„Münkler Watch“: Denunziation, Zensur oder notwendige Kritik?

Ein kritischer Diskurs ist essentiell für die Wissenschaft. Das ist zwar banal, wird aber im gegenwärtigen Streit um „Münkler Watch“, einem Blog, in dem Studierende der Humboldt-Universität Berlin eine Vorlesung des Politikwissenschaftlers Prof. Herfried Münkler anonym kritisieren, häufig vergessen. Aber auch den Studierenden scheint es nicht um einen inhaltlichen Dialog, sondern um Aufmerksamkeit zu gehen.

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler sieht sich aktuell massiver Kritik einiger Studierender an der HU Berlin ausgesetzt. Dieses Bild zeigt den Professor 2009 auf der Leipziger Buchmesse. Quelle: Wikipedia.

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler sieht sich aktuell massiver Kritik einiger Studierender an der HU Berlin ausgesetzt. Dieses Bild zeigt den Professor 2009 auf der Leipziger Buchmesse. Quelle: Wikipedia.

Es kommt nicht so häufig vor, dass die Politikwissenschaft selbst und nicht politikwissenschaftliche Argumente/Analysen in den Medien hitzig diskutiert werden. Dies geschieht gegenwärtig anlässlich von „Münkler Watch“, einem Blog, das (mutmaßlich) von Studierenden an der HU Berlin geführt wird. Der Grund: Die Vorwürfe gegen den über das Fach hinaus bekannten Münkler wiegen schwer: Sexismus, Rassismus, abfällige Äußerungen über Flüchtlinge und Eurozentrismus.

Zunächst berichtete Spiegel Online. Dann folgten die anderen großen Medienanstalten, darunter die Frankfurter Allgemeine Zeitung (und gleich noch einmal die FAZ), die Süddeutsche Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung, der Berliner Tagesspiegel, die Zeit oder auch Deutschlandradio Kultur. Diskutiert werden dabei drei verschiedene Dinge:

Staufenberg soll ein Faschist sein?!

Erstens geht es um die inhaltliche Angemessenheit der Vorwürfe. Für eine Beurteilung dieses Sachverhaltes muss man der Vorlesung sicherlich selbst beiwohnen. Genau dies taten diese Woche sehr viele JournalistInnen und fanden wohl keine Anhaltspunkte. Und auch „Münkler Watch“  selbst kommentierte:

Herr Münkler hat heute gezeigt, dass er Vorlesungen ohne die Reproduktion von sexistischen oder rassistischen Stereotypen halten kann. Hoffentlich hält Münklers guter Wille auch noch an, wenn keine Journalist_innen mehr in der Vorlesung sitzen.

Münkler selbst hatte bereits zuvor in einer Stellungnahme verlauten lassen, seine Vorlesung werde sinnentstellt wiedergegeben und dafür hatte er mehrere Beispiele angeführt. Patrick Bahners schrieb hingegen auf dem Redaktionsblog:

„Heikel für Münkler ist, dass einige der ihm zugeschriebenen Einlassungen, die ihn in keinem guten Licht dastehen lassen, für Leute, die ihn kennen, einen nur allzu glaubwürdigen Sound haben“.

Doch auch einige der Vorwürfe selbst wirken ausgesprochen krude. So bezeichnen die MacherInnen des „Münkler Watch“  Blogs die Hitler-Attentäter vom 20. Juli um Graf Staufenberg als Faschisten wenn sie schreiben:

Abgesehen davon, dass die Verfolgten und überrannten Betroffenen faschistischer und kommunistischer Herrschaft die sie bekämpfenden Diktaturen sicher nicht als erodiert wahrgenommen haben, wäre es vielleicht gut gewesen, wenn die deutschen Faschist_innen sich nicht nur im Kontext des sogenannten „Röhm-Putsches“ und des „Staufenberg-Putsches“ gegenseitig umgebracht hätten.

Mit solchen Äußerungen tut sich „Münkler Watch“  sicherlich keinen Gefallen, zeigt es doch, dass die eigene linke politische Grundausrichtung so weit geht, Andersdenkende pauschal als Faschisten zu titulieren. Wie sonst ließe sich erklären, dass „Münkler Watch“ den konservativ motivierten Widerstand aus den Reihen des Militärs gegen den Faschismus als solchen nicht anerkennt. Vieles spricht daher dafür, dass die AutorInnen von „Münkler Watch“, die Münkler ein Mangel an Kritikfähigkeit vorwerfen, ihrerseits Schwierigkeiten haben, andere politische Standpunkte zu akzeptieren und zumindest partiell zu respektieren. So mag ein Schelm sein, wer unterstellt, es sei Zufall, dass sie es ausgerechnet auf Münkler abgesehen haben, der sicherlich ein eher konservativer Vertreter der politikwissenschaftlichen Zunft ist.

