Die Angriffe auf westliche Botschaften und der Kampf der Emotionen – ein Lesetipp

Ich bin bei weitem kein Experte für den Nahen Osten oder die arabisch-muslimischen Kultur. Nichtsdestotrotz versuche ich mir eine Meinung zu bilden, über die derzeitigen Unruhen in der muslimischen Welt in Reaktion auf den anti-islamischen Schmähfilm Innocent of Muslims. In diesem Zusammenhang möchte ich hier eine kurze Buchempfehlung abgeben, die in abgewandelter Form auch bereits an anderer Stelle und in der Zeitschrift Wissenschaft & Frieden (Jg. 28, Nr. 4/2010) veröffentlicht wurde.

Das Buch Kampf der Emotionen von Dominique Moïsi, Gründer des französischen Instituts für Internationale Beziehungen (IFRI) und Professor an der Sciences Po in Paris, bietet einen Blickwinkel zum besseren Verständnis der derzeitigen Proteste in der muslimischen Welt, auch wenn es bereits 2009 erschienen ist. Das Essay möchte auf die Bedeutung von Emotionen in der Weltpolitik hinweisen. Moïsi plädiert dafür, dass man sich mehr mit Gefühlen beschäftigen sollte, wenn man versucht die Konflikte in der Welt zu verstehen. Er zeigt auf, wie die drei interdependenten Gefühle Hoffnung, Demütigung und Angst die Politik im Westen, im arabisch-islamischen Raum und in Asien beeinflussen.

Dominique Moisi: Kampf der Emotionen. Wie Kulturen der Angst, Demütigung und Hoffnung die Weltpolitik bestimmen, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009

Anders als in Huntingtons Kampf der Kulturen beschwört er dabei keinen unausweichlichen Konflikt zwischen den verschiedenen Kulturkreisen herauf; auch wenn er die verschiedenen grundlegenden Gefühlslagen grob bestimmten Weltregionen zuordnet: Angst in Europa und den Vereinigten Staaten, Demütigung im arabischen Raum und Hoffnung in Asien. Die drei von ihm benannten Emotionen seien sowohl Ursprung als auch Ergebnisse einer Suche nach Identität, die sich in allen Weltregionen abspiele und in der sich die Bestimmung der eigenen Positionen der verschiedenen Kulturen im Verhältnis zum jeweils »Anderen« widerspiegele.

Gerade die arabisch-islamische Welt sehe sich als Verlierer der Globalisierung und damit ihrer Entfaltungsmöglichkeiten beraubt: Teils auf Grund der kolonialen Vergangenheit und der mangelnden Anerkennung in der Welt, teils wegen der Inkompetenz der eigenen Eliten verglichen mit der eigenen kulturellen Überlegenheit in der Vergangenheit, aber auch durch den Konflikt mit Israel. Dieses mangelnde Selbstbewusstsein nähre die Hinwendung zu Tradition und Religion, aber auch den Fundamentalismus. Auch die muslimischen Minderheiten in Europa seien, auf Grund fehlender sozioökonomischer Chancen, von diesem Gefühl der Demütigung geprägt, obwohl sich die große Mehrheit der Muslime um Integration bemühe.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf lässt sich meiner Meinung nach die derzeitige Eskalation der Proteste im Nahen Osten und den muslimischen Ländern Asiens und Afrikas besser verstehen. Es geht nicht nur um den Film Innocent of Muslims. Das Gefühl der Menschen, dass die eigene Kultur im säkularen Westen keine Wertschätzung findet, kombiniert mit einer sozial und ökonomisch kritischen Situation bietet fruchtbaren Boden für Fundamentalisten. Nur gegenseitige Anerkennung und Dialog kombiniert mit einem wirtschaftlichen Aufschwung kann langfristig etwas daran ändern. Die Aufwärmung anti-islamischer Ressentiments hierzulande bieten dagegen den dortigen Fundamentalisten weiteres Futter zur Anstachelung der Massen.

Moïsi argumentiert in seinem Werk schlüssig und illustriert seine Thesen auch mit der eigenen Lebenserfahrung. Auch wenn konstruktivistische und diskursanalytische Einflüsse auf Moïsis Analyse erkennbar sind, ist dieses Buch eher als Erfahrungssammlung eines leidenschaftlich gemäßigten Mannes (S. 23) zu verstehen, denn als wissenschaftliche Abhandlung. Moïsi möchte seine Leser überzeugen, dass die Welt Hoffnung braucht, um die Herausforderungen mit denen sie konfrontiert ist zu bewältigen. Auch wenn man sich an manchen Stellen mehr empirische Belege für seine Thesen wünschen würde, lohnt sich ein Blick in dieses Buch für alle, die die internationalen Beziehungen besser verstehen wollen und nach neuen Denkanstößen suchen.

Was denkt Ihr? Bietet eine solche Perspektive tatsächlich einen Weg zu besserem Verständnis, oder ist es simples Wunschdenken, welches den Blick darauf verschleiert, dass ein neuer Kampf der Kulturen bevorsteht, wie es jüngst z.B. ein Kommentator in der WELT zum Ausdruck brachte? Ich freue mich auf eine lebhafte Diskussion.

 

Informationen zum vorgestellten Titel:
Dominique Moisi: Kampf der Emotionen. Wie Kulturen der Angst, Demütigung und Hoffnung die Weltpolitik bestimmen, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009 240 S., ISBN 978-3-421-04332-0 , 19,95 €

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