. Es zeichnet das Bild von einer aktiven, gestaltenden PolitikerIn. Dieses Zitat ist berühmt geworden; jedeR StudentIn der Politikwissenschaft sollte es in den ersten Wochen des Studiums kennenlernen. Doch ist Webers Beschreibung wirklich angemessen?

Dieser Frage widmet sich das neue Buch von Alexander Kluge. Der Titel – „Das Bohren harter Bretter. 133 politische Geschichten“ – veranlasst mich, es zum Gegenstand des ersten „Buchs des Monats“ zu machen, einer neuen Rubrik des Bretterblogs:

In den kurzen Geschichten des Buches, die sich aktueller Politik und wichtigen historischen Ereignissen widmen, beschreibt der Autor die handelnden Personen des politischen Geschäfts. Kommentierte Interviews und biographische Anekdoten berühmter Persönlichkeiten von Max Weber über Nikita Chruschtschow bis hin zu Barack Obama stehen neben knapp dargestellten politischen Beobachtungen über Kanzlerinnen, Wahlkampfstrategien und unbeherrschten Bundesministern. Und siehe da: Trotz des Titels ist von leidenschaftlichen Politikern mit Visionen kaum die Rede.

Aktion und Reaktion – wer regiert das Land?

Mir scheint, dass das, was die Politikberaterin Gertrud Reinicke dem Autor Alexander Kluge anvertraut, und gleich in einer der ersten Geschichten wiedergegeben wird, paradigmatisch für das Buch zu sein. Erste Tugend des erfahrenen Politikers sei das „Geschehenlassen“, meint sie: „Politik ist nicht Aktion, sondern Reaktion. Aktiv sind die Menschen selbst.“ Politik ist für Reinicke eher das Suchen nach einem Kompromiss als das Abarbeiten an etwas Hartem, das es zu durchbohren gilt.

Ist dieser Pragmatismus, dieses Suchen nach dem Ausgleich gut? Oder verkommt Politik zum reinen Verwalten? Werfen wir endlich den Ballast von politischen Ideologien ab oder wird Politik inhaltsleer? Das ist hier die Frage.

So erscheint das Politische bei Kluge zunächst überraschend unpolitisch. Überlegung, Planung, Strategie und Visionen stehen nicht im Mittelpunkt. Politik ist für Kluge das Handeln ganz normaler Menschen. Dabei sind sie soziale Wesen, die nicht isoliert betrachtet werden können. Längst sind es Netzwerke und nicht einzelne Persönlichkeiten, in denen Politik gemacht wird.

In einer Rezension des Buches verweist Jens Bisky in der „Süddeutschen Zeitung“ auf ein Zitat von Heinrich von Kleist zu den Ursachen der Französischen Revolution, das ich etwas überspitzt, aber doch in diesem Zusammenhang nicht ganz unpassend finde: „Vielleicht, daß es auf diese Art zuletzt das Zucken einer Oberlippe war, oder ein zweideutiges Spiel an der Manschette, was in Frankreich den Umsturz der Ordnung der Dinge bewirkte.“

Angela Merkel – Prototyp einer zeitlos-erfolgreichen Politikerin?

Doch nicht nur die Bedeutung des Individuums ist Thema dieses Buches. Auch ein Politikstil wird beschrieben: unideologisch, abwartend und moderierend. Erinnert das nicht an das Bild, das allgemein von Angela Merkel gezeichnet wird?! Aber rasch merkt man, dass dieser Bezug eine unzulässige Verkürzung wäre. So beschreibt der Autor, welche Kleinigkeiten große Staatsmänner in der Geschichte zu ihren politischen Entscheidungen führte, so zum Beispiel Napoleon, dem gleich mehrere Geschichten gewidmet sind: Noch als Konsul in Großbritannien beschäftigte sich der spätere Kaiser mit der Biene, die später unter seiner Regentschaft zum Wappentier wurde und die traditionellen Lilien der Französischen Herrscherhäuser ablöste.