So bleibt von dieser ersten Dimension der Debatte zwar die Feststellung, dass die Richtigkeit der Vorwürfe letztlich nur klären kann, wer die Vorlesung besucht. Es spricht jedoch einiges dafür, dass die AutorInnen von „Münkler Watch“  mindestens deutlich über das Ziel hinausschießen und ihrerseits keine Förderer des Meinungspluralismus sind. Hinzu kommt die in den Medien von Studierenden der Vorlesung aufgebrachte Frage, ob einiges, das die BlogautorInnen kritisieren, von Münkler nicht ironisch oder gar zynisch gemeint sei. Auch diese Vermutung einiger Berliner Studierenden lässt sich von außen nicht beurteilen. Der einzige Ausweg wären wohl Audio- oder Videomitschnitte, die aber zumindest bisher auf „Münkler Watch“ (noch) nicht erschienen sind. In der Sache würde dies für größtmögliche Transparenz sorgen.

Wie viele Studierende braucht man, um eine Diskussion in einer Vorlesung zu „erzwingen“?

Zweitens steht auch die Frage der Transparenz im Mittelpunkt der gegenwärtigen Diskussion. Denn „Münkler Watch“ wird aus der Anonymität heraus betrieben. Wer die Vorwürfe äußert, bleibt im Dunklen. Und hier stoßen wir sicherlich zum Kern der Diskussion vor.

Die Studierenden kritisieren, Münkler lasse im Rahmen der Vorlesung keine Fragen zu, weil dieser „sein Programm durchziehen“ müsse. Sie sähen sich daher gezwungen die Diskussion in die Öffentlichkeit zu tragen. Anonym blieben sie wiederum, weil sie sich ihre berufliche Karriere nicht durch die Preisgabe ihres Namens verbauen wollten.

Auf letzteren Vorwurf gab Münkler laut Berliner Tagesspiegel zuletzt eine launige wie überaus treffende Antwort:

Ihr seid mer ja scheene Revolutionäre.

In der Tat wirkt der Verweis auf ihren Wunsch nach konventioneller Karriere in der gegenwärtigen bürgerlichen Gesellschaft äußerst bizarr angesichts der politischen Grundausrichtung, der sich die AutorInnen verpflichtet zu fühlen scheinen. Zudem erscheint es lächerlich, dass „etwa zehn Studierende im zweiten Semester“, wie sich die MacherInnen von „Münkler Watch“ beschreiben, nicht in der Lage sein wollen, eine Diskussion in einer Vorlesung zu „erzwingen“. Offenkundig sitzen etwa 100 Studierende in der Vorlesung. „Münkler Watch“ behauptet also allen Ernstes, 10% des Auditoriums wären nicht in der Lage dem vortragenden Professor Fragen zu stellen und auf Antworten zu pochen! Freilich bleibt es mindestens ebenso ein Rätsel, warum Münkler selbst keine Fragen und Diskussionen zulässt – ein nach meiner Studienerfahrung äußerst ungewöhnlicher Umstand. Insofern ist das Nicht-Zustandekommen einer Debatte in der Vorlesung in ursächlich mindestens so sehr auf das Verhalten Münklers zurückzuführen.

Prof. Münkler im Rahmen einer Podiumsdiskussion der Böll-Stiftung 2011. Quelle: Wikipedia.

Prof. Münkler im Rahmen einer Podiumsdiskussion der Böll-Stiftung 2011. Quelle: Wikipedia.

Und schließlich muss man auch fragen, ob der Gang in die Öffentlichkeit wirklich das probate Mittel ist. Offenbar haben die MacherInnen von „Münkler Watch“ grundsätzliche Kritik an den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen. Das ist natürlich legitim. Aber was Not tut ist ein konstruktiver Dialog innerhalb der Vorlesung, in gravierenden Fällen innerhalb des Instituts und der Universität zu suchen. Die Tatsache, dass die Studierenden zumindest nicht von solchen Versuchen berichten, legt den Verdacht nahe, dass es ihnen nicht allein um die Sache, sondern auch um öffentliche Aufmerksamkeit geht. Dafür spricht auch, dass Münkler nicht das erste „Opfer“ an der HU ist. Zuvor sahen sich der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski und der Soziologe Michael Makropoulos ähnlich gelagerten Vorwürfen ausgesetzt.

