Der Frankfurter „Turm“ – das Ende einer Legende

Der Turm... Quelle: Flickr.

Der Turm… Quelle: Flickr.

Allenthalben wird in den Medien berichtet, dass noch nie ein so hohes Hochhaus in Europa gesprengt wurde, wie am 2. Februar in Frankfurt. Doch was da vor dem Abbruch steht, ist nicht einfach ein Haus, sondern der legendäre „Turm“ der Frankfurter Universität, der wie kaum ein anderes Gebäude symbolisch für kritische Sozialforschung in Deutschland steht.

Fertig zum Abriss... die Vorbereitungen laufen. Quelle: Flickr.

Fertig zum Abriss… die Vorbereitungen laufen. Quelle: Flickr.

Ja, er ist hässlich. Ja, die Mängel sieht man an allen Ecken und Enden. Und ja, die Fahrstühle klemmen tatsächlich und haben 2005 sogar ein Todesopfer gefordert. Man kann also nachvollziehen, dass die städtische Wohnungsbaugesellschaft in Frankfurt am Main sich dazu entschlossen hat, den AfE-Turm der Goethe-Universität Frankfurt abzureißen. Doch mehrere Studenten-Generationen und viele Lehrende werden ihm wohl Tränen nachweinen. 40.000 Schaulustige werden erwartet…

Warum ist das so? Vielleicht sind die Aufzüge gar kein so schlechter Anknüpfungspunkt:

Die "Fünfergruppe" der Aufzüge war stets erklärungsbedürftig - meistens zudem einige defekt. Quelle: Flickr.

Die „Fünfergruppe“ der Aufzüge war stets erklärungsbedürftig – meistens zudem einige defekt. Quelle: Flickr.

Wollte man als Student in die Bibliothek im 15. Stock, so musste man zunächst auf die Aufzüge warten. Sieben gab es: eine „Fünfergruppe“ links, eine „Zweiergruppe rechts“. Die Aufzüge der „Fünfergruppe“ waren wesentlich schneller, hielten allerdings nur in jedem 4., später gar nur noch in jedem achten Stockwerk. Wollte man in den 15. Stock, so musste man im 17. aussteigen (wo ohnehin die heimeligere Bibliothek der Politikwissenschaft untergebracht war) und die Treppe abwärts benutzen. Da allerdings in der Regel mehrere Fahrstühle gleichzeitig „zu Ihrer Sicherheit gewartet“ wurden (das sagte uns Studierenden jedenfalls ein freundlich formuliertes, scheinbar permanent angebrachtes gelbes Schild), wartete man. Dabei erkundigte man sich an den kleinen Litfaßsäulen über das Neueste und erfuhr nicht nur, welche WG-Zimmer frei waren, sondern dass der kritisch-querdenkerische und von mir hochgeschätzte Göttinger Soziologe Oskar Negt demnächst einen Vortrag halten würde, wann sich die autonomen Tutorien dem Marx-Studium widmen würden und welche Diskussionen es um das studentisch besetzte Institut für vergleichende Irrelevanz auf der anderen Straßenseite gerade gab. Mit etwas Glück war in der Zeit der Säulenlektüre der Aufzug angekommen. Allerdings hatte sich in der Zwischenzeit meist eine regelrechte Menschentraube angesammelt und man musste hin und wieder drängeln um irgendwann dann doch einen freien Platz im Aufzug zu ergattern. Nachdem der Aufzug zunächst „Überlastung“ gemeldet hatte, stiegen ein oder zwei KommilitonInnen wieder aus und es konnte aufwärts gehen.

Immer voll: Die Litsaßsäule vor den Aufzügen des Turms. Quelle: Flickr.

Immer voll: Die Litsaßsäule vor den Aufzügen des Turms. Quelle: Flickr.