So sehr das Buch von Kluge die Frage aufwirft, ob die Politikverdrossenheit auch die Politik erfasst hat – schließlich fehlen ihr Visionen und Leidenschaft –, es bleibt ein Hinweis auf ein Element, das oft übersehen wird: Politik wird von Menschen gemacht, die fühlen und denken wie wir, und die auf Situationen reagieren. Die Betrachtung von Politik muss daher dem Detail in seinem großen Ganzen mehr Raum gewähren. In dieser Mischung aus Detail und Gesamtbild liegt die große Stärke Alexander Kluges und auch von Oskar Negt, mit dem er viele seiner Werke gemeinsam verfasste (und dem ich persönlich für mich unheimlich wichtige Erkenntnisse verdanke). Das macht auch „Das Bohren harter Bretter“ zu einem wertvollen Buch, das ich ausgesprochen gern gelesen habe.

„Das Bohren harter Bretter“ – eine positive Herausforderung

Und dennoch hat das Buch auch seine Schwächen: Zwar sind die einzelnen Geschichten in sich pointiert und prägnant. Der Schreibstil des Autors ist gewohnt nüchtern. Doch häufig hätte man gern mehr erfahren und wird durch den schnellen Schluss enttäuscht. Das Paradigma der „Kürze mit der Würze“ droht hier zum Dogma zu werden.

Auch die für Kluge typische Mischung aus wahren und erfundenen Geschichten gefällt mir ganz und gar nicht. Seine Beobachtungen der politischen und gesellschaftlichen Realität sind aus meiner Sicht so wertvoll, dass die Aufmerksamkeit auf die Frage, „was ist hier Erfindung?“, nur vom Wesentlichen ablenkt. Vielleicht finden das manche LeserInnen völlig unwichtig. Mich hat es jedoch sehr irritiert.

Auch die Zusammenstellung und Reihenfolge der einzelnen Geschichten erschließt sich nicht zur Gänze. Die Themenpalette ist breit, reicht von Thilo Sarrazin, über Max Weber, die Französische und die erste Russische Revolution zurück zur Tagespolitik der aktuellen Krise. Für jeden ist etwas dabei. Doch geht, bei aller Pointe in der einzelnen Geschichte, der Blick für das große Ganze recht schnell verloren. Zwar gehört es generell zum angenehmen Zug des Autors, keine einfachen, allumfassenden Antworten zu suchen, die dem Einzelfall nicht gerecht werden. Hier profitiert Alexander Kluge von seinem langjährigen Versuch dem verbreiteten dogmatischen Zugriff auf den Marxismus ein differenzierteres, auf die einzelne konkrete Situation bezogenes Reagieren entgegenzusetzen.

Und auch in diesem Buch hat das Fehlen eines roten Fadens wieder Mal eine gute Seite, denn es fordert eine Entscheidung: Will ich mich als Leser im Detail verlieren? Suche ich das große Ganze? Lege ich das Buch, das doch einfach keine Aussage zu haben scheint, einfach wieder zur Seite? Das wäre allerdings sehr schade. Denn Alexander Kluge hilft auf eine seltene und gute Art und Weise, die eigenen Sinne zu schärfen.

Kurzum: Es ist kein leichtes Buch, wir LeserInnen sind gefordert. Eine Gebrauchsanweisung wird nicht mitgeliefert. Wir müssen agieren, nicht nur reagieren. Dieses Buch ist nicht für den Konsum geschrieben, sondern ruft den politisch interessierten kritisch Mit-Denkenden auf den Plan.

Deshalb ist Buch nicht einfach eine desillusionierte Beschreibung, die das Unpolitische der politischen Praxis achselzuckend hinnimmt. Kluge kommt auch ohne einen erhobenen Zeigefinger aus, der uns mahnt, auch ja politisch aktiv zu werden. Es ist ein impliziter – und vielleicht gerade deshalb effektiver – Aufruf zum Bohren der harten Bretter. Dieses Bohren droht uns nur allzu leicht und immer wieder verloren zu gehen. Dagegen sollen wir uns wehren, jeden Tag. Denn: Was zählt, ist der selbstständig denkende Mensch.

Buch des Monats Januar 2013:

Alexander Kluge

Das Bohren harter Bretter. 133 politische Geschichten. Mit einem Gastbeitrag von Reinhard Jirgl.

Berlin

Suhrkamp Taschenbuch

Erste Auflage 2012

ISBN: 978-3-518-46396-3

10,99 € (in Deutschland)

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