Terroristische Gewalt: verteufeln oder verstehen?

In den Weblogs der Zeit hat sich in den letzten zwei Wochen eine interessante, weil emotionale und problematische Debatte über Verständnis und Unverständnis terroristischer Gewalt entwickelt. Die Debatte ist emotional, da der Ausgangspost von Jörg Lau, persönlich betroffen, ja gar aufgewühlt daher kommt und bisher 1314 Kommentare provoziert hat. Die von Lau und Yassin Musharbash in seiner Replik vertretenen Thesen sind problematisch, da sie unzulässig verkürzen. Die Debatte ist interessant, da sie uns einen Blick auf den Umgang mit terroristischer Gewalt vor allem in Journalismus und Wissenschaft, aber auch in der Gesellschaft erlaubt.

Anstatt eines überlangen Kommentares haben wir uns für einen eigenen Beitrag entschieden. Dabei lösen wir uns vom Fall Boston, über den nach jetzigem Kenntnisstand nicht viel Gehaltvolles gesagt werden kann. Wir problematisieren vielmehr ausgewählte Thesen Laus und Musharbashs und plädieren dafür, terroristische Gewalt zu verstehen, statt sie zu rechtfertigen oder zu verteufeln [Infos zu den Autoren, siehe unten].

Erstens fällt auf, dass weder Lau noch Musharbash explizieren, von was sie eigentlich sprechen. Was ist Terrorismus, wer sind Terroristen? Einerseits ist das verständlich, schließlich handelt es sich dabei um einen grundsätzlich umstrittenen Begriff, einen politischen Kampfbegriff. Dabei ist es wichtig festzulegen, worum es geht.  Wir folgen Daase/Schindler und definieren Terrorismus als „Situation in der ein nicht-staatlicher Akteur gezielt manifeste Gewalt gegen Zivilisten einsetzt, um Angst und Schrecken zu verbreiten und einen Staat zur Veränderung seiner Politik zu zwingen“. In diesem Sinne ist terroristische Gewalt eine variabel angewendete Form politischer Gewalt unter anderen, wenn auch eine besonders verwerfliche.

Zweitens behauptet Lau, dass der „Befund“ der Untersuchung islamistischer Terroristen immer derselbe sei. Diese Sprache ist wirkmächtig wie entlarvend. Ein Befund wird von Ärztinnen und Ärzten gestellt und dient der Feststellung einer körperlichen oder geistigen Krankheit. Die Terrorismusforschung unterschiedlicher Disziplinen zeigt jedoch: Menschen, die terroristische Anschläge verüben, sind in der Regel weder körperlich noch geistig krank. Nicht nur, dass Kranke ein zu großes Risiko wären, Terroristen haben meist nichts in oder an sich, was sie von der Mehrheit der Nicht-Terroristen maßgeblich unterscheidet. Die Verwendung medizinischer Sprache impliziert die Pathologisierung der Täter, also der Erklärung als krank oder irrational und damit der Entpolitisierung ihrer Gewalt. Das entspricht nicht der Realität.

Drittens führt Lau aus, der Befund laute immer wieder:  „gekränktes Machotum, kulturell-religiöser Phantomschmerz […], Unterlegenheitsgefühle […], Hass auf Frauen, […] Juden, […] auf alles Moderne/Westliche, nicht zu vergessen: Testosteron“. Wenn sich die Erkenntnisse aus den Analysen terroristischer Gewalt auf derlei Ergebnisse beschränken würden, wäre dies in der Tat problematisch. Tut sie aber nicht. Idealtypisch lassen sich drei Analyseebenen unterscheiden: Individuum, Gruppe und Umwelt. Für sich ist jedes Analyselevel defizitär, da terroristische Gewalt wie viele andere soziale Phänomene ein multikausales ist. Es erklärt sich also nicht aus einem Faktor und nicht nur auf einer Ebene. Vor allem Analysen, die auf der individuellen Ebene verharren, laufen Gefahr zu psychologisieren, von dem Besonderen auf das Allgemeine zu schließen und individuelle Faktoren zu überzeichnen.

Viertens entgegnet Musharbash dem Kollegen Lau, dass er sich sehr wohl mit Attentätern und ihren Geschichten beschäftigen wolle, „um zu erkennen, wenn neue Typen von Attentätern auftauchen“. Sie zu verstehen aber, „[d]as halte ich […] für fast unmöglich“. Aber: Wie soll man etwas erkennen können, wenn man es nicht versteht? Terroristische Gewalt muss den Menschen erklärt und in einer gewissen Differenziertheit verständlich, im Sinne von begreifbar, nicht gerechtfertigt, gemacht werden. So beugen wir Stigmatisierung, Hass und Phobien vor. Kann allein durch „Profiling“ terroristische Gewalt wirksam, das heißt nicht nur kurzfristig, eingedämmt werden? Vielleicht bedarf es mehr als der Entwicklung und Nutzung solcher Instrumente, um das Problem des Terrorismus wirksam anzugehen.

