IB Online (3/2): Eine kleine Netzschau

Bosnien, Türkei, Ägypten, Ukraine – die Netzschau kommt dieser Woche einer Protestschau gleich. Bewegungsforscher & Bewegte also aufgepasst. Ihr anderen aber auch: Es geht schließlich auch um die aufmerksamkeitsökonomisch bedingte Ignoranz gegenüber dem Leid im Südsudan, Versicherheitlichung in der Schweiz und selbstreferenzielle Diskurse der Politikwissenschaft. Viel Spaß!

Protest in Bosnien, „protestfiles“ im Internet

2013 kam es zu einer kurzen aber bemerkenswerten, weil ethnisch-übergreifenden „Babylution“ gegen den politischen Stillstand in Bosnien Herzegowina im Allgemeinen und die Nicht-Registrierung Neugeborener im Besonderen. Ein Jahr später hat die Schließung von vier jüngst privatisierten Unternehmen neuerliche, stetigere und gewalttätige Proteste gegen die politischen Eliten, die ethnisch bedingte Paralyse von Wirtschafts- und Sozialpolitik und für bessere Lebensbedingungen sowie eine verantwortlichere Politik ausgelöst. Kurze Überblicke dazu findet ihr beim Guardian und Euronews.

Unbedingt lesenswert aber ist das Weblog bhprotestfiles, dass den „normalen“ Protestierenden – quasi dem kleinen Mann/Frau auf der Straße – eine Stimme gibt, ihre Reden, Briefe und Kommuniques übersetzt und den Lesern so eine Möglichkeit gibt, der Diversität und Tiefe der Proteste gewahr zu werden. Einen Soundtrack gibt es auch – welchen, erklärt der Bayerische Rundfunk.

Türkei: Proteste nehmen neuen Anlauf – diesmal gegen Internetzensur und Medienmanipulation

Die Proteste und Polizeigewalt in weiten Teilen der Türkei sind einige Monate her. Von den deutschen Medien weitgehend unbeleuchtet aber, regt sich seit einigen Tagen nun wieder massierter Widerstand auf dem Istanbuler Taksim Platz. Wieder geht es gegen die Regierung Erdogan, doch diesmal anlässlich der Korruption politischer Eliten und ihrer Medienmanipulation und Internetzensur. Beides wurde in Text und vor allem Ton in letzter Zeit unverblümt öffentlich (siehe dazu auch New York Times). Auf Mobilizing Ideas berichtet Mustafa Gurbuz durch  die Analysebrille der Soziale Bewegungsforschung die neuerlichen Proteste und Polizierung derselben.

Diffusion von Protesttaktiken mittels Youtube

Apropos Protest: Nach Bosnien und der Türkei geht es nun um Ägypten, die Ukraine und die Frage nach der Rolle von Social Media. Hört sich langweilig an, ist es aber ganz und gar nicht. Neil Ketchley, ein Ph.D-Student an der LSE berichtet aus „seinem“ Feld, wie das ägyptische „Students against the Coup movement“ mittels Youtube gezielt Protesttaktiken, die in der Ukraine angewandt wurden, nachahmt (im Bewegungsforschungsjargon: emuliert). Lesenswert (nicht nur) für alle Bewegungs(-forschungs-)interessierten.

Augen auch auf Süd-Sudan, aber wie?

Stell dir vor du bist Journalistin, arbeitest im Südsudan und niemand nimmt deine Geschichten – Geschichten von unfassbarem Leid (oder auch unsterblicher Hoffnung). Der Grund: “readers get their faily fill of blood and fore from Syria. And before Syria, it was Libya, Egypt, Iraq or Afghanistan”. Was bringt Journalismus noch, wenn niemand zuhört oder liest. Eine Antwort darauf gibt Jessica Hatcher auf War is Boring.

Recap Schweiz

Die Schweiz hat über Zuwanderer – nicht zuletzt Deutsche – abgestimmt. And the winner is… Naja, eindeutig die Rechtspopulisten. Abstrakt, eigentlich auch die Ideen von Nation und nationalen Grenzen. Stefan Engert hat im Sicherheitspolitik-Blog die Geschehnisse in der Schweiz einer klaren, knallharten und kurzweilig zu lesenden Versicherheitlichungs-Analyse unterzogen. Aber nicht nur der Beitrag lohnt sich, auch die Diskussionen in den Kommentaren – 11 an der Zahl! – sind lesenswert.

Never-ending story: die Politikwissenschaft, die Realität und ihr Einfluss

Ein Klassiker ist zurück: der Streit um die praktische Relevanz von Politikwissenschaft. Nicht, dass ihr mich falsch versteht, die Frage ist natürlich legitim und das Problem real. Aber es ist eben nicht das erste Mal, dass darüber diskutiert wird und die Argumente sind nicht immer alle neu. Diesmal hat ein Op-Ed der New York Times eine Debatte angestoßen, die die us-amerikanischen Polisci-Blogs gerade sehr beschäftigt. Die Forderung u.a.: Professoren, kommt aus dem Elfenbeinturm heraus und engagiert euch! Nicht ganz zu Unrecht antworten manch Angesprochene, dass eine Vielzahl von AkademikerInnen durchaus in öffentlichen Debatten (nicht zuletzt über Weblogs) aktiv sind (z.B. Erik Voeten im Monkey Cage und Seth Masket auf Mischiefs of Action). Steven Saideman erklärt die Bedeutung von Journals und Fachsprache und weist andere Kritikpunkte des NYT-Artikels in Bezug auf fehlende Regionalexpertise zurück. Für alle politikwissenschafts-affinen unter euch dürfte diese Debatte interessant sein – insbesondere in der Übertragung auf die deutsche Gesellschaftswissenschaften (sry, Frankfurter Idiom).

Es gibt zu den Themen dieser Netzschau noch andere spannende Links? Dir fehlt ein wichtiger Hinweis? Wir freuen uns über Deine Ergänzungen und Anmerkungen in den Kommentaren!

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