Ambivalenz und Korruption in The Wire

Die HBO-Serie The Wire erzählt eine Geschichte von Kriminalität, Polizeiarbeit und Politik in Baltimore. Eine ihrer Stärken liegt darin, wie sie die Ambivalenz des sozialen und politischen Lebens nachzeichnet. Eine zentrale Rolle spielt dabei allgegenwärtige Korruption. Ihre Ambivalenz bricht sich nicht zuletzt in der Darstellung der Figur des State Senator Clay Davis.

DVD Cover 5. Staffel | © HBO

DVD Cover 5. Staffel | © HBO

>> Vorweg der unvermeidliche Hinweis, dass dieser Beitrag nicht frei von „Spoilern“ ist. <<

Eines der zentralen Motive, das die Serie – mal ausdrücklich, mal unterschwellig – durchzieht ist Korruption. So kommen die Ermittler rund um Jimmy McNulty und Lester Freamon schnell zu der Erkenntnis, dass man die Strukturen der Drogenkartelle nur zerschlagen könne, wenn man ihre Geldflüsse in Politik und Wirtschaft nachvollzieht. Aber auch im Polizei- und Politikalltag taucht Korruption immer wieder auf. Seien es Herc und Carv, die sich einen Packen Dollarscheine bei Razzien einstecken, die Fundraising Methoden von Bürgermeister Clarence Royce und das stete Postengeschachere, oder der von McNulty konstruierte Serienkiller, über den er Ressourcen zur Jagd auf Drogenboss Marlo Stanfield umleitet: Korruption scheint allgegenwärtig, ja nahezu unvermeidbar.

Felix hat vor einiger Zeit dargestellt, wie The Wire insbesondere ein strukturalistisches Argument macht:

The Wire legt eine klare Betonung auf die Bedeutung sozialer Strukturen als Grundlage für menschliches Handeln. Und es zeigt schonungslos auf, welche massiven Hürden soziale Strukturen unserem Handeln auferlegen; Strukturen, derer wir uns nicht erwehren können, selbst wenn wir erkennen, dass sie kontraproduktiv sind und wir sie ändern wollen.

Aus dieser Perspektive wäre Korruption eine der unausweichlichen Folgen der strukturellen Bedingungen, durch die die Akteure in sozialen und politischen Institutionen navigieren müssen. Gleichzeitig verwischt die Serie die Grenzen zwischen Gut und Böse und betont die Ambivalenz und Komplexität des Sozialen, so der Erfinder der Serie David Simon in diesem Backgrounder:

We are not as much interested in whether the bad guy gets caught by the good guy — although that basic theme plays out in the drama. We are interested in how it is that we in America create a social and economic culture in which “bad guys” are necessitated, and further, whether it is as easy as it seems to make moralistic judgments about individuals once they are rendered in all their confusion and complexity.

Mit den Grenzen solcher moralischer Urteile, die sich nicht zuletzt in den Figuren von Omar Little und McNulty in der Serie brechen, setzt sich auch die Korruptionsforschung auseinander.

Gerade historische Arbeiten haben zuletzt darauf verwiesen, dass Korruption ein deutlich ambivalenteres Phänomen ist, als die Klarheit mit der es abgelehnt wird, suggeriert. Im Sinne eines konstruktivistischen Verständnisses von Korruption sollten Analyse bestimmter Praktiken von dem moralischen Urteil über sie losgelöst werden. Nur so könne deutlich gemacht werden, wie die Beurteilung dieser Praktiken als korrupt („Korruptionskritik“) unterschiedlich ausfallen und sich über Zeit wandeln kann. Ein solches Urteil wird zwischen unterschiedlichen konkurrierenden Normen „ausgehandelt“ (Engels 2014: 14, 18). So war beispielsweise die Praxis von Unternehmen, Aufträge im Ausland mit Hilfe von Bestechungsgeldern an Land zu ziehen, bis in die 90er Jahre durchaus üblich; die Kosten konnten in einigen Ländern sogar von der Steuer abgesetzt werden. Mit dem Verbot der Bestechung ausländischer Amtsträger wurde diese Praxis schließlich grundsätzlich anders bewertet (dazu auch mein Beitrag zu internationalen Korruptionsnormen in Deutschland).

Auch eine vermeintlich klare Kategorie wie Korruption – gemeinhin verstanden als der Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Nutzen – erscheint so deutlich ambivalenter: Sie hat eine „dual quality […] as a clearly defined but sill nebulous charge” (Buchan/Hill 2014: 5). Urteile über Korruption können im gesellschaftlichen und politischen Alltag immer Momente der Unsicherheit hervorrufen. Die Akteure handeln somit in einem sozialen  Raum, der in den Worten von Luc Boltanski (2010: 51):

durch eine Vielzahl von Auseinandersetzungen, Kritiken, Unstimmigkeiten und Versuchen, lokal eine wie immer zerbrechliche Übereinkunft wiederherzustellen, durchzogen ist.

Boltanskis pragmatische Soziologie der Kritik wendet sich somit deutlich stärker der Rolle von agency zu (dazu auch dieser neue ISQ-Artikel). Gerade in Bezug auf Korruption müsste man demnach die normativen Maßstäbe der Akteure in Kontroversen über Korruption selbst zum Ausgangspunkt nehmen, um der Umstrittenheit des Begriffs nachspüren zu können. Mag ein Urteil über Carv und Herc oben noch leicht fallen, wird es bei McNulty’s Serienkiller schon schwieriger – es dient ja alles einem guten Zweck. Der moralische Kompass scheint nur noch bei Kima Greggs „richtig“ eingestellt, die die Posse schließlich auffliegen lässt.

by Duncan Robson via flickr (CC BY-NC-SA 2.0) | Berüchtigt ist Davis für seine Flüche >> https://youtu.be/l1dnqKGuezo

Vielleicht am deutlichsten wird die Omnipräsenz von Korruption in der Figur des State Senator von Maryland Clay Davis, der ein umfassendes Patronagenetzwerk aufgebaut hat, durch das er mit veruntreuten Geldern – nicht zuletzt aus dem Drogenhandel der Stadt – politische Kampagnen finanziert, in der Bauwirtschaft der Stadt mitmischt, Schacherei von politischen Ämtern betreibt und der Gleichen mehr. Allerdings hält die (politische) Elite, die nur allzu sehr von Davis profitiert bzw. in seine Machenschaften verstrickt ist, lange eine schützende Hand über den „Patron“.