Nicht selten kam man mit den Mitfahrenden – vom Studierenden, über die BibliothekarInnen, den wissenschaftlichen MitarbeiterInnen bis hin zu ProfessorInnen – ins Gespräch. Denn es war nicht selten, dass der Aufzug nicht das machte, was man sich gewünscht hatte: Entweder er blieb stecken, er drohte stecken zu bleiben oder aber er hielt einfach nicht in den Stockwerken, in die die Fahrgäste wollten. Im 33. Stockwerk angekommen konnte man sich nun für den mühsamen Weg durch das Treppenhaus abwärts oder eine weitere Gesprächsrunde mit dem Dekan entscheiden: zunächst über die Aufzüge, dann über die Situation des Fachbereichs und schließlich über kritische politische Ökonomie heute und was man dazu unbedingt gelesen haben sollte.

Kurzum: Das legendäre ewige Warten vor und in den Aufzügen war wie an kaum einem zweiten Ort eben keine Zeitverschwendung im Turm, denn es war ein Ort des kritischen Denkens, der relativ flachen Hierarchien, der Diskussion und des Gesprächs.

Ja, er wird gesprengt. Aufschrift im Treppenhaus. Quelle: Flickr.

Ja, er wird gesprengt. Aufschrift im Treppenhaus. Quelle: Flickr.

Im Turm gingen zwar unzählige Studierende und Lehrende ein und aus. Und doch: Studierte man hier eine kurze Weile, so hatte man das Gefühl, viele wiederzusehen. Insbesondere die eigene Fachbibliothek wurde zum zweiten Wohnzimmer, hier saß die zweite Familie: Das Bibliotheksteam um Herrn Voigt wusste bereits, wer man war, für welche Professorin man als Hiwi tätig war und welche Themen einen interessierten. Die eigenen Dozenten fragten nach dem Wohlbefinden, ob man auch einen Kaffee aus der Cafeteria wollte oder ob man sie bei Computerproblemen unterstützen könnte. Und natürlich tummelten sich immer derart viele KommilitonInnen hier, dass es an Gesprächsthemen nicht mangelte. Ja, manchmal musste man sich gezielt dazu entscheiden, nicht hierher zu kommen, um auch noch lesen zu können…

Kippe, Kaffee, Kommunismus - und permanente Diskussionen... der Frankfurter Turm. Quelle: Flickr.

Kippe, Kaffee, Kommunismus – und permanente Diskussionen… der Frankfurter Turm. Quelle: Flickr.

Als ich mit einigen KommilitonInnen eine viertägige internationale Konferenz aus dem Boden organisierte, halfen die zahlreichen Flur-, Aufzugs- und Bibliothekskontakte natürlich auch: beim Geld beschaffen genauso wie bei der inhaltlichen Ausschreibung, der Vergrößerung des Organisationsteams und eingereichten Abstracts…

Und natürlich war und blieb der Turm bis zum Schluss eine Nische, in der von der Norm Abweichendes zu sehen und zu hören war. Vom Frauencafé, über das studentisch geführte Turmcafé „TuCa“ (dort, in diesem verqualmten Raum fand unser erster „Friedens-Lesekreis“ statt…), die kritischen Botschaften in den Aufzügen, Treppenhäusern und Toiletten – sie gehörten zum Turm wie sein Dach, sein Fundament und seine Fenster.

Aufschrift im Treppenhaus des AfE-Turms. Quelle: Flickr.

Aufschrift im Treppenhaus des AfE-Turms. Quelle: Flickr.

Kurzum: Der AfE-Turm war ein Ort der Demokratie, weil sich hier Studierende, Lehrende und auch Verwaltungsangestellte den Turm selbst aneigneten. Das geschah in der linken, kritischen Tradition, die sich mühevoll neben dem alten Nazi-Mief nach 1945 an der Frankfurter Goethe-Universität zu entwickeln begann. Manche mögen sagen, die „Schmierereien“ im Turm in einem Atemzug mit Adorno, Horkheimer oder dem Institut für Sozialforschung zu nennen, sei vermessen. Mag sein. Aber der Turm symbolisierte in Frankfurt stets einen kritischen Geist, eine Widerständigkeit, ein Querdenken, ein sich nicht anpassen, für das die Frankfurter Schule steht.

