Konferenzbericht der 5. World International Studies Conference „Dialogue Across Borders in Turbulent Times. Addressing Global Challenges“

Taipei, 01.-03. April 2017; Es findet die erste Konferenz des World International Studies Commitees außerhalb Europas statt in Mitten der blühenden Hauptstadt Taiwans. Die limitierte Anzahl an tatsächlich angereisten Panelisten tut der Qualität der teilweise zusammengelegten Panels keinen Abbruch. Dennoch mussten so manche Panels gestrichen werden oder fanden leider ohne Kommentator oder Chair statt.

WISC 2017 | Taipei City

WISC 2017 | Taipei City | Foto by Joe Topgraph via wisc2017.org (CC BY-NC-SA 2.0)

Den offiziellen Anfang gestaltete – begleitet von Reden des Vizepräsidenten der Taipei National University, des Dekans der politikwissenschaftlichen Fakultät und des Präsidenten der Taiwan Association of International Relations – Gunther Hellmanns Rede über die positiven Entwicklungen der WISC, die nicht nur im besonderen Maße Akademiker der IB über den Westen hinaus miteinander verbindet, sondern auch intensiv den globalen Austausch zwischen dem Westen und dem Globalen Süden in Workshops fördert. Darüber hinaus betonte Hellmann die erfolgreiche Vernetzung von Nachwuchsakademikern weltweit und deren finanzielle Unterstützung.

Sah man sich im Raum um, fiel auf, dass besonders viele asiatische Akademiker anwesend waren, was wohl vor allem der geografischen Nähe und dem thematischen Schwerpunkt der Tagung geschuldet war. Von einer vollständigen Abbildung des Globalen Südens kann aber so leider doch nicht ganz die Rede sein, fehlten hierfür doch vor allem afrikanische wie auch lateinamerikanische Wissenschaftler, die nur in handzählbarer Größe vertreten waren.

„How to explain changes in IR?“

Einen fachlichen Einstieg bildete Barry Buzans Keynote Speech im Anschluss an die Eröffnungsrede, die einen der Schwerpunkte der Konferenz thematisierte. Buzan wies auf die Existenzkrise der Global International Society hin, deren wahrscheinliche Zukunft in einer post-kolonialen, post-westernisierten Weltordnung liege und visionierte eine Ordnung ohne Hegemonialmächte, die entgegen unserer aktuellen Denklogik funktioniere. Die entscheidende Frage sei in einer solchen Weltordnung allerdings, wer eine Ordnung aufrechterhalte – INGOs? IOs? Oder gänzlich neue Arten von Akteuren wie etwa AIs, also künstliche Intelligenzen?

So beschäftigten sich Panels mit einer International Society in unterschiedlichen Facetten als Reaktion auf die Krise der internationalen politischen Realität. Interessante Ansätze gab es besonders bezüglich der Frage, wo das Internationale im Alltag zu finden sei (visual sociology), wie es sich gestaltet und was dies für eine Weltordnung bedeuten könnte. So warf David Shim die Frage auf, ob das Internationale besser als eine soziale Praxis verstanden werden sollte, anstatt als spezifischer Raum.

Dieser theoretischen Frage der Neuordnung folgend, beschäftigten sich viele Panels mit der Frage neuer Sicherheitsgherausforderungen in einer emergenten und verändernden Weltordnung. Besonderer Fokus lag hierbei auf Human Security, geopolitische Konstruktionen und Security Governance und Hybrid Threats, auch im Kontext zu Frieden und möglichen Konflikten.
In Zeiten, in denen Donald Trump eine Abkehr vom Klimaabkommen in Paris in Aussicht stellt, wurde selbstverständlich ebenfalls über politische wie umwelttechnische Konsequenzen von Energiewende, -bereitstellung, -krisen als auch Klimawandel und seine Folgen für Mensch und Umwelt gesprochen.

China, the emerging dragon; Russia, the dying bear

Geopolitisch interessant, sowie auch in Bezug auf die Veränderung neuer globaler Ordnungssysteme und möglicher Konflikte, lag während dieser WISC ein zentraler Fokus auf Chinas Verhältnis zu seinen Freunden und Feinden. So wurden nicht nur die militärische Stärke Chinas diskutiert, wo Rear Adm Chih-Lung Tan in der Diskussion der Marine der VR China darauf verwies, dass China zukünfitg die USA eher als Verbündeten als als Feind ansehen sollten, da China zwar über militärische Stärke, jedoch weder über ausreichend Verbündete verfüge, noch die Stärke für einen Alleingang habe. Auch Fragen der politischen Beziehungen – beispielsweise zum Gastland Taiwan – oder auch zu Japan waren Thema. Ferner wurden auch ökonomische Kompetanzen der ASEAN zur EU, zu den USA und der MENA Region schwerpunktsmäßig diskutiert.

