Der „local Turn“ im Peacebuilding – Wer genau ist eigentlich dieser „local“?

lokal. regional. universal. Die Hervorhebung des Lokalen als die neu definierte Lösung für Peacebuilding Missionen ist populär wie nie. Und dennoch bleibt die Frage ungeklärt, was mit dem Begriff eigentlich genau gemeint ist.

Das Konzept des Liberal Peacebuilding verliert immer mehr an Basis, ein Ruf nach mehr lokaler Beteiligung an Friedensprozessen wird immer lauter und Begriffe wie „local ownership“, „local turn“ und viele mehr sind en vogue wie nie. Alles, so scheint es, muss heute lokal unterstützt sein, sonst verliert jeder Friedensansatz an Legitimität. Dem ist zunächst nicht zu wiedersprechen, zeugen doch zahlreiche misslungene UN Peacekeeping Interventionen und die massive Kritik am liberalen Peacebuildingkonzept [siehe auch diesen Link], dass ein Umdenken notwendig und das Einbeziehen der „Lokalen“ in ihren Friedensprozess eine angebrachte Idee ist.
Selbst wenn man vernachlässigt, dass derzeit erst wieder jüngste Forschung sich mit der Frage beschägtigt, was überhaupt Kriterien sein können, um erfolgreiches Peacebuilding evaluieren zu können, herrscht mittlerweile fast einheitliche Kritik – mit Ausnahme von Roland Paris‚ – an einem auf Staats- und Wirtschaftsaufbau konzentrierten Ansatz, kurz am liberal Peacebuilding. Als fruchtbare Alternative hierzu wird ein post-liberales Peacebuilding gehandelt, basierend auf einem hybriden Konzept, das internationale Interesse mit lokalen Friedensvorstellungen kombinieren soll. Ausgehend von diesem Gedankengang gehen einige – u.a. Vivienne Jabri, King’s College London – sogar noch weiter und fordern einen völligen Rückzug internationaler Truppen und ziviler Helfer aus dem (Post-)Konfliktgebiet, da Internationale niemals eine Legitimierung für ihre Intervention seitens der lokalen Bevölkerung erhalten könnten und so extern keine Konfliktlösung herbeigeführt werden könne, weil eine Intervention immer eine moderne Version von Kolonialisierung darstelle. Doch gleich in welchem Grad man dem Lokalen nun eine Bedeutung zukommen lassen möchte, ein von Roger MacGinty so genannter Local Turn, also eine Hinwendung zum Lokalen als wichtigem, wenn nicht gar dem wichtigsten, Bestandteil von Peacebuilding ist klar ersichtlich. Doch eben hier stellt sich die entscheidende und bislang offene Frage: Was meinen wir denn, wenn wir vom „Lokalen“ reden? Augenblicklich erscheint diese Frage als irrelevant, was sie jedoch keineswegs ist, da das „Lokale“ in seiner Definition diffuser ist als zunächst angenommen.

Quelle: Copyright by Roger MacGinty

Dem Begriff des Lokalen wohnt oft eine gewisse Romantik bei. Es ist das von der globalisierten Welt Unberührte, Traditionelle, Einheimische. Im Rahmen von Peacebuilding Interventionen wirkt es als das Pendant zum Internationalen, als hätten die beiden Punkte sehr wenig Konnektivität (vgl. hierfür Oliver Richmond). Diese Romantisierung des Lokalen hakt allerdings an verschiedenen Stellen und ist gleichfalls gefährlich, da sie die Sicht für die Komplexität des Lokalen verschließt. Blieben wir dieser Romantisierung verhaftet, würde man fälschlicherweise auf die Idee kommen, dass es auch eine rigide Trennung von Normen und Werten geben müsste, dass alles, was international ist, auf globalisierte Normen zurückgreift, wohingegen das unberührte Lokale sein eigenes Normen- und Wertesystem besitzt. Mittels dieser Logik argumentierend, seien auch stark divergierende Vorstellungen zu einem politischen Ordnungssystem wahrscheinlich, was irrtümlich vielerseits als Grund für das Misslingen von liberalen Peacebuilding Missionen abgeleitet wurde.