Der Turm war stets ein Ort der Opposition und der Aneignung durch die Studierendenschaft. Quelle: Flickr.

Der Turm war stets ein Ort der Opposition und der Aneignung durch die Studierendenschaft. Quelle: Flickr.

Deshalb findet am 2. Februar nicht einfach die größte Sprengung der europäischen Geschichte statt, es wird auch nicht einfach ein hässlicher Betonklotz abgerissen, sondern ein Symbol der bedeutenden kritischen Sozialforschung. Das ist zwar bedauerlich. Gleichzeitig ist der kritische Geist nicht an Gebäude geknüpft. Es wird daher darauf ankommen, dass sich Studierende, Lehrende, Verwaltung, Mitarbeiter, ja, die Bürgerinnen und Bürgen – nicht nur in Frankfurt – ihre sozialen Räume weiterhin oder wieder selbstaneignen. Nicht wie im Turm. Wir brauchen keine Kopie, sondern neue Originale. Dann wird auch die Trauer um den Verlust des Turms rasch Geschichte sein.

Habt Ihr eigene andere Erinnerungen an den Turm? Wir freuen uns über jeden Kommentar und jede Geschichte in unserer Kommentarfunktion unten!

Anachronistisch bis zum Schluss - der Frankfurter Turm wollte nie "elfenbeinern" sein... Quelle: Flickr.

Anachronistisch bis zum Schluss – der Frankfurter Turm wollte nie „elfenbeinern“ sein… Quelle: Flickr.

Mehr zum Turm gibt’s übrigens auch hier:

Grundlegende Informationen zur Sprengung bei der „Frankfurter Rundschau“ sowie einige Sprüche aus dem Turm.

Der Live-Stream der Sprengung bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Praktische Tipps zum Zuschauen bei der Sprengung (wie z.B.: Wo sehe ich am besten?) hat hr-online zusammengestellt.

Fotos vom Turm gibt’s z.B. auf der Seite der Goethe Universität.

Und einige Filme – vor allem über die Fahrstühle – hat die Frankfurter Online-Journalistin Monika Gemmer zusammengetragen.

Auch das TuCa hat eine eigene Seite. Ihr findet sie hier. Und in direkter Nachbarschaft das IvI, das Institut für vergleichende Irrelevanz.

Zur neuen „Turm“-Bibliothek ist darüber hinaus ein kleiner Beitrag hier auf dem Bretterblog erschienen.

Nie mehr Robert-Mayer-Str. 5 - der Turm wird bald Geschichte sein. Quelle: Flickr.

Nie mehr Robert-Mayer-Str. 5 – der Turm wird bald Geschichte sein. Quelle: Flickr.

3 Kommentare

  1. Turm – I’ll miss you❤

    Fast 10 gute Jahre in und um dieses Gebäude: gute Jahre, tolle Leute, spannende Bücher und alles in allem sicherlich die beste Zeit meines Lebens. Ich bin traurig.

  2. Super Beitrag, habs damals (2004-2007) genauso empfunden wie Du, der turm ist/war was Besonderes. Was mich nachhaltig beeindruckt hat waren die toilettensprueche. An keinem anderen Ort habe ich mich so ueber die Edding-tags gefreut wie in Frankfurt im turm. Besonders hat mich die Verbindung von linkem Interlektuellen-Geschwafel und Stumpfsinn begeistert und das meine ich nicht ironisch. Ich kann natuerlich nur fuer die Herrentoiletten sprechen, aber das Niveau dort war m.E. einzigartig.

  3. […] 50.000 Tonnen Turm – die monströse „Abteilung für Erziehungswissenschaft“ (AfE-Turm) wird platt gemacht. Der nackte Beton-Brutalismus des 70er-Jahre-Hochhauses hat Generationen von Studenten dazu […]

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