Entgegen dem optimistischen Bild zu Chinas aufstrebender Stärke und stärkeren Einbezug in das internationale System, zeichneten Russlandexperten für diesen Akteur, der nach allgemeiner Übereinkunft zumindest langfristig nicht zur unabhängigen Sicherheitskonkurrenz mit den USA in der Lage sein würde, ein eher düsteres Bild. Interessant an diesen Diskussionen war zudem, dass die anwesenden Russlandexperten – darunter auch einige russische Akademiker – die in der amerikanischen Fachdiskussion vorherrschende Einordnung der Krim- und Donbass-Konflikte in neorealistische Kategorien ausdrücklich ablehnten und vielmehr Faktoren wie die interne Elitenkonkurrenz hervorhoben. Hier trat auch die Tendenz der nicht-angelsächsischen IB zu weniger rationalistischen, sondern vielmehr historischen, interpretativen und insgesamt ‚dichteren‘ Beschreibungen hervor.

Neben der erschlagenden Fülle an Panels zur Geopolitik asiatischer Staaten, blieben Krisenregionen wie MENA oder Afrika als konfliktreicher Kontinent im Schatten der Konferenz.

“History is too important to leave it to the Historians.” (Georg Lawson)

Der Gedanke einer Neuordnung und Aufbrechung der bestehenden Weltordnung begleitete die gesamte Konferenz. So standen Fragen der zukünftigen Ordnung der Weltpolitik im Vordergrund, sowie die Frage nach dessen besserem Verständnis; so auch die IB nicht nur als Disziplin der Gegenwart zu verstehen, sondern historische Entwicklungen auch in Bezug auf die Entstehung von Theorien in Betracht zu ziehen, seien diese doch geprägt von einem europäischen und amerikanischen Geschichtsverständnis und daher auf Staaten konzentriert. Hier hingegen bemerkte Barry Buzan, dass IB Theorien wahrscheinlich sehr viel anders gestaltet seien, wären sie in einem arabischen Kontext entstanden. Gleichfalls musste man sich durch Martin Bayly mit der Tatsache konfrontiert sehen, dass IB Theorien des Globalen Südens weitgehend marginalisiert würden. Sein Argument wurde offenkundig, als er repräsentativ Bilder einer indischen IB Tagung aus dem Jahre 1938 präsentierte – und damit eine zuvor im gleichen Panel getroffene Aussage, es gäbe keine internationale Idee im Globalen Süden, widerlegte. So war dieser historischen Debatte zentral, dass die IB auf die Deutung von Geschichte aus verschiedenen Perspektiven abhängig sei und Gegenwart, sowie zukünftige Ereignisse nur in Zusammenhang mit Eigenreflexivität zu Geschichtsdeutung zu verstehen seien. Bedeutend für die Reflexivität mit Geschichte sei hier nach Mathias Albert, dass ein Unterschied bestehe zwischen einer präsenten und relevanten Geschichte und einer vergangenen Gegenwart („between a present past, and a past present“). Pinar Bilgin wand in dieser Debatte ein, dass jedoch auch Vorsicht geboten sei. Zum einen sei es nicht möglich aus seinem eigenen Kontext und Geschichtsverständnis zu entfliehen, zum anderen sei es aber auch nicht zielführend die eigenen Mythen durch alternative Mythen des Globalen Südens zu ersetzen – wohl auch ein Seitenhieb an viele Wissenschaftler der Post-Colonial Studies. Vielmehr müsse man stetig daran arbeiten, Mythen zu entmystifizieren.

In dieser Hinsicht dürfte die WISC 2017 zumindest insofern produktiv gewesen sein, als dass in einem relativ diversen Feld von Forschern, und zudem mit deutlicher Unterrepräsentation der rationalistischen Vertreter aus den USA, alternative Konzeptualisierungen gegenwärtiger Umbrüche prominenter hervortreten konnten. So wurde doch deutlich, dass deren typische Narrative wie die einer Neujustierung des Mächtegleichgewichts oder einer Krise demokratischer Institutionen für außerhalb der traditionellen Zentren der Wissensproduktion tätige Fachvertreter entweder gar nicht oder nur in stark modifizierter Form anschlussfähig waren. Derartige Entwicklungen waren in Taipeh sicherlich deutlicher zu beobachten als auf den traditionell ‚hegemonialen‘ ISA-Tagungen. Es wird daher interessant sein, die weitere Entwicklung des Formats zu beobachten.

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