Fünftens: Lau erkennt zwar indirekt an, dass die Ursachen terroristischer Gewalt sozialer und politischer Natur sein können, die sich über Subjektivierungsprozesse in den Identitäten gewaltbereiter Individuen der „Verlierergesellschaften“ niederschlagen. Unserer Ansicht sollte terroristische Gewalt aber explizit immer auch als politischer Akt zu verstehen versucht werden. Selbstverständlich ist der Impuls nachvollziehbar, komplexe, politisch-soziologische Erklärungen aus persönlicher Empörung und Betroffenheit zu ignorieren. Eine grundsätzliche Haltung nach dem Motto „Die Ursache des Terrorismus ist der Terrorist!“  aber sollte dringend überdacht werden. Nicht nur „um zu erkennen, wenn neue Typen von Attentätern auftauchen“, sondern auch und vor allem um einzusehen, dass politische Gewalt in Form von Terrorismus etwas mit politischen Rahmenbedingungen zu tun hat, in denen wir alle leben.

Wie in dem Begriff der „Verlierergesellschaft“ bereits anklingt, scheint es so etwas wie (globale) Machtasymmetrien zu geben. Dabei trägt gerade der eurozentristische Modernisierungsdiskurs („von den Rändern der islamischen Welt“) zu eben jenen Vorstellungen einer globalisierten Welt bei,  in der große Teile bestimmter Gesellschaften angeblich partout nicht ankommen wollen und es tatsächlich meistens gar nicht können. Dies führt mit anderen Worten zur Reproduzierung und Intensivierung der Herrschaftsverhältnisse und somit zwangsläufig zu Protest und Widerstand. Die sichtbaren Ausprägungen sind dabei nicht nur auf die  „Verlierergesellschaften“ in fernen Ländern beschränkt, sie lassen sich tagtäglich vor unseren Haustüren und in wachsenden transnationalen Protesten beobachten.

Schließlich verliert sich Lau sechstens gänzlich in Beliebigkeit: „Der Terrorismus der radikalen Verlierer […] wird sich eines Tages totlaufen, wie die fürchterliche Welle des Anarchismus an der Wende zum 20. Jahrhundert.“ Mit dieser „Welle“ meint er wohl die anarchistischen Attentate Ende des 19. Jahrhunderts. Diese Indifferenz mag man ihm verzeihen, denn die missverständliche Gleichsetzung dieses Phänomens mit dem Anarchismus im Allgemeinen ist leider auch in wissenschaftlichen Kreisen Usus. Warum aber zieht Lau gerade diesen Vergleich, warum stellt er die „radikalen Verlierer“ nicht etwa rechtsterroristischen Phänomenen, anderen religiösen Terroristen oder dem Terrorismus im Kontext nationaler Befreiungsbewegungen gegenüber? Diese dürften dem „islamistischen Terrorismus“ typologisch deutlich näher stehen.

Der Grund dürfte wohl in Laus bekundetem Desinteresse an den Motiven von Terroristen liegen, über die er pauschal zu befinden können glaubt. Dabei könnten die Motive und (Angriffs-)Ziele anarchistischer Attentäter und islamischer Terroristen nicht unterschiedlicher sein. Sicherlich gab es sie, die geltungsbedürftigen Attentäter, und auch Gewalt gegen Zivilisten ist bekannt. In der großen Mehrzahl aber galt die Gewalt so genannten Tyrannen. Anarchistische Attentate waren häufig gar eine Reaktion auf Massaker an Streikenden oder Demonstranten (z.B. Homestead, Fourmies, Patagonien). Anarchisten bekämpften somit genau das, was gemeinhin als „terroristisch“ verstanden wird: antizivile Gewalt (siehe oben). Sie erklärten eben nicht ganzen Nationen den Krieg oder zündeten Bomben in Schulbussen, sondern zielten in der Regel auf spezielle Verantwortliche ab. Sie wähnten sich dabei auf der Seite „des Volkes“ und genossen nicht selten die Sympathie desselbigen (bezeichnend das populäre Lied La Ravachol), wie etwa Wera Sassulitsch. Obgleich anarchistische Attentäter ganz unterschiedliche Biografien hatten, war ihnen jedoch die Wut auf ein „System“ gemein, das man heute zweifelsfrei als ausbeuterisch und unterdrückerisch bezeichnet.