Schließlich gelingt es dennoch, Davis aufgrund erdrückender Beweise anzuklagen. Dessen verzweifelte Versuche, sich einmal mehr unter den Schutz seiner „politischen Freunde“ zu stellen oder ihnen diesen Schutz abzupressen, scheitern. Und nach jeder klassischen Definition von Korruption – der Missbrauch des Amts zum persönlichen Nutzen – wie auch nach der Gesetzeslage in Baltimore, wäre die Sache nur allzu klar gewesen. Auch die Anklage war sich ihrer Sache sicher, bis ihr zunächst bei der Demontage eines ihrer zentralen Zeugen (dem Fahrer und Geldkurier von Davis) und schließlich bei Davis‘ Verteidigungsrede zusehends die Gesichtszüge entgleiten.

Die entscheidende Szene – das entsprechende YouTube-Video von Davis‘ Verteidigung lässt sich leider nicht einbetten – wird von HBO in der Synopse zur 7. Folge der 5. Staffel wie folgt zusammengefasst:

On the stand, Davis charms the courtroom and jury with his testimony about how things really work in the poor neighborhoods he represents. He admits that all of the charity money did go into his bank account but insists he didn’t keep a dime, it all went back out in cash, because that’s how it works in his district: It is strictly cash and carry. People know where to find him so they approach him directly for help. He pulls at the heartstrings with the lists of requests he gets for Similac, burial costs, etc. as the courtroom erupts into applause.

Kurzum: Egal wo das Geld auch hergekommen sein mag, er habe davon nichts für sich behalten, sondern es für hehre Ziele eingesetzt. Er führt also konkurrierende, gemeinschaftsorientierte normative Prinzipien ins Feld, an denen er sich orientiert. Die – wenn auch illegal zu ihm geflossenen – Gelder kämen so dem Gemeinwohl in den von ihm vertretenen neighborhoods zu Gute: Davis konstruiert sich in seiner Verteidigung als eine Art moderner Robin Hood. Obwohl die Beweislast erdrückend ist und eindeutig nachgewiesen werden kann, wie Davis Gelder in erheblichem Ausmaß veruntreut hat, finden seine Argumente im Publikum und auch in der Jury großen Anklang – so großen Anklang, dass er schließlich frei gesprochen wird. Rhonda Pearlman, Vertreterin der Anklage, kann auf die Frage des Staatsanwalts, „What the fuck just happened?!“, nur erwidern: „Whatever it was, they don’t teach it in law school.“ Währenddessen lässt sich der freigesprochen Davis feiern: Die Stimme des Volkes habe gesprochen.

by Mike Monteiro via flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

by Mike Monteiro via flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Auch wenn die Geschichte von Clay Davis sehr zugespitzt die strukturellen Missstände Baltimores, das Verwischen von Gut und Böse, aufzeigt, illustriert sie auch, wie schwer es sein kann, gerade im Einzelall eine Grenze zwischen korruptem und nicht-korruptem Verhalten zu ziehen. Die Jury des Gerichts, die allerdings auch zu Davis‘ Gunsten von seinem Anwalt zusammengesetzt wurde, hat in diesem Moment der Unsicherheit die widerstreitenden normativen Maßstäbe zugunsten von Davis und seinem Patronagenetzwerk ausgelegt und die Linie zwischen „guten“ und „schlechten“ Praktiken anders gezogen, als eine klare Definition auf der Basis der Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem Raum suggeriert hätte. Sind es dann doch die Strukturen, die eine „richtige“ Beurteilung des Falls durch die Jury – selbst ein Opfer von Korruption – schier unmöglich gestalten? Neben dieser grundsätzlichen Frage nach agency und structure offenbart Davis‘ erfolgreiche Verteidigung ein für Boltanski unterschiedliches Verhältnis Herrschenden und Beherrschten zu Normen, in diesem Fall gegen Korruption:

Ein Herrschender weiß, dass die Regeln konstruiert sind, denn er ist Teil jener Welt, in der diese gemacht werden. Er kann die Regeln interpretieren, flexibel mit ihnen umgehen, er kann ihren Geist wahren, indem er sie nicht buchstabengetreu befolgt und so weiter.

Somit fällt es gesellschaftlichen und politischen Institutionen leichter, ihre Position gegenüber der Kritik zu verteidigen.

Allgemeiner, verweist diese überzeichnete Episode auf die Kontext- und Situationsabhängigkeit von Korruptionskritik, der nicht so leicht ihre soziale und politische Dimension entzogen werden kann, wie es der Wunsch nach einer objektiven Kategorisierung nötig machen würde. Die kritisierten Praktiken können unterschiedlich bewertet werden. Regeln werden immer wieder erneuert und verändert, gedehnt und gestaucht. Sie sind angesichts konkurrierender Normen das Produkt steter Aushandlungsprozesse – in diesem Fall über die Grenzen von Korruption.

2 Kommentare

  1. […] Max Lesch schreibt über “Ambivalenz und Korruption in The […]

  2. Gordian · · Antworten

    Sehr guter Artikel, danke dafür!

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