Der Versuch, die eigenen Dozenten öffentlich an den Pranger zu stellen, trägt freilich weder zu einem menschlicheren Umgang in unserer Gesellschaft noch zu einer sachlichen Diskussion wirklich wichtiger Aspekte wie des allgemein weit verbreiteten Eurozentrismus bei. Eine Veränderung hin zu mehr Solidarität, Gemeinsinn, Mitfühlen und Mitmenschlichkeit wäre dabei aber aus meiner Sicht eine wahrhaft positive wie revolutionäre Veränderung. Darüber habe ich bereits an anderer Stelle in diesem Blog ausführlicher geschrieben.

Kritik – das Salz in der Suppe der Wissenschaft

Drittens aber wirft vor allem die Kritik an „Münkler Watch“ in der FAZ grundsätzlich die Frage nach Kritik an ProfessorInnen auf. So schreibt die FAZ-Journalistin Regina Mönch, „Münkler Watch“ „denunziere“ und „zensiere“ eine Vorlesung, mit der die Studierenden „intellektuell offensichtlich überfordert sind“.

Tatsächlich sollte in meinem Beitrag deutlich geworden sein, dass auch ich das Projekt „Münkler Watch“ überaus kritisch sehe. Aber die Vorwürfe von Mönch in der FAZ schießen weit über das Ziel hinaus und offenbaren, dass ihr die essentielle Notwendigkeit von Kritik für die Sozialwissenschaften nicht präsent ist.

Ich selbst hörte in meinem Studium eine Vorlesung über das politische System Israels, in der ein anerkannter Professor vom „Weltjudentum“ und der Verschwörung des „jüdischen Finanzkapitalismus“ sprach. Diese offensichtlich antisemitischen Äußerungen waren nicht weniger antisemitisch, weil sie aus dem Munde eines renommierten Professors kamen. Die Worte waren so unglaublich, dass ein Teil der Studierenden sofort intervenierte und nicht bis zur Diskussion am Ende der Vorlesung wartete. Auf Begeisterung stieß die Kritik nicht und fortan murmelte der Dozent häufig „immer diese Political Correctness hier“, oder: „das darf ich hier ja nicht mehr sagen.“ Aber dass es unser legitimes Anliegen ist, innerhalb einer Vorlesung unsere Stimme zu erheben und Kritik zu üben, daran rüttelte er nicht.

Ohne kritische Diskussionen und kritisches Hinterfragen völlig abgesehen vom akademischen Rang gehört zur Essenz jeglicher (Sozial-)Wissenschaft. Nur ein kritischer Geist ermöglicht wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn. Deshalb ist es verfehlt pauschal von „Denunziation“ und „Zensur“ zu sprechen und es erscheint nicht gerade produktiv, wenn kritischen Studierenden die intellektuellen Fähigkeiten abgesprochen werden. Denn aus meiner Sicht können wir Dozenten  uns nur mehr kritischen Geist innerhalb der Studierendenschaft wünschen. Das eigentliche Problem unserer alltäglichen politikwissenschaftlichen Lehre ist nicht eine politisierte Studierendenschaft, sondern ihre Politikferne. Über dieses sehr viel virulentere Problem entspann sich 2012 eine Diskussion angeregt durch einen Beitrag von Christiane Florin in der Zeit. Bezeichnenderweise ist zwar auch das Politikverständnis von Florin erstaunlich unkritisch, wie eine Diskussion dazu auf dem Theorieblog glücklicherweise hervorhob. Doch die Erfahrung von Florin, dass das politische Interesse der Politikwissenschaftsstudierenden erstaunlich gering ist, deckt sich mit meinem Eindruck.

Es muss daher darum gehen, Studierende zum kritischen Hinterfragen zu ermutigen. Insofern sollten wir uns grundsätzlich freuen, wenn Studierende die Initiative ergreifen, sich aktiv mit einer Vorlesung auseinandersetzen und darüber schreiben. Wenn Münkler tatsächlich keine Fragen zu seiner Vorlesung im Anschluss an seinen Vortrag zulässt, ist dies sicherlich nicht hilfreich. Beiträge wie der von Regina Mönch in der FAZ zeugen ebenfalls von einem großen Missverständnis politikwissenschaftlichen Arbeitens. Nicht stumpfes Auswendiglernen, sondern ein wacher, kritischer Geist ist gefragt. Aber dazu gehört es eben auch, dass die Studierenden zu ihrer Kritik stehen, sich nicht hinter der Anonymität verschanzen, sondern die Debatte mit Münkler suchen. Grundlegende Formen des menschlichen und fairen Umgehens miteinander, sind eine Grundvoraussetzung. Denn in der inhaltlichen Auseinandersetzung klare Kante zu zeigen, bedeutet nicht, dass man nicht respektvoll miteinander umgehen kann.

One comment

  1. eine überzeugende kritik, die eine etwas andere perspektive einnimmt, findet sich heute auf den seiten der zeit: http://www.zeit.de/kultur/2015-05/herfried-muenkler-rassismus-debatte

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