All das zeigt, wie problematisch Laus Plädoyer ist. Denn der Blick auf die Motive von politischen Gewalttätern, die so unterschiedlich sind, wie die Bewegungen, denen sie angehören, und die Zielscheiben, gegen die sie sich richten, lässt Rückschlüsse auf den breiteren politischen Kontext, einschließlich von Herrschaftsformen, zu. Diesen Blick zu vermeiden, bedeutet daher implizit auch, sich der dringend notwendigen Differenzierung von Phänomenen politischer Gewalt in Zeit und Raum zu verweigern.

Alles in allem sollten Journalisten wie Wissenschaftler versuchen, terroristische Gewalt zu verstehen und zu erklären, sie nicht blind zu verteufeln. Dabei reicht es nicht aus, lediglich auf die individuelle Ebene zu fokussieren, sondern den Blick auch für andere Erklärungsmöglichkeiten auf anderen Ebenen zu öffnen. Im Fall von Terrorismus als einer Form politischer Gewalt ist es dabei besonders wichtig, den politischen Kontext zu beachten und soziale und politische Machtverhältnisse mitzudenken.

Dieser Beitrag ist eine Co-Produktion von Janusz Biene, Daniel Kaiser und Holger Marcks, allesamt wissenschaftliche Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Transnationale Eskalationsmechanismen gewaltsamer Dissidenz“ an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

4 Kommentare

  1. Der Versuch, die Debatte in die Realität zu ziehen, ist lobenswert. Auch die These ist nüchtern und differenziert. Aber es redet vielleicht dem eigenen Publikum vorbei. Manche wollen nicht die Realität einfach abbilden und sie durch Fakten verstehen, sondern sie mit Bedeutung zu verleihen und mit einer rührenden Narrative integrieren.

    Ich habe´s nicht sorgfältig überprüft, aber Terroristen arbeiten oft mit einer eschatologischen Narrative, d.h. das Beste kommt zum Schluß, das glorreiche Ende wird den Mitteln schließlich rechtfertigen.

    Aber im rationalen Westen ist Gott ja bekanntlich tod. Es gibt keine schlechte Menschen, nur gute Menschen, die schlechte Entscheidungen treffen. Am Ende von der Narrative steht also…was? Ein Smartphone, das einen richtig guten Kaffee kocht? Unbegrenztes Schlemmern ohne zuzunehmen?

    Was ich damit sagen will: bedeutsame Koordinaten wie richtig und falsch, gut und böse, Erlösung und Verdammung sind nicht mehr im Spiel, aber das heißt nicht unbedingt, dass das Verlangen nach solchen gleich mit verschwunden ist. Daher kann man die provokative, plakative, wenig differenzierte Haltungen zum Terrorismus und Terroristen auch als Versuch begreifen, etwas existenzielle Verortung durch das eindeutig Schlechte und Indiskutable wieder zu gewinnen. Fakten und Differenzierung wären für ein solches Projekt, dass man gerne als solche ablehnen kann, doch hinderlich. Man muss nicht nur die Terroristen verstehen; auch die die Terroristen nicht verstehen wollen muss man verstehen.

  2. […] freut man sich ja immer über Reaktionen auf eigene Blogposts. Aber das hier ist dann doch leider ein zwiespältiges Vergnügen. Die jungen Wissenschaftler von der Frankfurter […]

  3. Zur Kenntnis der werten Bretterblog-Leserschaft ein Lesetipp zum Thema. Jörg Lau, der durch seinen Blogbeitrag auf Zeit Online die Debatte eröffnet hat, hat auf unseren Bretterblog-Beitrag reagiert und zwar hier: http://blog.zeit.de/joerglau/2013/05/20/dicke-bretter-dunne-bohrer_6015

  4. Terrorismus* braucht grievances, „keine Chance“ und den Willen zu letzterer mit aller Macht.

    *soweit nicht korrekt-selbsterklärend, mit konkreten Forderungen, etc.

    grievances = Machtasymmetrien

    „keine Chance“ = Reproduzierung und Intensivierung der Herrschaftsverhältnisse

    Wille mit aller Macht = Protest und Widerstand

    „Im Fall von Terrorismus als einer Form politischer Gewalt ist es dabei besonders wichtig, den politischen Kontext zu beachten und soziale und politische Machtverhältnisse mitzudenken.“

    Absolut. Schauen Sie sich nur die politische Wirkmächtigkeit der Attentäter auf dem Weg in den I. Weltkrieg an.

    Näheres auf dem Blog von Jörg Lau.

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