Verlassen wir aber diese dichotome Sichtweise und erlauben uns einen tieferen Blick in die Perzeption des Lokalen fällt sehr schnell auf, dass dieses „Lokale“ sehr heterogen und diffus ist und das ist auch durchaus logisch. Betrachten wir die eigene Gesellschaft. Regionale Waren von regionalen Bauern werden allseits gepriesen und für fast alles gibt es regionale, lokale Hersteller. Die Waren wirken durch ihr Label „lokal“, im Deutschen auch oft „regional“ als hochwertig, als erstrebenswert zu kaufen, und doch greifen wir zu Starbucks Kaffee, kaufen japanischen Autos oder sehen US-amerikanische Serien. Gleichzeitig reden wir Dialekt oder schwören auf Omas Backrezepte. Dieses Phänomen ist jedem bekannt und muss auch nicht weiter erläutert werden, ein Trendwort hierfür ist „Glocalization“, weil sich in unseren Lebenswelten Einheimisches mit Internationalem natürlich mischt, es hybridisiert sich [siehe hierzu auch John Meyers Theorie des Neoinstitutionalismus] und doch zählen wir zu einer einheimischen Bevölkerung. Gleiches gilt aber auch für Postkonfliktgesellschaften, weshalb eine generelle Annahme des „Lokalen“ versus des „Internationalen“ als irreführend verstanden werden muss. Die Lebensstile der Menschen schwanken, und so sind einige lokale nicht mehr ganz so lokal, weil sie in INGOs mitwirken, andere hingegen sehr, weil sie die alten Traditionen pflegen. Es ist nicht möglich hier eine Trennlinie zu etablieren, die erläutert, wer „too local“, „just local“ und wer „not so local“ ist, doch trotz dieser Unschärfe gibt es eine Renaissance des Begriffs in der Peacebuilding Forschung als Reaktion auf die Misserfolge eines liberalen Konzeptes, ohne dass jener Begriff genauer erläutert wird.

Eben hier liegt aber das Problem. Die Peacebuilding Forschung versäumt erneut einen aufkommenden Trend kritisch zu hinterfragen. Und während es in den 1990ern noch als einzig logisch erschien, dass eine Post-Konfliktgesellschaft nur dann einen erfolgreichen Transformationsprozess erzielen kann, indem rechtsstaatliche Strukturen nach demokratischem Modell etabliert werden, so erscheint es heute als unumstößlich, dass  ein Wandel von den „Lokalen“ ausgehen muss. Die bereits erläuterte Unschärfe des Begriffs tritt dabei ebenso in den Hintergrund wie die Frage, was die „Lokalen“ eigentlich nun tun müssten, um einen Friedensprozess erfolgreich abzuschließen.
Und so gelangen wir zur eigentlichen Ausgangsfrage: Wer ist denn nun lokal und wer nicht? Die Bestimmung einer Lokalität, so mein Plädoyer, wird wohl ebenso wenig eindeutig definierbar sein, wie viele andere Begriffe der Sozial- und Politikwissenschaft. Könnte es da nicht sinnvoller sein, den Versuch einer Definition zu unterlassen und stattdessen das eigene Denken auf die Komplexität von Normen, Werten, Ansichten und Strukturen in Gesellschaften – insbesondere in jenen Gesellschaften, in denen um Werte ein Konflikt besteht/bestand – einzustellen?

Es erscheint mir persönlich im Anschluss an Oliver Richmond und Roger MacGinty als durchaus sinnvoll, die Logiken einer dichotomen Perspektive des Lokalen versus des Internationalen aufzugeben und stattdessen von einer Hybridität in der post-konfliktiven Alltäglichkeit zu sprechen, einem „Everyday“, das Probleme und Problemlösungen nicht unterteilt in lokal oder international, sondern eine Kooperation zwischen allen Akteuren – inklusive UN und anderen IGOs und INGOs – ermöglicht. Nur so kann ein nachhaltiger Transformationsprozess gestaltet werden.

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